{"id":1283,"date":"2019-06-29T15:57:48","date_gmt":"2019-06-29T13:57:48","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1283"},"modified":"2019-06-29T15:57:48","modified_gmt":"2019-06-29T13:57:48","slug":"ines-geipel-umkaempfte-zone-mein-bruder-der-osten-und-der-hass-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1283","title":{"rendered":"Ines Geipel &#8211; Umk\u00e4mpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Geipel, Ines;<\/em> Umk\u00e4mpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass;<\/strong> 4. Druckaufl. 2019, 277 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. ISBN: 978-3-608-96372-4. Klett-Cotta, 20.- Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1284 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/umkaempfte_zone-91x150.png\" alt=\"\" width=\"91\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/umkaempfte_zone-91x150.png 91w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/umkaempfte_zone.png 200w\" sizes=\"(max-width: 91px) 100vw, 91px\" \/><\/p>\n<p>Sp\u00e4testens mit den Wahlen zum EU-Parlament im Mai 2019 ist jedem deutlich geworden, dass der Osten Deutschlands zwar nicht braun ist, aber zumindest in vielen Bereichen mehrheitlich rechts, rechtskonservativ und auch rechtsextremistisch w\u00e4hlt. Ob aus dem Wahlverhalten auch auf individuelle Einstellungen geschlossen werden kann, ist zwar umstritten. Was wir aber seit dem NSU-Drama glaubten zu wissen, ist nunmehr auch schwarz auf wei\u00df nachzuvollziehen. Aber wieso ist die Grundstimmung im Osten so anders als im Westen?<!--more--> Woher kommt diese auf den ersten Blick so kontr\u00e4re Einstellung zur (sozialistischen) DDR-Philosophie? Geipels Buch macht deutlich, dass es eindeutige und wohl auch kausale Beziehungen zwischen dem gibt, was man in der DDR getan und erlebt hat, und wie man sich jetzt f\u00fchlt \u2013 und w\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Das in den Medien hochgelobte Buch von Ines Geipel macht es dem Leser zu Beginn nicht einfach. Auf den ersten mehr als 50 Seiten beschreibt Geipel die Beziehung zu ihrem Bruder intensiv und detailliert, um den das gesamte Buch kreist. Wer hier also bereits eine Auseinandersetzung mit den anderen Subthemen des Buches (\u201eder Osten und der Hass\u201c) erwartet, wird erst einmal entt\u00e4uscht. Im weiteren Verlauf wird aber deutlich, dass diese Einf\u00fchrung wichtig ist zum Verst\u00e4ndnis der Sichtweise von Geipel und auch zum Verst\u00e4ndnis des gesamten Buches.<\/p>\n<p>Ines Geipel ist 1960 geboren und Schriftstellerin und Professorin f\u00fcr Verssprache an der Berliner Hochschule f\u00fcr Schauspielkunst \u00bbErnst Busch\u00ab. Die ehemalige Weltklasse-Sprinterin floh 1989 nach ihrem Germanistik-Studium aus Jena nach Westdeutschland und studierte in Darmstadt Philosophie und Soziologie. 2000 war sie Nebenkl\u00e4gerin im Prozess gegen die Drahtzieher des DDR-Zwangsdopings. Ihr Buch \u00bbVerlorene Spiele\u00ab (2001) hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Bundesregierung einen Entsch\u00e4digungs-Fonds f\u00fcr DDR-Dopinggesch\u00e4digte einrichtete. 2005 gab Ines Geipel ihren Staffelweltrekord zur\u00fcck, weil er unter unfreiwilliger Einbindung ins DDR-Zwangsdoping zustande gekommen war.<\/p>\n<p>In dem vorliegenden Buch versucht sie nun, die Geschichte der DDR auch anhand ihrer eigenen Familiengeschichte Revue passieren zu lassen und dabei (mehr implizit als explizit) auch deutlich zu machen, woher der Hass im Osten kommt (oder herkommen kann).<\/p>\n<p>Wenn Sie beispielsweise auf S. 113 schreibt: \u201e<em>Vater sch\u00e4tzte gutes Essen, Sch\u00f6nes und Leistung, er brauchte die Musik, er mochte Orgien und Exzesse, aber vor allem war er darauf aus, andere Menschen zu vernichten\u201c<\/em>, dann k\u00f6nnte man glauben, dass es hier um individuelles, nicht verallgemeinerbares, pers\u00f6nlich Erlebtes geht. Geipel gelingt es aber durch immer wieder eingestreute Beispiele deutlich zu machen, dass es einerseits diese Einzelpersonen und Einzelerlebnisse sind, die die Entwicklung der DDR und das Erleben der dort aufgewachsenen Menschen pr\u00e4gen, dass es andererseits aber Grundstrukturen gibt, die eine wesentliche Rolle spielen.<\/p>\n<p>Auf S. 116 schriebt sie: \u201e<em>Psychologen und Psychiater, die im Hinblick auf den Osten von einem auff\u00e4llig hohen Prozentsatz von Vielfachverwahrlosung sprechen\u201c<\/em>. Kindheitserfahrungen mit Gewalt und Verwahrlosung, dass wissen Kriminologen inzwischen, spielen eine entscheidende Rolle bei sp\u00e4terem eigenen delinquenten Verhalten, und auch bei politischen Grundeinstellungen. \u201e<em>Was die Kriegskinder an eingetrichterter NS-Erziehungsideologie v\u00f6llig unbearbeitet und derealisiert durch die F\u00fcnfziger und Sechziger geschleppt hatten, brach nun auf und entgrenzte sich in Form von Gewalt und infantiler Omnipotent ins Innere\u201c<\/em> (S. 116). Das Wissen aus der Nazi-Zeit konnte man mehr oder weniger 1:1 im neuen Repressionsapparat der DDR nutzen. Geipel beschreibt eindringlich, wie sich bereits in den siebziger und achtziger Jahren in der DDR militante Neonazi-Gruppen etablieren und mehr oder weniger gezielt und brutal vorgingen (s. 139).<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf macht Geipel in ihrem Buch deutlich, dass die Entwicklung danach und bis heute ganz wesentlich auf die Erfahrungen zur\u00fcckgeht, die in den 1960 und 1970er Jahren in der DDR gemacht wurden \u2013 und zwar auch die Entwicklung heute und die Einstellung der nach 1989 Geborenen. Der Hass, der auch und besonders in der j\u00fcngeren Generation f\u00fcr uns eher unverst\u00e4ndlich ist, hat hier seine Ursachen: Die Eltern der jetzt 25-35-j\u00e4hrigen haben zuerst in der DDR unter einer Situation gelitten, die Pers\u00f6nlichkeit pr\u00e4gte. Vor allem aber haben sie sich mit dem System und dem Leben dort arrangieren m\u00fcssen und arrangiert (von weniger Ausnahmen abgesehen). Mit der Wende und den negativen Erfahrungen danach (Stichwort \u201eTreuhand\u201c) kam dann eine weitere Erfahrung in ihr Leben, die zu noch mehr Abkapslung, Verbitterung und Hass f\u00fchrte und nach wie vor f\u00fchrt. Hass, der sich auch auf die Kinder \u00fcbertr\u00e4gt, die ihre Eltern still leiden und sich selbst, soweit sie noch im \u201eOsten\u201c leben, abgeh\u00e4ngt sehen.<\/p>\n<p>Fremdenfeindlichkeit und Hass auf \u00bbden Staat\u00ab. Die Frage, ob wir den Osten Deutschlands verlieren muss gestellt und vor allem schnell beantwortet werden. Das Buch von Geipel sucht Antworten auf das Warum der Radikalisierung, ohne die aktuell bestimmende Opfererz\u00e4hlung nach 1989 zu bedienen. Es erz\u00e4hlt von den Schweigegeboten nach dem Ende der NS-Zeit, der Geschichtsklitterung der DDR und den politischen Umschreibungen nach der deutschen Einheit. Verdr\u00e4ngung und Verleugnung pr\u00e4gen die Gesellschaft bis ins Private hinein, wie die Autorin mit der eigenen Familiengeschichte eindrucksvoll erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Kein einfaches Buch, aber ein Buch, das zu lesen sich lohnt. Nicht nur, aber vielleicht vor allem f\u00fcr Politiker und alle, die sich um die \u201eSicherheit\u201c im Osten vorgeben k\u00fcmmern zu wollen. Denn es ist nicht die (niedrige) Kriminalit\u00e4tsbelastung, welche die Menschen verunsichert, sondern es sind die Umst\u00e4nde, die ich f\u00fcr Deutschland insgesamt an anderer Stelle<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> beschrieben habe, die aber besonders im \u201eOsten\u201c eine gro\u00dfe Rolle spielen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Thomas Feltes, Die \u201eGerman Angst\u201c. Woher kommt sie, wohin f\u00fchrt sie? Innere vs. gef\u00fchlte Sicherheit. Der Verlust an Vertrauen in Staat und Demokratie. In: Neue Kriminalpolitik 1, 2019, S. 3 \u2013 12.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geipel, Ines; Umk\u00e4mpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass; 4. Druckaufl. 2019, 277 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. ISBN: 978-3-608-96372-4. Klett-Cotta, 20.- Euro Sp\u00e4testens mit den Wahlen zum EU-Parlament im Mai 2019 ist jedem deutlich geworden, dass der Osten Deutschlands zwar nicht braun ist, aber zumindest in vielen Bereichen mehrheitlich rechts, rechtskonservativ und auch &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1283\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Ines Geipel &#8211; Umk\u00e4mpfte Zone. 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