Polizei : Newsletter Nr. 111, September 2008                                                                                             Verantwortlich: Prof. Dr. Thomas Feltes, Bochum
 1)   Britisches Innenministerium veröffentlicht Ergebnisse der nationalen Opferbefragung
 2)   Liberale politische Ansichten offenbar nicht auf mangelnde Opfererfahrung zurückzuführen
 3)   Jugendstrafrecht im europäischen Vergleich
 4)   Höhere Jobunzufriedenheit bei Polizisten am Ende der Karriereleiter
 5)   Wohngegend, Peergroups und Jugendgewalt
 6)   Hilfsmittel für die Ermittler
 7)   Über den Einfluss der Politik auf die Aufklärungsrate bei Mord
 8)   Ernüchternde Bilanz: Kameraüberwachung in Großbritannien nahezu wirkungslos
 9)   Der Einfluss von Armut auf die Anzahl von Tötungsdelikte
10)  Neuer Community Policing Newsletter
11)  Moldavien: Ein Sicherheitsrisiko für die EU?
12)  Lizenz zum Töten für die Polizei
13)  Kriminalität von Aussiedlern - eine Bestandsaufnahme
14)  Buchbesprechungen
 
1) Britisches Innenministerium veröffentlicht Ergebnisse der nationalen Opferbefragung
Das britische Innenministerium (Home Office) hat seinen Bericht über die Kriminalitätsentwicklung in England und Wales für den Jahrgang 2006/2007 veröffentlicht. Beachtung verdient dabei insbesondere ein knapp 100 Seiten starkes Dokument mit ausgewählten Ergebnissen des als Dunkelfeldbefragung angelegten „British Crime Survey“ über Umstände und Erscheinungsformen einzelner Delikte. Unter http://www.polizei-newsletter.de/online_documents_german.php steht Ihnen eine von Andreas Ruch verfasste Kurzdokumentation der interessantesten Ergebnisse zur Verfügung. Dort erfahren Sie unter anderem, wie sich die Tatausführung bei Kraftfahrzeugdiebstählen entwickelt, welche Erfahrungen das Opfer durch die Viktimisierung macht, welche Gründe für eine Anzeigeerstattung ausschlaggebend sind und wie sich der einzelne Bürger bei einer Personenkontrolle durch die Polizei fühlt.
 
 
2) Liberale politische Ansichten offenbar nicht auf mangelnde Opfererfahrung zurückzuführen
„Die Vertreter aus dem liberalen Lager werden ihre utopischen Ansichten über Sicherheits¬politik und Verbrechensbekämpfung schon ändern, wenn sie einmal selbst Opfer eines Ver¬brechens geworden sind.“ Diese These aus dem meist konservativen Lager wird nun in Frage ge¬stellt. Eine US-Untersuchung ergab nämlich keinen Zusammenhang zwischen Opfererfahrung und konservativen Einstellungen. Auch eine stärkere Befürwortung harter Strafen konnte unter denen, die Opfer einer Straftat geworden sind, nicht festge¬stellt werden. Die Autoren sehen die Ergebnisse ihrer Studie daher auch als ein Argument gegen Versuche, liberale Forderungen mit einem Verweis auf mangelnde Opfererfahrung zu entkräften. Quelle: Unnever, James D; Cullen, Francis T.; Fisher, Bonnie S. (2007), „A Liberal Is Someone Who Has Not Been Mugged“: Criminal Victimization and Political Beliefs, in: Justice Quarterly 24 (02), 309-334.
 
 
3) Jugendstrafrecht im europäischen Vergleich
Die aktuelle Ausgabe des Newsletters der Nationalen Beobachtungs- und Koordinierungsstelle Kinder- und Jugend(hilfe)politik in Europa – NaBuK – beinhaltet neben aktuellen Meldungen zu einzelnen Handlungsfeldern europäischer Kinder- und Jugend(hilfe)politik einen Beitrag von Prof. Dr. Frieder Dünkel mit dem Titel "Jugendstrafrecht im europäischen Vergleich. Greifswalder Studie zu aktuellen Reformtendenzen der Jugendkriminalpolitik, Altersgrenzen, Jugendstrafrechtssystemen". http://www.nabuk-europa.de/ (Danke an R.Mokros)
 
 
4) Höhere Jobunzufriedenheit bei Polizisten am Ende der Karriereleiter
Polizisten, die die höchste Stufe der Karriereleiter erreicht haben, weisen das gleiche Maß an psychischer Gesundheit auf wie diejenigen ihrer Kollegen, denen ein beruflicher Auf¬stieg noch möglich ist. Jedoch scheint dieses positive Ergebnis einer norwegischen Unter¬suchung auf das außerpolizeiliche Umfeld beschränkt zu sein. Mit anderen Worten: Potenzielle negative Folgen des Karriereendes zeigen sich am Arbeitsplatz. So sind die Befragten weniger zufrieden mit ihren Arbeitsergebnissen und neigen eher zu zynischem Verhalten. Die Autoren der Untersuchung verknüpfen ihre Ergebnisse mit praktischen Vorschlägen, wie innerhalb der Polizei diesen negativen Folgen vorgebeugt werden kann. Quelle: Burke, R. J.; & Mikkelsen, A. (2006), Examining the career plateau among police officers, in: Policing: An International Journal of Police Strategies and Management, 29 (4), 691-703.
 
 
5) Wohngegend, Peergroups und Jugendgewalt
Diese Studie untersucht, ob Charakteristika der Wohngegend mit Jugendgewalt oder Gewalterfahrungen Heranwachsender und ihren Peergroups zusammenhängen und ob Peer-Kontakte bei diesem Zusammenhang ein Bindeglied bilden. Daten der National Longitudinal Study of Adolescent Health von 12.747 Heranwachsenden wurden herangezogen. Quer durch viele verschiedene Wohngegenden stehen sozio-ökonomische Nachteile in positivem Zusammenhang zum Netz jugendlicher Gewalt mit seinen Integrations- und Selektionseffekten. In benachteiligten Wohngegenden sind die Heranwachsenden auch gewalttätigen Peers ausgesetzt, und dies ist teilweise das Bindeglied im Komplex benachteiligte Wohngegend - Gewalt. Alles in allem besagen die Ergebnisse, dass benachteiligte Wohngegenden die Jugendgewalt indirekt beeinflussen, indem sie die Gelegenheit für Jugendliche, in gewaltbereite Peer-Netze involviert zu werden, vergrößern. Quelle: Heynie, D.L., Silver, E., & Teasdale, B. (2006). Neighborhood characteristics, peer networks, and adolescent violence, in: JOURNAL OF QUANTITATIVE CRIMINOLOGY, 22(2), 147-169.
 
 
6) Hilfsmittel für die Ermittler
"Investigative Uses of Technology: Devices, Tools, and Techniques " (NCJ 213030, 169 S.) bespricht Techniken und Ressourcen für die Ermittlungen bei technologie-bezogener Kriminalität. Technologie-bezogene Hilfsmittel, auf die die Ermittler möglicherweise stoßen oder die sie bei den Ermittlungen unterstützen können, werden beschrieben und juristische Fragen, die beim Einsatz von Hochtechnologie zu beachten sind, werden erklärt.
 
 
7) Über den Einfluss der Politik auf die Aufklärungsrate bei Mord
Daten der Jahre 1970 bis 1999 aus den 59 größten US-Städten liegen einer Studie über den Einfluss des politischen Umfelds auf die Aufklärung von Morddelikten zugrunde. Die quantitative Vorgehensweise berücksichtigte dabei Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Anzahl von Polizisten pro 1000 Einwohner oder kommunale Ausgaben für Polizeiarbeit. Die dabei gewonnenen Ergebnisse zeigen einen nur kaum wahrnehmbaren Einfluss des politischen Umfelds auf den Erfolg der Aufklärungsarbeit bei Morddelikten. Dahingegen ergab eine qualitative Fallstudie, dass Medien, lokale Politiker sowie Staatsanwälte Einfluss sowohl auf die Praxis der Polizeiarbeit als auch auf Entscheidungsfindungen haben. Bei der qual¬itativen Betrachtungsweise konnten sogar Schwankungen bei der Mordaufklärung festgestellt werden. Quelle: Davies, H. J. (2007), Understanding variations in murder clear¬ance rates: The influence of the political environment, in: Homicide Studies, 11 (2), 133-150.
 
 
8) Ernüchternde Bilanz: Kameraüberwachung in Großbritannien nahezu wirkungslos
Bilder von Überwachungskameras konnten bei lediglich 3 % aller Straftaten in Großbritan¬nien zur Aufklärung beitragen. Auch der abschreckende Effekt der Kamerasysteme wird von Seiten der Polizei bezweifelt. Ein professionalisierter Umgang mit den aufgezeich¬neten Bildern soll nun zumindest den Nutzen für die Strafverfolgung erhöhen. Die Beamten sollen dazu im Umgang mit der Bilderflut besser geschult werden. Daneben wird vorgeschlagen, Systeme der automatischen Bilderkennung einzusetzen, mit denen etwa nach bestimmten Mustern auf Kleidungsstücken gesucht werden kann. Tests haben ergeben, dass auf diese Weise die Kamerabilder bei 15-20 % der Raubdelikte verwendet werden können. Quelle: The Guardian vom 06.05.2008, http://www.guardian.co.uk/uk/2008/may/06/ukcrime1/
 
 
9) Der Einfluss von Armut auf die Anzahl von Tötungsdelikte
Bisherige Studien über Tötungsdelikte beschäftigen sich meist mit dem Einfluss von sozialer Ungleichheit auf die Anzahl von Tötungsdelikten in einem bestimmten Gebiet. In einer nun veröffentlichten Studie wurde erstmals überprüft, inwiefern sich Armut auf die Verbreitung widerrechtlicher Tötungen auswirkt. Dabei konnte festgestellt werden, dass der Wohlstand eines Landes einen signifikanten Einfluss auf die Höhe der Tötungsdelikte hat. Gleichzeitig bieten die Ergebnisse Anlass, die Hypothese über den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Tötungsdelikten zu überdenken. Indem nämlich der Armutsindikator in die Berechnung mit eingefügt wurde, verschwand der bislang angenom¬mene Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Anzahl an Tötungen. Quelle: Pridemore, W.A. (2008), A Methodological Addition to The Cross-National Empirical Liter¬ature on Social Structure and Homicide: A First Test of the Poverty-Homicide Thesis, in: Criminology, 46 (1), 133-154.
 
 
10) Neuer Community Policing Newsletter
Das Office of Community Oriented Policing Services (COPS) gibt seit kurzem den Community Policing Dispatch heraus, einen monatlich erscheinenden elektronischen Newsletter. Dieses Forum informiert Leser über strafjuristische Fragen, die Auswirkungen auf community policing haben. Die März-Ausgabe bringt Artikel über Gewaltanwendung, die steigende Tendenz unaufgeklärter Tötungsdelikte und Gelegenheiten zum Heimatsicherheitstraining. (COPS)
 
 
11) Moldavien: Ein Sicherheitsrisiko für die EU?
Zu diesem Thema sowie zu Erfahrungen (in Ungarn) seit der Schengen Grenzöffnung stehen zwei Beiträge von János Sallai in englischer Sprache im Online-Dokumenten des PNL zur Verfügung: http://www.polizei-newsletter.de/online_documents_german.php
 
 
12) Lizenz zum Töten für die Polizei
Die Polizei hat von einem stellvertretenden Minister die Lizenz zum Töten erhalten. „Ihr müsst diese Bastarde töten, wenn sie euch oder euren Ort bedrohen. Ihr dürft euch keine Gedanken um die Bestimmungen machen. Das liegt in meine Aufgabe. Eure Aufgabe ist es zu dienen und zu schützen“, sagte die stellvertretende Sicherheitsministerin Susan Shabangu bei einer flammenden Rede gegen Kriminalität in Pretoria. Shabangu, die standing ovations bekam, reagierte damit auf Fragen, was Polizei und Regierung täten, um die Kriminalität in den Griff zu bekommen. Den kompletten Bericht und Kommentare der „Bürger“ gibt es unter http://www.int.iol.co.za/index.php?art_id=vn20080410054646122C815080&set_id= (Danke an CS + PS)
 
 
13) Kriminalität von Aussiedlern - eine Bestandsaufnahme
Das Bundesministerium des Innern hat die Forschungsgruppe des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge damit beauftragt, valide Zahlen zur Aussiedlerkriminalität zusammenzustellen und den Stand der Forschung aufzuarbeiten. Mit dem Working Paper 12 wird eine Bestandsaufnahme vorgelegt, die sowohl die polizeiliche Kriminalitätsstatistik als auch die empirische Sozialforschung berücksichtigt. Dabei wird die Kriminalität von Aussiedlern mit der Kriminalität von einheimischen Deutschen und Nichtdeutschen verglichen. In Ergänzung dazu werden die selbstberichteten Gewalt- und Delinquenzerfahrungen von jugendlichen Aussiedlern anhand verschiedener Dunkelfelduntersuchungen analysiert. Das Dokument steht als „Working Paper“ zum Download auf den Internetseiten des Bundesamt zur Verfügung: Haug, Sonja/ Baraulina, Tatjana/ Babka von Gostomski, Christian unter Mitarbeit von Rühl,Stefan/ Wolf, Michael (2008): Kriminalität von Aussiedlern - eine Bestandsaufnahme. Working Paper 12 der Forschungsgruppe des Bundesamts. Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. http://www.bamf.de/cln_011/nn_442016/SharedDocs/Anlagen/DE/Migration/Publikationen/Forschung/WorkingPapers/wp12-kriminalitaet-aussiedler,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/wp12-kriminalitaet-aussiedler.pdf
 
 
14) Buchbesprechungen
Folgende neue Buchbesprechungen finden Sie unter http://www.polizei-newsletter.de/books_german.php: Reinhard Kreissl, Christian Barthel, Lars Ostermeier (Hg.): Policing in Context. Rechtliche, organisatorische, kulturelle Rahmenbedingungen polizeilichen Handelns. LIT-Verlag, Münster u.a., 2008, 240 S., 19.90 EUR, br., ISBN 978-3-8258-1157-0.