{"id":1306,"date":"2019-08-31T19:58:04","date_gmt":"2019-08-31T17:58:04","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1306"},"modified":"2019-08-31T19:58:04","modified_gmt":"2019-08-31T17:58:04","slug":"victoria-hegner-hexen-der-grossstadt-urbanitaet-und-neureligioese-praxis-in-berlin-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1306","title":{"rendered":"Victoria Hegner &#8211; Hexen der Gro\u00dfstadt. Urbanit\u00e4t und neureligi\u00f6se Praxis in Berlin &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Hegner, Victoria;<\/em> Hexen der Gro\u00dfstadt. Urbanit\u00e4t und neureligi\u00f6se Praxis in Berlin;<\/strong> Transcript-Verlag Bielefeld 2019, 330 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4369-5, 34,99 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1307 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/hexen_der_grossstadt-99x150.png\" alt=\"\" width=\"99\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/hexen_der_grossstadt-99x150.png 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/hexen_der_grossstadt.png 200w\" sizes=\"(max-width: 99px) 100vw, 99px\" \/><\/p>\n<p>Die Hexenverfolgung in Europa hat die Kriminologie bislang wenig besch\u00e4ftigt \u2013 von der Polizeiforschung ganz zu schweigen. Es gibt eine Bibliografie der Hexenforschung 2017<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, und Stefan Quensel hat 2017 in seinem zweiten Band der \u201aGeschichte professioneller Kontrolle\u2019 das fr\u00fchneuzeitliche (16.\/17. Jahrhundert) \u201eHexen-Problem\u201c als \u201eklerikal-juristische Konstruktion\u201c untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass in einer noch immer mental religi\u00f6s gepr\u00e4gten \u00dcbergangszeit die Hexen-Problematik den ersten Schritten einer weltlichen, st\u00e4dtisch wie fr\u00fchabsolutistischen Ordnungspolitik entsprach, in der sich die \u201aKultur\u2019 einer entstehenden Elite von derjenigen des Volkes zu scheiden begann. <!--more-->Die Geschichte reiche vom klerikalen Beginn im 14. Jahrhundert \u00fcber die beiden Formen der \u201anormal l\u00e4ndlichen\u2019 Hexerei sowie der inquisitorischen Massen-Verfolgungen bis hin zu deren Ende im 18. Jahrhundert.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Der Titel seiner Studie \u201eHexen, Satan, Inquisition. Die Erfindung des Hexen-Problems\u201c macht deutlich, dass \u201eHexen\u201c schon immer mit dem verschiedensten Bestrebungen in der Gesellschaft verbunden waren, man sie als etwas au\u00dferhalb der Gesellschaft stehendes ansah (obwohl die so definierten nat\u00fcrlich Teil dieser Gesellschaft waren), die man entweder auszurotten oder zumindest kontrollieren musste. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr stellt Quensel in seinem Buch anschaulich dar. Einer der Rezensenten des Buches von Quensel schreibt dazu: \u201eHexen geh\u00f6ren im 19. Jahrhundert jedenfalls zum Inventar der sozialen Wirklichkeit:\u00a0 \u2026 So darf man sich nicht wundern, wenn besonders im Jahrhundert der Hexenverfolgung schlechthin, dem f\u00fcnfzehnten Jahrhundert, die Haltung gegen\u00fcber dem Aberglauben, namentlich gegen\u00fcber Hexen und Zauberei, sehr schwankend und wenig fest ist. Leichtgl\u00e4ubigkeit und der Mangel an Kritik liefern den mittelalterlichen Menschen dem Spuk und dem Wahn aus; doch es gibt in dieser Zeit auch vern\u00fcnftige Ans\u00e4tze und Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Hexerei und f\u00fcr den Zauber. \u2026 Hexerei und Geisterglaube verweisen auf die Ethnologie und die Religionswissenschaften. Hier k\u00f6nnen wir Ausk\u00fcnfte \u00fcber den Geisterglauben, den Schamanismus und die Anf\u00e4nge der Zauberei und Hexerei in pr\u00e4historischen und historischen Gesellschaften (u.a. Antike\/ Germanen und andere alteurop\u00e4ische V\u00f6lker) erhalten. Jedenfalls gibt es eine lange Menschheitsgeschichte des Geisterglaubens, die von den Vorzeiten bis in gegenw\u00e4rtige Gesellschaften reicht. Die z\u00e4hlebigen Hexen haben Ahnen und Herk\u00fcnfte und fallen auch nicht im Mittelalter einfach vom Himmel\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p>Der hier besprochene Band verfolgt einen g\u00e4nzlich anderen Ansatz. Er sieht die \u201eHexen der Gro\u00dfstadt\u201c als neureligi\u00f6se Praxis, die im Kontext von Urbanit\u00e4t zu verstehen ist und durchaus als \u201eBefreiungsbewegung\u201c zu sehen ist, auch wenn ihr das klandestine nach wie vor anhaftet. Heute soll, so der Verlag zu dem hier vorgestellten Buch von Victoria Hegner, die \u201eReligion der Hexen\u201c Konjunktur haben, und dies vor allem in Gro\u00dfst\u00e4dten. Den Fragen, wer diese Hexen sind, welche religi\u00f6sen Vorstellungen sie vertreten und warum sich der urbane Kontext als entscheidend f\u00fcr die Tradierung ihrer Religion darstellt, geht Victoria Hegner am Beispiel des Ortes nach, der die gr\u00f6\u00dfte Hexendichte Mitteleuropas f\u00fcr sich deklariert: Berlin.<\/p>\n<p>Dabei wird deutlich, wie die Stadt zur diskurssetzenden Arena neuer Religionen avanciert und es ihnen erm\u00f6glicht, eine politische \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr sich herzustellen und zugleich privatisiert zu bleiben. Die Hexenreligion ist f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen emblematisch \u2013 und gleichzeitig ein Sonderfall.<\/p>\n<p>Ziel der Analyse ist es (so die Autorin), \u201esowohl allgemeine Charakteristika des Wechselspiels von Stadt und Religion offenzulegen, als auch \u2026 seine Einzigartigkeit herauszustellen, also zu zeigen, dass die Hexenreligion in Berlin eben ein Berlinisches Ph\u00e4nomen ist\u201c (S. 9).<\/p>\n<p>Methodisch ist die Studie als teilnehmende Feldforschung angelegt: \u201eSo nahm ich w\u00e4hrend meiner Forschung an mehr als 50 Ritualen teil und organisierte sie teilweise mit. Dabei bewegte ich mich haupts\u00e4chlich in zwei Gruppen bzw. Zirkeln von Hexen in Berlin\u2026\u201c. Mit den meisten Frauen, die ich kennenlernte, habe ich mich auch privat getroffen&#8230; Mit einigen der Hexen f\u00fchrte ich narrative Interviews durch\u201c (S. 30). Das dabei m\u00f6glicherweise entstehende \u201egoing native\u201c (im Deutschen auch \u201eVerkafferung\u201c genannt, S. 32) wird von der Autorin \u2013 ebenso wie die Verwendung des letztgenannten Begriffs &#8211; durchaus problematisiert.<\/p>\n<p>Die Studie ist nicht zuletzt deshalb auch aus methodischen Gr\u00fcnden f\u00fcr alle interessant, die Feldforschung unternehmen wollen, teilnehmend oder nicht teilnehmend. Die Ergebnisse, die ausf\u00fchrlich und teilweise auch mit Bildern versehen, dargestellt werden, sind auf den ersten Blick vielleicht nur f\u00fcr Ethnologen von Interesse. Wer sich aber f\u00fcr Subkulturen in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten Interessiert, kommt um diese Studie nicht herum.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/archivalia.hypotheses.org\/70415\">https:\/\/archivalia.hypotheses.org\/70415<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.springer.com\/de\/book\/9783658151256\">https:\/\/www.springer.com\/de\/book\/9783658151256<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.socialnet.de\/rezensionen\/23325.php\">https:\/\/www.socialnet.de\/rezensionen\/23325.php<\/a><\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hegner, Victoria; Hexen der Gro\u00dfstadt. 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