Polizei : Newsletter Nr. 55, August 2003                                                                                             Verantwortlich: Prof. Dr. Thomas Feltes, Bochum
 1)   Dreimal soviel Tötungsdelikte in Russland im Vergleich zu den USA
 2)   Drogengebrauch in Großbritannien
 3)   Zahl der Straftaten nimmt in der EU leicht zu
 4)   Risiko und Schutzfaktoren bei jugendlichen Tätern
 5)   Gemeinderechtssprechung in Ruanda
 6)   Proteste gegen Polizeiarbeit: Genfer Kantonspolizeichef tritt zurück
 7)   Wertewandel in Europa - Gravierende Veränderungen in den Moralauffassungen
 8)   Wirksamkeit und Sicherheit von Pfefferspray
 9)   Neue Polizeipistole in Deutschland
10)  abwehrsysteme“
11)  Studie zum „politisch motivierten Gewalttäter“
12)  Dritte Konferenz der Europäischen Kriminologen-Vereinigung
13)  Der Dienstwagen im Netz
14)  Polizeigruppe von Amnesty International
15)  Neue Kriminalpolitik in England – eine Kritik
 
1) Dreimal soviel Tötungsdelikte in Russland im Vergleich zu den USA
Anhand von bislang unveröffentlichten Statistiken kann eine Studie nachweisen, dass nicht nur die aktuellen Raten von Tötungsdelikten wesentlich höher als in den USA sind, sondern dass auch in den Jahren vor der Öffnung des Kommunismus diese Raten zumindest denen der USA entsprachen, teilweise auch höher waren, obwohl oftmals das Gegenteil vermutet und behauptet wurde. Quelle: W.A. Pridemore: Using newly available homicide data to debunk two myths about violence in an international context. In: Homicide Studies 5, 3, 2001, S. 267-275.
 
 
2) Drogengebrauch in Großbritannien
Das Britische Home Office hat drei Studien veröffentlicht, die sich mit dem Problem des Gebrauchs illegaler Drogen befassen. In der ersten Studie geht es um eine Schätzung der ökonomischen und sozialen Kosten des Drogengebrauchs in England und Wales. In der zweiten Studie wird unter dem Titel „Straße in den Ruin“ das Problem des Erstkonsums und der Kriminalität von Kindern und Jugendlichen erörtert. Zu den zentralen Feststellungen der Studie gehört, dass es keinen signifikanten Einfluss des Erstkonsums von Cannabis auf den späteren Konsum von Crack und Heroin gibt. In der dritten Studie geht es um eine knappe Darstellung der Verbreitung des Drogenkonsums auf Grundlage der Ergebnisse der British Crime Survey 2001/2002. Im besonderen Blick steht dabei der Drogenkonsum der 16 bis 24-jährigen. In dieser Altersgruppe ist, so die Studie, der Drogenkonsum am weitesten verbreitet. Einen signifikanten Anstieg des Gebrauchs „harter“ Drogen im Vergleich zu einer Untersuchung aus 1994 konnte die Studie indes nicht aufzeigen. Abgenommen hat der Gebrauch spezieller Drogen wie Amphetamin, LSD, Magic Mushrooms, Methadon und Klebstoffen in der Altersgruppe der 16 bis 24-jährigen, während der Gebrauch von Kokain und Exstacy angestiegen ist. Quellen: Research Study 249 - The economic and social costs of Class. A drug use in England and Wales, 2000 http://www.homeoffice.gov.uk/rds/pdfs2/hors249.pdf; Research Study 253 - The road to ruin? Sequences of initiation into drug use and offending by young people in Britain http://www.homeoffice.gov.uk/rds/pdfs2/hors253.pdf; Findings 182 - Prevalence of drug use: key findings from the 2001/2002 British Crime Survey http://www.homeoffice.gov.uk/rds/pdfs2/r182.pdf.
 
 
3) Zahl der Straftaten nimmt in der EU leicht zu
Nach einer Studie ist in den Mitgliedsstaaten der EU in der Zeit von 1996 bis 2000 die Anzahl der erfassten Verbrechen um 1% gestiegen. Den höchsten Anstieg haben Belgien (17%), Österreich (15%), Portugal (13%) und die Niederlande zu verzeichnen, gefolgt von Frankreich (6%) und Griechenland (6%). Gesunken ist die Anzahl registrierter Verbrechen in Irland (27%), in England und Wales (8%), in Schottland und in Deutschland (jeweils 6%). Die Zunahme ist vor allem auf den Bereich Gewalttaten zurückzuführen (14%), während in anderen Bereichen die Zahl eher rückläufig ist (Hauseinbruch um 15% in der EU und um 28% in Deutschland). Quelle: http://www.homeoffice.gov.uk
 
 
4) Risiko und Schutzfaktoren bei jugendlichen Tätern
Diese Studie greift zurück auf  das Wissen der Erholungsfähigkeitsforschung, um die Hypothese zu testen, dass jugendliche Einmaltäter möglicherweise eine größere Anzahl von Schutzfaktoren und eine geringere Anzahl von Risiko- und Stressfaktoren aufweisen als Wiederholungstäter. Eins der Ergebnisse war, dass sich Wiederholungstäter  durch  persönliche Charakteristika, familiäre Bedingungen und Auswahl der Freunde, jeweils unabhängig voneinander, von Einmaltätern unterscheiden. Die Studie konnte auch aufzeigen, dass Präventionsprogramme, die schon in den Anfangsklassen durchgeführt werden und Studenten, Eltern, Lehrer und Polizisten einbeziehen, das größte Erfolgspotential haben. Quelle: M.B. Carr, T.A. Vandiver: Risk and protective factors among youth offenders. In: Adolescence 36, 143, 2001, p. 409-426.
 
 
5) Gemeinderechtssprechung in Ruanda
2001 wurde in Ruanda ein Gesetz beschlossen, das sogenannte „Gacaca“-Rechtsprechungen vorsieht. Diese beinhalten die Prinzipien kommunaler Mediation und Konfliktlösung. Vier unterschiedliche administrative Ebenen (von der lokalen bis zur nationalen Ebene) sind nun zuständig für die Verurteilung von Rechtsverletzungen, die im Zusammenhang mit Verbrechen wie Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord stehen. Solche Verbrechen waren in Ruanda während des Bürgerkrieges 1994 geschehen und kosteten eine Million Menschen das Leben. Die Tribunale werden in Gemeinden, die noch immer weitgehend homogen und autark sind, traditionelle Methoden des Konflikt-Management mit einbeziehen. Seit April 2002 werden 250000 Richter in die „Gacaca“-Methode eingewiesen. Gleichzeitig findet eine Informationskampagne über den Umgang mit Konflikten statt. Pilot-Projekte finden seit sechs Monaten statt. Richard Friedli, ein Religionssoziologe, gibt einen Überblick über die Funktionsweise dieser Rechtsprechungsmethode und zeigt ihre Unterschiede zur „westlichen“ Justiz auf. Vgl. hierzu http://www.unifr.ch/spc/UF/septembre02/palabre.html
 
 
6) Proteste gegen Polizeiarbeit: Genfer Kantonspolizeichef tritt zurück
Der Kantonspolizeichef trat zurück, nachdem der Einsatz von Gewalt durch einen Polizisten dazu führte, dass ein Plastikgeschoss einen Demonstrant im Gesicht verletzte. Die eingesetzte Waffe wurde nur vier Tage später identifiziert. Drei Anfragen wurden eingereicht, um die Verantwortlichkeit des Beamten, der schoss, seines Vorgesetzten und schließlich die Mängel in der Befehlshierarchie herauszuarbeiten. Kauf und Einsatz der Waffe ("Waffe mit verminderter Tötungswirkung") haben, wie berichtet, Kontrollen in Polizei und Politik ausgelöst. Der Rücktritt erfolgte  zwei Monate vor dem G8-Gipfel, der im benachbarten Frankreich stattfinden sollte und wahrscheinlich Massendemonstrationen und Massenproteste in Genf ausgelöst hätte. s. Artikel der Lokalpresse: http://www.tribunedegeneve.ch/accueil/dossiers/titre_dossier/article/index.php?Page_ID=5340&article_ID=15101
 
 
7) Wertewandel in Europa - Gravierende Veränderungen in den Moralauffassungen
Sowohl im Hinblick auf die geltende Sexual- und Familienmoral als auch im Fall der bürgerlichen Moral haben sich in den letzten 20 Jahren in den europäischen Ländern gravierende Veränderungen ergeben. Dies zeigt die europäische Wertestudie, an der auch das Zentralarchiv für empirische Sozialforschung der Universität Köln beteiligt ist: http://www.uni-koeln.de/pi/i/2003.063.htm .
 
 
8) Wirksamkeit und Sicherheit von Pfefferspray
Obwohl der Einsatz von Pfefferspray im allgemeinen als sicher und effektiv angesehen wird, können seine Folgen – wie bei jedem Einsatz von Gewalt – nicht mit Sicherheit vorhergesagt werden. Um das Wissen über solch ein komplexes Thema zu erweitern, untersucht diese Praxisforschung zwei unveröffentlichte, von der NIJ finanzierte Studien über den Einsatz von Pfefferspray bei Festnahmen und vergleicht sie mit älteren Studien. Obwohl die Studie nicht beweist – und dies auch nicht kann – dass Pfefferspray niemals zum Tod einer sich der Festnahme widersetzenden Person beitragen wird, scheint sie doch zu bestätigen, dass Pfefferspray ein angemessen sicheres und effektives Werkzeug für Vollzugsbeamte ist in der Konfrontation mit unkooperativen oder streitsüchtigen Personen. Quelle: http://www.ncjrs.org/pdffiles1/nij/195739.pdf.
 
 
9) Neue Polizeipistole in Deutschland
Die Firma Heckler & Koch hat die Polizeipistole P2000 entwickelt, die mittlerweile in den Bundesländern Niedersachsen (15.000 Stück) und Baden-Württemberg (20.000 Stück) und NRW beschafft worden ist. Die P2000 ist mit allen 5 Versionstypen V1-V5 http://www.heckler-koch.de/html/german/behoerden/01_pistols/01_01_index.html

wohl die erste Polizeiwaffe, die auf Arbeiten aufbaut, die an einer Polizeihochschule betrieben wurden. Größe und Gewicht der Waffe sind den Bedürfnissen der Polizei angepasst ohne dabei die Sicherheit und Trefferwahrscheinlichkeit zu vernachlässigen (z.B. erhöhte Magazinkapazität); eine perfekte Ergonomie ergibt sich durch modulare Griffrücken, die ein einfaches Anpassen des Griffstücks an die Handgröße des jeweiligen Schützen ermöglicht (z.B. kleine und große Hände); universelle Montagenuten bieten die Aufnahmemöglichkeiten von taktischem Zubehör (z.B. Taktische Lampen, Zielgeräte); konsequent beidhändig angeordnete Bedienelemente, die dem Links- und Rechtsschützen ein optimales Handling der Waffe ermöglichen (sog. "Rechts- und Linksschützen-Bedienbarkeit", z.B. Magazinhalter, Entspannhebel); hohe Munitionsverträglichkeit, auch bei Verwendung der neuen Deformationsmunition (leichteres Projektil, höhere V0, daher erhöhte Rohrbelastung); funktionssicher auch unter Extrembedingungen. Die CD-Rom, auf der die Forschungsarbeiten der Polizei-Fachhochschule  Villingen-Schwenningen dokumentiert sind ("Anforderungen an eine moderne Polizeipistole") kann für EUR 10.- bei der Zahlstelle der Hochschule (Fax 07720-309-272, email karlschiele@fhpol-vs.de bestellt werden). Kontakt und weitere Infos über wolfgangmallach@yahoo.de
 
 
10) abwehrsysteme“
Am 01.10. bis 02.10.2003 findet der 2. Internationale Kongress „Moderne Gefahrenabwehrsysteme“ – Strategien für Feuerwehr, Rettungsdienst und Gesundheitswesen – im Congress-Centrum Hamburg statt. Angesichts der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus sollen adäquate Risikoanalysen, Vorsorgekonzepte und Abwehrstrategien aufgezeigt und ausgetauscht sowie Zukunftsperspektiven entwickelt werden. Dieser Erfahrungsaustausch wird in 2-jährigem Abstand fortgesetzt; in diesem Jahr erstmalig auch im Bereich „Maritime Sicherheit“. Weitere Informationen unter http://www.internationaler-kongress.de
 
 
11) Studie zum „politisch motivierten Gewalttäter“
Unter dem Titel: „Der politisch motivierte Gewalttäter in Baden-Württemberg. Eine tat-/täterorientierte Untersuchung 1999-2001“ hat das Landeskriminalamt Baden-Württemberg eine Studie veröffentlicht: http://www.polizei-bw.de/berichte/jbstainteranalyse_01.pdf
 
 
12) Dritte Konferenz der Europäischen Kriminologen-Vereinigung
wird in Helsinki vom 27.8.-30.8.2003 stattfinden: http://www.eurocrim2003.com/.
 
 
13) Der Dienstwagen im Netz
„Ein Streifenwagen ist auch im Dienst, wenn der Motor aus ist. Denn oft genügt schon die Anwesenheit der Polizei, um ein Verbrechen zu verhindern. Sollte sich allerdings doch einmal jemand hinreißen lassen, kriminell zu werden, so wird er sicherlich nicht sehr weit kommen. Denn den sportlichen Dienstwagen entwischt so schnell niemand. Eigentlich schade, denn so dauert der Fahrspaß für die Polizei nie sehr lange.“ Diese und andere nette ‚Bewerbungen’ durch Mercedes-Benz findet man unter http://www.mercedes-benz.de/mbd/t47/0,1507,C75_BD,00.html . Audi stellt sich vor bei http://www.audi.com/de/de/neuwagen/sonderfahrzeuge/polizei/polizei.jsp.
 
 
14) Polizeigruppe von Amnesty International
Unter www.amnestypolizei.de  findet man Informationen zur deutschen Polizeigruppe bei Amnesty International. Neben Infos zur Arbeit von Amnesty im Polizeibereich findet sich auf der website u.a. auch der Verhaltenskodex Polizei der Vereinten Nationen.
 
 
15) Neue Kriminalpolitik in England – eine Kritik
Das politische Klima in Großbritannien hat sich im letzten Jahrzehnt dramatisch verändert. Die Labour-Regierung hat eine Reihe von kriminalpolitischen Maßnahmen zuerst angekündigt und dann auch umgesetzt, auf die sich auch für die rot-grüne Bundesregierung immer wieder bezog. Ein im Juni 2003 veröffentlichtes Buch von Roger Matthews und Jock Young (The New Politics of Punishment, Willan Publishing, 2003  www.willanpublishing.co.uk) kommentiert und kritisiert diese qualitativen und quantitativen Veränderungen in der englischen Kriminalpolitik der 90er Jahre. Eine ausführliche Vorstellung des Buches findet sich in der neu eingerichteten Bücherecke des Polizei-Newsletter: www.polizei-newsletter.de/books_german.php .