{"id":1297,"date":"2019-07-06T17:48:22","date_gmt":"2019-07-06T15:48:22","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1297"},"modified":"2019-07-06T17:48:22","modified_gmt":"2019-07-06T15:48:22","slug":"jochen-schubert-heinrich-boell-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1297","title":{"rendered":"Jochen Schubert &#8211; Heinrich B\u00f6ll &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Schubert, Jochen;<\/em> Heinrich B\u00f6ll; <\/strong>hrsg. von der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung, Theiss Verlag \u2013 WBG. Darmstadt 2017, 352 S., \u20ac 29,95, ISBN 978-3-8062-3616-3<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1298 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/heinrich_boell-112x150.png\" alt=\"\" width=\"112\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/heinrich_boell-112x150.png 112w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/heinrich_boell.png 200w\" sizes=\"(max-width: 112px) 100vw, 112px\" \/><\/p>\n<p>Eine durchaus pers\u00f6nliche Rezension von Thomas Feltes<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6ll w\u00e4re am 21. Dezember 2017 hundert Jahre alt geworden. Die \u201egr\u00fcne\u201c politische Stiftung tr\u00e4gt seinen Namen. Im Theiss Verlag ist diese Biografie erschienen, herausgegeben von der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung, die im Vorwort darauf hinweist, dass B\u00f6ll\u00b4s B\u00fccher aus den letzten beiden Lebensjahrzehnten \u201e<em>so aktuelle Themen wie Terrorismus, \u00dcberwachung und die Verantwortung des Individuums<\/em>\u201c behandeln (S. 11). Sein \u201e<em>unbestechliches Engagement f\u00fcr Freiheit und Menschenrechte<\/em>\u201c beschreibt diese Biographie, aber auch seinen \u201e<em>Eigensinn<\/em>\u201c (aaO.) \u2013 wobei schon an dieser Stelle angemerkt werden soll, dass dieser \u201eEigensinn\u201c wahrscheinlich eine wesentliche Quelle f\u00fcr B\u00f6ll\u00b4s Engagement war; denn stromlinienf\u00f6rmig war er nie, und die sich daraus ergebenden Konsequenzen bekam er hautnah zu sp\u00fcren \u2013 dazu aber sp\u00e4ter mehr. <!--more--><\/p>\n<p>B\u00f6lls Sohn Ren\u00e9 schreibt in seinem sehr pers\u00f6nlichen Vorwort \u00fcber seinen Vater: \u201e<em>Um eine \u00f6ffentliche Rolle, gar als \u201emoralische Instanz\u201c, hat er sich nie beworben. Er bekam sie zugewiesen. Doch obwohl er mit seiner Prominenz haderte, hat er sie zu nutzen gewusst. \u2026 Selbst gro\u00dfe pers\u00f6nliche Risiken scheute er nicht, wenn es galt zu helfen. Bewundert habe ich an meinem Vater immer, dass er sich seine Meinung vollkommen unabh\u00e4ngig bildete, sich von keiner Gruppe, keiner politischen Richtung und keiner Partei abh\u00e4ngig machte. Er war ein Einzelg\u00e4nger und im positiven Sinne eigensinnig. Es gab f\u00fcr ihn kein Lagerdenken, sein Eintreten f\u00fcr Menschenrechte war unteilbar \u2013 keineswegs selbstverst\u00e4ndlich im \u201eKalten Krieg\u201c. &#8230; Wie alle Menschen hatte mein Vater St\u00e4rken und Schw\u00e4chen. Ich selbst habe ihn immer als selbstkritisch, tolerant und gro\u00dfz\u00fcgig erlebt<\/em>.\u201c (S. 9 f.).<\/p>\n<p>Auch wenn viele, vor allem j\u00fcngere Menschen, B\u00f6ll vielleicht nicht mehr als aktuell wahrnehmen: Diese Biographie macht deutlich, wie wichtig die Werke von Heinrich B\u00f6ll ab den 1960er Jahren f\u00fcr Deutschland und die gesellschaftlichen Entwicklungen und Ver\u00e4nderungen damals waren. Vor allem aber \u00fcberkommt den Leser ein wahrliches \u201ed\u00e9j\u00e0-vue-Gef\u00fchl\u201c, wenn er diese Biographie liest und noch einmal in einigen der Werke von B\u00f6ll bl\u00e4ttert. Vieles k\u00f6nnte heute genauso geschrieben werden, und vieles an der Kritik von B\u00f6ll ist heute noch genauso g\u00fcltig wie damals. Und obwohl diese Zeiten l\u00e4ngst vorbei sind, haben sich Heinrich B\u00f6lls Denken und seine Haltung eine bemerkenswerte Aktualit\u00e4t bewahrt: <em>\u201eViele der Debatten von damals erinnern erschreckend an die ungel\u00f6sten Probleme von heute\u201c<\/em> (so Ren\u00e9 B\u00f6ll in seinem Vorwort, S. 10).<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass diese Besprechung etwas ausf\u00fchrlicher als im Polizei-Newsletter \u00fcblich ausf\u00e4llt, ist aber nicht nur dieser Tatsache geschuldet. B\u00f6ll hat (mit \u201e<em>Ansichten eines Clowns<\/em>\u201c) mich bereits im Gymnasium ge- und betroffen, und als ich dann Anfang der 1980er Jahre einige Wochen in den H\u00e4usern von Heinrich B\u00f6ll auf der irischen Insel Achill verbracht habe, habe ich vor allem B\u00f6lls \u201e<em>Irisches Tagebuch<\/em>\u201c hautnah erlebt. Ich habe aber auch gesehen (bzw. in Briefen von ihm gelesen), wie sehr er eigentlich auf Harmonie und Eintracht bedacht war \u2013 und mir wurde damals schon klar, wie sehr ihn pers\u00f6nlich die unsachliche und verletzende Kritik an dem, was er im Zusammenhang mit dem sog. \u201eTerrorismus\u201c in Deutschland sagte und tat, traf. Vielleicht sogar so sehr, dass sie ihn krankmachte und nicht unwesentlich dazu beitrug, dass er (viel zu fr\u00fch) 1985 starb.<\/p>\n<p>Noch einmal Ren\u00e9 B\u00f6ll: \u201e<em>Mein Vater war \u00fcbrigens kein Asket, er konnte auch genie\u00dfen, und Irland war f\u00fcr ihn ein R\u00fcckzugsort, dessen Bedeutung kaum \u00fcbersch\u00e4tzt werden kann. Hier wurde er mit seiner Familie seit 1955 willkommen gehei\u00dfen. \u2026 Monatelang begleiteten wir Kinder meine Eltern nach Irland und gingen nicht zur Schule. Als dies nicht mehr m\u00f6glich war, weil wir inzwischen das Gymnasien besuchten, war mein Vater oft f\u00fcr Wochen alleine in Irland. Dort genoss er die Ruhe von all den Telefonaten und Briefen und Presseanfragen, die auf ihn einst\u00fcrmten<\/em>\u201c (aaO.).<\/p>\n<p>Seit dem Tod von Heinrich B\u00f6ll im Jahre 1985 hat es in Deutschland keinen vergleichbaren \u00f6ffentlichen Intellektuellen mehr gegeben: B\u00f6ll legte sich mit der politischen Linken wie der Rechten an, mit der katholischen Kirche ebenso wie mit der Presse. Er setzte sich f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge aus Vietnam ein und f\u00fcr Dissidenten in Osteuropa. Er war Humanist, aber kein Moralist, und \u00fcberzeugt, dass &#8222;<em>Sprache, Liebe, Gebundenheit den Menschen zum Menschen machen<\/em>&#8222;<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>1972 erhielt er den Nobelpreis f\u00fcr Literatur. Seine Werke sind wichtige Zeugnisse des gesellschaftlichen und politischen Lebens in Deutschland \u00fcber fast ein halbes Jahrhundert. Die hier besprochene Biographie st\u00fctzt sich auch auf bislang nicht ausgewertete private Quellen und pr\u00e4sentiert auch einige eher unbekannte Fotos. Der Autor Jochen Schubert hatte erstmals uneingeschr\u00e4nkten Zugriff auf den Nachlass. \u201e<em>Er entfaltet das Portr\u00e4t eines widerst\u00e4ndigen K\u00fcnstlers und engagierten Intellektuellen. B\u00f6lls Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, seine Kritik an den restaurativen Tendenzen der Nachkriegszeit, aber auch sein Engagement in der Friedensbewegung zeigen den Nobelpreistr\u00e4ger an den Wendepunkten bundesrepublikanischer Kultur- und Gesellschaftsgeschichte\u201c<\/em> (Verlagstext).<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6ll hat uns in den 1960er, 1970 und 1980er Jahren immer wieder mit unserer j\u00fcngsten Vergangenheit konfrontiert. B\u00f6ll wollte (und hat) Perspektiven f\u00fcr Ver\u00e4nderungen entworfen, erstarrte Haltungen und \u00dcberzeugungen hinterfragt, irritiert, provoziert und Ab- und Ausgegrenztes sichtbar gemacht (S. 16). Schubert zitiert in diesem Zusammenhang Theodor Adorno: \u201e<em>Erkenntnis f\u00e4ngt dort an, wo es keine Br\u00e4uche gibt, wo man ins Offene kommt, wo man ungedeckt ist\u2026<\/em>\u201c (S. 17). F\u00fcr B\u00f6ll war \u201e<em>Menschwerdung Regelbruch durch Eigensinn<\/em>\u201c (aaO.). Damit musste Heinrich B\u00f6ll in der damaligen Zeit anecken, damit provozierte er, damit sorgte er aber auch daf\u00fcr, dass alte und \u00fcberkommene Gepflogenheiten \u00fcberdacht und der \u201eMuff unter den Talaren\u201c zum Vorschein kam.<\/p>\n<p>Wer B\u00f6ll, sein Schaffen, aber auch die Vehemenz der Kritik an ihm verstehen will, der muss diese Biographie lesen, denn ohne seine Kindheit und Jugend (Wirtschaftskrise, Arbeitslosenquote von \u00fcber 30%, S. 19 ff.; hier wurde der \u201e<em>Zerfall der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft<\/em>\u201c f\u00fcr ihn das \u201e<em>Urthema der Literatur<\/em>\u201c, S. 30), ohne die Erfahrungen des Lebens im Nationalsozialismus (und seine Kriegserlebnisse, S. 31 ff.) und ohne die Kenntnis seiner Erfahrungen in den Jahren nach dem Krieg (1946 &#8211; 1951) kann man B\u00f6ll nicht einordnen und schon gar nicht wirklich verstehen. B\u00f6ll war als Soldat in Polen, Frankreich, Russland und Rum\u00e4nien, und er erlebte den Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus in den Jahren nach 1946 hautnah, ebenso wie die Wiederaufr\u00fcstung (S. 91 ff.), die B\u00f6ll dann auch erstmals in die Schlagzeilen der Medien brachte, als er gegen die Notstandsgesetzgebung, gegen die atomare Aufr\u00fcstung und gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands k\u00e4mpfte. Bereits 1943 hatte er sein zwiesp\u00e4ltiges Verh\u00e4ltnis zu Deutschland in Briefen an seine Frau Annemarie deutlich gemacht. So schreibt er am 02. Mai 1943 \u00fcber einen \u201e<em>Doktor der Jurisprudenz<\/em>\u201c, mit dem er dienstlich zu tun hatte, er sei ein \u201e<em>typischer Repr\u00e4sentant jener verhassten deutschen B\u00fcrgerlichkeit (&gt;ein abscheuliches Gesindel, dieses deutsche Gebildeten-Pack&lt;)<\/em>\u201c, nachdem er ihn zuvor als \u201e<em>ma\u00dflos hohl<\/em>\u201c charakterisiert hatte<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Im Grunde, so Ralf Schnell in seinem Buch \u00fcber B\u00f6ll, \u201e<em>l\u00e4sst sich sein gesamtes literarisches Werk, von den fr\u00fchen Erz\u00e4hlungen der Nachkriegszeit bis zum melancholisch verschatteten Roman Frauen vor Flusslandschaften, als ein einzigartiger, variantenreicher Ausdruck dieser Suchbewegung lesen. Zu dieser geh\u00f6ren Offenheit und Experimentierfreude ebenso wie die Bereitschaft, zu weit zu gehen und Fehler zu machen<\/em>\u2026\u201c<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a>. M\u00f6glicherweise war die Gesellschaft in den 1970er Jahren noch nicht bereit, diese Suche B\u00f6lls mit all der Offenheit und der Bereitschaft, Fehler zu begehen, zu akzeptieren. Oder aber, was wahrscheinlicher ist, die Gesellschaft und vor allem ihre Repr\u00e4sentanten konnten den Spiegel nicht ertragen, den ihnen B\u00f6ll in seinen Werken vorgehalten hat.<\/p>\n<p>Wirklich zum Streit kam es Ende 1971, als B\u00f6ll einen mit \u201e<em>Soviel Liebe auf einmal<\/em>\u201c \u00fcberschriebenen Text verfasste, der am 10. Januar 1972 im Spiegel erschien \u2013 unter dem Titel \u201e<em>Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?<\/em>\u201c<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a>. Die Tatsache, dass die Redaktion den Titel festlegte (besser gesagt zuspitzte), ohne den Autor zu fragen, macht deutlich, wie Autoren (\u00fcbrigens auch heute noch) den Redakteuren ausgeliefert sind<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a>. B\u00f6ll verfasste den Artikel zu einem Zeitpunkt, als die Fahndungsaktionen nach den Mitgliedern der im Mai 1070 gegr\u00fcndeten RAF ebenso wie die Berichterstattung und die \u00f6ffentliche Hysterie einen H\u00f6hepunkt erreicht hatten. Es herrschte eine Atmosph\u00e4re, in der fast jede und jeder als Feind wahrgenommen (oder definiert) wurde, der es sich erlaubte, Kritik an den herrschenden Verh\u00e4ltnissen zu \u00fcben.<\/p>\n<p>Auch hier sei mir eine pers\u00f6nliche Reminiszenz erlaubt: Als ich 1982 von Hamburg nach Heidelberg wechselte, lernte ich Erika Br\u00fcckner, die Frau von Peter Br\u00fcckner, und deren Sohn Tobias Br\u00fcckner kennen. Sie bat mich, zu einem Prozess gegen ihren Sohn zu kommen. Tobias Br\u00fcckner war \u2013 als Mathematiker \u2013 am Institut f\u00fcr deutschen Sprache in Mannheim t\u00e4tig und hat dort u.a. einen Text zum \u201e<em>sprachlichen Fingerabdruck<\/em>\u201c ver\u00f6ffentlicht \u2013 mit deutlichem kriminalistischen Bezug.<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> Darin ging es auch um die sog. \u201eRAF-Texte\u201c. Im Zusammenhang mit Studentenprotesten an der Uni Heidelberg in den 1970er Jahren wurde ihm vor dem Landgericht Heidelberg der Prozess gemacht \u2013 u.a. wegen Hausfriedensbruch (er hatte Hausverbot an der Uni) und \u201eWiderstand\u201c. Ein Kollege und ich waren die einzigen Besucher dieses Strafverfahrens \u2013 quasi \u201edie \u00d6ffentlichkeit\u201c. Wir durften erleben, wie der Antrag von Tobias Br\u00fcckner, das Verfahren zu unterbrechen, weil sein Vater in Italien verstorben war und er f\u00fcr seine R\u00fcckf\u00fchrung nach Deutschland sorgen wollte, mit der Begr\u00fcndung abgelehnt wurde, es sein \u201egerichtsbekannt\u201c, dass der Angeklagte keinen Kontakt mehr mit seinem Vater habe. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass Tobias keinen (offiziellen) Kontakt zu seinem Vater hatte, waren dem Gericht nat\u00fcrlich bekannt. Peter Br\u00fcckner wurde n\u00e4mlich, nachdem er als Gutachter den Erhalt des von Wolfgang Huber gegr\u00fcndeten Sozialistischen Patientenkollektivs bef\u00fcrwortet hatte<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a>, die Unterst\u00fctzung der RAF vorgeworfen und\u00a0 er wurde vom Dienst suspendiert. In Caf\u00e9s und an anderen au\u00dferuniversit\u00e4ren Veranstaltungsorten hielt er trotzdem weiter Vorlesungen, bevor er 1977 Teil der so genannten \u201eMescalero-Aff\u00e4re\u201c<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a> wurde: Wegen der Mitherausgabe und Dokumentation des \u201eBuback-Nachrufs\u201c, den er im Sinn der Pressefreiheit gelesen sehen wollte, wurde er erneut suspendiert. Es folgte eine Reihe von Gerichtsverfahren. 1978 reiste z.B. auch Michel Foucault nach Hannover, um gegen Berufsverbote und f\u00fcr die Rehabilitierung von Peter Br\u00fcckner zu demonstrieren.<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a> 1981 wurden alle Disziplinarma\u00dfnahmen aufgehoben \u2013 aber: semper aliquit haeret.<\/p>\n<p>Wenige Tage nach dem wir die Verhandlung gegen Tobias Br\u00fcckner besucht hatten, bekam mein damaliger Chef einen Anruf aus dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz. Er m\u00f6ge, so die Nachricht, doch bitte etwas besser aufpassen, wo sich seine Mitarbeiter aufhalten. Die Tatsache, dass parallel dazu immer ein ziviles Fahrzeug vor der Wohnung stand, die ich zusammen mit einem (unpolitischen) Physiker bewohnte, muss man nicht weiter kommentieren. Immerhin hatte ich zuvor mit einem KBW-Anwalt, der RAF-Sympathisanten verteidigte, eine Wohnung geteilt. Soviel zur Hysterie der damaligen Zeit<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a>.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur B\u00f6ll-Biographie, in der die Aufarbeitung dieser Zeit und der Aktivit\u00e4ten von Heinrich B\u00f6ll ab S. 215 eine wichtige Rolle spielt. Die BILD-Zeitung hatte am 11.01.1971 B\u00f6ll als \u201e<em>christlichen Dichter<\/em>\u201c bezeichnet, der die \u201e<em>Baader-Meinhof-Bande<\/em>\u201c verteidige<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a>. Im Bayernkurier wurde er daraufhin als \u201e<em>linker Biedermann<\/em>\u201c bezeichnet, und in der Welt am Sonntag wurde die Aufforderung gedruckt: \u201e<em>Treten Sie ab Herr B\u00f6ll<\/em>\u201c. Er wird als \u201e<em>Mischung aus Albert Schweitzer, Schweijk und Fritz Teufel<\/em>\u201c (S. 224), als \u201e<em>Anwalt der anarchistischen Gangster<\/em>\u201c bezeichnet, dies sei \u201e<em>nackter Faschismus\u201c<\/em><a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[12]<\/a>. Im ZDF-Magazin behauptet Gerhard L\u00f6wenthal: \u201e<em>die B\u00f6lls und Br\u00fcckners und all die anderen sogenannten Linksintellektuellen sind nicht einen Deut besser als die geistigen Schrittmacher der Nazis<\/em>\u201c (S. 226).<\/p>\n<p>Nur konsequent war, dass dann auch im Zuge einer Gro\u00dffahndung nach Baader, Raspe und Meins auch B\u00f6lls Wohnsitz in Langenbroich ins Fadenkreuz der Ermittlungen geriet. Sein Haus wurde (pressewirksam) umstellt. B\u00f6ll wird von CDU-Abgeordneten im Bundestag als \u201e<em>Ziehvater der Terrorismus<\/em>\u201c dargestellt, als jemand, der (zusammen mit Peter Br\u00fcckner) das \u201e<em>Wasser abgibt, in dem die Fische herumschwimmen<\/em>\u201c (S.234). B\u00f6ll hat dies alles sehr zugesetzt, betroffen, empfindlich und misstrauisch gemacht. Und als dann 1974 auch noch sein Sohn Raimund B\u00f6ll (und damit seine Familie) ins Fadenkreuz der Polizei geriet, war f\u00fcr ihn wohl eine Grenze \u00fcberschritten. So titelte die Bild-Zeitung: \u201e<em>B\u00f6ll junior l\u00e4\u00dft in K\u00f6ln Puppen k\u00f6pfen \u2013 Was der Sohn des Nobelpreistr\u00e4gers unter Kunst versteht<\/em>\u201c<a href=\"#_edn13\" name=\"_ednref13\">[13]<\/a>. Sein Vater nahm dies mit zum Anlass, sich gegen solche Art der Berichterstattung mit den Mitteln des Erz\u00e4hlers und Satirikers zur Wehr zu setzen und ver\u00f6ffentlichte im Juli 1974 seine Erz\u00e4hlung \u201e<em>Die verlorene Ehre der Katharina Blum\u201c<a href=\"#_edn14\" name=\"_ednref14\"><strong>[14]<\/strong><\/a><\/em>, in der er die Boulevardpresse scharf kritisierte.<\/p>\n<p>1976 siedelte Raimund B\u00f6ll in die Schweiz \u00fcber. Er starb 1982. \u201e<em>Nichts hinterlie\u00df bei Heinrich B\u00f6ll so tiefe Spuren\u201c<\/em>. Schubert zitiert aus einem Brief von Heinrich B\u00f6ll: \u201e<em>Alles, was ich sage, tue, schreibe, ist jetzt von Rai bestimmt<\/em>\u201c (S. 274). Ein Brief Ende 1980 an Hartmut von Hentig (auch von dieser Beziehung zu lesen war f\u00fcr mich, der ich Hartmut von Hentig w\u00e4hrend meines Studiums in Bielefeld pers\u00f6nlich kennen- und sch\u00e4tzen gelernt hatte, spannend), macht deutlich, wie physische Krisen und psychische L\u00e4hmung bei Heinrich B\u00f6ll miteinander verflochten waren (S. 266 f.).<\/p>\n<p>Liest man das Buch von Jochen Schubert, so mischen sich Wut und Entt\u00e4uschung dar\u00fcber, wie man mit Heinrich B\u00f6ll umgegangen ist, mit der Bewunderung f\u00fcr sein Werk, aber auch f\u00fcr seine Gradlinigkeit und sein Engagement \u2013 wobei man wohl davon ausgehen darf, dass er zumindest zuletzt sehr wohl wusste, dass dieses Engagement seine Gesundheit gef\u00e4hrdet. Er ist dennoch aufrecht geblieben.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> So B\u00f6ll in seinen \u201eFrankfurter Vorlesungen\u201c, <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2017\/12\/20\/heinrich-boell-frankfurter-vorlesungen\">https:\/\/www.boell.de\/de\/2017\/12\/20\/heinrich-boell-frankfurter-vorlesungen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Zitiert nach Ralf Schnell, Heinrich B\u00f6ll und die Deutschen, K\u00f6ln 2017, S.37.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Schnell, FN 2, S. 119.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-43019376.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-43019376.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Ich selbst konnte dies im vergangenen Jahr erleben, als meine Kommentierung des letzten Buches von Sarrazin ohne mein Wissen mit der \u00dcberschrift \u201eKriminologie aus dem Hobbykeller\u201c versehen wurde \u2013 und zumindest mir nicht sofort klar war, ob sich dies auf Sarrazin oder auf mich bezog <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/autoren\/sarrazins-buch-feindliche-uebernahme-schuert-vorurteile-15763511.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/autoren\/sarrazins-buch-feindliche-uebernahme-schuert-vorurteile-15763511.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Tobias Br\u00fcckner, Gibt es einen \u201esprachlichen Fingerabdruck\u201c? Kritische Anmerkungen zum forensischen Textvergleich. In: Grazer Linguistische Monographien 30, Raimund H. Drommel, Sprachwissenschaftliche Kriminalistik und Sprachprofiling, 2011, S. 49 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> S. dazu die Besprechung des Buches von Christian Pross, \u00bbWir wollten ins Verderben rennen\u00ab. Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg. Psychiatrie-Verlag K\u00f6ln 2016, s.a. die Rezension im Polizei-Newsletter <a href=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=865\">http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=865<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.packpapierverlag.de\/?product=bruckner-die-mescalero-affare\">http:\/\/www.packpapierverlag.de\/?product=bruckner-die-mescalero-affare<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> S. dazu den Text von Barbara Sichtermann <a href=\"https:\/\/archive.fo\/20171010184157\/http:\/www.zeit.de\/1999\/14\/199914.erinnern.3_.xml\">https:\/\/archive.fo\/20171010184157\/http:\/\/www.zeit.de\/1999\/14\/199914.erinnern.3_.xml<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Einige KBW-Mitglieder wurden sp\u00e4ter in der Bundes- und Landespolitik in f\u00fchrenden Positionen aktiv, darunter Reinhard B\u00fctikofer, Winfried Kretschmann, Krista Sager und Ulla Schmidt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> Abgedruckt in: Frank Gr\u00fctzbach (Hrsg.): Heinrich B\u00f6ll: Freies Geleit f\u00fcr Ulrike Meinhof. Ein Artikel und seine Folgen. K\u00f6ln 1972, S. 38.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> s. Hans Mathias Kepplinger, Publizistische Konflikte und Skandale (Theorie und Praxis \u00f6ffentlicher Kommunikation), Wiesbaden 2009, S. 33.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref13\" name=\"_edn13\">[13]<\/a> S. <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-41726620.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-41726620.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref14\" name=\"_edn14\">[14]<\/a> Zum Film vgl. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/1975\/42\/der-luesterne-meinungsterror\">https:\/\/www.zeit.de\/1975\/42\/der-luesterne-meinungsterror<\/a><\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schubert, Jochen; Heinrich B\u00f6ll; hrsg. von der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung, Theiss Verlag \u2013 WBG. Darmstadt 2017, 352 S., \u20ac 29,95, ISBN 978-3-8062-3616-3 Eine durchaus pers\u00f6nliche Rezension von Thomas Feltes Heinrich B\u00f6ll w\u00e4re am 21. Dezember 2017 hundert Jahre alt geworden. Die \u201egr\u00fcne\u201c politische Stiftung tr\u00e4gt seinen Namen. Im Theiss Verlag ist diese Biografie erschienen, herausgegeben von der &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1297\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Jochen Schubert &#8211; Heinrich B\u00f6ll &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1297"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1297"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1297\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1299,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1297\/revisions\/1299"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}