Polizei : Newsletter Nr. 48, Januar 2003
 1)   Anti-Gang-Programm reduziert nicht die Kriminalität
 2)   Biometrie-Katalog
 3)   Die Bedeutung von soziographischen Merkmalen für Gefangenenzahlen
 4)   Partnerschaft zwischen Polizei und privaten Sicherheitsfirmen
 5)   Anti-Gewalt Partnerschaft für Opfer von Tötungsdelikten
 6)   Unerfahrene und schlecht ausgebildete Polizeibeamte sind häufiger gewalttätig
 7)   Die Zukunft der Bio-Überwachung
 8)   Ein Wissenschaftler leitet die Forschungsabteilung des britischen Innenministeriums – und ist der neue Präsident der European Society of Criminology (ESC)
 9)   Gewalt im Alltag und organisierte Kriminalität
10)  Terrorismus als Waffe der Armen?
11)  Woher kommt das Vertrauen in Mitmenschen?
12)  Reduziert mehr Polizei doch Kriminalität?
13)  Organisierte Kriminalität in den Niederlanden
14)  Weltkongress Kriminologie in Rio de Janeiro
15)  Wissenstest auf CD
16)  BKA-Reihe im Internet?
 
1) Anti-Gang-Programm reduziert nicht die Kriminalität
Im Gegensatz zu früheren Studien konnte in einer Langzeitstudie, die den Zeitraum von 1995 bis 1999 umfasste, nicht nachgewiesen werden, dass das bekannte amerikanische G.R.E.A.T.-Programm (Gang Resistance Education and Training) nicht zu einer Verringerung der selbstberichteten Kriminalität und der Mitgliedschaft in kriminellen Jugendgruppen führt. Allerdings ergaben sich positive Veränderungen im Bereich des pro-sozialen Verhaltens der an dem Programm teilnehmenden Gangmitglieder. Dennoch wird hervorgehoben, wie wichtig die präventive Arbeit von Polizeibeamten in Schulen ist. Quelle: F.-A. Esbensen u.a.: How great is G.R.E.A.T.? Results from a longitudinal quasi-experiment design. In: Criminology & Public Policy, 1, 1, 2001, S.87-118
 
 
2) Biometrie-Katalog
Unter www.biometricscatalog.org findet man eine Übersicht über derzeit verfügbare biometrische Produkte; mehr zum Thema Biometrie unter www.biometrics.org oder http://homepage.ntlworld.com/avanti/whitepaper.htm; mit den Möglichkeiten biometrischer Methoden in der Strafverfolgung beschäftigen sich gleich mehrere Dokumente aus den USA. Unter www.nlectc.org/pdffiles/tbfall2000.pdf (10 Seiten, mit Bildern) werden die aktuellen Technologien (Laser, nicht-tödliche Waffen, Bomben-Roboter, Gesichtserkennung etc.) vorgestellt. Unter www.nicic.org/pubs/1999/015687.pdf wird ein Management Information System zur Verwaltung von Gefangenendaten vorgestellt. Zum Thema Crime Mapping: www.ojp.usdoj.gov/nij/pubs-sum/178919.htm.
 
 
3) Die Bedeutung von soziographischen Merkmalen für Gefangenenzahlen
Strafverfolgungspolitik ist nicht nur von Präventionsüberlegungen abhängig. Eine Studie in den USA konnte zeigen, dass die Gefangenenzahlen höher sind in Bundesstaaten mit höheren Steuersätzen, mit höheren Arbeitslosenzahlen und mit einem grösseren Anteil von Farbigen an der Bevölkerung. Bundesstaaten, die mit Sozialhilfezahlungen eher grosszügig sind, haben niedrigere Gefangenenzahlen, und dort, wo die Bevölkerung konservativer und eher an eine wörtliche Auslegung der Bibel glaubt, sind diese Zahlen wieder höher. Quelle: D.F. Greenberg, V. West: State prison populations and their growth, 1971-1991. Criminology 39, 3, 2001, p. 615-654
 
 
4) Partnerschaft zwischen Polizei und privaten Sicherheitsfirmen
Unter dem Titel „Operation Cooperation“ hat das Bureau of Justice Assistance des amerikanischen Justizministeriums ein Programm ins Leben gerufen, das die Zusammenarbeit zwischen Strafverfolgungsbehörden und privaten Sicherheitsfirmen verstärken soll. Ein Videoband wurde eigens zu diesem Zweck erstellt und wird vom Justizministerium vertrieben. Auf der Homepage der American Society for Industrial Security (www.asisonline.org)  ist eine 20-seitige Broschüre, gedacht als Begleitmaterial zu dem Video, verfügbar. Die Broschüre enthält u.a. Richtlinien für die Zusammenarbeit sowie Beispiele bereits praktizierter Kooperationen. Als pdf-file: www.asisonline.org/opcoop.pdf. Quelle: NCJRS Catalog No.64, S. 8.
 
 
5) Anti-Gewalt Partnerschaft für Opfer von Tötungsdelikten
Eine “Anti-Violence Partnership of Philadelphia“ (http://www.avpphila.org/) hat sich zum Ziel gesetzt, direkten und indirekten Opfern von Tötungsdelikten zu helfen. Auf der Website werden Materialien, Modelle u.a. bereit gestellt. Die Website hat auch eine gute link-liste zu anderen Präventionsaktivitäten und Anti-Trauma-Aktivitäten gegen Gewalt: http://www.avpphila.org/links.html
 
 
6) Unerfahrene und schlecht ausgebildete Polizeibeamte sind häufiger gewalttätig
Eine Studie mit Hilfe von teilnehmender Beobachtung zu den Bedingungen für (übermässige) Gewaltausübung durch Polizeibeamte in den USA zeigte, dass männliche, nicht-weisse, arme und jüngere Verdächtige häufiger Opfer von gewalttätigen Übergriffen von Polizeibeamten werden als andere. Zudem über unerfahrene und schlecht ausgebildete Beamte mehr Gewalt aus als andere. Quelle: W. Terrill, S. Mastrofski: Situational and Officer-Based Determinants of Police Coercion. In: Justice Quarterly 19, 2, 2002, S. 215-248
 
 
7) Die Zukunft der Bio-Überwachung
Die US-Regierung hat für das Jahr 2002 ein Budget von 6,6 Milliarden US$ bereit gestellt, um ein Datennetz für Bio-Überwachung zu schaffen. Gemeint ist damit die Vernetzung sämtlicher Gesundheitsdaten, die von Krankenkassen, Kliniken, Sozialämtern etc. gesammelt werden (z.B. um Häufungen von Krankheiten zu orten). Dabei wird zum ersten Mal eine praktisch lückenlose Überwachung möglich sein, wenn alle Daten (auch die z.B. von Fahrkartenautomaten und Scheckkarten) zusammenfließen. Schon jetzt lassen sich mit drei simplen Angaben – Geburtsdatum, Geschlecht, Postleitzahl – 87% aller US-Bürger zweifelsfrei identifizieren (dies auch als Hinweis an alle die, die meinen, es gäbe „anonyme“ Befragungen...). Quelle: Trendletter 8/2002, S. 2 www.trendletter.de
 
 
8) Ein Wissenschaftler leitet die Forschungsabteilung des britischen Innenministeriums – und ist der neue Präsident der European Society of Criminology (ESC)
Paul Wiles ist der Direktor von Research Development and Statistics (RDS) im britischen Home Office. Zuvor war er Kriminologie-Professor an der University of Sheffield sowie Dekan der juristischen Fakultät und Direktor des Centre for Criminology and Socio-Legal Studies. Davor war er am renommierten Institute of Criminology der University of Cambridge und an der London School of Economics tätig, zudem als Berater in grossen Beratungsunternehmen. Source: ESC-Newsletter, November 2002.
 
 
9) Gewalt im Alltag und organisierte Kriminalität
Auf der Seite  http://www.nfp40.ch  werden 29 abgeschlossene Projekte des Schweizer Nationalen Forschungsprogramms "Gewalt im Alltag und organisierte Kriminalität" (NFP 40) vorgestellt. Es finden sich Veröffentlichungen zu folgenden Themen: Gewalt im privaten Raum; Gewalt im Jugendalter und sexuelle Gewalt; Gewalt im öffentlichen Raum und Rassismus; Grundlagen der Gewaltforschung; Organisierte Gewalt: theoretische Aspekte; Organisierte Kriminalität: Erscheinungsformen. Die Website ist sehr übersichtlich aufgebaut, die Artikel sind sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch verfügbar.
 
 
10) Terrorismus als Waffe der Armen?
Ein Beitrag von A. Krueger und J. Maleckova beschäftigt sich mit der oftmals vertretenen Auffassung, dass Terrorismus eine Waffe der Armen sei. (“Education, Poverty, Political violence and Terrorism: is there a causal connection”,  http://papers.nber.org/papers/W9074 ). Die Autoren beschäftigen sich darin mit dem finanziellen Hintergrund und dem sozialen Umfeld verschiedener Terrorismusorganisationen und gewalttätiger politischer Gruppierungen. Dabei finden sie zwei interessante Elemente: Erstens kommen die Aktivisten nicht aus besonders armen oder schlecht ausgebildeten Gruppen; zweitens war ist die Entstehung der Organisationen nicht verbunden mit einem ökonomischen Niedergang.
 
 
11) Woher kommt das Vertrauen in Mitmenschen?
Anhand von Umfragedaten aus sieben Ländern geht eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin der Frage nach, woher das Vertrauen in Mitmenschen kommt. Danach zeigen jene Bürger großes Vertrauen, die die Gesellschaft als wenig konfliktbelastet und als sicher wahrnehmen. Auch gute informelle Sozialkontakte sorgen für entsprechendes Vertrauen. Schliesslich sind die im Leben Erfolgreichen vertrauensvoller als „Verlierer“. Quelle: J. Delhey, K. Newton: Who Trusts? The Origin of Social Trust in Seven Nations. WZB-Forschung FS III 02-402; http://skylla.wz-berlin.de/pdf/2002/iii02-402.pdf (nur in Englisch verfügbar). Diese Ergebnisse decken sich mit einer Studie aus den USA, in der ein Zusammenhang zwischen Vertrauen und zivilem Engagement einerseits (hier als „soziales Kapital“ bezeichnet) und Tötungsdelikten andererseits untersucht wurde. Je stärker dieses „soziale Kapital“ in einer Gemeinde ausgeprägt ist, umso niedriger sind die Raten von Tötungsdelikten. Quelle: R. Rosenfeld, S.F. Messner, E.P. Baumer: Social Capital and Homicide. Social Forces 80, 1, 2001, S. 283-310.
 
 
12) Reduziert mehr Polizei doch Kriminalität?
Nachdem bereits 1996 und 1997 zwei Studien die lange zeit vorherrschende These, wonach mehr Polizei keinen (positiven) Effekt auf die Kriminalitätsrate hat, in Frage gestellt hatten, wird nun weiter an dieser allerdings noch immer in der Wissenschaft vorherrschenden Meinung gerüttelt. Anhand einer Analyse von Daten aus den Jahren 1980 bis 1998 in 57 „counties“ in Florida konnte ein (allerdings nicht übermäßig ausgeprägter) Zusammenhang zwischen steigender Polizeidichte und Rückgängen in der Kriminalitätsrate gezeigt werden. Quelle: T.V. Kovandzic, J.J. Sloan: Police levels and crime rates revisited: A county-level analysis from Florida (1980-1998). In: Journal of Criminal Justice 30, 1, 2002, S. 65-76.
 
 
13) Organisierte Kriminalität in den Niederlanden
Im Jahre 1994 wurde von einem Niederländischen Komitee, das sich mit Ermittlungsmethoden im Bereich der Strafverfolgung beschäftigte, ein Auftrag zur Erforschung der organisierten Kriminalität in den Niederlanden erteilt. Nachdem ein entsprechender Bericht 1996 veröffentlicht worden war, versprach der Justizminister, dem Parlament regelmäßig über dieses Problem zu berichten. Entsprechend startete das Research and Documentation Center (WODC) einen 'WODC-organized crime monitor', eine ständige systematische Analyse polizeilicher Ermittlungen zu kriminellen Gruppierungen. Das Ziel der Forschung war es, eine verlässliche Grundlage für präventive und repressive Maßnahmen zu bekommen. Der zweite Bericht hierzu führt die Ergebnisse des ersten Berichtes von 1999 fort. Dazu wurden Daten aus 40 wichtigen polizeilichen Ermittlungsverfahren ausgewertet und öffentliche sowie vertrauliche Interviews geführt. Der Bericht von E.R. Kleemans, M.E.I. Brienen und H.G. van de Bunt mit dem Titel „Georganiseerde criminaliteit in Nederland. Tweede rapportage op basis van de WODC-monitor (Organized crime in the Netherlands. Second report of the WODC-organized crime monitor)” ist verfügbar unter www.minjust.nl/b_organ/wodc/publicaties/overige/pdf/ob198.pdf(in Niederländisch). (Danke an Edward Kleemans, WODC).
 
 
14) Weltkongress Kriminologie in Rio de Janeiro
Die “International Society of Criminology” hält ihren Weltkongreß vom 10.-15. August 2003 in Rio de Janeiro ab. Eine Sektion des Kongresses wird sich mit Polizeiforschung beschäftigen. Wer daran interessiert ist, aktiv an einem Panel teilzunehmen, sollte sich alsbald mit Prof. Wes Skogan in Verbindung setzen: skogan@northwestern.edu . Nähere Einzelheiten zumKongreß findet man unter http://www.consulex.com.br/Produtos/principal.htm.
 
 
15) Wissenstest auf CD
Nach fünfjähriger Arbeit hat eine Arbeitsgruppe der Ruhr-Universität Bochum einen Test entwickelt, mit dem Allgemeinwissen wissenschaftlich fundiert getestet werden kann. 264 Multiple-Choice-Fragen sollen Personalverantwortlichen, aber auch denjenigen, die sich selbst testen wollen, eine gesicherte Rückmeldung über das Allgemeinwissen geben, das als Schlüsselqualifikation beim Berufseinsteig gilt. Das Projektteam hat im übrigen auch einen berufsbezogenen Persönlichkeitstest entwickelt. Unter www.testentwicklung.de kann die Wissenstest-CD bestellt werden. Für 10.- Euro erhält man vier Wochen später eine aussagekräftige und differenzierte Auswertung des Tests.
 
 
16) BKA-Reihe im Internet?
Offensichtlich sind einige Bände der BKA-Schriftenreihe im Internet verfügbar. So findet sich z.B. der Band über Fallanalyse und Täterprofil aus dem Jahr 2000 unter  http://www.bka.de/pub/veroeff/band/band52/001_312.pdf