Polizeiwissenschaft : Newsletter
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Polizeiwissenschaft : Newsletter Nr. 209, Juli 2017
 
Der Polizeiwissenschaft : Newsletter ist ein Kooperationsprodukt von TC TeamConsult, Genf/Zürich (CH) und Freiburg i. Br. (D) www.tc-teamconsult.com und dem Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft der Universität Bochum (Prof. Dr. Thomas Feltes), http://www.kriminologie.ruhr-uni-bochum.de/ sowie den Masterstudiengängen Kriminologie und Polizeiwissenschaft und Criminal Justice, Governance and Police Science an der Ruhr-Universität Bochum.
 
1) Krieg gegen Polizisten?
2) Die Skepsis gegenüber Einwanderung hat zugenommen
3) Flüchtlinge als Opfer
4) Das Stadtviertel als Kontext bei schwerwiegenden Angriffen auf die Polizei
5) Tote durch Polizeischüsse in Deutschland
6) Bewertung der Wirksamkeit gezielter Tötungen bekannter Terroristen im “Krieg gegen den Terror”
7) Grundrechte-Report 2017
8) Polizieren von psychischen Problemen in Kriminalitätsbrennpunkten
9) Was in der Verbrechensprävention und Resozialisierung funktioniert
10) Die Wirksamkeit von Einbruchsschutzvorrichtungen
11) Polizei und Fremdenfeindlichkeit
12) Kampagne für positive Polizeiarbeit
13) Gewalt gegen Einsatzkräfte
14) Forschungsprojekte zum Thema „Flucht und Integration“
15) Verfahrensgerechtigkeit als Indikator für Vertrauen in Polizeiarbeit
16) Anzeigeverhalten von Migranten
17) Schikanen gegen Fußballfans
18) Aktualisierung von "Kriminalität und Kriminalitätskontrolle in Deutschland"
19) Begrenzter Erkenntnisgewinn durch Neurokriminologie
20) Wann verbreiten wir fremde Meinungen weiter?
21) Psychische Erkrankungen nehmen zu
22) Interview mit Thomas Feltes zum Dilemma zwischen Sicherheit und Freiheit
23) Stellenausschreibung: Wissenschaftl. Mitarbeiter/in (3 Jahre - Ruhr-Universität-Bochum)

 
1) Krieg gegen Polizisten?
Die Polizeibehörden in den USA sehen sich gegenwärtig mit einer größeren Legitimitätskrise konfrontiert, die aus einer Häufung von vielbeachteten Gewaltanwendungsvorfällen herrührt, in die oft Bürger ethnischer Minderheiten verwickelt waren. Aktuelle Überschriften weisen darauf hin, dass gerade ein „Krieg gegen Polizisten“ stattfindet und dass Polizisten vermehrt Feindschaft und Gewalt gegenüberstehen, die von einer Anti-Polizei-Stimmung angeheizt werden. Eine Studie, die eine Zeitreihenanalyse anwandte, erbrachte jedoch mit Stand vom März 2016 keinen Nachweis für einen „Ferguson-Effekt“ auf die Zahl der im Dienst ermordeten amerikanischen Polizeibeamten. http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/07418825.2016.1236205
 
 
2) Die Skepsis gegenüber Einwanderung hat zugenommen
Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die Willkommenskultur in Deutschland ihren ersten großen Stresstest bestanden hat, aber Einwanderung wird heute kritischer gesehen als in den Befragungen der Jahre 2012 und 2015. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=435
 
 
3) Flüchtlinge als Opfer
Menschen, die versuchen auf der Suche nach Schutz und Würde in die EU einzureisen, werden routinemäßig von Gesetzeshütern in Ländern des westlichen Balkans schmählich behandelt. Staatsangestellte, die für die Aufrechterhaltung von Grundrechten verantwortlich sind, setzen Menschen stattdessen Gewalt und Einschüchterung aus und verweigern denjenigen Zugang zu Asylverfahren, die internationalen Schutz suchen. https://www.oxfam.de/system/files/balkan-bericht_a_dangerous_game_0.pdf
 
 
4) Das Stadtviertel als Kontext bei schwerwiegenden Angriffen auf die Polizei
Es gibt zwar Nachweise für strukturelle soziale Faktoren, die Gewalt gegen die Polizei beeinflussen, aber nur wenige Studien erkunden dieses Phänomen räumlich mit geografischen Verdichtungen, die kleiner als die Stadtebene sind. Karten zeigen, dass Vorfälle die Tendenz haben, räumlich nah beieinander zu liegen und multivariate Analysen deuten an, dass konzentrierte Benachteiligung und Notrufe, allerdings keine weiteren Indikatoren, signifikant mit Gewalt gegen die Polizei zusammenhingen. Um Angriffe mit Verletzungsfolgen auf die Polizei zu verringern, könnte die Polizeiverwaltung den Fokus auf nachbarschaftliche Polizeiarbeitsbemühungen verschieben. Die Polizei kann zwar keine Armut und andere strukturelle soziale Probleme auslöschen, aber sie sind in der einzigartigen Lage, mit einer Reihe von örtlichen Regierungsbehörden zusammenzuarbeiten, um die Sorgen einer Gemeinschaft zu lindern. http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10439463.2017.1333120
 
 
5) Tote durch Polizeischüsse in Deutschland
Alle fünfeinhalb Wochen wird in Deutschland ein Mensch von Polizisten erschossen. Ein Dossier der taz stellt die Fakten zusammen und bewertet sie. Nach Recherchen der taz starben in Deutschland seit 1990 mindestens 269 Menschen durch Polizeischüsse. Fast alle Opfer sind Männer, nur selten haben sie selbst eine Schusswaffe. Und immer häufiger trifft es Menschen mit psychischen Erkrankungen https://taz.atavist.com/polizeitote#chapter-1957584
 
 
6) Bewertung der Wirksamkeit gezielter Tötungen bekannter Terroristen im “Krieg gegen den Terror”
Seit den Angriffen am 11. September 2001 und dem daraus folgenden „Krieg gegen den Terrorismus“ hat sich die US-Regierung einer Reihe von kontrovers diskutierten Anti-Terror-Strategien bedient. Diese Studie stellte fest, dass diese Arten von Tötungen überwiegend vernachlässigbare Ergebnisse hervorbrachten. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1745-9133.12274/full
 
 
7) Grundrechte-Report 2017
Im Mai 2017 stellten acht deutsche Bürger- und Menschenrechtsorganisationen den neuen Grundrechte-Report vor. Der Bericht listet in 41 Beiträgen verschiedener Autor/innen die Defizite (und einen kleinen Fortschritt) in der Anerkennung und Durchsetzung einzelner Grundrechte in Deutschland auf. Das Buch ist ab sofort zu beziehen unter http://www.grundrechte-report.de
 
 
8) Polizieren von psychischen Problemen in Kriminalitätsbrennpunkten
Die Polizei kommt oft in Kontakt mit Menschen, die an psychischen Krankheiten leiden und Probleme mit Substanzmissbrauch haben und es gibt Hinweise, die andeuten, dass sich diese Personen auf kleine geografische Bereiche konzentrieren. Der Zweck der gegenwärtigen Untersuchung ist es, eine proaktive Herangehensweise (Polizist zusammen mit psychologischer Fachkraft) vorzustellen, welche die in den Kriminalitätsbrennpunkten konzentrierten psychischen Probleme angeht. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=436
 
 
9) Was in der Verbrechensprävention und Resozialisierung funktioniert
Vor erst vier Jahrzehnten war das vorherrschende Narrativ in der Verbrechensprävention und Resozialisierung, dass nichts funktioniert. Seitdem haben Kriminologen eine Fülle an Beweisen zu Programmen und Praktiken in systematischen Auswertungen herangetragen. Der Artikel fasst zusammen, was in sieben breit gefassten Bereichen des Strafrechts bekannt ist und stützt sich dabei auf 118 systematische Auswertungen. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1745-9133.12298/abstract
 
 
10) Die Wirksamkeit von Einbruchsschutzvorrichtungen
Diese Studie misst die Wirksamkeit von Anti-Einbruchsschutzvorrichtungen sowohl einzeln als auch kombiniert. Sie stellte fest, dass bei Einzelvorrichtungen Außenlichter und doppelte Türschlösser oder Sicherheitsverriegelungen am wirksamsten sind, aber Alarmanlagen und Alarmanlagenattrappen bieten weniger Schutz als gar keine Sicherheitsanlagen. Kombinationen insbesondere aus Tür- und Fensterschlössern plus Außenlichter oder Sicherheitskette bieten mindestens 20 Mal so viel Schutz gegen erfolgreichen Einbruch als gar keine Sicherheitsvorkehrungen. https://link.springer.com/article/10.1057/sj.2014.30?wt_mc=alerts.TOCjournals
 
 
11) Polizei und Fremdenfeindlichkeit
In der Polizeiforschung sind die vorherrschenden Erklärungen, warum Polizeibeamte fremdenfeindliche Einstellungen haben, meist in kulturelle oder politische Rationalisierungen gekleidet. Dieser Artikel basiert auf einer ethnografischen Studie dänischer Kriminalbeamter und ihrer auffälligen Negativität gegenüber ausländischen Verdächtigen und bietet eine weitere Erklärung für die Fremdenfeindlichkeit. Er zeigt, wie Ressentiments nicht nur von kulturellen Vorurteilen oder der Politik geschürt werden, sondern auch von der Art und Weise wie Ausländer ganz gewöhnliche, aus Polizeisicht jedoch geschätzte, Arbeitspraktiken verkomplizieren. http://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1362480617707947
 
 
12) Kampagne für positive Polizeiarbeit
„Sie hat sich Zeit genommen um mir zuzuhören, selbst wenn ich vier Stunden zum Erklären gebraucht habe.“ – Hier beschreibt ein junger Mensch positives Verhalten der Polizei. Die britische Children’s Society hat eine Kampagne namens „Big Up The Bill“ (dt. Respektier die Polizei) gestartet, um gute Beispiele polizeilicher Arbeit hervorzuheben. Die Kampagne möchte die Aufmerksamkeit darauf lenken, welch großen Unterschied ein engagierter, einfühlsamer und verständnisvoller Polizeibeamter im Leben eines Kindes machen kann. Mit diesem Ziel hat die „Big Up The Bill“-Kampagnengruppe Tipps für die Polizei erarbeitet, wie man besser mit Kindern und jungen Menschen zusammenarbeiten kann. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=437
 
 
13) Gewalt gegen Einsatzkräfte
In Kooperation mit dem Land NRW, der Unfallkasse NRW und der komba gewerkschaft nrw führt der Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft ein Forschungsprojekt zum Thema „Gewalt gegen Einsatzkräfte der Feuerwehren und Rettungsdienste in NRW“ durch. 4000 Einsatzkräfte werden zu ihren Gewalterfahrungen befragt. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=438
 
 
14) Forschungsprojekte zum Thema „Flucht und Integration“
Das Land Nordrhein-Westfalen fördert verschiedene Forschungsprojekte zum Thema „Flucht und Integration“. Eine Übersicht über die aus verschiedenen disziplinären Perspektiven behandelten Forschungsfragen findet sich auf einer eigens eingerichteten Website, auf der auch Kurzbeschreibungen der Projekte abgerufen werden können: http://www.connectnrw.de/de/Foerderlinie_MIWF.php.
 
 
15) Verfahrensgerechtigkeit als Indikator für Vertrauen in Polizeiarbeit
In der polizeiwissenschaftlichen Forschung wird verstärkt darauf hingewiesen, dass die Wahrnehmung der Polizei stark davon abhängt, als wie gerecht die polizeiliche Arbeit empfunden wird. Das Konzept der „procedural justice“ wurde empirisch vornehmlich in westlichen Demokratien getestet. Eine aktuelle Untersuchung aus Nigeria bestätigt die These nun auch für Regionen mit einem eher schwachen sozialen Zusammenhalt und zeigt erneut, dass die (empfundene) Legitimität polizeilichen Handelns ein entscheidender Faktor in Polizei-Bürger-Beziehungen ist. http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/10439463.2015.1077836
 
 
16) Anzeigeverhalten von Migranten
Eine US-Studie befasst sich mit Einflussfaktoren auf das Anzeigeverhalten von Migranten. Grundsätzlich wurde eine hohe Bereitschaft ermittelt, Straftaten bei der Polizei zur Anzeige zu bringen. Als entscheidend für das tatsächliche Anzeigeverhalten wurden Kriminalitätsfurcht und Zufriedenheit mit der Polizei identifiziert. http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10439463.2015.1040795
 
 
17) Schikanen gegen Fußballfans
Bereichsbetretungsverbote und Meldeauflagen werden zunehmend gegenüber Fußballfans ausgesprochen. Beide Maßnahmen sind zur Anwendung gegen einzelne Personen gedacht, um durch die Auflage möglicherweise eine Gefahr für andere abzuwehren bzw. eine Straftat zu verhindern. Anfragen im Landtag NRW dazu wurden teilweise nicht beantwortet, so z.B. wie viele "Empfehlungen" die nordrhein-westfälischen Polizeibehörden an Ordnungsämter und Polizeien in den anderen Bundesländern geben, damit diese bei Auswärtsspielen den Fans aus NRW Betretungsverbote nebst Gebührenbescheiden zustellen. Andere Antworten der Landesregierung zu Meldeauflagen und Gefährderansprachen: http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=439 ; alle Anfragen zusammengestellt: http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=440 http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=441 ; zu Bereichsbetretungsverboten: http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=442 ; Alle Fragen und Antworten zusammengestellt: http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=443 http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=444
 
 
18) Aktualisierung von "Kriminalität und Kriminalitätskontrolle in Deutschland"
Die Aktualisierung der von Wolfgang Heinz immer wieder neu zusammengestellten Materialien ist verfügbar unter http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=445
 
 
19) Begrenzter Erkenntnisgewinn durch Neurokriminologie
Die Ergebnisse der Neurowissenschaften besitzen wegen vermeintlich exakter Messungen große Strahlkraft auf die kriminologische Forschung. Gleichwohl sind viele Zusammenhänge nach wie vor zu unklar, um tatsächlich Rückschlüsse auf menschliches Verhalten zuzulassen. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=446
 
 
20) Wann verbreiten wir fremde Meinungen weiter?
Eine aktuelle Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Charité gibt Aufschluss darüber, wann und warum Menschen die Meinungen anderer weiterverbreiten. Es konnte gezeigt werden, dass sich Urteile zwischen direkten Kontakten verbreiten können, ähnlich wie infektiöse Krankheiten. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=447
 
 
21) Psychische Erkrankungen nehmen zu
Laut einer aktuellen Studie nimmt die Zahl der psychischen Erkrankungen zu. Rund 60 Prozent der für die Studie befragten Arbeitnehmervertreter gaben an, dass die Beschäftigten ihres Unternehmens massiv unter Zeitdruck und hoher Arbeitsintensität litten. https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_33_2016.pdf


 
 
22) Interview mit Thomas Feltes zum Dilemma zwischen Sicherheit und Freiheit
In dem Interview mit dem katalanischen Blog Notes des seguretat geht es um private Sicherheitsdienste, welche Aufgaben der Staat in Bezug auf private Sicherheitsdienste hat und um die Flüchtlingsthematik.
https://notesdeseguretat.blog.gencat.cat/category/english/
 
 
23) Stellenausschreibung: Wissenschaftl. Mitarbeiter/in (3 Jahre - Ruhr-Universität-Bochum)
Am Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft (Prof. Dr. jur. Thomas Feltes, M.A.) ist zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine Stelle als wissenschaftliche/r Mitarbeiter/in (TV-L 13) mit 75% der regulären Arbeitszeit zu besetzen. Die Stelle ist auf drei Jahre befristet. http://www.polizei-newsletter.de/links.php?L_ID=448