Polizei : Newsletter Nr. 202, Dezember 2016                                                                                             Verantwortlich: Prof. Dr. Thomas Feltes, Bochum
 1)   Zwei Drittel der Deutschen schätzen Kriminalitätsentwicklung falsch ein
 2)   Einstellung gegenüber der Polizei unter Kindern und Jugendlichen
 3)   Polizeigerechtigkeit und Polizeigewalt
 4)   Strafvorschrift im Rindfleischetikettierungsgesetz ist verfassungswidrig
 5)   Polizeistreifen zu Fuß sorgen für zufriedenere Polizisten und Bürger
 6)   Polizist-Bürger-Begegnungen: Faktoren zur Vorhersage von Verletzungen
 7)   Ungerechter Lohn und Gesundheit
 8)   Regierungsbericht zur Lebensqualität in Deutschland:
 9)   Gutachten zum Personalbedarf der Polizei in Mecklenburg-Vorpommern
10)  Nein zum Referentenentwurf Mord und Totschlag
11)  Aufstände und bürgerliche Unruhen in Europa
12)  Dynamiken kritischer Vorfälle mit potentiell gewalttätigen Folgen im Zusammenhang mit Ultrafans
13)  Reaktion der Polizei auf Eltern, die Gewalt durch ihre Kinder anzeigen
14)  Polizeiliches Taktgefühl an Schauplätzen des Nachtlebens
15)  Die weiche Macht harter Staaten
16)  Sozialkapital und die psychische Gesundheit von Pflegepersonal
17)  Forschungsprojekt: „Prädiktionspotenzial schwere Einbruchskriminalität”
18)  Trump und die Konsequenzen für die Polizei
 
1) Zwei Drittel der Deutschen schätzen Kriminalitätsentwicklung falsch ein
Das Politik-Blog netzpolitik.org weist auf eine Studie eines Herstellers von Videoüberwachungstechnik hin, wonach 68 % der Deutschen eine Verschlechterung der Sicherheitslage im öffentlichen Raum wahrnehmen. An diese Fehleinschätzung anknüpfend analysiert der Blogbeitrag die Zusammenhänge von Kriminalitätsfurcht, Medien und Politik: http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=374 Dazu passen auch die Ergebnisse der „Bochum IV“-Studie, die wir vor einigen Wochen veröffentlicht haben. S. http://www.kriminologie.rub.de/index.php/de/
 
 
2) Einstellung gegenüber der Polizei unter Kindern und Jugendlichen
Einstellungen von Kindern und Jugendlichen gegenüber der Polizei werden offenbar von Generation zu Generation weitergegeben. Nach einer britischen Studie werden Kinder und Jugendliche in ihrem positiven oder negativen Urteil über die Polizei deutlich von den Eltern beeinflusst. Dieser Effekt ist auch dann messbar, wenn man soziale Faktoren oder die Wohnlage herausrechnet. Quelle: http://euc.sagepub.com/content/early/2016/08/03/1477370816661739.abstract
 
 
3) Polizeigerechtigkeit und Polizeigewalt
Dieser Bericht des Urban-Institutes in Verbindung mit dem Center for Policing Equity’s National Justice Database und der White House’s Police Data Initiative zeigt, dass bei der Gewaltanwendung durch die Polizei ethnische Ungleichheiten bestehen, selbst wenn man die Kriminalitätsniveaus der jeweiligen Stadtteile, Bildung, Eigenheimbesitztum, Einkommen, Jugendlichkeit und Arbeitslosigkeit herausrechnet. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=375
 
 
4) Strafvorschrift im Rindfleischetikettierungsgesetz ist verfassungswidrig
An einem Streit über die Etikettierung von Rindfleisch hätte sich die Zukunft des deutschen Strafrechts entscheiden können. Das Bundesverfassungsgericht hatte sich mit der (fehlerhaften) Etikettierung eines in Berlin verkauften Döner-Spießes zu beschäftigen. Die Hoffnung, dass dabei das Ultima-Ratio-Prinzip genutzt würde, um solche strafunwürdigen Tatbestände zu verbannen (s. dazu den Bericht in der taz unter http://www.taz.de/!5255049/) hat sich leider nicht bestätigt. Urteil: http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=376
 
 
5) Polizeistreifen zu Fuß sorgen für zufriedenere Polizisten und Bürger
Diese Studie untersuchte fünf Polizeistationen in den USA, die Polizeistreifen zu Fuß einsetzten. Die Autoren befragten sowohl leitende und nichtleitende Beamte als auch Stadtteilbewohner und fanden sehr starke Zustimmung für die Auffassung, dass die Streifen zu Fuß den Aufbau einer Beziehung zwischen Polizeibeamten und Anwohnern vereinfachten. Die Polizisten berichteten von psychologischen Vorteilen wie etwa größerer beruflicher Zufriedenheit und sie stellten fest, dass die vermehrte Kommunikation auf der Straße mit Anwohnern ihre Problemlösefähigkeiten verbesserte. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=377
 
 
6) Polizist-Bürger-Begegnungen: Faktoren zur Vorhersage von Verletzungen
Polizist-Bürger-Begegnungen, bei denen Gewalt angewandt wird, stellen ein hohes Verletzungsrisiko für Polizeibeamte dar. Die Studie untersuchte Situation, Verdächtigen und Charakterzüge des Polizisten sowie die Entscheidungsfindung des Beamten und das gewählte Gewaltniveau in Relation zum Widerstandsgrad des Verdächtigen. Die Faktoren mit der höchsten Vorhersagekraft für Beamtenverletzungen waren Begegnungen mit körperlich aggressiven Verdächtigen und Situationen, in denen Polizeibeamte im Vergleich zum Widerstand des Verdächtigen ein geringeres Gewaltniveau anwandten. Signifikante Effekte wurden auch bei Tatereignisvariablen und Variablen im Zusammenhang mit dem Verdächtigen festgestellt. http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10439463.2016.1251430
 
 
7) Ungerechter Lohn und Gesundheit
Diese Studienergebnisse stellen eine Verbindung zwischen ungerechtem Lohn und der Herzfrequenzvariabilität her. Es wird eine starke und signifikante negative Verbindung zwischen ungerechtem Lohn und gesundheitlichen Auswirkungen gezeigt. http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.545967.de
 
 
8) Regierungsbericht zur Lebensqualität in Deutschland:
Die Bundesregierung hat einen ausführlichen Bericht verabschiedet, für den sie von April bis Oktober 2015 Bürger befragen ließ, wie gut es sich in Deutschland leben lässt. Die Antworten zum Thema Sicherheit verdeutlichten erneut, dass subjektives Sicherheitsempfinden und tatsächliche gemessene Kriminalität in einigen Bereichen stark divergieren. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=378
 
 
9) Gutachten zum Personalbedarf der Polizei in Mecklenburg-Vorpommern
Die mit der Durchführung der Untersuchung zum Personalbedarf der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern beauftragte Firma PricewaterhouseCoopers (PWC) hat am 30. September 2016 ihr Gutachten vorgelegt. In das Gutachten sind auch die Auffassungen der polizeilichen Fachberater aufgenommen worden. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=379
 
 
10) Nein zum Referentenentwurf Mord und Totschlag
„Lieber keine Reform als diese.“ Sönke Gerhold, Universität Bremen, zeigt, wie die Reform der Tötungsdelikte in vielen Fällen zu einer drastischen und unbegründeten Strafrahmenerhöhung führt, Auslegungsspielräume verengt und gängigen Korrekturmechanismen einen Riegel vorschiebt. In: Neue Kriminalpolitik Heft 3, 2016, 231-241.
 
 
11) Aufstände und bürgerliche Unruhen in Europa
Die Artikel von Tim Newburn und anderen analysieren die Aufstände in Europa (z. B. 2005 in Frankreich, 2011 in England, 2014 in Italien, 2008 in Griechenland). Die Analyse identifiziert eine Reihe von Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Entstehung, Natur und Nachwirkungen der Aufstände in den verschiedenen Ländern und ist der Ansicht, dass das sowohl das Potenzial der vergleichenden Analyse zeigt als auch die Wichtigkeit, über eine Untersuchung der Ursachen hinauszugehen, um Aufstände weitergehend zu untersuchen. In: European Journal of Criminology, September 2016 http://euc.sagepub.com/
 
 
12) Dynamiken kritischer Vorfälle mit potentiell gewalttätigen Folgen im Zusammenhang mit Ultrafans
Die Studie untersucht Vorfälle mit einer angespannten Stimmung in Kombination mit höherem Risiko von Gewalt durch Fußballfans. Risikofaktoren und Warnzeichen wurden mittels Inhaltsanalyse kodiert, wie etwa „Festnahme eines Fans“. Die beteiligten Personen wurden befragt, um diese Phänomene eingehender zu untersuchen. Es wurde ein integriertes Modell aus Dynamiken, Risikofaktoren und Warnzeichen zusammengestellt. http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/17430437.2015.1133597
 
 
13) Reaktion der Polizei auf Eltern, die Gewalt durch ihre Kinder anzeigen
Gewalt Heranwachsender gegenüber den Eltern ist eine Form von familiärer Gewalt, die im offiziellen Diskurs und in Statistiken nicht abgebildet wird, trotz wachsender Beweise, dass es ein signifikantes Problem ist. Eine Studie untersuchte Ausmaß und Natur des Problems, Erfahrungen in Familien und wie auf Anzeigen von Gewalt Heranwachsender gegenüber den Eltern innerhalb und außerhalb des Strafjustizsystems reagiert wird. http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10439463.2014.989158
 
 
14) Polizeiliches Taktgefühl an Schauplätzen des Nachtlebens
Die Polizeiarbeit ist voller Situationen, in denen Taktgefühl von höchster Wichtigkeit ist. Ein beträchtlicher Teil der Polizeiarbeit an Schauplätzen des Nachtlebens ist die Handhabung betrunkener und sich ordnungswidrig verhaltender Gäste und die Polizeibeamten gehen mit einer Menge Taktgefühl vor. Diese Studie bietet einen Einblick in die alltägliche Arbeit Osloer Polizeibeamten. Die Polizeibeamten ignorieren im Allgemeinen viele kleinere Vorfälle und streben danach, Fälle auf einfachste Art und Weise zu klären, was einen verminderten Gesetzesvollzug mit sich bringt. Bewertungen nach eigenem Ermessen hängen von situativen Variablen, Systemvariablen als auch Tätervariablen und Beamtenvariablen ab. http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10439463.2014.989157
 
 
15) Die weiche Macht harter Staaten
Staaten wenden bei Bemühungen, ihr Image bei ausländischen Bevölkerungen zu verbessern und um ihre außenpolitischen Ziele voranzutreiben, oft öffentliche und kulturelle Diplomatie an. Der Erfolg solcher Bemühungen hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem von der Glaubwürdigkeit ihrer Erzählungen, internationalen Normen des staatlichen Verhaltens und Regimelegitimität. Über das letzte Jahrzehnt haben Wissenschaftler bei der Untersuchung von Initiativen der weichen Macht in liberalen Demokratien bedeutende Fortschritte erzielt, vor allem der USA und innerhalb der EU. Eine Sonderausgabe der „politics“ steht unter dieser Quelle kostenlos zur Verfügung: http://pol.sagepub.com/site/virtualissues/Soft_Power_of_Hard_States.xhtml
 
 
16) Sozialkapital und die psychische Gesundheit von Pflegepersonal
Die Studie analysiert die Rolle des Sozialkapitals beim Abpuffern des negativen Verhältnisses zwischen informeller Pflege und psychischer Gesundheit. Die Autoren zeigen, dass die Personen, die sich öfter unter Leute begeben, sich einer besseren psychischen Gesundheit erfreuen. Sie fanden auch heraus, dass stärkere soziale Bindungen die negative Verbindung zwischen Pflegen und psychischem Wohlbefinden abmildert. Quelle: http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.541141.de
 
 
17) Forschungsprojekt: „Prädiktionspotenzial schwere Einbruchskriminalität”
Mustererkennende Softwarelösungen als Teil von Predictive Policing Strategien beanspruchen für sich, neue Erkenntnisse über die zukünftige Kriminalitätslage als Grundlage für die polizeiliche Maßnahmenplanung zu generieren. Die Auseinandersetzung mit Voraussetzungen und Potenzialen dieses Ansatzes am Beispiel des Wohnungseinbruchs erfolgt in der Kriminologischen Forschung im LKA Hamburg seit Januar 2016 im Rahmen eines wissenschaftlichen Forschungsprojekts zur Verbesserung der polizeilichen Entscheidungsgrundlage. Dies bedarf darüber hinaus einer kritischen Befassung mit dem polizeilichen Wissensmanagement. Eine aktualisierte Projektbeschreibung steht im Netz unter http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=380 zur Verfügung.
 
 
18) Trump und die Konsequenzen für die Polizei
Mit den Auswirkungen einer Präsidentschaft Trump auf die Polizeiarbeit beschäftigt sich ein Beitrag im „The Crime Report“ des John-Jay-College New York, das u.a. die NYPD-Beamten ausbildet. Dort wird u.a. darauf verweisen, dass Trump wohl die Idee einer bürgernahen Polizei über den Haufen werfen wird und seine Forderung, die Polizei müsse „very much tougher than they are right now” vorgehen, umsetzt. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=381