Stefan Goertz – Islamistischer Terrorismus. Analyse – Definitionen – Taktik

Goertz, Stefan Dr.[1]; „Islamistischer Terrorismus. Analyse – Definitionen – Taktik.“[2]; ISBN: 978-3-7832-0051-5, 194 Seiten, C. F. Müller Verlag, Heidelberg, Schriftenreihe „Grundlagen der Kriminalistik“, 2017, 24.99 €

Der Autor hat sich öffentlich wahrnehmbar vor allem in den vergangenen neun Monaten des „brandaktuellen“ Themas „islamistischer Terrorismus“, zuletzt mit dem bei C. F. Müller herausgegebenen Buch, darüber hinaus in zahlreichen Beiträgen für polizeiliche Fachzeitschriften und für das Jahrbuch Öffentliche Sicherheit (JBÖS) angenommen und es in vielen seiner Facetten umfänglich zu analysieren versucht, wie man schon an dem nachfolgenden kurzen Rechercheergebnis erkennen kann:

Goertz sucht einen aktuellen Bezug und widmet das Buch daher den Toten und Verletzten des Anschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz vom 19.12.2016 sowie deren Angehörigen. Die Radikalisierung des Attentäters, die Vorbereitung des Attentats und mögliche Versäumnisse der Polizei- und Verfassungs­schutzbehörden bei der Früherkennung und Aufar­beitung des Geschehens beschäftigte lange Zeit den Landtag in NRW[3], da Amri bis zuletzt in NRW gemeldet war und aktuell immer noch den Berliner Senat, der gerade einen Zwischenbericht des eigens eingesetzten „Sonderbeauftragten“ vorgelegt hat. Insofern ist das vorgelegte Buch ein zusätzlicher und durchaus bedeutsamer Beitrag – insbesondere für die Zielgruppe der Studenten und Praktiker der Inneren Sicherheit, wie der Autor in seinem Vorwort betont -, „das Phänomen islamistischer Terrorismus (treffend zu) analysieren und aus Sicht der Sicherheitsbehörden strategisch und taktisch angemessen darauf reagieren zu können.“

Das Buch gliedert sich nach einer kurzen Einleitung in vier Hauptkapitel[4], beginnend mit den notwendigen Einordnungen und Definitionen (“Phänomenologie“) und fragt sodann in ätiologischer Annäherung nach den Akteuren und in dieser Hinsicht wirksamen Radikalisierungsprozessen und –faktoren auf den drei Ebenen „religiös-politische Ideologie“, „sozialer Nahbereich / Milieu“ und – abseits der „realen“ Welt –  „einschlägige Angebote im Internet“. Danach folgt die Frage nach der „Strategie und Taktik“ des islamistischen Terrorismus, der Goertz am Beispiel zahlreicher Anschläge in Europa nachgeht. Zuletzt und vor der das Buch abschließenden Zusammenfassung analysiert der Autor präventive wie auch verwaltungsrechtliche und repressive staatliche wie auch ergänzende gesellschaftliche Maßnahmen, die dabei helfen sollen, dem Phänomen erfolgreich zu begegnen. Goertz resümiert diesbezüglich m. E. ein wenig zu prägnant, dass

„Terrorismus (…) abgewehrt und bekämpft und gesamtgesellschaftlich besiegt werden könne, wozu allerdings eine Interaktion und Kooperation zahlreicher staatlicher und nichtstaatlicher Akteure nötig sei.“ Vor allem hält er hierfür staatlicherseits (allerdings sehr allgemein formuliert) eine „ressortübergreifende Bündelung von Ressourcen und Strukturen“, vor allem der „Sicher­heitsstrukturen, die immer noch dem Sicherheitsparadigma der Unterscheidung von innerer und äußerer Sicherheit des 20. Jahrhunderts folgen“, für erforderlich.

Allerdings räumt er dankenswerterweise auch auf mit den (zu) einfachen, aber lange Zeit als scheinbar schlüssige Erklärung für islamistischen Terrorismus dienenden Erklärungs­theoremen, „islamistische Terroristen seien psychisch krank“ und / oder „sozio-ökonomische Faktoren, wie niedrige Bildung, Arbeitslosigkeit und Armut formen Islamisten und islamische Terroristen“. Die Ursachen für das Phänomen sind vielmehr höchst vielschichtig und erfordern ebenso tiefgreifender und vor allem disziplin- und spartenübergreifender Analyse. Einen einfachen Universalschlüssel für dieses komplizierte Schloss gibt es leider nicht und auch der Autor kann trotz immer wieder sichtbar werdender profunder Expertise und individueller Analysefähigkeit diese Herkulesaufgabe in seinem Lehrbuch nicht lösen. Vor allem im Fazit wünscht man sich nach z. T. schlüssiger und daher überzeugender Analyse etwas mehr als zwar umfängliche aber meist nur stichpunktartig vorgetragene Allgemeinplätze.

Dennoch, Goertz hat in dem Buch für seine Zielgruppe – Studenten und Praktiker der Inneren Sicherheit – eine Art modulares Baukastensystem entwickelt. Damit soll dem Leser ein Einstieg auf zwei verschiedenen Ebenen ermöglicht werden, entweder auf der „theoretisch-begrifflichen“ Ebene (mit dem Definitionskapitel) oder eben „empirisch-praktisch“ über das Kapitel „Strategie und Taktik“. Dies ist auch der eigentlich neue Ansatz für ein derartig zielgruppenorientiertes praktisches „Lehrbuch“, welcher den Unterschied zu den unübersichtlich zahlreichen vorwiegend phänomenologisch ausgerichteten bzw. politik­wissenschaftlichen Büchern auf dem Markt ausmacht. Wie schon im Untertitel des Buches „Analyse – Definitionen – Taktik“ zum Ausdruck gebracht, ist dies insbesondere die ansatzweise Verknüpfung zwischen Problembeschreibung, notwendig weitgreifender, dennoch aber eingegrenzt gut gegliederter Analyse mit strategischen und konkreten taktischen Handlungsempfehlungen. Ein interessanter und neuer Ansatz, auch wenn dieser angesichts des anlagebedingt hohen Anspruchs z. T. noch ausbaufähig erscheint. Angesichts des im Vergleich mit akademischer Fachliteratur günstigen Preises wird das Buch hoffentlich weitere Auflagen erleben! Dann kann der Autor diese „dunklen Flecken“ ggf. noch weiter ausleuchten.

 

[1] Politik- und Sozialwissenschaftler, z. Zt. Dozent an der Hochschule des Bundes, Fach­bereich Bundespolizei, in Lübeck, vgl.:  http://www.nwv.at/autoren/stefan_goertz/,    zuletzt abgerufen am 16.07.2017.

[2] Hrsg. im C. F. Müller Verlag, Reihe Kriminalistik: vgl.: https://www.cfmueller.de/Juristische-Ausbildung/Strafrecht-Strafverfahren/Kriminalistik/Islamistischer-Terrorismus-Softcover.html, zuletzt ab­ge­rufen am 16.07.2017.

[3] Vgl. z. B. die beiden Zwischenberichte des PUA des Landtages in NRW, Drs. 16/15040 vom 04.04.2017 und vom 18.05.2017 sowie die wissenschaftliche Analyse und Bewertung im Auftrag der Landesregierung NRW durch Prof. Dr. Bernhard Kretschmer vom 27.03.2017 hierzu.

[4] Siehe hierzu auch das Inhaltsverzeichnis des Werks, einsehbar über die Funktion „Blick ins Buch“ bei „Amazon“.

Rezensiert von: Holger Plank

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