Polizei : Newsletter Nr. 61, Februar 2004                                                                                             Verantwortlich: Prof. Dr. Thomas Feltes, Bochum
 1)   Rückfallgefährdung und Gewaltrisiko bei Exhibitionisten
 2)   Auswirkungen von Gefängnishaft auf Kriminalitätsraten
 3)   Zusammenhang in der Nachbarschaft reduziert Kriminalitätsfurcht
 4)   Aussageverhalten von Mördern und Totschlägern
 5)   Mobbing in der Polizei
 6)   Verbrechensfurcht im am Ende des Winters am höchsten ?
 7)   Führt das Vorhandenseins eines Spielkasinos zu mehr Kriminalität?
 8)   Offensichtliche Zeichen von Lügen bei Vernehmungen
 9)   Sozialpsychologische Studie über fremdenfeindliche Gewalttäter
10)  Opferschutz und Opferhilfe
11)  Der soziobiographische Hintergrund rechtsextremistischer Gewalttäter
12)  Koordinierte Polizeiausbildung in der Schweiz
13)  Polizei in NRW befragt 150.000 Bürger
14)  Kriminologische Studienwoche zu Stalking
15)  Handbuch Opferschutz und Opferhilfe
 
1) Rückfallgefährdung und Gewaltrisiko bei Exhibitionisten
Eine Studie des KFN in Hannover zeigt, dass Exhibitionisten im Vergleich zu anderen Sexualstraftätern hohe einschlägige Rückfallquoten  haben. Dennoch kann Exhibitionismus nicht als „Einstiegsdelikt“ in kriminelle Karrieren gesehen werden, welche im weiteren Verlauf auch schwere Gewalt- oder Sexualstraftaten einschließen. Wenn Exhibitionisten wieder rückfällig werden, dann meist wegen exhibitionistischen Handlungen oder anderen Nicht-Kontaktdelikten. Bislang vorliegende Studien erlauben zudem keine verlässliche Beschreibung von Merkmalen, um „gefährliche“ von „ungefährlichen“ Exhibitionisten zu unterscheiden. Quelle: Th. Görgen, Rückfallgefährdung und Gewaltrisiko bei exhibitionistischen Tätern. KFN-Forschungsbericht Nr. 88, Hannover 2003, zu beziehen für 4.- Euro über das KFN: b.bergmann@kfn.uni-hannover.de , Tel. 0511 / 348 36-10 s.a. www.kfn.de
 
 
2) Auswirkungen von Gefängnishaft auf Kriminalitätsraten
Ob und ggf. in wie weit Gefängnisraten (also der Anteil an Gefangenen je 100.000 der Wohnbevölkerung) Auswirkungen auf die Kriminalitätsrate einer Region hat, ist immer wieder umstritten. Jetzt hat eine empirische Studie in den USA gezeigt, dass niedrige Gefangenenraten (im Querschnittsvergleich) einen unsicheren Einfluss auf die Kriminalitätsrate haben,  moderate Gefangenenraten Kriminalität reduzieren und hohe Raten Gefangenenraten zu einem Anstieg in der Kriminalität führen. Quelle: T.R. Clear, D.R. Rose, E. Waring, K. Scully: Coercive Mobility and Crime. In: Justice Quarterly 20, 1, 2003, S. 33-64
 
 
3) Zusammenhang in der Nachbarschaft reduziert Kriminalitätsfurcht
Offensichtlich gibt es Zusammenhänge zwischen bestimmten Charakteristiken einer Gemeinde oder einer Nachbarschaft und der Verbrechensfurcht. Eine empirische Studie, in die 17.000 Personen in 11 Ländern einbezogen waren (darunter England, Italien, Belgien und die Niederlande) konnte (erneut) feststellen, dass Personen, die ihre unmittelbare Umgebung als eher von Zusammenhalt und gegenseitiger Unterstützung geprägt sehen, geringere Verbrechensfurcht haben als andere. Quelle: M.R. Lee, T.L. Earnest: Perceived Community Cohesion and Perceived Risk of Victimization: A Cross-National Analysis. In: Justice Quarterly 20, 1, 2003, S. 131-157.
 
 
4) Aussageverhalten von Mördern und Totschlägern
Der Bericht "Aussageverhalten in der Erstvernehmung und Milieuzugehörigkeit von vorsätzlich Tötenden" gibt die Ergebnisse eines 3-semestrigen studentischen Projektes am Polizei-FB der FHöV Berlin wieder, das im WS 02/03 abgeschlossen wurde. Er ist als pdf-Datei im Internet verfügbar unter http://www.fhvr-berlin.de/deutsch/forschung/index.html (am unteren Ende der Seite). Dort findet sich auch eine Liste der weiteren Veröffentlichungen aus dem Fachbereich, die bestellt werden können. Die Studie selbst geht der Frage nach, ob bezüglich des Aussageverhaltens im Ermittlungsverfahren signifikante Zusammenhänge zwischen der sozialen Milieuzugehörigkeit des Beschuldigten und der Art und Weise seiner Einlassungen bestehen.
 
 
5) Mobbing in der Polizei
Eine Projektstudie von Klaus Mucha am Fachbereich Polizei der Berliner FHöV beschäftigt sich mit dem Thema Mobbing in der Polizei. Die empirische Untersuchung bei der Berliner Polizei kann zum Preis von € 2,50 bei der FH bestellt werden; s. http://www.fhvr-berlin.de/deutsch/forschung/index.html
 
 
6) Verbrechensfurcht im am Ende des Winters am höchsten ?
...und am Ende von Frühling am niedrigsten. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die in Glasogow und Sheffield durchgeführt wurde. Quelle: N. Semmens u.a., Preliminary findings on seasonality and the fear of crime. In: British Journal of Criminology, 42, 4, 2002, S. 798-806.
 
 
7) Führt das Vorhandenseins eines Spielkasinos zu mehr Kriminalität?
Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Glücksspiel in Kasinos, der Kriminalitätsbelastung und der Lebensqualität in mehreren us-amerikanischen Städten. Im Ergebnis wurden keine eindeutigen Zusammenhänge entdeckt. In einigen Gemeinden stieg die Kriminalität nach der Eröffnung eines Spielkasinos, in anderen ging sie zurück oder blieb gleich. Offensichtlich gibt es – so die Autoren – andere Faktoren, die wichtiger sind. Quelle: B.G. Stitt u.a., Does the presence of casinos increase crime? In: Crime and Delinquency 49, 2, 2003, S. 253-284.
 
 
8) Offensichtliche Zeichen von Lügen bei Vernehmungen
Anhand einer Analyse von Video-Aufzeichnungen wurde in dieser Studie versucht, typische Zeichen für Lügen bei Vernehmungen herauszufinden. Die landläufigen Annahme, wonach Lügner nervöser sind, konnte nicht bestätigt werden. Vielmehr scheint es keine typischen Verhaltensweisen zu geben, die das Aussageverhalten entsprechend begleiten. Quelle: S. Mann, A. Vrij, R. Bull, Suspects, lies, and videotape: An analysis of authentic high-stake liars. In: Law and Human Behavior 26, 3, 2003, S. 365-376.
 
 
9) Sozialpsychologische Studie über fremdenfeindliche Gewalttäter
Die Studie von Wolfgang Frindte und Jörg Neumann untersucht vor allem die biographische Entwicklung der Täter. In der biographischen Analyse soll geklärt werden, wie "aggressionsbezogene Wissensstrukturen" aufgebaut werden. Die Untersuchung bestätigt im Wesentlichen die Befunde bereits vorliegender Studien, hervorzuheben ist aber die Kombination qualitativer und quantitativer Methoden, die ansonsten nicht all zu häufig anzutreffen ist. Ausführliche qualitative Interviews (ergänzt durch einen Fragebogen) mit 101 verurteilten männlichen Straftätern stellen die Datenbasis dar. Die weitgehende Quantifizierung der qualitativen Daten bringt es allerdings mit sich, dass die Tiefe der neu gewonnenen Einsichten begrenzt bleibt. (entnommen aus einer Rezension des Buches im Forum Qualitative Sozialforschung: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-03/3-03review-klaerner-d.htm). Die Studie selbst: Wolfgang Frindte & Jörg Neumann (Hrsg.) (2002). Fremdenfeindliche Gewalttäter. Biografien und Tatverläufe. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 261 Seiten EUR 26,90
 
 
10) Opferschutz und Opferhilfe
Derzeit startet die Polizei ein neues Hilfs- und Beratungsangebot für Opfer von Straftaten. Unter dem Motto „Opfer darf nicht Opfer bleiben“ sind in dem neuen Internetauftritt der Polizei unter www.polizei.propk.de/rathilfe/opferinfo alle wichtigen Informationen zum Opferschutz und zur Opferhilfe online eingestellt. Unter speziellen Rubriken sind beispielsweise gezielte Informationen zu den Delikten Diebstahl/Einbruch, Körperverletzung, Raub, Häusliche Gewalt, Sexuelle Nötigung / Vergewaltigung, Sexueller Missbrauch von Kindern und anderen Straftaten abrufbar. Quelle: DFK-Newsletter 9/2003
 
 
11) Der soziobiographische Hintergrund rechtsextremistischer Gewalttäter
Der soziobiographische Hintergrund von 61 rechtsextremistischen Gewalttätern wurde durch persönliche Explorationen im Rahmen von psychiatrischen Begutachtungen untersucht. Es zeigten sich in hohem Maße negative soziobiographische Konstellationen. Die überwiegende Mehrzahl der rechtsextremistischen Gewalttäter kommt aus zerstörten familiären Verhältnissen (69 %), in denen Gewalt als Konfliktlösungsmethode die Regel ist. Die schulische Sozialisation und Schulausbildung ist höchst problematisch: 79 % haben eine niedrige bzw. sehr niedrige Schulbildung, und nur bei einem Drittel der rechtsextremistischen Gewalttäter fanden sich keine interaktionalen Probleme in der Schule. Nur bei 11 % fanden sich keine Störungen des Sozialverhaltens im Sinne der Weltgesundheitsorganisation in der Kindheit und Adoleszenz. Entsprechend niedrig ist die Berufsausbildung und berufliche Tätigkeit, wobei 79 % der sich nicht in Ausbildung befindenden Untersuchten zum Tatzeitpunkt arbeitslos waren. Zwei Drittel der untersuchten rechtsextremistischen Gewalttäter waren schon vorbestraft, in der Regel wegen einer polymorphen Kriminalität, in erster Linie wegen Eigentumsdelikten. Straffällig waren sie in der Regel mehrfach und im sehr jungen Alter geworden (im Durchschnitt mit 17 Jahren). Bei 89 % der untersuchten rechtsextremistischen Gewalttäter fand sich keine gnosiologisch fundierte Ideologie, sondern eine in der Regel floskelhaft bis skurril anmutende Einstellung. Rechtsextremistische Gewaltkriminalität wird als gemeine Kriminalität betrachtet, die mit zirkulären Prozessen von gestörter Familie, problematischer korrespondierender sozialer Umgebung, Störungen des Sozialverhaltens mit entsprechenden Persönlichkeitsdefiziten, fehlender perspektivischer Lebensplanung sowie geringem Angebot oder geringer Wahrnehmung vorhandener Angebote an bildungsfördernden Möglichkeiten korreliert. Quelle: Marneros, Andreas/Steil, Bettina/Galvao, Anja, Der soziobiographische Hintergrund rechtsextremistischer Gewalttäter. In: Monatsschrift für Kriminologie 5, 86, 2003, S. 364-372 (abstract von der website der Monatsschrift)
 
 
12) Koordinierte Polizeiausbildung in der Schweiz
Die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) hat im Herbst 2003 ein bildungspolitische Gesamtkonzept verabschiedet, das insbesondere eine Anbindung der Polizeiausbildung an das allgemeine schweizerische Bildungssystem mit entsprechenden Studiengängen und Berufsabschlüssen vorsieht. Für die polizeiliche Grundausbildung schließen sich die Kantone zu neuen Konkordaten zusammen, welche je ein regionales Ausbildungszentrum betreiben. Diese Ausbildungszentren zeichnen sich durch eine fortschrittliche Ausbildungsinfrastruktur und einen pädagogisch und fachlich qualifizierten Lehrkörper aus. Die höheren Ausbildungsstufen für Führungskräfte und Spezialisten werden durch ein zentrales Ausbildungszentrum koordiniert und in Zusammenarbeit mit bestehenden Bildungsinstitutionen – Fachhochschulen und Universitäten – angeboten. Im Interesse einer wirkungsvollen Kooperation zwischen Polizei und Strafverfolgungsbehörden im Rahmen von Ermittlungsverfahren wird auch in der Ausbildung eine sinnvolle Zusammenarbeit in Form gemeinsamer Ausbildungsmodule angestrebt. Das bildungspolitische Gesamtkonzept steht auf der Homepage der KKJPD unter www.kkjpd.ch zur Verfügung. 
 
 
13) Polizei in NRW befragt 150.000 Bürger
Landesweit führt die Polizei in Nordrhein-Westfalen eine Bürgerbefragung durch.  Dabei spielen das subjektive Sicherheitsgefühl, Verbrechensfurcht, aber auch die Einschätzung der Arbeit der Polizei vor Ort eine Rolle. Insgesamt sind es rund 100 Fragen, die beispielsweise in Duisburg im Oktober 2003 an 5.000 repräsentativ ausgewählte Einwohner gingen.
 
 
14) Kriminologische Studienwoche zu Stalking
Das Institut für Kriminologische Sozialforschung und Kontaktstudium Kriminologie in Hamburg veranstalten eine Kriminologische Studienwoche und einen internationalen Studientag zum Thema Stalking - Möglichkeiten und Grenzen der Intervention vom 22. - 26. März 2004 im der Universität Hamburg: http://www.rrz.uni-hamburg.de/kriminol/Fnews.html
 
 
15) Handbuch Opferschutz und Opferhilfe
Dies ist der Titel eines beim Nomos-Verlag in 2. Auflage erschienenen Handbuchs von Holger Haupt u.a. (Baden-Baden 2003, 38,- Euro). Das Handbuch richtet sich an Opfer von Straftaten und deren Angehörige sowie an alle Personen, die in ihrer praktischen Arbeit mit Opfern zu tun haben. Auch für Polizeibeamte finden sich viele wertvolle Hinweise, u.a. zum Verhalten bei der Anzeigenaufnahme und der Vernehmung. Eine ausführliche Besprechung des Buches findet sich unter www.polizei-newsletter.de/books_german.php.