{"id":1377,"date":"2019-11-18T07:41:41","date_gmt":"2019-11-18T06:41:41","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1377"},"modified":"2019-11-18T07:41:41","modified_gmt":"2019-11-18T06:41:41","slug":"pia-klemp-lass-uns-mit-den-toten-tanzen-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1377","title":{"rendered":"Pia Klemp &#8211; Lass uns mit den Toten tanzen &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Klemp, Pia;<\/em> Lass uns mit den Toten tanzen; <\/strong>MaroVerlag, Augsburg 2019, ISBN 978-3-87512-491-0, 20.- Euro.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1378 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/lass_uns_mit_den_toten_tanzen-95x150.png\" alt=\"\" width=\"95\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/lass_uns_mit_den_toten_tanzen-95x150.png 95w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/lass_uns_mit_den_toten_tanzen.png 336w\" sizes=\"(max-width: 95px) 100vw, 95px\" \/><\/p>\n<p>Ein Buch wie eine Faust ins Gesicht all derjenigen, die zuhause bequem im Sessel sitzen und die Ungerechtigkeit der Welt beklagen. Gleichzeitig ein Buch, das Hoffnung macht, allerdings eher beschr\u00e4nkt, da es die b\u00fcrokratische und politische Ignoranz in Sachen Fl\u00fcchtlingsrettung auf dem Mittelmeer derart entlarvt, dass es beim Lesen weh tut. Man sch\u00e4mt sich. F\u00fcr \u201eseine\u201c Politiker\u201c, f\u00fcr \u201eseine\u201c EU, selbst dann, wenn man sich selbst irgendwie und irgendwo engagiert. Der alte Sponti-Spruch, dass nicht nur das Private, sondern alles politisch ist, bewahrheitet sich hier wieder einmal.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><!--more--><\/p>\n<p>Wenn die folgende Buchbesprechung anders ausf\u00e4llt, als fast allen anderen (auch von mir), so hat dies mehrere Gr\u00fcnde. Zum einen m\u00fcsste die Besprechung, wenn sie dem Buch gerecht werden soll, derart umfangreich werden, dass sie die \u00fcblichen Dimensionen von Besprechungen im PNL sprengt; zum anderen aber erscheint es mir in diesem Fall viel sinnvoller, die Autorin selbst zu Wort kommen zu lassen. Die Direktheit und die Klarheit, und vor allem die Emotionalit\u00e4t, die ihre Aussagen haben, lassen sich nur so wiedergeben und nachvollziehen \u2013 und die Leichtigkeit und der Humor, die einige Passagen dieses Buches ausstrahlen, ginge sonst auch verloren.<\/p>\n<p>Zum Hintergrund: Pia Klemp war Kapit\u00e4nin bei der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer. Im August 2017 wurde eines ihrer Schiffe, die \u00bbIuventa\u00ab, in einen italienischen Hafen beordert und von den Beh\u00f6rden beschlagnahmt. F\u00fcr das Retten im Mittelmeer droht ihr und weiteren Crewmitgliedern ein Prozess in Italien und bis zu 20 Jahre Haft. W\u00e4hrend sich ihr Einsatz daher vom Wasser auf die Stra\u00dfe verlagerte, schrieb Pia Klemp einen Roman (so bezeichnet sie selbst bzw. der Verlag das Buch wohl aus rechtlichen Gr\u00fcnden, obwohl es wohl eher ein Tatsachenbericht ist), der von ihren Rettungsmissionen gepr\u00e4gt ist. \u201e<em>In \u00bbLass uns mit den Toten tanzen\u00ab setzt sich eine Aktivistin kompromisslos f\u00fcr die Einhaltung der Menschenrechte ein. Sie k\u00e4mpft f\u00fcr ihre Utopie, eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung, Schutz f\u00fcr die Natur und Freiheit f\u00fcr alle Lebewesen.<\/em>\u201c <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>\u201e<em>Die Crew kann nicht akzeptieren, dass die EU-Staaten die Seenotrettung eingestellt haben und die Menschen wissentlich sterben lassen. Sie orientiert sich uneingeschr\u00e4nkt an der Einhaltung der universellen Menschenrechte. Als ihre Rettungseins\u00e4tze sabotiert und kriminalisiert werden, nimmt das abgekartete politische Spiel neue Dimensionen an. Die Sicht der Kapit\u00e4nin entlarvt, wie die europ\u00e4ische Politik ihre selbst propagierten Werte verr\u00e4t. Sie k\u00e4mpft rigoros gegen die Verbrechen des herrschenden Systems und hadert mit Fluch und Segen ihrer eigenen Freiheit. Nur der eigene Aufstand bietet Hoffnung, den eigenen \u00dcberzeugungen gerecht zu werden. Der Roman zeigt schonungslos, wie die Zweifel an einer Gesellschaft steigen, die millionenfaches Leid mental und politisch auf gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Distanz zu halten versucht. Eine brachiale Feier von zivilem Ungehorsam, Alkohol, Freundschaften, Romanzen und eine brennende Liebeserkl\u00e4rung an den Kampf f\u00fcr eine gerechte Welt<\/em>\u201c (so die Verlagsank\u00fcndigung, s. FN 1).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1379 alignleft\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/pia_klemp-150x87.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"87\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/pia_klemp-150x87.png 150w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/pia_klemp.png 662w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/p>\n<p>\u201e<em>Pia Klemp auf der Kommandobr\u00fccke der \u00bbSea-Watch\u00ab. Die Biologin hatte sich zuerst mit der Organisation \u00bbSea Shepherd\u00ab weltweit gegen Walfangflotten und die Zerst\u00f6rung der Meere eingesetzt. Bewegt von der Trag\u00f6die im Mittelmeer wandte sie sich 2015 der privaten Seenotrettung zu, zuerst fuhr sie mit dem Rettungsschiff &#8222;Iuventa&#8220; von Jugend rettet Missionen. Anfang November 2017 steuerte sie das Flaggschiff \u00bbSea-Watch 3\u00ab zu dessen erster Rettungsmission vor die libysche K\u00fcste. Sie und ihre Crews haben mehr als 1000 Fl\u00fcchtende vor dem Ertrinken gerettet. Daf\u00fcr wird nun gegen sie ermittelt. Solidarit\u00e4t f\u00fcr sich und andere organisiert sie mit Solidarity at Sea.<\/em>\u201c Paul Lovis Wagner\/Sea-Watch.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p><strong>Handeln als konsequente Umsetzung von Einsicht<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDoch wenn man einmal die Verfassung dieser verkorksten Welt gesehen und verstanden hat, dann bleibt einem nur noch die Tat. Unser Lechzen nach Freiheit bringt uns in Zugzwang. Unsere Mission ist das entz\u00fcndete Aufbegehren aus dem verrotteten Leichnam einer Gesellschaft heraus, die einst von Gerechtigkeit sprach. Unser Einsatz ist ein letztes humanes Zucken dieses Zombies, der sich und seine Werte verriet. So sind die g\u00e4renden Fette seiner Verwesung \u00d6l in unserem Feuer. Der Zerfall des Menschlichen treibt uns an, ob wir wollen oder nicht. Anspruch und Wirklichkeit der westlichen Welt klaffen so weit auseinander, dass wir uns nicht mehr f\u00fcr das Gute, sondern nur noch gegen das Schlechte erheben k\u00f6nnen, hier auf unserem schwimmenden Au\u00dfenposten der Vernunft\u201c<\/em> (S. 79 f.)<\/p>\n<p><strong>Geschlechterfrage, Machismus in Polizei, Grenzschutz und Milit\u00e4r<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eAls der Capo fes<\/em><em>tstellt, dass nicht nur der Kapit\u00e4n, sondern auch d<\/em><em>er Erste Maschinist penislos ist, wirkt er, als st\u00fcnde er kurz vor einem Herzinfarkt. Salma genie\u00dft wie unangenehm es ihm ist\u201c (S. 86)<\/em><\/p>\n<p><strong>Systemfrage<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDer Capo und sein Fu\u00dfvolk verlassen das Schiff. Ich mache einen letzten Rundgang auf Deck, zur Leinenkontrolle und zum Atmen. Die Maschinen sind aus, das Schiff liegt am Dock, reglos wie ein m\u00fcder Hund. Gegen\u00fcber von uns klappern die Seile und Karabiner der Segeljachten im Wind hektisch gegen die Masten, Klabim klabim klabim, als wollten sie eine Rede halten. Nur eine Handvoll K\u00fcstenw\u00e4chter steht noch Wache an der Pier und das zerrissene Absperrband flattert in der Brise, hinter dem zuvor die Reporter geierten. Aus allen Ecken fl\u00fcstert es mit schwelendem Atem: Das System ist kaputt. Es muss weg.\u201c<\/em> (S. 87)<\/p>\n<p><strong>Beschlagnahme des Schiffes, Konstruktion von \u201efake news\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<em>Als um 21 Uhr dann die Beschlagnahmungsakte eintrifft, muss die Crew vom Schiff. 400 Seiten dick ist das Ding. Damit w\u00e4re dann auch abschlie\u00dfend klar, dass die Falle sowie die Beschlagnahmung von langer Hand geplant waren. Ganz nach dem Drehbuch der Staatsanwaltschaft, beruhend auf einer ausgedachten Begebenheit, auf imagin\u00e4ren Fakten\u201c.<\/em> (S. 97)<\/p>\n<p><strong>Polizei und Milit\u00e4r: Mehr als Handlanger der M\u00e4chtigen (EU)?<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eEs herrscht eine unheimliche Ruhe auf dem Schiff. Ich trete zwischen den Inhalten ausgekippter Schubladen und aus den Regalen gerissenen B\u00fcchern und Papieren (bei der Razzia, TF) umher. Es ist schaurig leise, auch in mir. Das Phantasma der EU erdr\u00fcckt uns. Das haben sie sich fein ausgedacht. Ein Schlag gegen ziviles Engagement, gegen Menschenrechte und f\u00fcr t\u00f6dliche Protektion dessen, was sie sich &#8211; auch in Zukunft weiter zusammenstehlen werden. \u2026 Ihre Razzia schnitzt und feilt an unseren Ambitionen, gr\u00e4bt sie aus unseren \u00c4ngsten und popelt sie aus der Patina der Gesellschaftsl\u00fcgen\u201c (<\/em>S. 98)<\/p>\n<p><strong>Humanit\u00e4re Ignoranz der Institutionenvertreter, Kriminalisierung und nichts Besseres zu tun?<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eNoch mehr Papierkram, Warten in h\u00e4sslichen Fluren und immer wieder die Witterung, dass einer von ihnen doch noch erkennt, was es bedeutet, uns hier festzuhalten. Dass sie genau wissen, wie viel ihrer Arbeit wir ihnen abgenommen haben. Dass sie an die Menschen in den Booten oder im Wasser denken, glaube ich nicht. Sie machen einfach weiter und sagen nichts, als k\u00f6nnte man die Realit\u00e4t ignorieren, wenn man sich nur stark genug auf Stempel und R\u00e4nge konzentriert\u201c. (S. 102)<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eMit der Beschlagnahmung haben wir erfahren, dass vier verschiedene Beh\u00f6rden, inklusive des Geheimdienstes, gegen uns ermitteln. Den Spa\u00df machen die sich seit einem Jahr. Mit lustigen Gadgets wie Wanzen auf der Br\u00fccke, Telefone abh\u00f6ren und Undercover-Cops auf NGO-Schiffen. James Bond goes Dr. Mabuse. Ich bin erstaunt, wie wohlorchestriert die Kriminalisierung der Seenotrettung ist.\u201c (S. 138)<\/em><\/p>\n<p><strong>Protokoll einer unheimlichen Rettungsaktion<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eEndlich sind wir mit dem Schiff in Sichtweite. Enzo, Claire und Felix verteilen Rettungswesten an alle. Das elf Meter lange Boot hat schlappe 80 Leute an Bord. Enzo l\u00e4sst sich von ihnen erz\u00e4hlen, dass der Schlauch erst vorhin geplatzt und bisher noch niemand ins Wasser gefallen sei. Das Milit\u00e4rschiff hatte nicht nur mich, sondern auch die in Seenot Geratenen ignoriert \u2013 es sitzt die ganze Zeit regungslos neben der voll Wasser gelaufenen PVC-Nussschale. Als wir dann dort zugange sind, lassen sie doch ihr RHIB ins Wasser. Statt aber die Menschen abzubergen, fahren sie enge Kreise um das durchl\u00f6cherte Schlauchboot und unser RHIB. \u00bbDie haben sie doch nicht mehr alle\u00ab, murmel ich in meinen imagin\u00e4ren Bart. Dann bricht Felix&#8216; auf geregte Stimme aus der Funke: \u00bbDie zielen mit Maschinengewehren auf uns! Die Leute kriegen Panik!\u00ab Ich kann sp\u00fcren, wie sich meine Iris zusammenzieht und sich meine Pupillen sch\u00e4rfen. Das Plastikgeh\u00e4use des Funkger\u00e4tes knackt, so verkrampft presst sich meine Hand darum. \u00bbEuropean warship, European warship. <\/em><em>TELL YOUR RHIBCREW TO STOP POIN TING GUNS AT MY CREW! STOP POINTING GUNS AT MY CREWr\u00ab Ich bin au\u00dfer mir vor Wut. \u00bb Don&#8217;t worry. My crew is on y protecting itself\u00ab, kommt es blasiert aus dem klimatisierten radio room an Bord des Milit\u00e4rschiffs zur\u00fcck. \u2026 Nachdem sie uns eine Weile ihre halbautomatischen Penisse pr\u00e4sentieren, h\u00f6rt das Milit\u00e4r-RHIB ohne ersichtlichen Grund mit seinem Waffenkreisel auf, schaltet den Motor aus und guckt nun unserer Crew dabei zu, wie sie die Leute abbergen. Meine Funkspr\u00fcche bleiben erneut unbeantwortet, und ich werte das als ein Nein auf meine Frage, ob wir die Fl\u00fcchtlinge zu ihnen an Bord bringen k\u00f6nnen. Sie werden ja schlie\u00dflich auch von Steuern f\u00fcr ihre Eins\u00e4tze bezahlt &#8211; die ich genau deswegen nicht berappe<\/em>.\u201c (S. 153 f.)<\/p>\n<p><strong>Das Ende des Menschseins. Hautnah erlebt. <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eW\u00e4hrend wir um jeden Meter, jede Sekunde k\u00e4mpfen, dreht sich der Schauplatz und gibt den Blick auf das Ende des Menschseins frei. Die Libyer haben das Schlauchboot l\u00e4ngsseits genommen, ziehen es neben sich her und rei\u00dfen mit ihrem groben Man\u00f6ver den Schlauch auf. Geb\u00fcckte Gestalten kauern auf dem Vordeck des libyschen Schiffes, werden mit Leinen geschlagen und zusammengetrieben. Bestimmt 40 Menschen sitzen noch im Boot, das gerade abs\u00e4uft. Vom Deck aus werden sie von den libyschen Milizen in Uniform angeschrien. Sie klammern sich fest, schauen sich um und springen dann ins Wasser, obwohl sie nicht schwimmen k\u00f6nnen. Sie ertrinken lieber, als auf das Schiff der Milizen und nach Libyen zur\u00fcckzum\u00fcssen. \u00dcber Kanal 16 br\u00fcllt ein libyscher Offizier: \u00bbGO AWAY! Go AWAY!\u00ab \u00fcberall um uns herum sind Leute im Wasser. Sie versuchen, in unser e Richtung zu schwimmen, andere fuchteln verzweifelt mit den Armen. Anie lenkt das RHIB von Mensch zu Mensch, Felix und Julia ziehen sie so schnell es geht aus dem Wasser, und schon fahren sie weiter zum n\u00e4chsten. Es sind so viele. Wir sind jetzt nah genug dran, so dass wir die Panik fast riechen k\u00f6nnen. Am schlimmsten sind die Schreie derer, die noch im Boot sitzen und sich in unverderblicher Verzweiflung zwischen einem Leben in Folter und dem Tod im Meer entscheiden m\u00fcssen. Ihre panischen Rufe wandern \u00fcber die wenigen Meter Wasser zwischen uns, und sie brennen, \u00e4tzen, schneiden, fressen sich in unser Bewusstsein. Man wei\u00df beim ersten Ton, dass man das nie vergessen wird \u2026Ich muss noch n\u00e4her ranfahren und lehne mich \u00fcber die Reling, um sicher zu gehen, dass keiner vor dem Schiff im Wasser ist. Nicht vor mir, sondern neben mir, nur drei\u00dfig Meter entfernt, ist einer. Als ich gerade das RHIB anfunken will, sehe ich noch, wie er sich die Nase zuh\u00e4lt und dann untergeht. Einfach so. Ganz gleich wie schnell wir sind, es ist nicht zu schaffen. Viele verschwinden in den Wellen. Erst platscht und planscht es, sie rufen und winken, dann ist da nur noch ein Arm, dann eine Hand, die f\u00fcr immer von der Erdoberfl\u00e4che verschwindet<\/em>\u201c. (S. 165 f.)<\/p>\n<p><strong>Anmerkung TF: Es ist eine Sache, wenn IS-K\u00e4mpfer, Terroristen oder die Mafia Menschen umbringen oder sterben lassen. Es ist aber eine andere, wenn dies durch angeblich demokratische Staaten und ihre Vertreter geschieht: Man beauftragt Libyen, die Drecksarbeit zu machen und die Probleme in Afrika zu behalten. Was geht eigentlich in den K\u00f6pfen derjenigen vor, die dies politisch zu verantworten haben, wenn sie dieses Buch lesen und\/oder die Bilder von Ertrinkenden sehen? Wahrscheinlich nichts. Die gro\u00dfe Gehirnleere, in der sich politischer Opportunismus breitmachen kann. Und dann die (angebliche) Zunahme von Gewalt in unserer Gesellschaft beklagen und den Verlust von Empathie und Moral.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wer kann sowas verkraften? 60 gerettet, 30 ertrunken. Was z\u00e4hlt am Ende?<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eJeremy kommt kreidebleich auf die Br\u00fccke. Er wird die Zahl der Menschen nicht benennen k\u00f6nnen, die er hautnah hat sterben sehen. Wer wei\u00df so etwas heute schon. Die Gesichter der Crew sind verh\u00e4rmt. Mit kleinen, achtsamen Ber\u00fchrungen halten wir uns gegenseitig, tasten nach einem Sinn. Mal sehen, wie lange wir uns am Riemen rei\u00dfen k\u00f6nnen. Auf Deck herrscht Friedhofsstille. \u00bbWie viele haben wir an Bord?\u00ab, traue ich mich zu fragen. \u00bbEtwa sechzig\u00ab, sch\u00e4tzt Jeremy. Ich nicke stumm. Dann sind mindestens drei\u00dfig ertrunken. Was f\u00fcr ein elendiger Schei\u00dftag. \u2026 Felix starrt auf das Meer, dann sehe ich, dass ihm schwere, jammervolle Tr\u00e4nen die Wangen herunterlaufen. Wortlos nehme ich ihn in den Arm, und er schluchzt herzzerrei\u00dfend, bis ihm der Rotz aus der Nase l\u00e4uft. \u00bbDer Junge ist tot\u00ab, sagt er mit bebender Stimme. \u00bbWelcher Junge?\u00ab Er erz\u00e4hlt, dass sie einen kleinen Jungen aus dem Wasser gezogen haben, der nicht mehr geatmet hat. Eine halbe Stunde lang haben er und Julia versucht, ihn wiederzubeleben. Dann hat Julia ihn f\u00fcr tot erkl\u00e4rt. Felix schn\u00e4uzt sich die Nase und richtet sich wacker auf: \u00bbEy sorry, das musste gerade mal raus.<\/em>\u00ab (S. 168)<\/p>\n<p><em>\u201eDie Wucht des Leidens an Bord ist markersch\u00fctternd. Es ist unertr\u00e4glich, nichts f\u00fcr sie tun zu k\u00f6nnen. Jeremy unterh\u00e4lt sich mit einem jungen Kongolesen, dem ein Ohr fehlt. Ein W\u00e4chter im libyschen Lager ist durchgedreht und hat es ihm einfach abgebissen. Seinem einen Bruder haben sie ins Bein geschossen. Dem anderen in den Kopf. W\u00e4hrend wir gleichzeitig ein paar Meilen entfernt stundenlang dar\u00fcber sprachen, wie wir unsere europ\u00e4ischen F\u00fc\u00dfchen zum Schutz in Stahlkappenschuhe stecken m\u00fcssen.<\/em>\u201c (S. 170)<\/p>\n<p><strong>Alles ist relativ\u2026<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<em>Er ist voller nerv\u00f6ser Vorfreude (auf die Landung, TF) und erz\u00e4hlt mir von seiner Flucht, die mit etwas Gl\u00fcck nun ein Ende findet. Er h\u00e4tte niemandem auf dem Meer verloren, darum ginge es ihm besser als den anderen, sagt er. Seine Freunde und Verwandten seien schon vorher gestorben. Ach so. In Nigeria von Boko Haram abgeschlachtet, verdurstet auf der Flucht durch die Sahara, erschlagen oder zu Tode vergewaltigt von den W\u00e4rtern in den Lagern. Und noch einer und noch einer. Er z\u00e4hlt Namen auf. Ich werde sie mir nicht merken, er wird sie nie vergessen. Wir m\u00fcssen beide hier weg. Wir umarmen uns fest, sch\u00fctteln nochmal H\u00e4nde. \u00bbGood luck in Italy, my friend\u00ab, W\u00fcnsche ich ihm mit nassen Augen. Er strahlt mich an, dr\u00fcckt meine Hand noch fester und sagt: \u00bbCaptain, thank you for being strong.<\/em>\u00ab (S. 172 f.) \u2026 <em>\u201eDie Trauer ist undefiniert, kommt von \u00fcberall. Die peinliche Wahrheit ist, ich weine um mich selbst, um niemanden sonst. Obwohl sie vor meinen Augen j\u00e4mmerlich ersoffen sind, weine ich nur um mich. Nicht obwohl &#8211; deswegen. Wenn ich mir erlauben w\u00fcrde, sie an mich ranzulassen, kann ich nicht mehr f\u00fcr sie da sein. Daf\u00fcr bin ich nicht stark genug. Ist das kalt? Deprimierend? Einerlei. Ich bin ein Werkzeug, ich muss funktionieren.<\/em>\u201c (S. 177)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Was die Aussage der Vertreter bestimmter (auch Menschenrechts-)Institutionen, die sich auf ihr \u201eMandat\u201c oder ihren \u201eAuftrag\u201c zur\u00fcckziehen, weil sie kein \u201epolitisches Mandat\u201c haben,<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.maroverlag.de\/literatur\/216-pia-klemp-roman-buch-lass-uns-mit-den-toten-tanzen-9783875124910.html\">https:\/\/www.maroverlag.de\/literatur\/216-pia-klemp-roman-buch-lass-uns-mit-den-toten-tanzen-9783875124910.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Quelle: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1111352.kapitaenin-pia-klemp-die-vorwuerfe-sind-knueppelhart.html\">https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1111352.kapitaenin-pia-klemp-die-vorwuerfe-sind-knueppelhart.html<\/a><\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klemp, Pia; Lass uns mit den Toten tanzen; MaroVerlag, Augsburg 2019, ISBN 978-3-87512-491-0, 20.- Euro. 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