Daniela Hunold – Polizei im Revier – Polizeiliche Handlungspraxis gegenüber Jugendlichen in der multiethnischen Stadt

366) Hunold, Daniela (2015); Polizei im Revier – Polizeiliche Handlungspraxis gegenüber Jugendlichen in der multiethnischen Stadt; Schriftenreihe des May-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht, Band K 168, Berlin

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Mit ihrer Dissertation „Polizei im Revier“ bereichert Daniela Hundol die empirische Polizeiforschung in Deutschland um eine äußerst komplexe ethnografische Beschreibung polizeilichen Alltagshandelns.  Ihre Arbeit verbindet eine sozialgeographische und eine ethnographische Perspektive zu einer im besten Sinne des Wortes „Revier- und Milieustudie“. Der detaillierte Blick und die Genauigkeit ihrer Beobachtungen beeindrucken den Leser bis zum Schluss. Eine derart intensive Beschreibung des Polizeialltags ist auch heute noch alles andere als selbstverständlich und so ist es gut, dass es dieses Buch nun gibt.

 

Gleich im ersten Kapitel (Die Polizei in der diversifizierten Gesellschaft) stellt sich die Autorin der gegenwärtig am meisten prekären Frage, ob nämlich die Kontrollpraktiken der deutschen Polizei ethnischen Minderheiten gegenüber diskriminierend sind oder nicht. Derzeit wird dieser Vorwurf unter dem Rubrum „ethnic profiling“ oder auch „racial profiling“ ja durchaus hörbar erhoben, z.B. von amnesty international.  Sie kommt dabei zu dem Schluss, dass in ihrem Beobachtungsspektrum eine massive Ungleichbehandlung nicht zu bemerken war.

Die Beschreibung ihres Untersuchungsgebietes und des Forschungsdesigns im zweiten und dritten Kapitel sind mehr als eine Markierung des Gegenstands und der Methode: Hunold versteht es, auch diesen Teil schon ethnographisch zu verdichten, und so entsteht vor den Augen des Lesers ein Geflecht aus Kontroll- aber auch Sozialbeziehungen – vor allem aber ein Bild von der Empathie der Forscherin mit ihrem polizeilichen Umfeld. Es gehört zu den großen Zufallsfunden der qualitativen Forschung, wenn ein Polizeibeamter im Interview beispielsweise sagt: „… das polizeiliche Gegenüber ist als Mensch (…) zu achten“ (S. 92). Eigentlich könnte das Buch auch so überschrieben sein. Es kommt in dem Satz ganz wunderbar zum Ausdruck, was auch die ganze Arbeit durchzieht: Tiefe Einblicke in die Lebens- manchmal auch Gedankenwelten der Polizisten, die nicht immer ganz widerspruchsdrei sind, die aber weit unspektakulärer und doch authentischer sind als Ergebnisse von Onlinebefragungen. Auch in diesen Passagen zeigt sich deutlich das hohe Einfühlungsvermögen der Forscherin in ihr Beobachtungsfeld. Polizisten bemühen sich, ihren Dienst so zu gestalten, dass sie zwar Herren der Lage bleiben, aber dass sie mit ihrer Klientel auch ein Auskommen haben. In der Untersuchung spielen Jugendliche eine ganze zentrale Rolle (Kapitel 4: „Polizei und Jugendliche im Revier“). Ihnen gelten überproportional häufige Kontrollaktivitäten (Kap. 4.2.1: „Jugendliche als Verdächtige: proaktive Kontrollen“).  Hunold beschreibt diese Strategie als  „Kontrollpraxis in einer Kultur der Zurückhaltung“ (S. 120), allerdings ohne genauer darauf einzugehen, was mit „Kultur der Zurückhaltung“ gemeint ist. Jedenfalls erscheint „Jugend“ hier sowohl als bevorzugte Kohorte für Kontrolltätigkeiten als auch als Gegenstand polizeilicher Fürsorge.

Im sechsten und damit letzten Kapitel („Situative und sozialraumorientierte Polizeipraxis“) wird die Hauptthese noch einmal aufgenommen: Hunold sieht keine ethnische Diskriminierung „innerhalb der Bürgerpolizei“ (S. 213 – auch hier wäre eine Kontextualisierung des Begriffs hilfreich gewesen) und begründet das auch nachvollziehbar. Sie kann aber überzeugend darlegen, dass die Arbeit in einem abgegrenzten „Revier“ einer sehr viel komplexeren und differenzierteren Kontroll-Logik folgt als sie im „ethnic profiling“-Vorwurf zum Ausdruck kommt. Aber das gilt, wie gesagt, vor allem im „sozialökologischen Kontext“ (wie das fünfte Kapitel überschrieben ist) eines Wohnquartiers.

Man kann sich nach der Lektüre des Bandes zwar fragen, ob Polizeiarbeit im Revier tatsächlich weniger diskriminierend ist, oder ob sich lediglich die Etikettierungsdimensionen ändern, ob also statt „Ethnie“ nun Zugehörigkeit-Nichtzugehörigkeit, Bekanntheit-Unbekanntheit, Männlichkeit-Weiblichkeit, Jugendlichkeit-Nichtjugendlichkeit eine Rolle für Kontrollaktivitäten spielen, ob man also statt „ethnic-profiling“ nunmehr „social profiling“ einsetzen müsste. Dieser Frage geht die Autorin nicht nach, sie liefert aber zahlreiche Ideen für das eigene Nach- und Weiterdenken.

Insgesamt geht die Autorin sparsam mit Begriffserläuterungen um (z.B. zur „Kultur der Zurückhaltung“), das erfordert, insbesondere  in den letzten beiden Kapiteln, eine zusätzliche Verstehensanstrengung. Trotzdem ist das Resümee beeindruckend, denn es zeigt, dass allein die „Bürgernähe“ noch keine Garantie für diskriminierungsfreie Polizeiarbeit ist. Vielmehr führt auch das, wenn auch unbeabsichtigt, zu einer „Ungleichbehandlung von Personengruppen“ (S. 220). Hierüber, so ihr abschließendes Statement, muss mehr geforscht und nachgedacht werden.

Es bereitet, nicht nur unter polizeiwissenschaftlichen, sondern auch unter literarischen Gesichtspunkten, ein außerordentliches Vergnügen, sich mit der Autorin auf die Arbeits- und Lebenswelt der Polizistinnen und Polizisten einzulassen. Insbesondere die immer wieder eingearbeiteten Interview- und Beobachtungspassagen lockern nicht nur den Text auf, sondern steigern auch die Authentizität des Inhalts.

Hunolds Erkenntnisse werden die deutsche empirische Polizeiforschung beeindrucken und hoffentlich auch nachhaltig beeinflussen.

Rezensiert von: Rafael Behr

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