{"id":1205,"date":"2019-03-30T13:00:01","date_gmt":"2019-03-30T12:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1205"},"modified":"2019-03-30T13:00:01","modified_gmt":"2019-03-30T12:00:01","slug":"antonio-vera-von-der-polizei-der-demokratie-zum-glied-und-werkzeug-der-nationalsozialistischen-gemeinschaft-rezensiert-von-holger-plank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1205","title":{"rendered":"Antonio Vera &#8211; Von der \u201aPolizei der Demokratie\u2018 zum \u201aGlied und Werkzeug der nationalsozialistischen Gemeinschaft\u2018 &#8211; Rezensiert von: Holger Plank"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Vera, Antonio<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>;<\/em> Von der \u201aPolizei der Demokratie\u2018 zum \u201aGlied und Werkzeug der nationalsozialistischen Gemeinschaft\u2018<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/strong><strong>;<\/strong> Die Polizei als Instrument staatlicher Herrschaft im Deutschland der Zwischenkriegszeit (1918 \u2013 1939): ISBN: 978-3-8487-5622-3, 625 Seiten, erschienen im Nomos Verlag, Baden-Baden, 2019, <a href=\"https:\/\/www.nomos-shop.de\/trefferListe.aspx?action=reihe&amp;reihe=364&amp;rtoc=0\">Reihe<\/a>: \u201eSicherheit, Polizeiwissenschaft und Sicherheitsforschung im Kontext\u201c, Band 9, 114.- \u20ac<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1207 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/polizei_der_demokratie-1-101x150.png\" alt=\"\" width=\"101\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/polizei_der_demokratie-1-101x150.png 101w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/polizei_der_demokratie-1.png 200w\" sizes=\"(max-width: 101px) 100vw, 101px\" \/><\/p>\n<p>Prof. Vera legt zugleich ein polizeihistorisches wie auch polizeiwissenschaft\u00adli\u00adches Opus Magnum vor. Neben dem historischen Blick auf die Rolle, Funktion und Bedeutung der deutschen Polizei in den 21 Jahren zwischen dem Ende des Ersten und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Angriff der Wehrmacht auf Polen am 01.09.1939, will er vor allem die <strong>zentrale Funktion der Polizei als Instrument zur Sicherung staatlicher Herrschaft<\/strong> in den Analysefokus r\u00fccken. Diese herr\u00adschafts- und polizeisoziologische Erkenntnis habe seiner Meinung nach bislang nicht die geb\u00fchrende Aufmerksamkeit erfahren.<!--more--><\/p>\n<p>In diesem Fokus wird auch die Polizei zum \u201ezentralen, vermutlich sogar zum wich\u00adtigsten Instrument staatlicher Herrschaft.\u201c Bei \u201estaatlicher Herrschaft han\u00addele es sich aber stets um ein unvollst\u00e4ndiges, prek\u00e4res, ambivalentes Herrschafts\u00adverh\u00e4ltnis, sodass die mehr oder weniger subtilen Mechanismen, mit denen die Polizei den staatlichen Machtanspruch im Alltag in der Bev\u00f6lkerung durchzu\u00adsetzen versucht, besondere Beachtung verdienen\u201c, so der Autor (S. 561 f.). Hiermit baut er abschlie\u00dfend und \u00fcber den historischen Fokus hinaus nat\u00fcrlich auch ein Br\u00fccke in die Gegenwart, wo dieser Ansatz in einer postmo\u00addernen, von multiplen, unter\u00adschiedlichen (individuellen) Interessen geleiteten Ge\u00adsell\u00adschaft f\u00fcr die Polizei und die Ambiguit\u00e4t ihrer methodischen Handlungs\u00admuster besondere Bedeutung er\u00adf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Die Arbeit, angelegt \u201eals kulturhistorische Analyse der Polizei in der deutschen Zwischen\u00adkriegszeit\u201c, betrachtet auf einem \u201esoliden theoretischen Fundament\u201c die Polizei der Weimarer Republik und der ersten beiden Phasen des Dritten Reiches (bis zum Kriegsbeginn) \u201eim Spannungsfeld von Politik, Gesellschaft, Kultur und Wirt\u00ad\u00adschaft\u201c. Dabei bezieht sie sowohl die \u201elangfristigen, gesamtgesell\u00adschaft\u00adli\u00adchen Strukturen und Prozesse dieser Epoche als auch kurzzeitige, klein\u00adr\u00e4umige Ph\u00e4nomene und den Lebensalltag der Menschen \u2013 vor allem der Polizei\u00adbeamten \u2013 ein\u201c und verkleinert damit die vom Autor beklagte For\u00adschungsl\u00fccke.<\/p>\n<p>Das <strong>herrschafts- und polizeisoziologische bzw. kulturwissenschaftliche Span\u00adnungsfeld<\/strong> grenzt Vera dabei, ne\u00adben der Auswertung der hierzu durchaus vorhan\u00addenen aber keinesfalls \u00fcppigen spe\u00ad\u00adzifischen Fachliteratur, zus\u00e4tzlich mittels der zielgerichteten diskursana\u00adlyti\u00adschen Auswertung \u201eempirischen Quellenmaterials\u201c ab. Er nutzt hierzu die bereits im Jahr 1904 begr\u00fcndete, heute noch heraus\u00adgege\u00adbene, in der Phase des Unter\u00adsu\u00adchungs\u00adzeitraums zentral bedeutsame Po\u00adlizei\u00adfachzeitschrift, n\u00e4mlich \u201e<strong>Die Poli\u00adzei<\/strong>\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> (ZDPol) zwischen den Ausgaben Novem\u00adber 1918 und September 1939. Da\u00admit will er im Besonderen \u00fcber die erkenntnis\u00adtheoretisch wertvolle \u201eBinnen\u00adper\u00adspektive der Polizei\u201c und die Spiegelung der hierbei \u201evorherrschenden Wahr\u00adnehmungs- und Deutungs\u00admuster\u201c und auch die \u201eSelbstwahrnehmung und Selbst\u00addarstellung in der Polizei\u201c seinem An\u00adspruch ge\u00adrecht werden, eine <strong>kultur\u00adhis\u00adtorisch erweiterte Orga\u00adni\u00adsations- und Sozial\u00adge\u00adschichte der Polizei dieser Zeit<\/strong> zu ent\u00adwickeln.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es selbst bei einer derart m\u00e4chtigen (625 S.), me\u00adthodisch sorg\u00adf\u00e4ltigen, sehr akribischen Arbeit nicht m\u00f6glich, innerhalb der 22 relevanten Jahr\u00adg\u00e4nge der Zeitschrift, die damals vierzehnt\u00e4gig mit einem Seiten\u00adumfang von 500 \u2013 800 Seiten p. a. erschien, 14.000 Seiten diskursanalytisch zu bewerten. Vera w\u00e4hlt daher gezielt 170 unter Ber\u00fcck\u00adsichtigung des Forschungs\u00adziels und des Er\u00adkenntnisinteresses besonders aussage\u00adkr\u00e4ftige Beitr\u00e4ge mit einem Umfang von rund 1.000 Seiten aus, zitiert hieraus in Ausz\u00fcgen w\u00f6rtlich und interpretiert inner\u00adhalb seines fachwissenschaftlich-be\u00adrufs\u00adst\u00e4ndischen Diskurses diese Erkenntnisse vor dem Hintergrund der polizeisoziologischen und ge\u00adschichts\u00adwissen\u00adschaft\u00adli\u00adchen For\u00adschung. Eine zentrale Fragestellung der Arbeit ist dabei der drastische Wandel der gesellschaftlichen Rolle der Polizei sowie des poli\u00adzeilichen Selbstver\u00adst\u00e4ndnisses, die, wie der Autor bemerkt, ebenfalls sehr deutlich in zwei Beitr\u00e4gen der genannten Polizeifach\u00adzeitschrift deutlich erkennbar wird:<\/p>\n<p>Im <strong>April 1919<\/strong>, kurz nach der Geburtsstunde der Weimarer Republik ist dort in einem Beitrag von Eiben noch von einer \u201e<em>Polizei der Demokratie<\/em>\u201c die Rede, im <strong>August 1938<\/strong>, in derselben Zeitschrift in einem Beitrag von Scheer wird die Funk\u00adtion der Polizei diametral als \u201e<em>Glied und Werkzeug der nationalso\u00adzialistischen Gemeinschaft<\/em>\u201c stilisiert, wobei die \u00fcber diese Antonyme definierte Entwicklung nat\u00fcrlich nicht \u201eso eindeutig und linear\u201c verlief, wie es mit dieser Beschreibung impliziert wird.<\/p>\n<p>Die facettenreiche, scharf konturierte geschichtswissenschaftliche polizeihis\u00adtorische Arbeit ist nicht nur ihres Inhalts wegen polizeisoziologisch \u2013 und damit auch polizeiwissenschaftlich \u2013 sehr interessant. Der Autor legt gro\u00dfen Wert darauf, den &#8211; f\u00fcr eine geschichtswissenschaftliche Arbeit mit ihren quel\u00adlen\u00adge\u00adst\u00fctzten Interpretationsspielr\u00e4umen unverzichtbar \u2013 forschungsme\u00adtho\u00addi\u00adschen An\u00adsatz seines Werks sehr pr\u00e4zise darzu\u00adlegen. So entsteht ein dichtes Bild grund\u00adlegender herrschafts- und organisationssoziologischer (rund um die Begriffe Staat, Macht und Herrschaft) sowie kulturwissenschaftlicher Interpreta\u00adtions\u00admuster, verbunden mit deren Eignung im Rahmen einer individuellen Auslegung ge\u00adwonnener Erkenntnisse. Selbst dieser sehr umfangreiche einleitend-metho\u00addische Anteil des Werks ist sehr spannend zu lesen und bietet dem Polizeiwissen\u00adschaftler zahlreiche Ans\u00e4tze, den dabei gelegten Spuren \u00fcber das Werk hinaus nachzu\u00adsp\u00fcren. Dies schon deswegen, weil den Erkenntnissen des deutschen Schrift\u00adtums immer wieder durchaus unterschiedliche Bewertungen der englisch\u00adsprachigen Literatur ent\u00adgegengestellt werden. Gerade die Briten waren bei der Genese eines modernen Polizeiverst\u00e4ndnisses, nicht nur durch die Gr\u00fcn\u00addung der zentralen \u201eMetro\u00adpolitain Police\u201c in London im Jahr <strong>1829,<\/strong> der deut\u00adschen Ent\u00adwicklung auf dem Weg zur \u201eGeburt eines modernen Polizei\u00adverst\u00e4ndnisses\u201c (die \u201eBerliner Schutzmann\u00adschaft\u201c ist im <strong>Juli 1848<\/strong> eingerichtet wor\u00adden) jedenfalls damals fast 20 Jahre voraus.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt, es ist zwar grunds\u00e4tzlich erwartbar, w\u00fcnschenswert sowieso, dennoch durchaus nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass sich erneut ein renommierter Wissenschaftler der DHPol mit deren f\u00fcr eine kleine polizeiinterne Universit\u00e4t begrenzten Forschungs\u00adres\u00adsourcen wiederum sehr intensiv eines wichtigen Ab\u00adschnitts der deutschen Polizei\u00adgeschichte angenommen hat. Die polizei\u00adhistorischen Forschungsaktivit\u00e4ten<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> der DHPol tragen damit substanziell dazu bei, sowohl den historischen wie auch den modernen Polizei\u00adbegriff kritisch-reflexiv zu beleuchten und daraus auch Ableitungen f\u00fcr die aktuelle Praxis vor\u00adzunehmen.<\/p>\n<p>Die spannende, wohlformulierte und sehr lesenswerte Arbeit von Vera ist for\u00adschungs\u00adlogisch in <strong>f\u00fcnf Kapitel<\/strong> unterteilt:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Einleitung<\/strong> (S. 13 \u2013 40) mit der Darstellung des Forschungsstandes und der Quellenauswahl<\/li>\n<li><strong>Theoretische Grundlagen <\/strong>(S. 41 \u2013 77) \u2013 in diesem Kapitel wird zum einen der Polizeibegriff konturiert, zum anderen werden die der Arbeit zugrundeliegenden herrschafts-<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> und polizeisoziologischen<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Theorien und Annahmen entwickelt<\/li>\n<li><strong>Historische Grundlagen<\/strong> (S. 78 \u2013 166) der \u201ePolizeientwicklung\u201c, der \u201edeutschen Zwischenkriegszeit und ihrer Sicherheitslage\u201c und der \u201eKriminalit\u00e4t im Deutschland der Zwischenkriegszeit\u201c<\/li>\n<li>Dem Hauptkapitel \u201e<strong>Die deutsche Polizei in der Zwischenkriegszeit<\/strong>\u201c (S. 167 \u2013 559) und<\/li>\n<li>Der <strong>Zusammenfassung<\/strong> \/ dem <strong>Fazit<\/strong> des Werkes (S. 560 \u2013 588).<\/li>\n<\/ol>\n<p>Vera stellt abschlie\u00dfend fest, dass der Erfolg der Polizei als staatliches Herr\u00adschafts\u00ad\u00adinstrument vor allem von der <strong>Qualit\u00e4t der Beziehungen zwischen Re\u00adgierung, Polizei und B\u00fcrger<\/strong> abh\u00e4ngt. Das gilt noch heute in gleicher Weise. In den verschiedenen Phasen der Weimarer Republik seien diese Interdependenzen allerdings stets z. T. massiv gest\u00f6rt gewesen, weshalb die Weimarer Republik mit polizei\u00adlichen Mitteln nicht zu stabilisieren gewesen sei, zu retten schon gar nicht, wie Vera aus einer zentralen Arbeit Lessmann-Fausts zitiert. Das Scheitern der Weimarer Polizei als Instru\u00adment staatlicher Herrschaft, die der Autor aus heutiger Sicht und historischer Fehleranalyse durchaus als probates Mittel zur Rettung und Stabilisierung der Republik einsch\u00e4tzt, trug daher ganz ma\u00dfgeblich zum Aufstieg des National\u00adsozialismus und zum Untergang der Weimarer Republik bei.<\/p>\n<p>Die Ursachen f\u00fcr das Scheitern der Polizei der Weimarer Republik seien man\u00adnigfaltig. Nur einige wenige aus der reichhaltigen, sehr gut dokumentierten Dar\u00adstellung in der Arbeit herausgegriffen, war da z. B. zun\u00e4chst die \u201eExistenz einer reaktion\u00e4ren Str\u00f6mung\u201c, vor allem im lebenszeitverbeamteten Polizeioffi\u00adziers\u00adkorps, und \u2013 unter deren Einfluss \u2013 eine \u201ezu keiner Zeit stabile Loyalit\u00e4t\u201c der Po\u00adli\u00adzei gegen\u00fcber den jeweiligen Regierungen insgesamt. Dieser Mangel an Loyalit\u00e4t wurde durch eklatante politische Fehler sogar eher noch verst\u00e4rkt. So gab es im Gegensatz zum Offizierskorps bspw. bei den Polizeiwachtmeistern \u201eunbe\u00adfriedigende Anstellungs- und Versorgungsbe\u00adding\u00adung\u00aden\u201c. Sie waren \u201enur\u201c Be\u00adamte auf Zeit, was sich erst ab 1927 f\u00fcr die neueingestellten Wachtmeister \u00e4nderte und wurden in der Regel nach sp\u00e4testens 12 Jahren ohne Perspektiven in die Arbeitslosigkeit entlassen. Ferner, selbst in den ruhigen Jahren der Republik zwi\u00adschen 1924 \u2013 1929 und den in dieser Spanne durchaus vorhandenen Be\u00adm\u00fch\u00adungen um die Etablierung einer demokratischen, offenen, b\u00fcrgerfreund\u00adlicheren Or\u00adga\u00adnisa\u00adtions- und Polizei\u00adkultur, konnte die \u201eWeimarer Polizei\u201c nie z. B. durch die Nach\u00adhaltigkeit ihres Einsatzverhaltens einen breiten R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6l\u00adkerung insgesamt erreichen. Demokratisierungsbem\u00fchungen zu dieser Zeit spiel\u00adten sich letztlich wohl auch nur auf einer \u201eabstrakten Diskursebene\u201c ab, wie bspw. der vollst\u00e4ndige Mangel einer kritisch-reflektierten Reaktion der Polizeif\u00fchrung auf den \u201e<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/spiegelgeschichte\/d-88536776.html\">Berliner Blutmai<\/a>\u201c im Jahr 1929 mit 32 Toten und \u00fcber 200 Verletzten, der eher \u201eeinem von der Polizei inszenierten Aufstand ohne Aufst\u00e4ndische\u201c glich als einem \u201enotwendigen\u201c Einsatz zur Wiederherstellung von \u00f6ffentlicher Sicher\u00adheit und Ordnung, wohl indirekt be\u00adweist.<\/p>\n<p>Die ab 1930 angesichts der politischen Gewalt der sich gegenseitig bek\u00e4mpfenden milit\u00e4risch gepr\u00e4gten Kampfverb\u00e4nde von rechts und von links von der Polizei als Instrument staatlicher Herrschaft wiederum nicht in den Griff zu bekommende Lage, beschrieben als eine allgemeine \u201eB\u00fcrgerkriegsatmosph\u00e4re\u201c, \u00fcberforderte und zerm\u00fcrbte sie nahezu vollst\u00e4ndig und konterkarierte die ohnehin m\u00e4\u00dfig er\u00adfolg\u00adreichen Demokratisierungs- und Demilitarisierungsbem\u00fchungen \u201evon oben\u201c vollends. In der Folge war es f\u00fcr die Nationalsozialisten ein Leichtes, die Polizei zun\u00e4chst von innen heraus zu zersetzen. Gegen den \u201e<strong><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/anfang-vom-ende-der-weimarer-republik.871.de.html?dram:article_id=125941\">Preu\u00dfenschlag<\/a><\/strong>\u201c am 20. Juli 1932, als die von der NSDAP tolerierte Reichsregierung die SPD-gef\u00fchrte preu\u00dfische Staats\u00adregierung auf verfassungswidrige Weise absetzte und mit die\u00adsem Rechts\u00adbruch nicht nur die Regierungsgewalt in Preu\u00dfen \u00fcbernahm, sondern auch die Kon\u00adtrolle \u00fcber die mit Abstand gr\u00f6\u00dfte deutsche Polizei, gab es bspw. keinerlei demokra\u00adtischen Widerstand. Vielmehr kam der damalige preu\u00dfische In\u00adnen\u00administer Carl Severing resigniert zu der Einsch\u00e4tzung, \u201eein Wider\u00adstandsversuch werde allen\u00adfalls auf eine kurze Demonstration des Abwehrwillens hinauslaufen!\u201c<\/p>\n<p>Die weiteren Entwicklungen, sicher unterst\u00fctzt durch die damalige reaktion\u00e4r gepr\u00e4gte Organisations\u00adkultur der Polizei, lagen auf der Hand. Nach der Macht\u00ad\u00fcbernahme am 30.01.1933 kam es mit der sofortigen politischen S\u00e4uberung ihrer F\u00fchrungsebenen zu einem \u201eNazifizierungsprozess der Polizei\u201c. Sie wurde zu\u00adn\u00e4chst zum \u201eKampfinstrument gegen den Kommunismus\u201c, was im \u00dcbrigen in\u00adnerhalb der Zeitschrift \u201eDie Polizei\u201c, die sich nun von einer Fachzeitschrift zu\u00adnehmend zu einem politischen Agita\u00adtionsinstrument der Nationalsozialisten ver\u00e4nderte, keinerlei Widerhall fand. Die Polizei \u201ewandelte sich (in dieser Zeit) innerhalb weniger Monate von einer an Recht und Gesetz gebundenen, b\u00fcro\u00adkratisch gepr\u00e4gten Organisation zu einem \u00fcber dem Gesetz stehenden Herr\u00adschaftsinstrument des NS-Regimes mit fast unbegrenzten Machtmitteln.\u201c Es folgten, wie bekannt, in mehreren Reorgani\u00adsationsprozessen zun\u00e4chst die \u201eZen\u00adtralisierung der Polizei\u201c durch die \u201e\u00dcbernahme s\u00e4mt\u00adlicher L\u00e4nderpolizeien\u201c durch das Reich im Jahr 1935 und zur faktischen \u201eVer\u00adschmel\u00adzung der staatlichen Polizei mit der SS im Jahr 1936. Mit der Aufspaltung der Schutzpolizei und der \u201e\u00dcberf\u00fchrung der personalstarken kasernierten Landes\u00adpolizei in das Heer\u201c verkam die \u201ezivil gepr\u00e4gte Revierpolizei (&#8230;) zu einer unbe\u00addeutenden Einrichtung im expandierenden Institutionengef\u00fcge der SS.\u201c Ebenfalls im Jahr 1936 folgte die Etablierung der \u201ewahren Monsterorganisation\u201c Gestapo zusammen mit einer \u201eor\u00adganisatorischen Zusammenfassung mit der Kriminal\u00adpo\u00adlizei\u201c, die sich damit zu\u00adnehmend von ihrer Rolle in der traditionellen Krimi\u00adnalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung entfernte. Die Polizei war seither \u201edurch\u00addrungen von der nationalsozialistischen Ideologie\u201c und \u201edie deutsche Polizei im Dritten Reich\u201c, so das Schlusswort von Vera, scheiterte in moralischer Hinsicht eklatant \u2013 als Instrument staatlicher Herrschaft allerdings nicht!\u201c<\/p>\n<p>Die Arbeit ist stilistisch, formal, methodisch und in ihrem Quellenreichtum sehr beachtlich, facetten- und erkenntnisreich und deshalb nicht nur aus polizei\u00adhis\u00adtorischer oder auch polizeiwissenschaftlicher Perspektive, sondern allgemein au\u00dferordentlich lesenswert. Es zeigt sich, dass die Geschichts\u00adwissenschaft mit ihrer interdisziplin\u00e4ren Formgebung interpretative Prozesse hervorragend sicht\u00adbar machen kann und damit einen signifikanten epistemologischen Mehrwert zu erzeugen in der Lage ist. In ihren abstrakten Ableitungen ist die Arbeit auch in der Lage, heutige polizei- und herrschaftssoziologische Ph\u00e4nomene besser ein\u00adordnen und verstehen zu k\u00f6nnen. Besonders inspiriert haben mich dabei die Aus\u00adf\u00fchrungen zum symbolischen \u201edramaturgischen Ansatz\u201c der Polizeiarbeit und deren konstitutiven Intentionen und Wirkungen, der grundlegend im Kapitel II entwickelt und an verschiedenen Stellen der Arbeit beispielhaft entfaltet wird. Man kann Vera f\u00fcr diese grundlegende Arbeit aus den genannten Gr\u00fcnden nur dankbar sein.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Prof. Dr. rer. pol., Dr. phil. Antonio <a href=\"https:\/\/www.dhpol.de\/departements\/departement_I\/FG_I.3\/fg_I_3.php\">Vera<\/a>, Professur f\u00fcr Organisation und Personalmanagement in der Polizei, Fachgebiet I.3 an der DHPol. Siehe auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Antonio_Vera\">Kurz-CV<\/a> zur Person.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zugleich Dissertation zum Dr. phil. an der FernUniversit\u00e4t in Hagen, 2018. Siehe <a href=\"https:\/\/www.nomos-shop.de\/Vera-Polizei-Demokratie-Glied-Werkzeug-nationalsozialistischen-Gemeinschaft\/productview.aspx?product=41075\">Website<\/a> des Verlags. Prof. Vera ist zugleich Mitherausgeber der Nomos-Reihe.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Aktuell bei <a href=\"https:\/\/www.wolterskluwer.de\/service\/anzeigenmediadaten\/mediadaten\/die-polizei\/\">Wolters Kluwer<\/a> (Carl Heymanns, K\u00f6ln) im 110. Jahrgang (2019) monatlich erscheinend. Die Zeitschrift geh\u00f6rte damals wohl zu den wichtigsten und einflussreichsten Zeitschriften im Polizeisegment, deren Reichweite schon durch den ab April 1921 erweiterten Untertitel \u201eZeitschrift f\u00fcr das gesamte Polizei- und Kriminalwesen mit Einschlu\u00df der Landj\u00e4gerei\u201c deutlich wird. Mit dem geb\u00fchrenpflichtigen Bezug dieser (im \u00dcbrigen per ministeriellem Erlass ab dem Jahr 1922 allen Polizeidienststellen kostenlos zur Verf\u00fcgung gestellten) Zeitschrift war ohne weitere Beitragsleistung eine Mitgliedschaft in der Polizei-Unfallf\u00fcrsorgekasse verbunden. Ebenfalls im April 1921 w\u00e4hlte die \u201eFreie Vereinigung f\u00fcr Polizei- und Kriminalwissenschaft\u201c die Zeitschrift als ihr Publikationsorgan.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Diese bestehen neben der Arbeit von Vera z. B. in der Darstellung der Bildungsgeschichte in der Polizei von der <a href=\"https:\/\/www.dhpol.de\/die_hochschule\/hochschulbibliothek\/polizei-im-kaiserreich.php\">Kaiserzeit<\/a>, \u00fcber die Zeit bis zur Machtergreifung (<a href=\"https:\/\/www.dhpol.de\/die_hochschule\/hochschulbibliothek\/weimarer-republik.php\">1919 \u2013 1933<\/a>) bis zur Epoche von <a href=\"https:\/\/www.dhpol.de\/die_hochschule\/hochschulbibliothek\/polizei-in-der-bundesrepublik.php\">1945<\/a> bis in die Neuzeit. Gerade mit letztgenanntem Aspekt besch\u00e4ftigt sich auch <a href=\"https:\/\/www.dhpol.de\/departements\/departement_I\/FG_I.6\/schulte.php\">Schulte<\/a>, der Leiter der Forschungsstelle Polizeigeschichte der DHPol (Fachgebiet I.6 der Universit\u00e4t), in seiner Dissertation (bereits im Jahr 2003 vorgelegt an der Universit\u00e4t Duis\u00adburg-Essen) mit dem Titel \u201e<a href=\"https:\/\/duepublico2.uni-due.de\/servlets\/MCRFileNodeServlet\/duepublico_derivate_00011668\/Diss.pdf\">Politische Bildung in der Polizei \u2013 Funktionsbe\u00adstimmung von 1945 bis zum Jahr 2000<\/a>\u201c sehr intensiv. Zu dieser Bildungsgeschichte ist auch eine <a href=\"https:\/\/www.dhpol.de\/die_hochschule\/hochschulbibliothek\/ausstellung_polizeigeschichte.php\">Dau\u00aderausstellung<\/a> an der DHPol eingerichtet. Die Rolle der Polizei nach 1933 \u2013 1945 wird an der DHPol nat\u00fcrlich auch vielf\u00e4ltig herrschaftssoziologisch (in Lehre und Forschung) betrachtet. Hierzu gab es z. B. auch im Jahr 2011 (vom 01.04. \u2013 28.08.2011) eine von der Universit\u00e4t geplante und vom Deutschen Historischen Mu\u00adse\u00adum in Berlin (<a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/archiv\/ausstellungen\/ordnung-und-vernichtung\/\">DHM<\/a>) unterst\u00fctzte Ausstellung unter dem Titel \u201eOrdnung und Vernichtung. Die Polizei im NS-Staat\u201c (<a href=\"https:\/\/www.dhpol.de\/shop\/sitepark\/produkte\/ordnung-und-vernichtung.php?p=1103%2C1892%2C2142%2C%2Fdie_hochschule%2Fdhpol-shop%2Fausstellungskataloge.php%2C4021\">Ausstellungsband<\/a>).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Unterteilt in die Abschnitte \u201eStaat, Macht und Herrschaft\u201c, \u201eStaatliche Herrschaft als in\u00adstitutionalisierte Macht\u201c und \u201eStaatliche Herrschaft als soziale Praxis\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Unterteilt in die Erl\u00e4uterung des \u201emodernisierungstheoretischen\u201c, des \u201ekonflikt\u00adtheore\u00adti\u00adschen\u201c, des (sehr interessanten) \u201edramaturgischen\u201c und des organisationskulturellen\u201c An\u00adsat\u00adzes.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Holger Plank<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vera, Antonio[1]; Von der \u201aPolizei der Demokratie\u2018 zum \u201aGlied und Werkzeug der nationalsozialistischen Gemeinschaft\u2018[2]; Die Polizei als Instrument staatlicher Herrschaft im Deutschland der Zwischenkriegszeit (1918 \u2013 1939): ISBN: 978-3-8487-5622-3, 625 Seiten, erschienen im Nomos Verlag, Baden-Baden, 2019, Reihe: \u201eSicherheit, Polizeiwissenschaft und Sicherheitsforschung im Kontext\u201c, Band 9, 114.- \u20ac Prof. Vera legt zugleich ein polizeihistorisches wie &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1205\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Antonio Vera &#8211; Von der \u201aPolizei der Demokratie\u2018 zum \u201aGlied und Werkzeug der nationalsozialistischen Gemeinschaft\u2018 &#8211; Rezensiert von: Holger Plank<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1205"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1205"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1205\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1208,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1205\/revisions\/1208"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1205"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1205"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1205"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}