Polizei : Newsletter Nr. 132, Juli 2010
 1)   Polizeiliche Reaktionen auf Gewalt in (Fußball-)Stadien
 2)   Fußball: Unterhaltung oder Krieg mit einem Ball?
 3)   Ablauf und Hintergründe rechtswidriger Tötungen durch Polizeibeamte
 4)   Vergleichende Darstellung verschiedener polizeiwissenschaftlicher Ansätze
 5)   Erzählungen verurteilter Straftäter
 6)   Risikofaktoren für unerwünschten Geschlechtsverkehr
 7)   Mehrzahl der Studierenden wird Opfer sexueller Belästigungen
 8)   Auswirkungen sexueller Vorerfahrungen auf Vergewaltigungsvorwürfe
 9)   Reform der Polizeilichen Kriminalstatistik in der Schweiz
10)  Risikofaktoren für den Übergang vom Stalker zum Gewalttäter
11)  Identitätsdiebstahl und Identitätsmissbrauch im Internet
12)  Sicherheitslage in Mexiko
13)  Bewerbungsschluss für den Masterstudiengang Kriminologie und Polizeiwissenschaft
14)  Tagungshinweis: „Zum Verhältnis von sozialwissenschaftlicher Forschung und Praxis“
15)  Rezension
 
1) Polizeiliche Reaktionen auf Gewalt in (Fußball-)Stadien
Ein Leitfaden liefert Anregungen zum Umgang mit Gewalt im Zusammenhang mit Massenveranstaltungen. Zunächst werden gewaltauslösende Faktoren dargestellt, um dann mit Hilfe eines Fragenkataloges die spezifischen Probleme vor Ort zu analysieren. Schließlich werden mögliche Reaktionen und verschiedene Forschungsergebnisse vorgestellt. Das vollständige pdf-Dokument kann unter http://www.cops.usdoj.gov/files/RIC/Publications/e080828167.pdf heruntergeladen werden. Dazu passt ein Vortrag von Thomas Feltes, den dieser Ende März 2010 auf der Jahrestagung der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Hannover gehalten hat. Das Manuskript ist demnächst verfügbar auf seiner website www.thomasfeltes.de (unter „Vorträge“) (s. auch PNL 128, März 2010, Nr.9).
 
 
2) Fußball: Unterhaltung oder Krieg mit einem Ball?
Unter dieser plakativen Überschrift hat die Nato eine weitere Werbekampagne im Internet gestartet, die offensichtlich von der Notwendigkeit der Nato und der zeitweisen Unabwendbarkeit von militärischen Interventionen überzeugen soll. Auf http://www.nato.int/docu/review/2010/Football_Conflict/EN/index.htm findet sich eine Zusammenstellung diverser Materialien zum Thema Fußball und seine Bedeutung für internationale Konflikte. Besonderes irritierend wirkt hierbei eine „Fotostory“, in der u. a. die englische Nationalmannschaft von 1938 abgebildet ist, während sie den Hitlergruß zeigt. Einen weiteren beirrenden Höhepunkt stellt eine (anscheinend humorvoll gemeinte) retuschierte Darstellung von Osama Bin Laden dar.
 
 
3) Ablauf und Hintergründe rechtswidriger Tötungen durch Polizeibeamte
Anhand einer Auswertung rechtswidriger Tötungen durch Polizisten haben US-Forscher die Besonderheiten derartiger Fälle herausgearbeitet. Dabei untersuchten sie, an welchen Orten und aus welchen Situationen heraus ein Polizeieinsatz typischerweise tödlich verläuft. Berücksichtigt wurde auch die Anzahl der beteiligten Polizisten, sowie die Frage, ob es sich bei dem Opfer um eine verdächtige oder nicht verdächtige Person handelte. Abschließend wird aufgezeigt, welche konkreten Folgen sich für Polizisten und Bürger aus den Ergebnissen ableiten lassen. Quelle: Fishel, J., Gabbion, S.L., Hummer, D. (2007), A Quantitative Analysis of Wrongful Death Lawsuits Involving Police Officers in the United States, 1995-2005, in: Police Quarterly, 10 (4), 455-471. http://pqx.sagepub.com/cgi/content/abstract/10/4/455
 
 
4) Vergleichende Darstellung verschiedener polizeiwissenschaftlicher Ansätze
Das Buch “Police Innovation: Contrasting Perspectives” stellt die wichtigsten polizeiwissenschaftlichen Themen der letzten drei Jahrzehnte dar. Dabei wird der Einfluss folgender Bereiche auf die Polizeiwissenschaft diskutiert und kritisch betrachtet: gemeindebasiertes “community policing”, der Broken-Windows-Ansatz, problem-orientierte Polizeiarbeit (“problem-oriented policing”, sowie der ähnliche Ansatz des “pulling levers policing”), das bei nicht betroffenen Dritten ansetzende “third party policing”, das punktuelle “hot spots policing”, das New Yorker Compstat-Projekt sowie der theoretisch-wissenschaftliche Ansatz des evidence-based policing. Quelle: Weisburd, D., Braga, A.A. (2006), Police Innova¬tion: Contrasting Perspectives, Cambridge (UK) 2006, Cambridge University Press, 367 S., ISBN: 0521544831.
 
 
5) Erzählungen verurteilter Straftäter
Einen Besuch wert ist der Blog „Courthouse Confessions“ des amerikanischen Fotokünstlers Steven Hirsch. Für das Projekt werden Straftäter, zumeist Kleinkriminelle, unmittelbar nach ihrer Verurteilung angesprochen und gebeten, ihre Geschichte zu erzählen. Unkommentiert und im O-Ton werden die Kommentare, zusammen mit einem Foto, unter http://courthouseconfessions.blogspot.com veröffentlicht.
 
 
6) Risikofaktoren für unerwünschten Geschlechtsverkehr
Im studentischen Milieu der “Aufreiß-Kultur”, also an Orten, an denen flüchtige Intim- Kontakte geschlossen werden, spielen sich die meisten Fälle von unerwünschten sexuellen Kon¬takten ab. 23 % der weiblichen und 7 % der männlichen Studenten wussten in einer US-Studie von entsprechenden Erfahrungen zu berichten. Danach findet unerwünschter Geschlechtsverkehr meist beim “Daten” statt, während Berührungen mit sexuellem Hinter¬grund meist auf Partys oder in Bars vorkommen. Befragt nach den möglichen Ursachen, führten die Studierenden herabgesetztes Urteilsvermögen auf Grund von Alkohol an. Quelle: Flack, W. F., Daubmann, K. A., Caron, M. L. u.a. (2007), Risk Factors and Con-sequences of Unwanted Sex Among University Students: Hooking Up, Alcohol, and Stress Response, in: Journal of Interpersonal Violence, 22 (2), 139-157.
 
 
7) Mehrzahl der Studierenden wird Opfer sexueller Belästigungen
Die Mehrzahl der Studierenden erlebt nicht-körperliche Arten der sexuellen Belästigung – etwa durch sexuelle Anspielungen oder Textnachrichten – während des Studiums. Knapp ein Drittel erlebt Belästigungen körperlicher Art, z.B. durch Berühren oder Zwang zu sexuellen Handlungen. Dies ist das Ergebnis einer US-Amerikanischen Befragung von 2.036 Universitätsstudenten. Männliche und weibliche Studierende sind gleichermaßen betroffen, wobei Frauen eher negative Gefühle wie Scham, Wut oder mangelndes Selbstvertrauen entwickeln. Die Mehrzahl der Befragten, die über eigenes delinquentes Verhalten berichteten, hielten ihr Verhalten für witzig, ein Drittel ging davon aus, das Opfer wünsche das sexuelle Verhalten und ein weiteres Drittel rechtfertigte ihr Verhalten damit, dass viele Leute so handelten wie sie. Quelle: Hill, C., Silva, E (Hrsg.), Drawing the line: Sexual harassment on campus, Washington, 55 Seiten, ISBN: 1879922355. Ob diese Ergebnisse auch auf Europa übertragbar sind wird eine derzeit noch laufende Studie in fünf europäischen Ländern unter Leitung des Lehrstuhl für Kriminologie der Ruhr-Universität Bochum zeigen; s. www.gendercrime.eu.
 
 
8) Auswirkungen sexueller Vorerfahrungen auf Vergewaltigungsvorwürfe
Eine Studie hat die Auswirkungen häufiger sexueller Kontakte auf das Erheben von Vergewaltigungsvorwürfen untersucht. Den Teilnehmerinnen wurde dazu ein Szenario mit einverständlichem sexuellen Kontakt und ein Vergewaltigungsszenario vorgestellt. Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen mit intensiven sexuellen Vorerfahrungen im Vergewaltigungsszenario seltener Anzeige erstatten würden. Gingen der Vergewaltigung einverständliche sexuelle Handlungen voran, würden die Probandinnen unabhängig von ihren sexuellen Vorerfahrungen seltener Anzeige erstatten. Quelle: Flowe, H., Ebbesen, E., Putcha-Bhagavatula, A. (2007), Rape Shield Laws and Sexual Behavior Evidence: Effects of Consent Level and Women's Sexual History on Rape Allegations, in: Law and Human Behavior, 31 (2), 159-175.
 
 
9) Reform der Polizeilichen Kriminalstatistik in der Schweiz
Seit dem Jahr 2006 hat das Bundesamt für Statistik der Schweiz (BFS) in enger Zusammenarbeit mit den kantonalen und nationalen Polizeibehörden die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) reformiert. Die neue PKS umfasst nunmehr auch detaillierte Angaben zu Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, das Ausländergesetz sowie alle strafrechtlich relevanten Handlungen gegen weitere Bundesnebengesetze (z.B. das Waffengesetz). Darüber hinaus werden jetzt auch Informationen zu den Beschuldigten und den geschädigten Personen erhoben. Die neue PKS schließt damit eine Informationslücke und stellt neue Daten zur Verfügung. Aufgrund der Veränderungen werden geschätzte 260.000 Straftaten mehr erfasst als in der alten PKS. Die vorliegenden Resultate für 2009 sind dementsprechend noch nicht oder nur beschränkt mit den Vorjahren vergleichbar. Weitere Informationen finden sich im Internet: http://www.schweizmagazin.ch/2010/03/22/polizeiliche-kriminalstatistik-2009/
 
 
10) Risikofaktoren für den Übergang vom Stalker zum Gewalttäter
Eine Untersuchung von McEwan u. a. hat sich gezielt mit möglichen Risikofaktoren für eine gewalttätige Eskalation des Stalkingverhaltens beschäftigt. Im Rahmen der Studie wurde 211 Täter befragt und psychometrisch untersucht, die zwischen 2002 und 2007 in einer forensischen Klinik wegen Stalkings behandelt wurden. Dabei erwiesen sich u. a. das Alter und eine mögliche Vorbeziehung zum Opfer als besonderes relevant. Psychotische Erkrankungen des Stalkers erschienen hingegen von untergeordneter Bedeutung. Quelle: McEwan TE, Mullen PE, MacKenzie RD, Ogloff JRP; Violence in stalking situations. Psychological Medicine 2009, 39:1469-78
 
 
11) Identitätsdiebstahl und Identitätsmissbrauch im Internet
Das Bundesministerium des Inneren hat eine Studie veröffentlicht, die sich mit den rechtlichen und technischen Aspekten des Identitätsdiebstahls und des Identitätsmissbrauchs im Internet beschäftigt. Die Studie ist im deutschen Wissenschaftsbereich bisher einmalig und zeigt, dass für die Missbrauchsgefahren personenbezogener Daten häufig kein ausreichendes Problembewusstsein vorhanden ist. In der Folge werden Computer und personenbezogene Daten nur unzureichend geschützt. Der vollständige Ergebnisbericht der Untersuchung steht im Internet zum kostenlosen Download bereit: http://www.bmi.bund.de/cae/servlet/contentblob/1085480/publicationFile/87502/Identitätsdiebstahl%20-%20Studie.pdf
 
 
12) Sicherheitslage in Mexiko
Das US-Forschungsinstitut RAND hat die Sicherheitslage in Mexiko analysiert. Untersucht wurde, wie insbesondere aus US-Sicht auf die dringendsten Probleme des Landes (Kriminalität, Korruption, Straßengangs) reagiert werden kann. Das Dokument ist online verfügbar: http://www.rand.org/pubs/monographs/2009/RAND_MG876.pdf
 
 
13) Bewerbungsschluss für den Masterstudiengang Kriminologie und Polizeiwissenschaft
An der juristischen Fakultät der Ruhr-Universität wird seit 2005 der weiterbildende Studiengang „Kriminologie und Polizeiwissenschaft“ angeboten. Zum 01. Januar 2011 sind 60 Studienplätze im Fernstudium („Blended Learning“) zu vergeben. Bewerbungsschluss ist der 15. Juli 2010. Zulassungsvoraussetzungen: abgeschlossenes Fachhochschul- oder Universitätsstudium, sowie mindestens ein Jahr Berufserfahrung. Der interdisziplinäre (berufsbegleitende) Studiengang richtet sich an Interessierte aus den Bereichen Jura, Medizin, Polizei, Sozialpädagogik, Psychologie, Soziologie und verwandte Berufe. Besonders qualifizierten Studierenden steht auch der Weg zur Promotion offen. Weitere Informationen unter www.makrim.de oder bei der Studiengangverwaltung unter makrim@rub.de bzw. telefonisch unter 0234-32-29338.
 
 
14) Tagungshinweis: „Zum Verhältnis von sozialwissenschaftlicher Forschung und Praxis“
Zwischen dem 29. und 30. Oktober 2010 richtet die Schweizerische Gesellschaft für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Thurgau eine Tagung aus, die sich dem „Verhältnis von sozialwissenschaftlicher Forschung und Praxis“ widmet. Dabei sollen insbesondere die Konsequenzen des ökonomischen Legitimationsdrucks erörtert werden, denen sich die Geistes- und Sozialwissenschaften zunehmend ausgesetzt sehen. Informationen zum Tagungsprogramm und zum Anmeldeverfahren finden sich im Internet: http://www.phtg.ch/fileadmin/user_upload/Dokumente/PFW/Forschung/Preliminary_Program.pdf
 
 
15) Rezension
Unter der Rubrik Buchbesprechungen ist auf der Website des Polizei-Newsletter eine neue Rezension zu finden: Rüdiger Schilling rezensiert die 2009 erschienen Studie „Legalbewährung jugendlicher und heranwachsender Sexual- und Gewaltstraftäter“ von Ina Rotermann, Denis Köhler und Günter Hinrichs.