Polizei : Newsletter Nr. 199, September 2016
 1)   Dunkelfeld-Vergleich über 40 Jahre. Erste Ergebnisse von „Bochum IV“ veröffentlicht
 2)   Sozialbericht NRW 2016
 3)   Wird aus einem hungrigen Kind ein gewalttätiger Erwachsener?
 4)   Brandstiftungsbeweise können unzuverlässig sein
 5)   Der Einfluss des politischen Systems auf die Persönlichkeit – das Beispiel DDR
 6)   Viktimologische Fortschritte
 7)   Ethnie, Leben auf der Straße und Polizeiarbeit: Auswirkungen auf Racial Profiling
 8)   Rückgang der Rückfallquote bei Sexualstraftaten Jugendlicher
 9)   Alternativer Sucht- und Drogenbericht 2016
10)  Individuelle Werte und Delinquenz
11)  Subkultur in der Polizei
12)  Newsletter von Clemens Arzt
13)  Organisatorische Änderungen im BKA
14)  Negative Menschen sind gefährlichere Autofahrer
15)  Emotionen und aggressives Verhalten
16)  Fehlurteile in Deutschland – eine Bilanz der empirischen Forschung seit fünf Jahrzehnten
17)  Umweltvergehen nehmen zu
18)  ACAB nicht (immer) strafbar
 
1) Dunkelfeld-Vergleich über 40 Jahre. Erste Ergebnisse von „Bochum IV“ veröffentlicht
1976 hatten Kriminologen der Ruhr-Universität Bochum erstmals Bürger der Stadt zu ihren Erfahrungen mit Kriminalität und Polizei sowie zu ihren Ängsten befragt. Nach 1986 und 1998 wurde nun die vierte Dunkelfeldstudie in Bochum durchgeführt. Die Ergebnisse offenbaren eine wenig rationale Gefahreneinschätzung der Menschen und eine gestiegene Furcht vor Verbrechen, bei gleichzeitigem Rückgang der tatsächlichen Viktimisierung. Die aktuellen Ergebnisse der Studie „Bochum IV“ stehen ab sofort zur Verfügung unter http://www.kriminologie.rub.de .
 
 
2) Sozialbericht NRW 2016
In diesem Armuts- und Reichtumsbericht wird unter der Überschrift „Soziale Segregation" zum ersten Mal flächendeckend für NRW auf kleinräumiger Ebene (500 Haushalte) die räumliche Verteilung von Armut analysiert. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=352
 
 
3) Wird aus einem hungrigen Kind ein gewalttätiger Erwachsener?
Personen, die als Kind häufige Hungerphasen erfuhren, weisen mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit gewalttätiges Verhalten auf. Die Studie fand heraus, dass 37 Prozent der Studienteilnehmer, die von häufigem Hunger als Kind berichteten ebenso berichteten, in zwischenmenschliche Gewalt verwickelt gewesen zu sein im Gegensatz zu 15 Prozent, die von wenig oder keinem Hunger im Kindesalter berichteten. Quelle: http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=353
 
 
4) Brandstiftungsbeweise können unzuverlässig sein
In den letzten Jahrzehnten haben Fortschritte in der forensischen Wissenschaft fehlerhafte Vorgehensweisen bei Branduntersuchungen entdeckt und einige der allgemein am stärksten anerkannten Annahmen dazu, was als Brandstiftungsbeweis angesehen werden kann, als nicht zutreffend entlarvt. Von den 1.825 aufgelisteten Entlastungen des US-amerikanischen Nationalen Entlastungsregisters war an 44 Fällen doch Brandstiftung beteiligt. Quelle: http://thecrimereport.org/2012/04/03/2012-04-arson-and-junk-science/
 
 
5) Der Einfluss des politischen Systems auf die Persönlichkeit – das Beispiel DDR
Fast drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall zeigt eine Studie, wie stark das DDR-Regime die Psyche seiner Bürger geformt hat. Bis heute haben ehemalige Ostbürger andere Persönlichkeitszüge als jene aus dem Westen. Ehemalige DDR-Bürger sind zwar deutlich gewissenhafter, aber auch viel ängstlicher, weniger offen für Neues und haben seltener das Gefühl, ihr Leben und Ereignisse darin selbst kontrollieren zu können als Gleichaltrige, die früher im Westen lebten. Dies sind größtenteils Eigenschaften, die dafür bekannt sind, das Wohlbefinden zu trüben und die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben zu schmälern. Quelle: http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=354
 
 
6) Viktimologische Fortschritte
Zu Ehren John P. J. Dussichs wurde eine Festschrift herausgegeben, die zwanzig zeitgenössische Viktimologieartikel von 28 Autoren enthält. Die Schrift kann direkt von John Dussich unter JEDussich@aol.com bezogen werden. Sie kostet (gebunden) 35 $ + Porto 15 $.
 
 
7) Ethnie, Leben auf der Straße und Polizeiarbeit: Auswirkungen auf Racial Profiling
Durch Vergleich von Polizeiinteraktionen einer Stichprobengruppe von kanadischen Schülern einer weiterführenden Schule, die zu Hause leben, mit einer Stichprobengruppe von Jugendlichen, die ihr Zuhause verlassen haben und in einer Unterkunft oder auf der Straße leben, konnten Forscher zeigen, dass schwarze Schüler eher als weiße berichten, wiederholt von der Polizei angehalten und durchsucht worden zu sein. Quelle: http://www.utpjournals.press/doi/abs/10.3138/cjccj.2014.E32
 
 
8) Rückgang der Rückfallquote bei Sexualstraftaten Jugendlicher
Diese Metastudie untersuchte, ob die Rückfallgrundquote bei Sexualstraftaten Jugendlicher in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist. Die Forscher nahmen 106 Studien unter die Lupe, die zwischen 1938 und 2014 durchgeführt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Rückfallquote bei Sexualstraftaten um 73 % gesunken ist. Quelle: http://psycnet.apa.org/psycinfo/2016-35228-001/
 
 
9) Alternativer Sucht- und Drogenbericht 2016
Ziel dieses Berichtes ist es, den offenkundigen Reformstau in der Drogenpolitik zu thematisieren und Vorschläge für eine Veränderung zu unterbreiten. Die Herausgeber erwarten von der Bundesregierung eine verstärkte strategische Steuerung in Drogenfragen auf der Grundlage evidenzbasierten Wissens. Quelle: http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=355 .
 
 
10) Individuelle Werte und Delinquenz
Asoziales und kriminelles Verhalten wird oft auf fehlende oder fehlgeleitete Wertorientierungen zurückgeführt. Solche Erklärungen sind jedoch höchst zweifelhaft. Das liegt an der Verwendung von Alltagssprache, Laienwertverständnis oder Ex-post-Interpretationen kritischer Vorfälle. Ein Artikel behandelt dieses Thema schwerpunktmäßig. http://www.tandfonline.com/eprint/rRTrCQhq2qkHme4YkfjZ/full
 
 
11) Subkultur in der Polizei
Die Vorstellung einer widerspenstigen „Polizei-Subkultur“ durchdringt die Literatur zu Polizeiarbeit und wird oft dazu bemüht, viele der Übel, die mit Fehlverhalten der Polizei und Korruption zusammenhängen, zu erklären. Dieser Artikel vertritt die Ansicht, dass das Fehlschlagen von Reformbemühungen das Ergebnis interventionistischer Strategien sei, die die Polizei-Subkultur „direkt“ verändern wollten, ohne dementsprechende Veränderung der strukturellen Bedingungen, in denen die Aufgaben der Polizeiarbeit verortet liegen. http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/01924036.2016.1206026
 
 
12) Newsletter von Clemens Arzt
Mit einem unregelmäßig erscheinenden Newsletter informiert Clemens Arzt (HWR Berlin) über aktuelle Rechtsprechung, die strafrechtliche, strafprozessuale oder polizeirechtliche Fragen betrifft. Wer ihn beziehen möchte, kann sich direkt an ihn wenden: clemens.arzt@hwr-berlin.de ; s.a. www.hwr-berlin.de/prof/clemens-arzt  Die Fundstellensammlungen zum Polizeirecht, Strafprozessrecht, Versammlungsrecht und zu Polizeilichen Befugnissen im Straßenverkehr wurde zudem aktualisiert und steht unter http://www.hwr-berlin.de/prof/clemens-arzt/publikationen/#c18289  zur Verfügung.
 
 
13) Organisatorische Änderungen im BKA
Relativ unbeachtet von der Öffentlichkeit hat das BKA im Juli seine Strukturen geändert. Aus der ehemaligen „kriminalistisch-kriminologischen Forschungsgruppe (KI1) wurde das „Kriminalistische Institut“ (IZ3), das (wie die Abkürzung verrät) in der neuen Abteilung „Internationale Koordinierung, Bildungs- und Forschungszentrum“ (IZ) angesiedelt ist. Bleibt zu hoffen, dass die Kriminologie nur dem Wort nach verschwindet.
 
 
14) Negative Menschen sind gefährlichere Autofahrer
Negative Fahrer hinter dem Lenkrad sind gefährlicher, so eine Studie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking. Frühere Forschung stellte einen Zusammenhang zwischen wütender und neurotischer Persönlichkeit, Aggression und einem erhöhten Vorkommen von Autounfällen fest. Quelle: http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=356
 
 
15) Emotionen und aggressives Verhalten
Die Fähigkeit, Emotionen bei anderen Menschen erkennen zu können, ist wesentlich für soziales Verhalten. Experimente untersuchten die Beziehung zwischen dem Erkennen von Emotionen in mehrdeutigen Gesichtsausdrücken und aggressiven Gedanken und Verhalten. Die Studien legen überzeugende Beweise dafür vor, dass die Verarbeitung von Emotionen eine kausale Rolle bei Wut und dem Beibehalten von aggressivem Verhalten spielt. Quelle: http://pss.sagepub.com/content/24/5/688.full.pdf+html
 
 
16) Fehlurteile in Deutschland – eine Bilanz der empirischen Forschung seit fünf Jahrzehnten
Jedes Jahr werden in Deutschland durchschnittlich über 2.000 Wiederaufnahmeanträge gestellt. Empirische Erkenntnisse zur Erfolgsquote dieser Anträge und zu aktuellen möglichen Ursachen für Fehlurteile gibt es nicht. Die letzte umfangreiche systematische Analyse von Fehlurteilen wurde in Deutschland vor 50 Jahren durchgeführt. In: Neue Kriminalpolitik 2/2016, 138-154.
 
 
17) Umweltvergehen nehmen zu
Die Zahl der Umweltvergehen ist weltweit um 26 Prozent höher als frühere Schätzungen und liegt heute bei 91 – 258 $ Milliarden verglichen mit 70 – 213 $ Milliarden im Jahr 2014. Dies ist das Ergebnis eines Berichts der Vereinten Nationen (UNEP) und INTERPOL. http://www.unep.org/newscentre/default.aspx?DocumentID=27076&ArticleID=36202
 
 
18) ACAB nicht (immer) strafbar
Die Kundgabe des Akronyms "ACAB" im öffentlichen Raum ist nicht ohne weiteres strafbar. Das BVerfG hat zwei Urteile gegen Fans aufgehoben, die den Spruch im Stadion skandiert hatten. Es handele sich um eine Meinungsäußerung im Sinne des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG. Die Fans hätten ihr negatives Werturteil nicht hinreichend individualisiert – dann wäre nämlich eine Strafbarkeit wegen Beleidigung möglich gewesen. Quelle: http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=357