Polizei : Newsletter Nr. 44, September 2002                                                                                             Verantwortlich: Prof. Dr. Thomas Feltes, Bochum
 1)   Globaler Organhandel
 2)   PC-gestützte polizeiliche Bürgerbefragungen in Bremen und Baden-Württemberg
 3)   Polizeigewalt – neue Website der kanadischen Polizei
 4)   Zwei Studien zu vor Kriminalität schützenden und kriminell machenden Faktoren
 5)   Kurz- und langfristige Auswirkungen von Opferwerden von Jugendlichen
 6)   Lehre via Internet – eine Studie
 7)   Studie zur Polizeiarbei in London veröffentlicht
 8)   Rückgang der jugendlichen Gewalttaten mit Waffen in Boston
 9)   Paradoxes Ergebnis eines Präventionsprojektes: Gewalt gegen alte Menschen steigt an
10)  Qualitative Methoden der Organisationsforschung
11)  Wirkung von TV-Werbung
12)  Probleme bei der Identifikation von Verdächtigen
13)  Peilsender für verlorene Gegenstände
14)  Der kriminalpolitische Kurzkommentar
 
1) Globaler Organhandel
Nachdem im Internet-Auktionshaus Ebay die Niere einer Frau aus Kalifornien für 5,7 Mio. US$ versteigert werden sollte und das Angebot von Ebay gestoppt wurde, intensiviert sich die Diskussion um den weltweiten Organhandel. Für eine Niere können auf dem globalen Schwarzmarkt leicht 100.000 Dollar erzielt werden – das entspricht dem Lebenseinkommen eines Dritte-Welt-Bewohners. Es geht bis zum regelrechten Ausschlachten von Toten, die z.B. in Südafrika bei Schiessereien mit der Polizei ums Leben gekommen sind. „Organs Watch“, eine Initiative der University of California will dem jetzt Einhalt gebieten und ein Monitoring  sowie eine Kontrolle des Marktes erreichen: http://sunsite.berkeley.edu/biotech/organswatch Quelle: Zukunftsletter 7/2002
 
 
2) PC-gestützte polizeiliche Bürgerbefragungen in Bremen und Baden-Württemberg
Die Analyse der Erwartungen und Wünsche der Bürger der Polizei gegenüber ist Voraussetzung für eine gute Polizeiarbeit. Viele Polizeibehörden holen sich mit Hilfe von postalisch durchgeführten Umfragen bereits seit mehreren Jahren die erforderlichen Informationen. In Bremen sind zum Beispiel inzwischen drei unterschiedliche Arten von Befragungen institutionalisiert: eine allgemeine Bürgerbefragung (seit 1997), eine Bürgerkontaktbefragung – eine Erhebung, die sich an Befragte richtet, die von direkten Erfahrungen nach Kontakten mit der Polizei berichten können (2001 mit einem Datensatz von 778 Befragten) und eine sog. Passantenbefragung. Die Ergebnisse der allgemeinen Bürgerbefragung, die einen Querschnittsvergleich auf Revierebene und einen Längsschnittvergleich hinsichtlich zeitlicher Veränderungen darstellen, sind im Internet unter der Startseite der Polizei Bremen, anschließend link zum ‚Bremer Sicherheitsatlas‘, einzusehen. Zusätzlich zu diesen standardisierten Umfragen wurde im April 2002 in Bremen ein Pilotprojekt „Bürgerbefragung online“ gestartet. Seitdem ist für Jedermann unter http://www.bremen.de/ (mit Link unter ‚Aktuelles‘ zur Umfrage) oder unter http://www.polizei.bremen.de/ der Fragebogen abrufbar und eine Beteiligung möglich. Während Bremen somit eine sog. „Internet-Umfrage“ realisiert, die bestimmte methodische Probleme aufweist (so werden hier bestimmte Personengruppen von vorneherein ausgegrenzt), setzt Baden-Württemberg auf repräsentative Befragungen auf Ebene der Polizeidirektionen. Ab Januar 2003 soll dort den Dienststellen ein Computerprogramm zur Verfügung stehen, mit dem repräsentative Bevölkerungsbefragungen durchgeführt werden können. Kontakte: Für Bremen Ulrich Goritzka, Diplomkriminologe, Fachdirektion Controlling, Tel.: 0421/36212077 e-mail: ulrich.goritzka@polizei.bremen.de. Das Projekt in Baden-Württemberg ist noch im Aufbau. Infos über Rainer Belz (rainer@rm-belz.de).
 
 
3) Polizeigewalt – neue Website der kanadischen Polizei
Unter www.cacp.ca und dort “The CACP National Use of Force Framework"  findet sich eine neue Website der Vereinigung der kanadischen Polizeichefs, die sich mit dem Thema „Gewalt durch Polizeibeamte“ beschäftigt.
 
 
4) Zwei Studien zu vor Kriminalität schützenden und kriminell machenden Faktoren
In einer der seltenen empirischen Studien, die sich nicht mit Risikofaktoren, sondern mit schützenden Faktoren im Zusammenhang mit Jugendkriminalität beschäftigen, wird geprüft, warum einige als „high risk“ zu bezeichnende Jugendliche sich nicht oder nicht so problematisch verhalten, wie dies zu erwarten wäre. Protektive Faktoren haben aber nur in geringem Maße unabhängige Auswirkungen, jedoch sind kumulative Auswirkungen festzustellen. Quelle: Turner, Michael G. Good kids in bad circumstances: A longitudinal analysis of resilient youth. Ann Arbor, MI: University Microfilms International, 2000 (Dissertation, University of Cincinnati). Eine andere Studie untersucht die Verflechtung  von wirtschaftlichem und sozialem Stress, elterlicher Kompetenz und kriminalitätsbelasteten Gegenden. Diese Zusammenhänge bestehen nicht deshalb, weil sie weniger gesetzestreue Menschen in die Kriminalität treiben, sondern weil sie sich zerstörend auf die Qualität der elterlichen Erziehung auswirken, und so die Jugendlichen anfälliger macht für negative Einflüsse. Die Ergebnisse bestätigen die Bedeutung von elterlichem Verhalten und dem Einfluss von Gleichaltrigen als Vermittler in der Beziehung zwischen sozialer Benachteiligung und Kriminalität. Sie legen nahe, dass wirtschaftlicher Stress einen sehr störenden Einfluss auf die Erziehung hat, mit erhöhtem Risiko, dass Eltern ihre Kinder vernachlässigen oder missbrauchen oder hart, unberechenbar und/oder inkonsequent Disziplin verlangen. Kinder aus Familien, die wirtschaftlichem oder sozialem Stress ausgesetzt sind,  werden mit größerer Wahrscheinlichkeit kriminell als andere. Quelle: Weatherburn, Don; Lind, Bronwyn. Delinquent-prone communities. Cambridge, UK: Cambridge University Press, 2001 (Cambridge Criminology Series).
 
 
5) Kurz- und langfristige Auswirkungen von Opferwerden von Jugendlichen
Eine aktuelle Studie aus den USA analysiert die Auswirkungen, die die tatsache, Opfer einer Straftat geworden zu sein, auf Jugendliche hat. Danach erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eigener Straffälligkeit, von (eigener) Gewalttätigkeit in der Familie, des Drogenmissbrauchs und psychischer Probleme. Untersucht worden sind 1.700 Jugendliche zwischen 11 und 17 sowie 21 und 29 Jahren. Quelle: Menard, Scott: Short- and Long-Term Consequences of Adolescent Victimization. Youth Violence Research Series Bulletin. Washington, DC: U.S. Department of Justice, Office of Justice Programs, Office of Juvenile Justice and Delinquency Prevention. Pdf-file: http://www.ncjrs.org/pdffiles1/ojjdp/191210.pdf
 
 
6) Lehre via Internet – eine Studie
Mit der wachsenden Anzahl von Online-Lehrveranstaltungen und Online-Lehrmaterialien beschäftigt sich eine Studie von David Fabianic. Er bescheibt den Versuch, websites in seine Lehrveranstaltungen zu integrieren und hat Studenten verschiedene Websites mit kriminologisch relevanten Themen testen lassen. Zum Thema „Organisierte Kriminalität“ schneiden am besten ab die websites „La Cosa Nostra“ (http://www.geocities.com/CapitolHill/Lobby/9880/), „Da Mob“ (http://www.geocities.com/jayhoff22_2000/page3.html), die Homepage des amerikanischen Justizministeriums (http://www.usdoj.gov/ ) und „Murder Inc.“ (http://www.murderinc.com/). Zum Thema „Serienmörder“ sind es die „Crime Library“ (http://www.crimelibrary.com/), das „Crime Magazine“ (http://www.crimemagazine.com/) und das „Casebook: Jack the Ripper“ (http://www.casebook.org/dissertations/dst-barn.html). Quelle: David Fabianic, Online Instruction and Site Assessent. In: Journal of Criminal Justice Education 13, 1, 2002, S. 173-186
 
 
7) Studie zur Polizeiarbei in London veröffentlicht
Eine 8-seitige Zusammenfassung findet sich unter http://www.sbu.ac.uk/cpru/findings.pdf; die eigentliche website der Studie, www.policingforlondon.org ist nicht immer erreichbar.
 
 
8) Rückgang der jugendlichen Gewalttaten mit Waffen in Boston
Mit der „Operation Ceasefire“ (Waffenstillstand) haben Wissenschaftler und Praktiker gemeinsam im Rahmen einer problem-orientierten Polizeistrategie einen Rückgang der Gewalttaten in Verbindung mit Waffen erreicht. Ein 78-seitiger Bericht von David M. Kennedy u.a. beschreibt die Strategie und die Erfolge: www.ojp.usdoj.gov/nij/pubs-sum/188741.htm
 
 
9) Paradoxes Ergebnis eines Präventionsprojektes: Gewalt gegen alte Menschen steigt an
Im Rahmen eines Pilotprojektes wurde in New York versucht, Gewalttaten gegen alte Menschen zu reduzieren. Dazu besuchten ein Polizist und ein speziell geschulter Berater die Familie einige Tage, nachdem eine entsprechende Straftat von der Polizei registriert worden war. Entgegen den Erwartungen wurde im Rahmen der Evaluation festgestellt, dass Opfer, die so betreut wurden und denen z.B. auch Aufklärungsbroschüren ausgeteilt wurden, nach dieser Intervention häufiger physischen Missbrauch berichteten als andere, die nicht entsprechend betreut wurden Robert C. Davis, Juanjo Medina-Ariza, Results from an Elderly Abuse Prevention Experiment in New York, www.ojp.usdoj.gov/nij/pubs-sum/188675.htm. Erklären lässt sich dieses Ergebnis wohl mit der durch das Projekt intensivierten Sensibilität der älteren Menschen dieser Form von Gewalt gegenüber.
 
 
10) Qualitative Methoden der Organisationsforschung
Das Interesse an qualitativen Methoden der Forschung allgemein und der Organisationsforschung im besonderen nimmt zu, nachdem die „harten“ quantitativen Methoden (z.B. standardisierte, repräsentative Befragungen) nicht die gewünschten Ergebnisse bringen und selten tiefergehende Einsichten in Abläufe und Prozesse vermitteln. Hier setzen die qualitativen Methoden (z.B. Experteninterview, Focus-Gruppen-Interviews, teilnehmende Beobachtung) an. Ein von Kühl und Strodtholz herausgegebenes Buch beschäftigt sich mit diesen qualitativen „Methoden der Organisationsforschung“ (Reinbek 2002, rororo, € 17.90). Ergänzt wird das Buch durch das Online-Portal www.qualitative-research.net, auf der sich ergänzende Texte, Diskussionsgruppen und weitere Beiträge finden (teilweise auch in Englisch und Spanisch).
 
 
11) Wirkung von TV-Werbung
Werbung im Fernsehen hat Wirkung: Eine Auswertung von 40 Werbekampagnen im deutschen Privatfernsehen hat  in den ersten Tagen nach einer solchen Werbung eine Steigerung des Kaufanteils von 30% nachgewiesen. Befragt wurden 4.500 Haushalte. Mehr gesehene Werbespots ergeben höhere Kaufanteile, insbesondere wenn ein hoher „Werbedruck“ besteht, also viele Spots innerhalb kurzer Zeit gesendet werden. Bei Vielsehern werden kurzfristig hohe Steigerungen erzielt, die aber schnell wieder abflachen; bei Wenigsehern ist es umgekehrt. Quelle: SevenOne Media, Wer wirbt gewinnt, München 2001. Quelle: Media Perspektiven 4/2002, S. 192 ff..
 
 
12) Probleme bei der Identifikation von Verdächtigen
Die Beschreibung eines Verdächtigen dient einer älteren Studie von Coupe und Griffiths zufolge als Beweismittel in 43% aller Fälle von Einbruchdiebstahl. Eine jüngst veröffentlichte Studie von Graham Pike u.a. für das britische Home Office versuchte die wichtigsten Hindernisse für eine schnelle und effektive Identifikation des Verdächtigen nach der Verhaftung herauszufinden und Beispiele für positive Modelle aufzuzeigen, mit denen diese Probleme überwunden werden können. Diese Forschung ist Teil eines Programms mit dem Titel: “Using computer technology to make to most of identification evidence”, das im April 2002 zu Ende gehen sollte. Quelle: Home Office, Briefing Note 2/02, March 2002.
 
 
13) Peilsender für verlorene Gegenstände
Einen fingernagelgrossen Chip kann man auf alle Gegenstände kleben, die man gerne verlegt. Im Umkreis von 5 Meter „findet“ sie dann der Peilsender. Bis 256 Gegenstände können so markiert werden. Das Komplettpaket kostet 90 Euro: www.dipo.fr (Englisch und Französisch).
 
 
14) Der kriminalpolitische Kurzkommentar
Heute: Zur Verschärfung des (Jugend-)Strafrechts und zur Einführung von Nachbarschaftsgerichten in Frankreich

Man glaubt es kaum: Die Mitte-Rechts-Regierung in Frankreich führt „Nachbarschaftstribunale“ ein. Als „gesellschaftliche Gerichte“ (s. dazu das Stichwort im Kriminologie-Lexikon, hrsg. von H.-J. Kerner, 1991, S. 121f.) kannten wir Vergleichbares bis 1989 in der DDR, von westlichen (Kriminal)Politikern immer skeptisch bis entrüstet kommentiert: Laien(richter) sollen Alltagskonflikte  regeln und bei kleineren Delikten auch Sanktionen verhängen dürfen - deshalb hießen sie in der DDR auch Schieds- und Konfliktkommissionen. Ob den französischen Rechtspolitikern dieser kriminalpolitische Diebstahl bewusst war? Parallel dazu verschärft die französische Regierung auch das Jugendstrafrecht und baut für 3,65 Milliarden Euro neue Gefängnisse. Zudem sollen 13.500 neue Stellen ausschließlich im repressiven Bereich geschaffen werden. Von Prävention keine Spur. Wieder einmal hat die Kriminologie sich nicht nützlich machen können ?