Polizei : Newsletter Nr. 77, Juli 2005                                                                                             Verantwortlich: Prof. Dr. Thomas Feltes, Bochum
 1)   Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden ausgeraubt
 2)   Mehr Kriminalität in der Nähe von Nachtclubs?
 3)   Zum Zusammenhang zwischen Intelligenz und der Begehung von Straftaten
 4)   Zum Zusammenhang zwischen der Nutzung städtischer Gebiete und der Häufigkeit von Straftaten
 5)   Vorhersage der Gefängnispopulation in England
 6)   Einbrecher auf Einbruchstour – Interviews mit Straftätern
 7)   eDok-Datenbank
 8)   Krimpedia
 9)   Einführung in die DNA-Analyse
10)  Interkulturelle Kompetenz in der Polizei
11)  Polizeigewalt – Empirische Studie aus den USA
12)  Graduiertenkolleg "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Ursachen, Phänomenologie, Konsequenzen"
13)  JVA-Shop in Niedersachsen
14)  Bericht der Forschungskommission der niedersächsischen Verwaltungsfachhochschule
15)  "Kriminalität als Erzählung"
 
1) Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden ausgeraubt
Unter dieser Überschrift steht ein Beitrag, der sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Verteilung der Viktimisierungschancen in den USA in den letzten 30 Jahren darstellt. Untersuchungsgrundlage waren die Daten der jährlich in den USA durchgeführten Opferbefragung und der Polizeilichen Kriminalstatistik zwischen den Jahren 1974 und dem Jahr 2000. Insgesamt ist in diesem Zeitraum die Kriminalität in den USA zurückgegangen, wobei die Reichen von diesem Rückgang eher profitiert haben als die Armen. Insgesamt hat sich die Opferwerdung in den USA verstärkt auf den Bereich der Armen bzw. der Unterschichtbevölkerung verlagert. Insbesondere im Bereich der schweren Gewaltkriminalität driftet der Unterschied zunehmend auseinander. Im Jahre 2000 war beispielsweise die Chance derjenigen Bürger, die zu dem ärmsten Fünftel der Gesellschaft gehören, dreimal höher Opfer eines schweren Gewaltverbrechens zu werden als die Chance derjenigen, die zu dem obersten Fünftel gehören. Quelle: Thacher, David, „The rich get richer and the poor get robbed: Inequality in U.S. criminal victimization, 1974-2000.” Journal of Quantitative Criminology, 20(2):89-116, 2004.
 
 
2) Mehr Kriminalität in der Nähe von Nachtclubs?
Mit dieser Frage beschäftigte sich eine empirische Studie in den USA, die untersuchte, ob an Stellen, an denen Nachtclubs gegründet wurden, die Kriminalitätsrate anstieg. Im Ergebnis konnte ein solcher Anstieg nicht festgestellt werden; im Gegenteil, die Ergebnisse lassen sogar darauf schließen, dass sich im Umkreis bis zu 1.000-foot (350 m) um solche Nachtclubs herum die Kriminalitätshäufigkeit reduziert hat. Quelle: Linz, Daniel: Land, Kenneth C.: Williams, Jay R.: and others. “An examination of the assumption that adult businesses are associated with crime in surrounding areas: A secondary effects study in Charlotte, North Carolina.” Law & Society Review, 38(1):69-104, 2004.
 
 
3) Zum Zusammenhang zwischen Intelligenz und der Begehung von Straftaten
In einer empirischen Untersuchung wurde der Zusammenhang zwischen (gemessener) Intelligenz und der Begehung von Straftaten untersucht. Im Ergebnis zeigte sich, dass gemessene Intelligenz zwar die intellektuelle Kompetenz vorhersagt, aber nicht Kriminalität. Allerdings wurde ein Zusammenhang zwischen schulischer Kompetenz und der Tatsache, in einer sozial benachteiligten Wohngegend zu wohnen auf der einen Seite und spätere Kriminalität auf der anderen Seite festgestellt. Im Ergebnis sind es die sozialen Faktoren, die mögliche spätere Kriminalität bedingen und nicht die Intelligenz. Quelle: 0947, McCartan, Lisa M.: Gunnison, Elaine. „The IQ/crime relationship: An extension and replication of previous research.“ Journal of Crime & Justice, 27(1):61-86, 2004.; Mit dem gleichen Thema beschäftigt sich eine weitere Studie, in der 1.725 Jugendliche im Alter von 10 Jahren oder älter untersucht wurden. Es handelt sich dabei um eine Längsschnittstudie, die im Jahre 1979 begonnen wurde. Auch hier wurde gezeigt, dass der Effekt von Intelligenz auf kriminelles Verhalten nur sehr indirekt vorhanden ist. Intelligenz wirkt als wichtiger kriminogener Faktor dort, wo er zu niedrigen Schulleistungen beiträgt, die wiederum ursächlich für die Wahrscheinlichkeit sind, eine kriminelle Karriere zu beginnen. Quelle: McGloin, J. M., Pratt, T. C., & Maahs, J. (2004), Rethinking the IQ-delinquency relationship: A longitudinal analysis of multiple theoretical models. Justice Quarterly, 21(3), 603-635.
 
 
4) Zum Zusammenhang zwischen der Nutzung städtischer Gebiete und der Häufigkeit von Straftaten
Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen bestimmten Wohnnutzungen und der Häufigkeit von Straftaten. Im Ergebnis konnte z.B. festgestellt werden, dass dort, wo Schulen vorhanden sind, die Gewaltkriminalität höher ist, wohingegen es in Geschäftsgebieten eher darauf ankommt, wie sich das Umfeld darstellt. Dort wo „öffentliche Unordnung“ das Stadtbild prägt, ist Kriminalität häufiger als in Gegenden, wo dies nicht der Fall ist. Das Vorhandensein von Geschäften begünstigt auch die Rate von Einbrüchen, wobei auch hier die öffentliche Ordnung eine gewisse Rolle spielt. Im Ergebnis gibt es ein Zusammenspiel zwischen bestimmten Nutzungen von öffentlichen Gebieten, dort vorhandener Unordnung und der Kriminalitätsrate. Ein durchaus nicht überraschendes Ergebnis, allerdings weist auch diese Studie darauf hin, dass die sozialstrukturellen Faktoren eine größere Rolle spielen als andere untersuchte. Quelle: Wilcox, Pamela: Quisenberry, Neil; Cabrera, Debra T.: and others. “Busy places and broken windows? Toward defining the role of physical structure and process in community crime models.” Sociological Quarterly, 45(2):185-207, 2004.
 
 
5) Vorhersage der Gefängnispopulation in England
Unter http://www.homeoffice.gov.uk/rds/whatsnew1.html ist das Home Office Statistical Bulletin 01/05  mit „Prison Population Projections 2005 – 2011“, veröffentlicht worden.
 
 
6) Einbrecher auf Einbruchstour – Interviews mit Straftätern
Insgesamt 30 Interviews mit aktiven Einbrechern wurden im Südwesten der USA von den Forschern durchgeführt. Zusätzlich wurden in einer quantitativen Studie 300 des Einbruch-geschädigte und 300 durch Einbruch nicht geschädigte Wohngebiete untersucht. Im Ergebnis zeigt die Studie, dass rationale Entscheidungskriterien die Wahrscheinlichkeit, dass ein Einbruch begangen wird, nicht alleine erklären. Vielmehr geht es sowohl um kognitive, als auch um affektive Prozesse auf Seiten der Einbrecher, die sich wiederum durch rationale Überlegungen, die aus z.B. im Wohnumfeld stammen, ergänzen. Die Studie weist insbesondere auch darauf hin, dass ein großer Prozentsatz der Einbrüche Drogenabhängige sind, für die rationale Entscheidungskriterien eher nachrangig sind. Wirksame Präventionsstrategien müssen sowohl diesen Aspekt als auch den Einfluss von Mittätern auf den Entscheidungsprozess der Einbrecher berücksichtigen. Quelle: Cromwell, Paul; Olson, James N. Breaking and entering: Burglars on burglary. Belmont, CA: Wadsworth, 2004. 122pp. App. Wadsworth Contemporary Issues in Crime and Justice.
 
 
7) eDok-Datenbank
Die Betreiber möchten auf die neu geschaffene europäische polizeiwissenschaftliche Datenbank eDoc aufmerksam machen. Die eDoc-Datenbank http://edoc.cepol.net/ wird in Deutschland vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg http://www.iuscrim.mpg.de/ und der Polizei-Führungsakademie in Münster http://www.pfa.nrw.de/ betreut. Die eDoc-Verbunddatenbank sammelt relevanten polizeiwissenschaftlichen Daten, informiert über Publikationen und Seminare und liefert Informationen zu Themen, die europaweit mit Polizeiwissenschaft in Zusammenhang stehen. Damit die wissenschaftlichen Inhalte der Datenbank gemäß dem europäischen Konzept der Nachhaltigkeit sowie dem der Information und Publizität einem breiten Spektrum an (Fach-)Nutzern zur Verfügung stehen, möchten die Betreiber Ihnen die Möglichkeit von Zugängen zur eDoc-Database einräumen. Kontakt: Andree.vanhoevelaken@gmx.de oder vanhoevelaken@pfa-ms.de Bitte Vor- und Nachnamen und die E-Mailadresse zumailen, Zugänge werden dann umgehend eingerichtet.
 
 
8) Krimpedia
Auf der Seite http://www.kriminologie.uni-hamburg.de/ befindet sich das neue Online-Projekt Krimpedia. Diese freie Enzyklopädie des Hamburger Instituts für kriminologische Sozialforschung befindet sich zwar noch im Aufbau, wird aber durch die Studenten und Lehrkräfte am Institut ständig erweitertet und gepflegt.
 
 
9) Einführung in die DNA-Analyse
Eine 8-seitige, englischsprachige Broschüre informiert vor allem Freunde und die Familie von vermissten Personen über Abläufe bei der DNA-Analyse. Die Broschüre bschreibt, was die DNA-Analyse leisten kann und was nicht. “Identifying Victims Using DNA: A Guide for Families” is available on the National Institute of Justice Web site at http://www.ncjrs.org/pdffiles1/nij/209493.pdf.
 
 
10) Interkulturelle Kompetenz in der Polizei
Die Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg hat eine 68-Seiten starke Broschüre mit Beiträgen von einer Fachtagung im August 2004 zu diesem Thema im Internet bereitgestellt. Quelle: http://www.brandenburg.de/media/1333/1.polizei.pdf bzw. per email steffen.gruenert@masgf.brandenburg.de . Es ist auch eine gedruckte Version erhältlich. (Dank an F.Menzner)
 
 
11) Polizeigewalt – Empirische Studie aus den USA
Die Anwendung von Gewalt durch Polizeibeamte ist in fast allen Ländern ein außerordentlich seltenes und außergewöhnliches Ereignis – ebenso die Anwendung von Gewalt gegen Polizeibeamte. Zwar sind die meisten der Kontakte zwischen Polizeibeamten und Bürgern gewaltfrei, aber diejenigen Kontakte, die mit Gewaltanwendung enden (gleich von welcher Seite) sind häufig Anlass für Diskussionen und spätere Ermittlungs- und ggf. auch Strafverfahren. In einem jüngst erschienen Buch gehen zwei bekannte amerikanische Polizeiforscher der Frage nach, wie sich Polizeigewalt entwickelt. Zu Beginn des Buches stellen die Autoren die internationale Polizeiforschung zum Thema Gewaltanwendung durch Polizeibeamte vor, bevor sie Ergebnisse ihrer eigenen empirischen Studie vorstellen. Um verschiedene Polizeibezirke zu vergleichen, die sie untersucht haben, führen sie als Messfaktor für die Gewaltanwendung den sog. „Force Factor“ (Gewaltfaktor) ein, der die relative Anwendung von Gewalt im Vergleich zu dem Widerstand oder der Gewaltanwendung, die von der Gegenseite ausgeht, darstellen soll. Das Buch beschäftigt sich auch mit dem Ablauf von polizeilichen Gewalthandlungen, und zwar dabei insbesondere aus der Sicht des Verdächtigen. Die Theorie, die bei der Analyse zugrunde gelegt wird, wird von den Autoren als „Authority Maintenance Theory“ bezeichnet, damit meinen die Autoren eine Theorie, wonach polizeiliches Handeln vor allem an der Aufrechterhaltung von Autorität orientiert ist. Ein wichtiges und ein lesenswertes Buch! Quelle: Geoffrey P. Alpert and Roger G. Dunham: Understanding Police Use Of Force. Officers, Suspects, and Reciprocity. Cambridge University Press 2004, Paperback ISBN 0 521 54675 3, 15,99 £ bzw. 22,99 $, gebunden ISBN 0 521 83773 1, 40 £ bzw. 65 $. Eine ausführliche Besprechung des Buches findet sich im Online-Bereich des Polizei-Newsletter unter http://www.polizei-newsletter.de/books_german.php
 
 
12) Graduiertenkolleg "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Ursachen, Phänomenologie, Konsequenzen"
Unter http://www.uni-marburg.de/menschenfeindlichkeit/ findet sich die Homepage des Graduiertenkollegs "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Ursachen, Phänomenologie, Konsequenzen" der Universitäten Marburg und Bielefeld. Geleitet wird dieses DFG-Projekt von Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer und Prof. Dr. Ulrich Wagner. In diesem Graduiertenkolleg wurden Nachwuchswissenschaftler verschiedener Disziplinen aufgenommen (Soziologen, Erziehungswissenschaftler, Politologen, Kriminologen...) deren Projekte vom Antisemitismus über Fremdenfeindlichkeit (auch in der Polizei) und Rechtsextremismus hin zur Vorurteilsforschung und zu Untersuchungen über Zivilcourage reichen.
 
 
13) JVA-Shop in Niedersachsen
In den niedersächsischen Justizvollzugsanstalten sind ca. 6.500 Gefangene inhaftiert. Viele dieser Menschen gehen im Strafvollzug bestimmten Tätigkeiten nach. Die Palette der Tätigkeiten reicht von Arbeiten zum Erhalt der Anstalten bis zur Fertigung qualitativ hochwertiger Produkte. Bestimmte JVAen bieten zudem die Übernahme von Dienstleistungen an. Dieser Shop möchte die Produkte und Dienstleistungen der JVAen der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Erlöse aus dem Produktverkauf dienen dem Erhalt der Anstalten und geben den Gefangenen nach ihrer Haftverbüßung einen finanziellen Spielraum zur Erleichterung ihrer Resozialisierung. http://www.jva-shop.niedersachsen.de/info.htm
 
 
14) Bericht der Forschungskommission der niedersächsischen Verwaltungsfachhochschule
Die Forschungskommission ist eine der ständigen Kommissionen des Senats. Ihre Aufgabe besteht vorrangig in der Förderung und Koordination von Forschungsaktivitäten der Nds. FHVR.  Die Forschungskommission schreibt alljährlich fakultätsübergreifend finanzielle Mittel und Freistellungen in der Regellehrverpflichtung aus. Die Forschungskommission erstellt zudem alljährlich die Forschungsdokumentation (u.a. Projektarbeiten, Veröffentlichungen, Vorträge der Mitarbeiter/innen der FHVR) und organisiert in größeren zeitlichen Abständen die Forschungsevaluation der FHVR. Im Internet ist eine Übersicht der 2005 geförderten Forschungsprojekte sowie ein Forschungsbericht für 2004 verfügbar. Quelle: http://www.fhvr.niedersachsen.de/ direkter link zum Forschungsbericht 2004 : http://www.fhvr.niedersachsen.de/uploads/media/Forschung_2004.pdf
 
 
15) "Kriminalität als Erzählung"
In diesem Beitrag, der im Online-Bereich des PNL zum download bereit steht, thematisiert der Autor (Jochen-Thomas Werner, Dozent an der niedersächsischen Polizeihochschule - vor einem kulturanthropologischen Hintergrund - das Problem sich gegenseitig ausschließender Beobachterverhältnisse. Er stellt dar, vor welchen erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten kriminalpräventive Akteure gestellt sind, wenn sie ihre eigenen Umweltbeobachtungen bei ihrem kriminalpräventiven Handeln berücksichtigen müssen.