{"id":1103,"date":"2018-12-16T13:22:10","date_gmt":"2018-12-16T12:22:10","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1103"},"modified":"2018-12-16T13:29:36","modified_gmt":"2018-12-16T12:29:36","slug":"max-hermanutz-sven-litzcke-unterscheidung-von-wahrheit-und-luege-vernehmungsexperimente-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1103","title":{"rendered":"Max Hermanutz, Sven Litzcke &#8211; Unterscheidung von Wahrheit und L\u00fcge \u2013 Vernehmungsexperimente &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"\r\n\r\n\r\n<p><strong><em>Hermanutz, Max, Litzcke, Sven;<\/em> Unterscheidung von Wahrheit und L\u00fcge \u2013 Vernehmungsexperimente;<\/strong> Verlag f\u00fcr Polizeiwissenschaft, Frankfurt 2018, ISBN 978-3-86676-549-8, 322Seiten, 34,90 Euro<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignright\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1104\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/unterscheidung_wahrheit_luege.png\" alt=\"\" width=\"151\" height=\"227\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ein Experiment, das die Autoren u.a. an der Hochschule derPolizei in Baden-W\u00fcrttemberg und an einem Gymnasium gemacht haben (und das indem Buch vorgestellt wird), zeigte folgendes: \u201e<em>In der Gesamttrefferquote (der Unterscheidung zwischen falschen undrichtigen Aussagen, TF) zeigten sich keine eindeutigen Unterschiede zwischenden Kontrollgruppen und Experimentalgruppen. \u2026 die erfahrenen Polizeibeamten(konnten) \u2026 insgesamt schlechter die Wahrheit von der L\u00fcge unterscheiden (\u2026)als unerfahrene Testpersonen. \u2026 Gymnasiasten \u2026 erzielten bessere Trefferquoten als erfahrene Polizeibeamte\u201c<\/em> (S. 188). Die Autoren kommentieren dies ebensolapidar wie zutreffend: \u201e<em>Erfahrung ist kein Wert an sich<\/em>\u201c (aao.) \u2013 auch in besonders nicht bei Polizeobeamten.<!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Unterscheidung von Wahrheit und L\u00fcge in Ermittlungsverfahren ist immer dann besonders relevant, wenn keine Sachbeweise vorliegen, und man sich ausschlie\u00dflich auf Aussagen von Zeugen oder Beschuldigten verlassen muss. Viele Anklage, aber auch viele Verurteilungen h\u00e4ngen im wahrsten Sinn des Wortes an diesen Aussagen. Experimente zeigen durchg\u00e4ngig, dass es meist schwer ist, Wahrheit und L\u00fcge korrekt zu erkennen. Dies liegt daran, dass die Unterschiede zwischen Wahrheit und L\u00fcge hinsichtlich verbaler, nonverbaler und paraverbaler Art subtil sind und individuell variieren. Menschen, die l\u00fcgen, zeigen nicht unbedingt spezifische Merkmale, die sie verraten k\u00f6nnten. Letztendlich gibt es, so die Autoren, keine klaren Kriterien, mit denen man sicher zwischen Wahrheit und L\u00fcge unterscheiden kann. Allerdings gibt es Merkmale, mit denen wahre und gelogene Aussagen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit voneinander unterscheidbar sind. Zur Erfassung von solchen Merkmalen sind strukturierte Vernehmungsmethoden ein wichtiges Hilfsmittel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Genau darum geht es in dem Buch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Eine fehlerhafte Einstufung einer Aussage als Wahrheit oder L\u00fcge im Ermittlungsverfahren kann zu fehlgeleiteten Ermittungsans\u00e4tzen und im Ergebnis zu Fehlurteilen f\u00fchren \u2013 vor allem dann, wenn diese Ausgangsermittlungen und \u2013bewertungen im Sinne einer \u201eself fulfilling prophecy\u201c (also einer sich selbst erf\u00fcllenden Vorhersage) sich dann durch das gesamte Verfahren ziehen und sich z.B. keine Strafverteidiger finden, die im Stande und bereit sind, solche Ermittlungen zu hinterfragen. Menschen tendieren nun mal dazu, eine einmal getroffene Annahme m\u00f6glich zu st\u00fctzen und zu verteidigen. Umso wichtiger ist es, solche Ausgangsannahmen immer und \u00fcberall mit der n\u00f6tigen Zur\u00fcckhaltung zu versehen (und dies bspw. auch in den Ermittlungsakten zu dokumentieren).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Unkritische Bewertungen von Aussagen sind die Hauptursachen f\u00fcr Fehlurteile (S. 12), vor allem, wenn \u201e<em>Ermittlungsfehler oder blinde Flecken, aber auch konstruierte Tatbilder der Polizei durch die Staatsanwaltschaft \u00fcbernommen und einer Anklage zugrunde gelegt werden<\/em>\u201c (aaO.). Wenn dann noch die schlampige \u201eArbeit\u201c der Staatsanwaltschaft vom Gericht nicht hinterfragt, sondern \u00fcbernommen wird (weil man das gemeinsam so einge\u00fcbt hat), ist das Ergebnis vorhersehbar.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In dem Buch wird zu Beginn ein \u00dcberblick \u00fcber die Grundproblematik der Unterscheidung von Wahrheit und L\u00fcge gegeben und die Geschichte sowie die wissenschaftliche Diskussion der Aussagenbewertung beschrieben. Danach stehen eigene und Experimente von anderen Wissenschaftlern im Mittelpunkt, bevor am Ende auf die Trainierbarkeit von richtigen Vernehmungen eingegangen wird. Immer wieder erfolgen praxisnahe Hinweise, welche Fehler man bei Vernehmungen machen kann, aber nicht machen sollte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Zwar kommen die Autoren am Ende zu dem Ergebnis, dass es schwer ist, Wahrheit und L\u00fcge zu erkennen. Aber gerade dies muss dazu f\u00fchren, dass z.B. auch die Dokumentation von Vernehmungen mit mehr Sorgfalt durchgef\u00fchrt wird, als dies leider zu oft der Fall ist und Vernehmungen strukturiert und nicht als Frage-Antwort-Spiel durchgef\u00fchrt werden. Fehler, die hier im ersten Stadium der Ermittlungen gemacht werden, k\u00f6nnen sp\u00e4ter nicht mehr beseitigt werden. Und: Menschen, die l\u00fcgen, haben eben keine klaren Merkmale, die sie verraten (S. 246), wie dies oft behauptet wird. Die Autoren gehen sogar so weit zu fordern, dass Merkmale wie Mimik und Gestik in der Praxis zu Fehleinsch\u00e4tzungen f\u00fchren und bei der \u201eWahrheitsfindung\u201c ausgeblendet werden sollten \u2013 ungeachtet dessen, ob es im Ermittlungsverfahren \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, die oder ein \u201eWahrheit\u201c zu finden. Ermittler m\u00fcssen deshalb versuchen, Aussagepersonen durch angemessene Fragen dazu zu bringen, offen und umfassend auszusagen. Wie dies geschehen kann, stellen die Autoren in ihrem Buch vor.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Zu oft w\u00fcrden \u201e<em>Bauchentscheidungen<\/em>\u201c von Polizeibeamten getroffen, auch und gerade in allt\u00e4glichen Situationen, wo langes Nachdenken nicht m\u00f6glich ist. Dort, wo sich die Autoren mit dieser Problematik besch\u00e4ftigen (S. 254 f.) ist die einzige Kritik an dem Werk angebracht: Zu sehr wird diese \u201eschnelle\u201c Entscheidung als unabdingbar notwendig in bestimmten Situationen dargestellt, ohne deutlich zu machen, dass es sehr wohl in vielen F\u00e4llen m\u00f6glich (und zumutbar) ist, intensiver nachzudenken, bevor schwerwiegende, ggf. Menschenrechte verletzende Entscheidungen getroffen werden. Der Nobelpreistr\u00e4ger Daniel Kahneman hat diese Unterscheidung zwischen \u201eschnellem und langsamen Denken\u201c in seinem Buch<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> sehr gut herausgearbeitet (s. dazu auch den Beitrag von Feltes und Jordan (\u201eSchnelles und langsames Denken im Polizeiberuf\u201c) im Handbuch f\u00fcr Polizeimanagement (2017)<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Buch von Hermanutz und Litzke ist zwar prim\u00e4r an Polizeibeamte gerichtet (die lernen sollen, bessere Vernehmungen durchzuf\u00fchren), es sollte aber auch und gerade von Staatsanw\u00e4lten und Richtern, wenn nicht gelesen, sondern zumindest zur Kenntnis genommen werden. Dann w\u00fcrden sie ihr oftmals unbeschr\u00e4nktes Vertrauen in die Ermittlungen der Polizei und die (meistens Nicht-) Ermittlungen der StA vielleicht h\u00e4ufiger hinterfragen, auch wenn dies im Justizalltag in der Regel Mehrarbeit bedeutet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Insgesamt ist diesem Buch eine weite Verbreitung zu w\u00fcnschen \u2013 im Interesse der Arbeit der Ermittlungsbeh\u00f6rden, aber auch in unser aller Interesse, denn Fehlurteile, die durch falsche Aussagen und L\u00fcgen zustande kommen, kann niemand wollen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Schnelles Denken, langsames Denken. M\u00fcnchen, 2012<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/314159302_Schnelles_und_langsames_Denken_im_Polizeiberuf\">https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/314159302_Schnelles_und_langsames_Denken_im_Polizeiberuf<\/a><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hermanutz, Max, Litzcke, Sven; Unterscheidung von Wahrheit und L\u00fcge \u2013 Vernehmungsexperimente; Verlag f\u00fcr Polizeiwissenschaft, Frankfurt 2018, ISBN 978-3-86676-549-8, 322Seiten, 34,90 Euro Ein Experiment, das die Autoren u.a. an der Hochschule derPolizei in Baden-W\u00fcrttemberg und an einem Gymnasium gemacht haben (und das indem Buch vorgestellt wird), zeigte folgendes: \u201eIn der Gesamttrefferquote (der Unterscheidung zwischen falschen undrichtigen &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1103\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Max Hermanutz, Sven Litzcke &#8211; Unterscheidung von Wahrheit und L\u00fcge \u2013 Vernehmungsexperimente &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1103"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1103"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1103\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1107,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1103\/revisions\/1107"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1103"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1103"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1103"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}