Polizei : Newsletter Nr. 142, Juni 2011                                                                                             Verantwortlich: Prof. Dr. Thomas Feltes, Bochum
 1)   Kriminologe fordert externe Kommission bei Straftaten von Polizeibeamten
 2)   Kritik an Modellprojekt der Polizei zur Prävention von Kinderkriminalität
 3)   Aktueller Beitrag zu den Themen Gewaltdelinquenz, Delinquenzverläufen und langer Freiheitsentziehung
 4)   Gewalt macht Medien für Kinder nicht interessanter
 5)   Untersuchung zum Menschenhandel in den USA veröffentlicht
 6)   Kritik am Umgang mit Beweismitteln bei Fällen von sexuellen Übergriffen in den USA
 7)   Bericht über die Entwicklung der US-amerikanischen Kriminologie
 8)   Ergebnisse des Jugendgerichtshilfebarometers veröffentlicht
 9)   Krankheitsbegriff wird überabreitet: „Psychiatrie für alle“?
10)  Untersuchung zur Kriminalitätsfurcht in der Schweiz veröffentlicht
11)  Arbeitsgemeinschaft von Anwälten für Fußballfans
12)  Zertifikatsstudium für Sicherheitsbeauftragte in Fußballstadien
13)  Veranstaltungshinweis: Kolloquium der Südwestdeutschen und Schweizerischen Kriminologischen Institute
14)  Masterstudiengang Kriminologie und Polizeiwissenschaft
15)  Rezensionen
 
1) Kriminologe fordert externe Kommission bei Straftaten von Polizeibeamten
Der Kriminologe Martin Herrenkind hat in einem Interview mit der „tageszeitung“ (taz) die Schaffung einer externen Kontrollinstanz gefordert, die bei Straftaten von Polizeibeamten die Ermittlungen überprüfen soll. Herrenkind geht davon aus, dass jährlich mehr als 3.000 Personen Opfer von Gewaltstraftaten durch die Polizei werden. Das jährlich allerdings nur ca. 1.600 Strafanzeigen gegen Polizeibeamte erhoben werden, führt der Kriminologe auf den Kooperationswillen der Staatsanwaltschaften und die mangelnden Erfolgsaussichten einer Anzeige zurück. Gruppendruck und „Cop Culture“ verhindern seiner Auffassung nach ein angemessenes Ermittlungsverfahren. Das vollständige Interview steht auf einer Website der taz zur Verfügung: http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/beamte-unterliegen-gruppendruck/
 
 
2) Kritik an Modellprojekt der Polizei zur Prävention von Kinderkriminalität
Im Mai 2011 startete das Präventionsprogramm „Kurve kriegen“ der Polizei in Nordrhein-Westfalen. Das Programm richtet sich an Kinder zwischen acht und 15 Jahren und soll gefährdete Kinder und Jugendliche davor schützen, die Laufbahn von Intensivstraftätern einzuschlagen. Dabei soll die Polizei die Arbeit von pädagogischen und psychologischen Fachkräften koordinieren, die sich um strafunmündige Kinder kümmern sollen. „Auf jede Straftat soll unverzüglich eine pädagogische Maßnahme erfolgen“, die von der Polizei koordiniert werden soll. Kritiker bezweifeln den Mehrwert, den eine so starke Beteiligung der Polizei mit sich bringen kann und verweisen auf bestehende Organisationsstrukturen. Darüber hinaus wird vor möglichen Konflikten zwischen dem Anspruch auf Strafverfolgung und dem nötigen Vertrauensverhältnis zu den Betroffenen gewarnt. Quelle und weitere Informationen finden sich im Internet: http://www.koeln-nachrichten.de/neues-aus-nrw/landesministerien/koeln_modellprojekt_nrw_2011_jaeger_fruehe_hilfen_polizei_sozialarbeit.html
 
 
3) Aktueller Beitrag zu den Themen Gewaltdelinquenz, Delinquenzverläufen und langer Freiheitsentziehung
In der „Neuen Kriminologischen Schriftenreihe“ der Kriminologischen Gesellschaft (KrimG) ist ein weiterer Band erschienen. Das von Britta Bannenberg und Jörg-Martin Jehle herausgegebene Buch bündelt die Beiträge, die auf der elften Tagung der KrimG 2009 in Gießen thematisiert wurden. Der Band ist dreigeteilt und beschäftigt sich mit den Themen Gewaltdelinquenz, langer Freiheitsentziehung und Delinquenzverläufen. Die zahlreichen Einzelbeiträge geben eine gute Übersicht über die aktuellen Forschungsprojekte in der Kriminologie. Der Beitrag steht im Internet zum kostenlosen Download zur Verfügung: http://www.krimg.de/drupal/files/KrimG_Schriftenreihe_Band_113.pdf
 
 
4) Gewalt macht Medien für Kinder nicht interessanter
Gewalthaltige Szenen machen das Fernsehprogramm für Jugendliche nicht spannender oder interessanter. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Indiana University in Bloomington (USA). Bei Experimenten wurden Jugendlichen verschiedene Versionen eines Zeichentrickkurzfilmes gezeigt. Anschließend sollten die Probanden den Kurzfilm und die darin vorkommenden Charaktere bewerten. Die Forscher griffen dabei auf verschiedene Versionen eines Kurzfilmes zurück. Eine Version enthielt besonders viele gewalthaltige Szenen, eine weitere Version enthielt keine gewalthaltigen Szenen, dafür aber zusätzliche Actionszenen. Im Ergebnis zeigte sich, dass nicht die Gewalt, sondern die Actionelemente einen Einfluss darauf haben, ob Jugendliche ein Programm spannend und interessant finden. Quelle und weitere Informationen: http://www.eurekalert.org/pub_releases/2011-05/iu-nsf052311.php
 
 
5) Untersuchung zum Menschenhandel in den USA veröffentlicht
Das US-amerikanische Justizministerium hat die Ergebnisse einer statistischen Untersuchung zum Menschenhandel in den USA veröffentlicht. Die Datengrundlage bilden die erfassten Fälle von Menschenhandel zwischen 2008 und 2010. Die Untersuchung ergab, dass innerhalb von zwei Jahren 2.515 Verdachtsfälle registriert wurden. In 80% der mutmaßlichen Fälle handelte es sich dabei um Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Die vollständige Analyse der Statistik steht im Internet zum kostenlosen Download bereit: http://www.bjs.gov/content/pub/pdf/cshti0810.pdf
 
 
6) Kritik am Umgang mit Beweismitteln bei Fällen von sexuellen Übergriffen in den USA
Das National Institut of Justice (NIJ) des US-amerikanischen Justizministeriums hat einen Bericht vorgelegt, der sich mit dem Umgang von Spuren und Beweisen bei Vergewaltigungen und anderen sexuellen Übergriffen beschäftigt. Aus dem Dokument geht hervor, dass 10.000 von Proben und Beweismitteln quasi ungenutzt in Asservatenkammern gelagert werden. Dass die technischen Möglichkeiten für eine bessere Auswertung nicht vollumfänglich genutzt werden, liegt dabei nicht nur an Ressourcenknappheit bei der Polizei, sondern auch an mangelhaft strukturierten Vorgaben zum Umgang mit derartigen Beweismitteln. Der Bericht steht im Internet zum kostenlosen Download bereit: http://www.ncjrs.gov/pdffiles1/nij/233279.pdf
 
 
7) Bericht über die Entwicklung der US-amerikanischen Kriminologie
Hans Joachim Schneider hat einen Bericht über die Entwicklung der US-amerikanischen Kriminologie vorgelegt. Der Beitrag basiert auf einer Zusammenfassung von insgesamt zehn Berichten über die jährlichen Tagungen der „American Society of Criminology“ (ASC). Dabei wird ein sehr kompakter und sehr lesenswerter Überblick über die verschiedenen Strömungen innerhalb der US-amerikanischen Kriminologie gegeben. Quelle: Schneider, H.-D. (2011). Ein Jahrzehnt US-amerikanische Kriminologie. Überblick über die ersten zehn Jahrestagungen der "American Society of Criminology" ASC im 21. Jahrhundert. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 94(2), 112 – 140.
 
 
8) Ergebnisse des Jugendgerichtshilfebarometers veröffentlicht
Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat die Ergebnisse des Jugendgerichtshilfebarometers veröffentlicht. Im Rahmen dieser bundesweiten Online-Befragung sollte die Organisationsstruktur, die Arbeitsbedingungen und auch das Selbstverständnis der Jugendhilfen im Strafverfahren untersucht werden. Dabei zeigte sich, „dass die Jugendhilfe im Strafverfahren sich selbst als Bestandteil der Jugendhilfe verortet. Gegenüber der Justiz hat sie eine eigenständige und profilierte Position – dies gilt im Großen und Ganzen für Ost- und Westdeutschland, für Stadt und Land, für spezialisierte und entspezialisierte Jugendgerichtshilfen.“ Die bestehenden Organisations- und Kooperationsstrukturen sind überwiegend informell gestaltet und basieren auf hoher personeller Kontinuität. Der vollständige Projektbericht der Untersuchung steht im Internet zum kostenlosen Download bereit: http://www.dji.de/bibs/jugendkriminalitaet/Band12_Jugendgerichtshilfebarometer.pdf
 
 
9) Krankheitsbegriff wird überabreitet: „Psychiatrie für alle“?
Das, von der Amerikanisch-Psychiatrischen Gesellschaft (APA) im Jahre 1952 eingeführte, Klassifikationssystem für psychische Erkrankungen DSM („Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“) wird gegenwärtig überarbeitet und soll spätestens im Jahre 2013 als DSM-V veröffentlicht werden. Kritiker befürchten, dass Krankheiten geschaffen werden, wo keine sind und die Grenzen zur Normalität weiter verschwimmen. Quelle und weitere Informationen finden sich im Internet: http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/psychiatrie-fuer-alle/
 
 
10) Untersuchung zur Kriminalitätsfurcht in der Schweiz veröffentlicht
Das kriminologische Institut der Universität Zürich hat eine Untersuchung der Kriminalitätsfurcht in der Schweiz veröffentlicht. Die Studie basiert auf einer Detailanalyse von Daten des gfs-Angstbarometers der Jahre 2008 bis 2010. Dabei handelt es sich um eine gesellschaftspolitische Umfrage, in deren Zusammenhang die Bürger und Bürgerinnen der Schweiz seit 1978 jährlich nach ihrer Einschätzung der Sicherheitslage befragt werden. Die Ergebnisse decken sich überwiegend mit den Ergebnissen von Untersuchungen, die in anderen Ländern durchgeführt wurden. So gaben auch in der vorliegenden Untersuchung besonderes viele Frauen und ältere Menschen an, sich von Kriminalität bedroht zu fühlen. Interessanterweise zeigte sich allerdings, dass in der Schweiz auch die Sprachregion einen Einfluss auf die Kriminalitätsfurcht zu haben scheint. „Westschweizer fühlen sich stärker von Kriminalität bedroht als Deutschschweizer.“ Die Studie steht im Volltext zum kostenlosen Download bereit: http://www.rwi.uzh.ch/lehreforschung/alphabetisch/killias/publikationen/Bericht_Krimfurcht.pdf
 
 
11) Arbeitsgemeinschaft von Anwälten für Fußballfans
Im Mai 2011 wurde die Arbeitsgemeinschaft Fananwälte gegründet. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten, die sich regelmäßig mit rechtlichen Auseinandersetzungen beschäftigen, welche sich „im Spannungsverhältnis zwischen Fußballfans einerseits und Sicherheitsbehörden bzw. Ordnungsdiensten, Vereinen und Verbänden andererseits ergeben“. Die Arbeitsgruppe versteht sich als Plattform, die der Vernetzung der Anwälte dienen soll. Darüber hinaus will sich die Gruppe auch an der öffentlichen Diskussion über Aufenthalts- und Stadionverbote sowie über die Gewalttäterdatei beteiligen. Quelle und weitere Informationen finden sich auf der Homepage der Arbeitsgruppe unter: http://www.fananwaelte.de.
 
 
12) Zertifikatsstudium für Sicherheitsbeauftragte in Fußballstadien
Der Deutsche Fußball-Bund e.V. (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) wollen gemeinsam mit der SRH Hochschule in Heidelberg ein Zertifikatsstudium für Sicherheitsbeauftragte anbieten. Das Programm soll dazu beitragen, die Qualifizierung der Sicherheitsbeauftragten zu erweitern und richtet sich auch an „Vereinsmitarbeiter, die mit sicherheitsrelevanten Themen betraut sind“. Das Studium kann ab September 2011 aufgenommen werden und ist als Fernstudiengang mit sieben kurzen Präsenzphasen (von je zwei Tagen) konzipiert. Quelle und weitere Informationen finden sich im Internet: http://www.fh-heidelberg.de/de/news-events/news/detail/news/2011/05/02/zertifikatsstudium-fuer-sicherheitsbeauftragte/
 
 
13) Veranstaltungshinweis: Kolloquium der Südwestdeutschen und Schweizerischen Kriminologischen Institute
Das Max-Planck-Institut (MPI) für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg richtet zwischen dem 1. und 3. Juli 2011 das 47. Kolloquium der Südwestdeutschen und Schweizerischen Kriminologischen Institute aus. Die Veranstaltung findet in Freiburg statt und behandelt zahlreiche Themen der aktuellen kriminologischen Forschung. Neben den Themen Gewalt- und Rückfallforschung werden unter anderem auch Projekte zur Sicherheitswahrnehmung und Jugenddelinquenz behandelt. Anmeldeschluss ist der 15. Juni. Weitere Informationen finden sich auf der Website des MPI: http://www.mpicc.de/ww/de/pub/aktuelles.cfm?fuseaction_pre=detail&prid=198&
 
 
14) Masterstudiengang Kriminologie und Polizeiwissenschaft
An der juristischen Fakultät der Ruhr-Universität wird seit 2005 der weiterbildende Studiengang „Kriminologie und Polizeiwissenschaft“ angeboten. Zum 1. Januar 2012 sind 60 Studienplätze im Fernstudium („Blended Learning“) zu vergeben. Bewerbungsschluss ist der 15. Juli 2011. Zulassungsvoraussetzungen: abgeschlossenes Fachhochschul- oder Universitätsstudium sowie eine mindestens einjährige einschlägige Berufserfahrung. Der interdisziplinäre (berufsbegleitende) Studiengang richtet sich an Interessierte aus den Bereichen Jura, Medizin, Polizei, Sozialpädagogik, Psychologie, Soziologie und verwandter Berufe. Besonders qualifizierten Studierenden steht auch der Weg zur Promotion offen. Seit dem 1. Juni 2011 besteht unter www.makrim.de die Möglichkeit sich online zu bewerben. Weitere Informationen können per Mail (makrim@rub.de) oder telefonisch (Tel.: 0234-32-29338) erfragt werden.
 
 
15) Rezensionen
Unter der Rubrik Buchbesprechungen sind auf der Website des Polizei-Newsletter (http://polizei-newsletter.de/books_german.php) folgende neue Rezension zu finden: Kathrin List rezensiert die von Christine Hohmann-Dennhardt, Marita Körner und Reingard Zimmer herausgegebene Festschrift für Heide Pfarr. Darüber hinaus stellt Katharina Küsgen das von Bernd Dollinger und Henning Schmidt-Semisch herausgegebene „Handbuch Jugendkriminalität – Kriminologie und Sozialpädagogik im Dialog“ vor.