Polizei : Newsletter Nr. 121, Juli 2009
 1)   Zynismus und Übereifer: Zwei unerwünschte Extreme unter Polizeibeamten
 2)   Forschungsbericht über Mehrfach- und Intensivtäter
 3)   Polizeikontrollen und Rassismusvorwürfe
 4)   Neue Website zum Thema Gewaltprävention
 5)   Hinweise zur Prävention von sexueller Gewalt gegen Frauen
 6)   Rahmenbedingungen der Polizeiausbildung in den USA
 7)   Überwachungskameras in Einkaufszentren führen nicht zu Kriminalitätsrückgang
 8)   Der Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und Tierquälerei
 9)   Schlafentzug und der Polizeiberuf
10)  Zahlen zur Stalking-Thematik
11)  Eine Analyse weiterbildender kriminologischer und strafrechtlicher Studiengänge
12)  Youtube-Kanal des Osloer Instituts für Kriminologie und Rechtssoziologie
13)  Der Luzifer-Effekt: Wie gute Menschen böse werden
14)  Unruhen in Großbritannien und Frankreich
15)  Neues kriminologisches Journal aus Pakistan
16)  Buchbesprechung
 
1) Zynismus und Übereifer: Zwei unerwünschte Extreme unter Polizeibeamten
Eine Herausforderung im Umgang mit Polizeibeamten stellt die Vermeidung zynischer oder menschenverachtender Tendenzen dar, ohne gleichzeitig eine übereifrige Arbeitseinstellung hervorzurufen. Eine Untersuchung innerhalb der schwedischen Polizei hat nun Handlungsstrategien hervorgebracht, mit denen ein Ausgleich zwischen diesen Extremen erreicht werden soll. Erfolgversprechend ist dabei insbesondere eine abwechslungsreiche Gestaltungen des Arbeitsalltags durch Tätigkeiten mit unterschiedlichen Anforderungen, indem sich z.B. Arbeitseinsätze in Gegenden mit hoher Kriminalitätsbelastung mit solchen Einsätzen abwechseln, die in weniger stark belasteten Gebieten stattfinden. Quelle: Björk, M. (2008), Fighting Cynism: Some Reflections on Self-motivation in Police Work, in: Police Quarterly, 11 (1), 88-101. http://pqx.sagepub.com/cgi/content/abstract/11/1/88
 
 
2) Forschungsbericht über Mehrfach- und Intensivtäter
Das hessische LKA hat in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kriminologie der Universität Tübingen erste Ergebnisse einer Studie über Mehrfach- und Intensivtäter (MIT) veröffentlicht. Das im Internet verfügbare Dokument bietet einen Überblick über deutsche und internationale Studien und führt mittels umfassender Aktenauswertungen und Experteninterviews in die Thematik ein. Der erste Band des Forschungsprojekts „Mehrfach- und Intensivtäter (MIT) in Hessen" kann kostenlos heruntergeladen werden unter: http://www.polizei.hessen.de/internetzentral/nav/2a6/2a679fc3-ccec-e114-4187-812109241c24.htm
 
 
3) Polizeikontrollen und Rassismusvorwürfe
In den USA wird seit langem die Frage diskutiert, ob bei Polizeikontrollen ein Ungleichgewicht zu Lasten von Minderheiten herrscht. Die Debatte spielt auch in Europa eine immer größere Rolle, weshalb Forscher nun anhand der Volksgruppe der Roma die Rassismus-These überprüft haben. Ausgehend von Personenkontrollen in Spanien, Ungarn und Bulgarien konnten sie zwar einen Zusammenhang zwischen ethnischer Zugehörigkeit und Häufigkeit von Personenkontrollen feststellen. Direkte Rassismusvorwürfe im Sinne einer Kausalbeziehung lassen sich daraus jedoch nicht ableiten: Öfter als ethnische Faktoren sind nämlich strukturelle Merkmale wie die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ausschlaggebend dafür, ob eine Person von der Polizei angehalten wird oder nicht. Quelle: Miller, J.; Gounev, P.; Pal, A. u.a. (2008), Racism and Police Stops, in: European Journal of Criminology 5 (2), 161-191. http://euc.sagepub.com/cgi/content/abstract/5/2/161
 
 
4) Neue Website zum Thema Gewaltprävention
Die Universität Liverpool hat in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Website zum Thema Gewaltprävention eingerichtet. Im Vordergrund steht eine Datenbank, in der wissenschaftlich überprüfte Präventionsmaßnahmen verzeichnet sind. Eine Rubrik mit aktuellen Informationen (z.B. zu Tagungen) und eine Linkliste runden das Angebot ab. http://www.nwph.net/preventviolence/default.aspx
 
 
5) Hinweise zur Prävention von sexueller Gewalt gegen Frauen
Empirische Untersuchungen zur sexuellen Gewalt gegenüber Frauen weisen auf eine Reihe von Risikofaktoren, z.B. Alkoholkonsum, hin. Um wirksame Präventionsarbeit leisten zu können, ist es wichtig, diese Faktoren zu kennen und zu berücksichtigen. In einem aktuellen Beitrag wurden bestehende Forschungsarbeiten ausgewertet, um im Anschluss daran Empfehlungen dafür aussprechen zu können, welche Personengruppen mit welchen Inhalten im Rahmen von Präventionsprogrammen angesprochen werden können. Schwerpunkte sollten demnach auf die Arbeit mit jüngeren Personen gelegt werden, da in diesem Alter das Risiko einer Viktimisierung am höchsten ist. Angesprochen werden sollten auch Nicht-Betroffene, da es oftmals Freunde der Opfer sind, denen anstelle der nur selten eingeschalteten Polizei eine Viktimisierung berichtet wird. Quelle: Fisher, B.S., Daigle, L.E., Cullen, F.T. (2008), Rape against Women: What can Research offer to guide the Development of Prevention Programs and Risk Reduction Interventions?, in: Journal of Contemporary Criminal Justice, 24 (2), 163-177. http://ccj.sagepub.com/cgi/content/abstract/24/2/163
 
 
6) Rahmenbedingungen der Polizeiausbildung in den USA
Ein Dokument des amerikanischen Justizministeriums bietet einen Einblick in die Rahmenbedingungen der dortigen Ausbildung von Polizeibeamten. Die statistischen Kennzahlen geben Auskunft über die Art und Dauer von Trainingsmaßnahmen, Anzahl und Qualifikation des eingesetzten Personals und über die Abschlussquoten verschiedener Bewerbergruppen. Der Bericht ist als Volltext online verfügbar: http://www.ojp.usdoj.gov/bjs/pub/pdf/slleta06.pdf
 
 
7) Überwachungskameras in Einkaufszentren führen nicht zu Kriminalitätsrückgang
Die Auswertung der Kriminalitätsbelastung eines Cambridger Einkaufszentrums vor und nach der Installation von Überwachungskameras und der Vergleich mit einer Kontrollgruppe ergaben keinen positiven Einfluss der Kameras auf die örtliche Kriminalität. Polizeiberichten zu Folge ist die Kriminalitätsbelastung sogar gestiegen. Dies kann jedoch darauf zurückzuführen sein, dass mehr Delikte angezeigt oder durch die Polizei beobachtet wurden. In zukünftigen Forschungsarbeiten sollten daher die unterschiedlichen Folgen von Kameraüberwachung und anderen Einflussfaktoren herausgearbeitet werden. Quelle: Farrington, D.P., Bennett, T.H., Walsh, B.C. (Hrsg.) (2007), The Cambridge Evaluation of the Effects of CCTV on Crime, in: Farrel, G., Bowers, K.J., Johnson, S.D. u.a. (Hrsg.), Crime Prevention Studies: Vol. 21, Imagination for Crime Prevention: Essays in Honor of Ken Pease, 187-201.
 
 
8) Der Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und Tierquälerei
Eine australische Untersuchung konnte die aus bisherigen Studien entwickelte These von einem Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und Tierquälerei bestätigen. Innerhalb der Stichprobe von 102 weiblichen Opfern häuslicher Gewalt wurde eine signifikant höhere Zahl von Tierquälerei durch den Partner oder andere Familienmitglieder als in der Kontrollgruppe festgestellt. Auch haben Kinder aus gewalttätigen Familien öfter Tierquälerei beobachtet oder selbst begangen. Eine multivariate Analyse der erhobenen Daten ergab für eine Frau eine fünfmal höhere Wahrscheinlichkeit, zur Gruppe der gewalttätigen Haushalte zu gehören, wenn ihr Partner droht, das Haustier zu verletzen oder zu töten. Quelle: Volant, A.M., Johnson, J.A., Gullone, E. et al. (2008), The Relationship Between Domestic Violence and Animal Abuse, in: Journal of Interpersonal Violence, 23 (9), 1277-1295, http://jiv.sagepub.com/cgi/content/abstract/23/9/1277
 
 
9) Schlafentzug und der Polizeiberuf
Ein Dokument des US-Justizministeriums weist auf die Bedeutung ausreichender Mengen an Schlaf hin. Wer etwa als Polizist nach einer Nachtschicht als Zeuge vor Gericht aussagt, danach seine Kinder von der Schule abholt, nachmittags ein paar Stunden schläft, um dann die nächste Schicht anzutreten, dessen Wahrnehmung und Reaktionen sind ähnlich beeinträchtigt wie die einer Person, die eine Blutalkoholkonzentration von 1,0 Promille aufweist. Der Bericht enthält Hinweise für Vorgesetzte und Polizisten, wie die Bedeutung ausreichenden Schlafes in der Praxis umgesetzt werden kann. http://www.ojp.usdoj.gov/nij/journals/262/sleep-deprivation.htm
 
 
10) Zahlen zur Stalking-Thematik
Aktuelle Zahlen zum Thema “Stalking” in den USA sind unter http://www.ojp.usdoj.gov/bjs/abstract/svus.htm verfügbar. Demnach sind Frauen häufiger als Männer betroffen; kein Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht hingegen bei Belästigungen. Knapp die Hälfte (46 %) der Stalking-Opfer berichteten über mindestens einen unerwünschten Kontakt pro Woche. 11 % wurde seit fünf oder mehr Jahren nachgestellt. Etwa 25 % der Opfer haben Erfahrungen mit Cyber-Stalking (davon per E-Mail: 83 %; per Instant Messaging: 35 %) gemacht.
 
 
11) Eine Analyse weiterbildender kriminologischer und strafrechtlicher Studiengänge
Innerhalb der Kriminologie gewinnen neben theoretischen und methodischen auch ethnische, geschlechterbezogene oder ethische Fragestellungen an Bedeutung. Eine vergleichende Darstellung analysiert, inwiefern weiterbildende Studiengänge im kriminologischen und strafrechtlichen Bereich diese Erfordernisse berücksichtigen. Innerhalb der untersuchten Lehrpläne lag der Fokus auf traditionellen Gebieten, während neuere kriminologische Herausforderungen eher unterrepräsentiert waren. Quelle: Sever, B., Coram, G., Meltzer, G. (2008), Criminal Justice Graduate Programs at the Beginning of the 21st Century, in: Criminal Justice Review, 33 (2) http://cjr.sagepub.com/cgi/content/abstract/33/2/221
 
 
12) Youtube-Kanal des Osloer Instituts für Kriminologie und Rechtssoziologie
Das Institut für Kriminologie und Rechtssoziologie der Universität Oslo hat einen eigenen Youtube-Kanal eingerichtet. Bislang findet sich dort ein englischsprachiger Videobeitrag von Nils Christie zum Thema „Reflections on Deviance and Social Control“. http://www.youtube.com/user/krimrsos
 
 
13) Der Luzifer-Effekt: Wie gute Menschen böse werden
Das 1971 durchgeführte Stanford-Prison-Experiment untersuchte im Rahmen einer nachgestellten Gefängnissituation, wie gruppendynamische Prozesse moralisch integre Menschen dazu veranlassen, allgemein missbilligte Handlungen auszuführen. Bekannt wurde das Experiment dadurch, dass es wegen des brutalen Verhaltens des „Vollzugspersonals“ nach einer Woche abgebrochen wurde. Eine in Buchform veröffentlichte Studie betrachtet die psychologischen Ursachen dieser extremen Umbrüche menschlichen Verhaltens. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass soziale Bedingungen und systembedingte Umstände individuelles oder Gruppenverhalten ändern können. Der umgekehrte Fall, in dem menschliches Verhalten Systeme ändert, sei eher unwahrscheinlich. Die Studie betrachtet darüber hinaus aktuelle Fälle wie die Folter von Gefangenen in Abu Ghraib oder die Haltung der US-Regierung gegenüber Misshandlungen von Gefangenen im Zusammenhang mit dem “war on terror”. Die deutschsprachige Ausgabe ist unter dem Titel “Der Luzifer-Effekt. Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen” erschienen. Zimbardo, P. (2007), The Lucifer effect: Understanding how good people turn into evil, New York, Random House, 551 S., ISBN: 97814000064113.
 
 
14) Unruhen in Großbritannien und Frankreich
Die Ergebnisse eines englisch-französischen Seminares zu urbanen Unruhen in Frankreich und Großbritannien wurden in Buchform unter dem Titel „Rioting in the UK and France. A comparative analysis“ veröffentlicht. Mehr Informationen unter: http://www.willanpublishing.co.uk/cgi-bin/indexer?product=9781843925040.
 
 
15) Neues kriminologisches Journal aus Pakistan
Das Pakistan Journal of Criminology ist mit der ersten Ausgabe gestartet. Der Internetauftritt der Zeitschrift bietet verschiedene Aufsätze im Volltext und Hinweise auf Konferenzen, jeweils speziell zur Lage im südasiatischen Raum. http://www.pakistansocietyofcriminology.com
 
 
16) Buchbesprechung
Hans-Jürgen Köhnke hat eine Rezension zu der rechtssoziologischen Untersuchung „Die polizeiliche Registrierung von Widerstandshandlungen“ (Sebastian Messer, Baden-Baden 2009) verfasst, die unter http://www.polizei-newsletter.de/books_german.php abgerufen werden kann.