Polizei : Newsletter Nr. 69, November 2004
 1)   Gewalt am Arbeitsplatz
 2)   Selektives Vorgehen bei Verkehrskontrollen – unangemessener Profiling-Einsatz
 3)   Berufserfahrung und Beschuldigungen wegen Gewaltanwendung
 4)   Kriminologische Webseiten
 5)   Online-Publikations-System der Universität Konstanz und neue Daten zur Kriminalität in Deutschland
 6)   Polizeiausbildung und Polizeisozialisation: Wie wird man ein guter Polizist?
 7)   Verbesserter Internet-Service des britischen Crime Reduction Center
 8)   Qualitätsmanagement in der Kriminalprävention
 9)   Eigene Uni für Polizei und Wachdienste?
10)  Auf den Spuren Big Brothers
11)  Neue Nachdiplomstudien zu Kriminologie und Polizeiwissenschaft
12)  Tourismus und Kriminalität
13)  Ermitteln verboten? Hat die Polizei den Kampf gegen die Kriminalität aufgegeben?
14)  Tagungsankündigung - „… und alle haben (weg-)geguckt?!“ Jugendliche Opfer von Gewalt
15)  Das ärgerliche „Sach“-Buch: Frank Schirrmacher, Das Methusalem-Komplott
 
1) Gewalt am Arbeitsplatz
Ein Beitrag des British Home Office betrachtet Ergebnisse des British Crime Survey der Jahre 2002 und 2003 hinsichtlich des Ausmaßes sowie des Charakters von Gewalt am Arbeitsplatz in England und Wales. Des Weiteren wird ein Blick auf die Befürchtung der Belegschaften geworfen, am Arbeitsplatz Opfer einer Gewalttat zu werden. Hinsichtlich des Ausmaßes wird u.a. festgestellt, dass das Risiko, am Arbeitsplatz Opfer einer Gewalttat zu werden, insgesamt gering war, wobei Berufsgruppen die im Bereich Sicherheit tätig sind, wie z.B. Polizeibeamte aber auch Personen, die im Gesundheitsbereich sowie in sozialen Bereichen arbeiten häufiger betroffen waren, als andere. Bezüglich der Qualität der Gewalt wird u.a. festgestellt, dass sich die Täter oftmals unter Alkohol- oder anderem Drogeneinfluss bei Begehung ihrer Tat befanden. Des Weiteren kannten sich Opfer und Täter vor der Tat zumeist nicht. Der überwiegende Teil der Tätlichkeiten wurde von Männern verübt. An 41% aller tätlichen Angriffe waren Täter im Alter zwischen 25 und 39 Jahren beteiligt, 30% betrafen Täter im Alter zwischen 16 und 24 Jahren. Für weitere Informationen siehe unter http://www.homeoffice.gov.uk/rds/pdfs2/rdsolr0404.pdf im Internet.
 
 
2) Selektives Vorgehen bei Verkehrskontrollen – unangemessener Profiling-Einsatz
Die Faktoren, die die Entscheidungen von Polizeibeamten in Verkehrskontrollen beeinflussen, werden auf der Basis der 1999 in den USA gewonnenen Daten über die Kontakte zwischen Polizei und Bevölkerung untersucht. Diese Untersuchung bezieht die  polizei-internen Ursprünge der Rassenprofiling-Taktik und –methoden mit ein. Die Ergebnisse zeigen, dass für junge männliche Schwarze und Latinos die Wahrscheinlichkeit von Vorladung, Durchsuchung, Verhaftung und Gewaltanwendung, nachdem legale und darüber hinaus gehende Daten kontrolliert wurden, höher ist. Zusätzliche Analysen beweisen jedoch, dass Autofahrer aus Minderheiten-Gruppen nicht mit größerer Wahrscheinlichkeit illegale Ware mit sich führen als weiße Autofahrer. Die Ergebnisse verdeutlichen den potentiell unangemessenen Einsatz von Profiling-Strategien. Wie erwartet, hatte die Entdeckung von Beweismaterial den stärksten Einfluss auf die Entscheidungen der Polizeibeamten für Zwangsmaßnahmen (z.B. Verhaftung und Gewaltanwendung). Diese Ergebnisse decken sich mit der Literatur über das Verhalten von Polizeibeamten, die auch auf rechtliche Unsicherheiten, die sich als die stärksten Steuerungsmechanismen für das Verhalten der Polizei erwiesen haben, eingeht. (Klinger 1997, Mastrofski et al. 1995). Die Studie zeigt auf, dass die Verantwortlichen in der Polizei, , die informellen Grundsätze und die Kultur der ganzen Organisation, die den „Mythos“ vom Wert der Profiling-Strategien unendlich fortleben lässt, angehen müssen, um das Verhalten der Beamten zu ändern. Quelle: R.S. Engel, J.M. Calnon, Examining the influence of driver’s characteristics during traffic stops with police: Results from a national survey. In: Justice Quarterly 21, 1, 2004, S. 49-90
 
 
3) Berufserfahrung und Beschuldigungen wegen Gewaltanwendung
Der Zweck dieser Studie war die Feststellung, ob es einen Zusammenhang zwischen Charakteristika von Polizeibeamten (z.B. Berufserfahrung, Rasse, Geschlecht, Alter) und internen Untersuchungen von Beschuldigungen wegen Gewaltanwendung gibt. Die Analyse zeigte, dass Beamte mit weniger als 5 Jahren Berufserfahrung fast 4,4 mal so häufig interne Untersuchungen wegen der Beschuldigung von Gewaltanwendung hatten wie Beamte mit 20 oder mehr Berufsjahren, Beamte mit 5 bis 9 Jahren Berufserfahrung etwa 8mal so häufig. Generell zeigte sich, je weniger Erfahrung, je höher die Rate der internen Untersuchung. Signifikante Abweichungen in Bezug auf Rasse wurden nicht beobachtet, aber Beamte mit einer Vorgeschichte von Beschuldigungen hatten danach deutlich mehr interne Untersuchungen wegen des Vorwurfs der Gewaltanwendung. Aus dieser Studie kann der Schluss gezogen werden, dass Beschuldigungen wegen Gewaltanwendung wesentlich reduziert werden könnten, wenn dem Training und der Beratung der neuen und jungen Beamten mehr Aufmerksamkeit gewidmet würde. Quelle: James P. McElvain and Augustine J. Kposowa, Police officer characteristics and internal affairs investigations for use of force allegations. In: Journal of Criminal Justice, Volume 32, Issue 3, May-June 2004, Pages 265-279.
 
 
4) Kriminologische Webseiten
Das Institut für Kriminologie der Universität Tübingen hat seine Link-Sammlung aktualisiert. Unter http://www.ifk.jura.uni-tuebingen.de/www.html ist die neue Liste zu finden.
 
 
5) Online-Publikations-System der Universität Konstanz und neue Daten zur Kriminalität in Deutschland
KOPS, das Konstanzer Online-Publikations-System, bietet Angehörigen der Universität die Möglichkeit, elektronisch erzeugte Dokumente im WWW und damit weltweit zu veröffentlichen. Ein Suchmodul erlaubt die Auffindbarkeit der in KOPS gespeicherten Dokumente. Die Texte werden von der Bibliothek der Universität Konstanz dauerhaft archiviert. Die Erschließung der Dokumente erfolgt durch sog. Metadaten, so dass die in KOPS veröffentlichen Dokumente durch Suchmaschinen gefunden werden können. KOPS basiert auf der Entwicklung OPUS (Online Publikationsverbund der Universität Stuttgart). Quelle: http://www.ub.uni-konstanz.de/kops/ darin u.a. von Wolfgang Heinz das Konstanzer Inventar zur Kriminalitätsentwicklung (KIK):www.uni-konstanz.de/rtf/kik, die Kriminalität von Deutschen nach Alter und Geschlecht im Spiegel von Polizeilicher Kriminalstatistik und Strafverfolgungsstatistik. Konstanz 2004 www.uni-konstanz.de/rtf/kik/krimdeu2002.pdf
 
 
6) Polizeiausbildung und Polizeisozialisation: Wie wird man ein guter Polizist?
Als die „anspruchsvollste und wichtigste Studie zur Ausbildung von Polizeibeamten“ hat Richard Ericson die Studie von Janet Chan u.a. bezeichnet, in der die berufliche Sozialisation von Polizisten durch theoretische und praktische Ausbildung sowie das „Heinwachsen“ in die Polizeikultur anhand einer empirischen Studie beschrieben wird. Peter Manning sieht in dieser Studie „grundlegende Arbeit“ die einzige systematische Langzeitstudie, in der quantitative und qualitative Methoden verbunden werden. Chan u.a. analysieren dabei ebenso methodisch anspruchsvoll wie theoretisch fundiert, wie sich Polizeianwärter in Rahmen einer 2-jährigen Ausbildung in Theorie (an einer Polizeiakademie) und Praxis entwickeln, persönlich verändern und an ihre Umgebung anpassen. Eine ausführliche Besprechung der Studie, deren Lektüre allen empfohlen wird, die für die theoretische und praktische Ausbildung von Polizeibeamten verantwortlich sind, findet sich im Teil „Buchbesprechungen“ des PNL. Quelle: Janet B.L. Chan (with Chris Devery and Sally Doran): Fair Cop. Learning the Art of Policing. Toronto, Buffalo, London, University of Toronto Press, 2003, 343 Seiten, 20.- Pfund, ISBN 0-8020-8491-5 (Paperback)
 
 
7) Verbesserter Internet-Service des britischen Crime Reduction Center
Das des englischen Innenministeriums bietet mit seinem neu gestalteten Webauftritt (http://www.crimereduction.gov.uk/) einen verbesserten Online-Service mit Angeboten zu Praxistraining, Fortbildung und Information. Das Angebot richtet sich vor allem an Polizeipraktiker und an politische Entscheidungsträger.
 
 
8) Qualitätsmanagement in der Kriminalprävention
Der Landespräventionsrat Niedersachsen hat ein Projekt ins Leben gerufen, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Qualität kriminalpräventiver Arbeit in Europa nachhaltig zu verbessern. Im Rahmen dieses "Beccaria-Projekts: Qualitätsmanagement in der Kriminalprävention" findet vom 20.-22. Januar 2005 in Hannover die 1. internationale Beccaria-Konferenz statt. Informationen zur Konferenz und zum Projekt finden sich unter www.beccaria.de.
 
 
9) Eigene Uni für Polizei und Wachdienste?
Die Hamburger Polizei plant, die Ausbildung für Polizeibeamte grundlegend zu verändern. Im Gespräch ist eine Art Polizei-Universität. Es sind offensichtlich mehrere Modelle im Gespräch. Der stellv. Hamburger Polizeipräsident favorisiert ein Modell, nach dem die Ausbildung, die bisher an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung stattfindet, auch für Außenstehende geöffnet werden soll. Vorstellbar ist demnach etwa eine Art ein- bis zweisemestriges Grundstudium, bei dem auch der Nachwuchs für Sicherheitsdienste ausgebildet werden kann. Polizisten würden in dieser Zeit wie normale Studenten behandelt und bekommen keine Ausbildungsvergütung. Für Beamte des mittleren Dienstes, die durch die Ausbildung in ihrer Laufbahn aufsteigen, soll sich aber nichts ändern. Dauer und Inhalte der bisherigen Ausbildung sollen zudem weitgehend unverändert bleiben; vgl. http://www.institut.de/index_home.html
 
 
10) Auf den Spuren Big Brothers
Unter diesem Titel ist in der ZEIT am 11.8.2004 ein Beitrag von Thomas Fischermann erschienen, der sich mit der Problematik beschäftigt, dass sich seit dem 11. September das Netz der Überwachungsgesellschaft in den USA enger zusammen zieht. Der Beitrag enthält viele links zu amerikanischen Websites, die sich kritisch mit diesem Thema beschäftigen. Quelle: http://www.zeit.de/2004/34/ueberwachung_liste
 
 
11) Neue Nachdiplomstudien zu Kriminologie und Polizeiwissenschaft
Ab dem Wintersemester 2004/05 bietet die Universität Bern Weiterbildungslehrgänge in Kriminologie und Internationalem Strafrecht und voraussichtlich ab dem WS 2005/06 auch in Rechtspsychologie an. Die Lehrgänge führen zu Abschlüssen mit den Titeln „Master of advanced studies in Criminology“ bzw. „International Criminal Law“ bzw. „Diploma of advanced studies in Criminology”. In Rechtspsychologie wird der Titel „Master of advanced studies in Psychology of Law“ vergeben. Angesprochen sind Juristen und Sozialwissenschaftler sowie Personen mit einschlägiger Berufserfahrung. Die Nachdiplomstudiengänge sind binnen 3 Jahren abzuschließen. Das Kursgeld beträgt CHF 13.000. Weitere Informationen: http://www.scip.unibe.ch Kontakt: Nora Erlich nora.erlich@krim.unibe.ch Weitere Infos zu anderen (auch geplanten) Studiengängen finden sich http://www.kriminologie.com/krimstudium.htm
 
 
12) Tourismus und Kriminalität
"Crimes Against Tourists" (54 S.) beschreibt das Problem der Kriminalität gegen Touristen und gibt einen Überblick über Faktoren, die Delikte fördern. Das Handbuch gibt den Lesern eine Reihe von Fragen an die Hand, die ihnen helfen, ihr Problem vor Ort zu analysieren, und einige Maßnahmen zur Lösung. Volltext unter:
http://www.cops.usdoj.gov/mime/open.pdf?Item=1306
 
 
13) Ermitteln verboten? Hat die Polizei den Kampf gegen die Kriminalität aufgegeben?
Das neue Buch von Jürgen Roth, der bereits in den vergangenen Jahren mit seinen Veröffentlichungen zu den Themen Korruption, Drogen und Kriminalität aus dem Osten für Aufsehen gesorgt hat, dürfte noch mehr als seine früheren Bücher für Unruhe in der Polizei und in der Politik sorgen. Die organisierte Kriminalität hat die Politik in der Hand, die Politik die Polizeichefs auf Bundes- und Landesebene und die wiederum ihre Ermittler vor Ort – dies ist die Grundaussage des Buches, und sie wird von der ersten Seite an eindrucksvoll, konkret und sehr anschaulich belegt. Man kann nur hoffen, dass die von Roth interviewten Polizeibeamten haben die Wahrheit gesagt UND der Autor dies ggf. belegen kann. Ein Buch mit Sprengstoff, denn wenn nur 10% der Aussagen von Polizeibeamten, die Roth zitiert, stimmen, dann müsste dieses Buch Politiker und Polizeiführung gleichermaßen aufrütteln, aber es bleibt abzuwarten, wie die tatsächliche Reaktion ausfällt. Eine ausführliche Vorstellung des Buches findet sich im Teil „Bücher“ des Polizei-Newsletter. Quelle: Jürgen Roth, Ermitteln verboten! Warum die Polizei den Kampf gegen die Kriminalität aufgegeben hat. Eichborn-Verlag, Frankfurt 2004, 272 S., € 19,90. Ein Online-Interview mit dem Autor zu seinem Buch findet sich unter http://www.sicherheit-heute.de/index.php?cccpage=readpolitik&set_z_artikel=140
 
 
14) Tagungsankündigung - „… und alle haben (weg-)geguckt?!“ Jugendliche Opfer von Gewalt
Die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen veranstaltet in Kooperation mit dem arpos Institut am Donnerstag, den 11. November 2004 eine Fachtagung zum Thema „Jugendliche Opfer von Gewalt“. Im Focus der Veranstaltung stehen zum einen Fragen zum Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen, wie man sie „erreichen“ und ein Umdenken bewirken kann sowie andererseits die Betrachtung der Opferperspektive. Diesbezüglich werden verschiedene Erkenntnisse zur Situation von Opfern aus Wissenschaft und Praxis vorgestellt und diskutiert. Veranstaltungsort: Stadtteil- und Kulturzentrum KroKus, Thie 6, 30539 Hannover. Kosten: 30,- Euro; Anmeldung bis zum 25.10.2004 bei der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen; info@jugendschutz-niedersachsen.de. Weitere Informationen zu den Veranstaltern unter: http://www.jugendschutz-niedersachsen.de und http://www.arpos.de
 
 
15) Das ärgerliche „Sach“-Buch: Frank Schirrmacher, Das Methusalem-Komplott
„Dieses Buch will anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse zu einem Komplott gegen den biologischen und sozialen Terror der Altersangst überreden...“ – dies wird im Klappentext des Buches, das immerhin einige Wochen in den Sachbücher-Ranglisten ganz oben stand,  behauptet und keine dieser Aussagen ist richtig. Das Buch dreht sich um sich selbst, ist nicht wirklich analytisch (obwohl es dies ständig vorgibt) und zeigt keine Perspektiven auf. Es ist plakativ und platt. Die wirklichen Probleme (Wertewandel, Ethik, Zerfall der christlichen Religionen etc.) benennt er nicht – wohl, weil sie nicht in sein Schema gepasst hätten. Ebenso bleibt die Technologie praktisch außen vor, obwohl gerade die Medizintechnik und –technologie hier ein Thema gewesen wäre – mit allen Vor- und Nachteilen. Von der Dominanz der Marktwirtschaft und des Kapitalismus, die letztlich die Entwicklungen der Gesellschaft massiv beeinflussen, ganz zu schweigen. Aber vielleicht kann man diese Themen als FAZ-Herausgeber auch nicht wirklich thematisieren... Mehr dazu in einer ausführlichen Besprechung im Bücher-Teil des Polizei-Newsletter unter www.polizei-newsletter.de/books_german.php