Hrsg. Jonas Grutzpalk – Polizeiliches Wissen. Formen, Austausch, Hierarchien

Hrsg. Grutzpalk, Jonas; Polizeiliches Wissen. Formen, Austausch, Hierarchien; 213 Seiten, Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt am Main, 2016, ISBN 978-3-86676-455-2, 24,90 €

Der Sammelband vereint sieben Aufsätze, eine Einleitung des Herausgebers sowie Autorenhinweise. Ausweislich der Einleitung umfasst die inhaltliche Struktur die drei Bereiche Wissensformen, Wissensaustausch und Wissenshierarchien. Die ersten beiden Aufsätze von Grutzpalk und Hunold sind der Kategorie Wissensformen zuzuordnen. Grutzpalks Aufsatz, der längste in diesem Sammelband, beruht auf einem Forschungsprojekt, das eine Bestandsaufnahme des polizeilichen Wissens zum Gegenstand hatte. Methodisch nahm die Untersuchung Bezug auf die Akteurs-Netzwerk-Theorie. Die Feldphase fand bei zwei Polizeidienststellen (Wach- und Wechseldienst) im Jahr 2014 in Nordrhein-Westfalen statt. In seinem anschaulichen und gut zu lesendem Aufsatz informiert der Autor beispielsweise über Zuverlässigkeitswissen, Improvisationswissen, maschinell gespeichertes Wissen, hierarchisch gesteuertes Wissen … und erklärt beiläufig den Stellenwert von Desinfektionscreme für die Beamtinnen und Beamten. Der folgende Beitrag von Daniela Hunold basiert auf einer quantitativen Befragung von Polizistinnen und Polizisten, die Bestandteil der Dissertation der Autorin waren (vgl. Hunold 2016). In dem Aufsatz stellen Raum, Polizei und Wissen die Schlüsselbegriffe dar, für die einleitend ein Grundverständnis erzeugt wird, dessen Komplexität nicht erst mit Blick auf das bemerkenswerte Literaturverzeichnis deutlich wird. Im Vordergrund steht die Frage, wie die Polizei Raumwissen konstruiert und transportiert. Die drei folgenden Beiträge von Howe, Lehmann und Creemers zählen zur Kategorie Wissensaustausch zwischen Polizisten und Nichtpolizisten. „Flanierende Polizeiarbeit  im Quartier“ ist der Titel der Arbeit von Christiane Howe. In ähnlicher Form erschien dieser Aufsatz kürzlich in einem weiteren Sammelband des Verlages für Polizeiwissenschaft (Empirische Polizeiforschung XX: Polizei und Minderheiten, hrsg. von Karlhans Liebl, Frankfurt am Main, 2017; zum Inhalt siehe dort). Die beiden Aufsätzen zugrunde liegende Untersuchung erzielt mit der Bezugnahme auf das polizeiliche Wissen einen größeren Erkenntnisgewinn als bei der Schwerpunktsetzung auf das Thema Polizei und Minderheiten. Dennoch wäre interessant zu wissen, worin sich das Wissen der Milieu-Fußstreifen von dem der im Viertel ansässigen Händler oder sonstiger Vor-Ort-Experten unterscheidet. Howe weist immer wieder auf die Bedeutung der mündlichen Kommunikation hin und leider kann ein Aspekt nicht näher vertieft werden, der durchaus typische Verwaltungsprozesse beschreibt, wenn Berichte zunächst elektronisch (!) an die Kriminalpolizei übermittelt werden, um danach für die eigenen Unterlagen ausgedruckt zu werden. Die Sachbearbeiter „heften sie chronologisch nach dem Aktenzeichen in einem offiziellen Ordner ab“ (S. 92). Creemers widmet sich in seiner explorativen Untersuchung dem Wissen und dem Verdacht und rückt hier die polizeilichen Datenbanken und -analysetools in der Fokus. Die Wahl des Untersuchungsgegenstandes verdient hohe Aufmerksamkeit und es verwundert nicht, dass die Bezugnahme auf Datenbanksysteme zur politischen motivierten Kriminalität Einschränkungen beim Feldzugang mit sich brachten. Die Untersuchung bleibt in weiten Teilen generalisierend und (offenbar) mangels eines breiter angelegten Feldzugangs werden einige zu kritisierende Aspekte und Defizite der polizeilichen Datenverarbeitung und -analyse nicht aufgegriffen.

Deutschland übernahm die Führungsrolle beim Wiederaufbau der Polizei in Afghanistan. In der Folge begaben sich etliche Polizisten auf Auslandsmission. Daran anknüpfend untersucht Lena Lehmann, was die Bundeswehr und die Polizei voneinander wissen. Der deskriptive Teil ist durchaus informativ, doch sind es dann die Hinweise auf verschiedene Wissensformen (S. 145 ff), beispielsweise unter Bezugnahme auf Arbeiten von Polanyi (1985), die den Aufsatz besonders lesenswert machen. Dabei ist einiges zu erahnen, was über polizeiliches Wissen noch untersuchungswert ist. Barthel/Heidemann, beide an der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) tätig, befassen sich auf der Grundlage der Ergebnisse einer Forschungswerkstatt mit zehn Masterstudierenden mit der Autorität polizeilicher Führungskräfte. Der Aufsatz zählt als einziger zu der Kategorie der Wissenshierarchien und nimmt Bezug auf Masterarbeiten der DHPol, wobei für den nichtpolizeilichen Leser immer (wieder einmal) unklar bleibt, ob bzw. welche dieser Arbeiten überhaupt zugänglich und damit auch nachvollziehbar sind. Die schmälert nennenswert den Nutzwert dieses Aufsatzes. In einer kurzen Zusammenfassung schreiben die Autoren zudem: Soweit an dieser Stelle der Überblick hinsichtlich der anspruchsvollen [Hervorhebung durch K.L.] Forschungsarbeit, die im Zuge der Masterarbeiten an der DHPol zu gewährleisten war“ (S. 172). Haben es die Autoren der DHPol nötig, den Anspruchsgehalt ihrer Masterarbeiten noch hervorheben zu müssen … und dies vor dem Hintergrund, dass dies für die meisten Rezipienten gar nicht nachprüfbar ist? In dem letzten (und auch kürzesten) Beitrag des Sammelbandes befasst sich Rainer Schützeichel mit Gewalt gegen Polizeibeamte. Es wird deutlich, dass es zu den „situativen Interaktionsdynamiken der Gewalt“ (S. 200) noch zu wenig empirische Untersuchungen gibt. Der Beitrag steht erkennbar außerhalb der einleitend genannten drei Kategorien Wissensformen, Wissensaustausch und Wissenshierarchien, in dem er sich mit Untersuchungspotenzialen eines (die Polizei unmittelbar betreffenden)  Kriminalitätsphänomens befasst. Der Wissensbezug steht hier im Zusammenhang mit der gewaltsoziologischen Frage, welchen Beitrag die Polizei im Rahmen ihrer Interaktion leistet.

Da verschiedene Aufsätze gute Anknüpfungspunkte für weitere Überlegungen anbieten, hätten sich abschließende Anmerkungen, z.B. des Herausgebers, angeboten. Ungeachtet dessen handelt es sich um einen vielfältig zusammengestellten Sammelband, der unterschiedliche Facetten polizeilichen Wissens aufzeigt und erkennen lässt, dass noch reichlich Untersuchungspotenziale für die Polizeiwissenschaft zur Verfügung stehen – beispielsweise zu der Frage, wie die Polizei ihr Wissen kriminalpolitisch verwendet. Hervorzuheben ist die Intention des Verfassers, keinen einheitlichen Wissensbegriff vorauszusetzen, so dass die Autoren dahingehend mit eigenen Begriffen argumentieren konnten. In seiner Einleitung weist Jonas Grutzpalk zudem auf eine wesentliche Verbindung zwischen dem polizeilichen Wissen und dem Vertrauen in die Polizei hin. Inwiefern dieses Vertrauen beständig bleibt, wenn die Polizei zunehmend Algorithmen und damit künstliche Intelligenz einsetzt, bleibt abzuwarten. Ähnlich wie bei dem im gleichen Verlag erschienen Buch „Polizei und Minderheiten“ ist allerdings auf Mängel beim Korrektorat hinzuweisen.

Verwendete Literatur

Hunold, D.: Polizei im Revier – polizeiliche Handlungspraxis gegenüber Jugendlichen in der multiethnischen Stadt, Berlin, 2016

Polanyi, M.: Implizites Wissen, Frankfurt am Main, 1985

Rezensiert von: Karsten Lauber

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