{"id":1381,"date":"2019-11-18T07:45:56","date_gmt":"2019-11-18T06:45:56","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1381"},"modified":"2019-11-18T07:45:56","modified_gmt":"2019-11-18T06:45:56","slug":"helen-behn-suicide-by-cop-in-deutschland-eine-pilotstudie-auf-grundlage-einer-dokumentenanalyse-von-faellen-aus-niedersachsen-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1381","title":{"rendered":"Helen Behn &#8211; Suicide by Cop in Deutschland. Eine Pilotstudie auf Grundlage einer Dokumentenanalyse von F\u00e4llen aus Niedersachsen &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Behn, Helen;<\/em> Suicide by Cop in Deutschland. Eine Pilotstudie auf Grundlage einer Dokumentenanalyse von F\u00e4llen aus Niedersachsen; <\/strong>Verlag f\u00fcr Polizeiwissenschaft, Frankfurt\/Main, 2019, ISBN: 978-3-86676-591-7, 28.90 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1382 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/suicide_by_cop_deutschland-104x150.png\" alt=\"\" width=\"104\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/suicide_by_cop_deutschland-104x150.png 104w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/suicide_by_cop_deutschland.png 200w\" sizes=\"(max-width: 104px) 100vw, 104px\" \/><\/p>\n<p>Suicide by Cop, die von einer Person provozierte eigene T\u00f6tung unter der Ausnutzung von Polizeibeamten, ist ein Ph\u00e4nomen, das in Deutschland bislang empirisch nicht untersucht wurde. Ob man es, wie der Umschlagtext des Buches suggeriert, als \u201eKriminalit\u00e4tsph\u00e4nomen\u201c bezeichnet, h\u00e4ngt letztendlich aber davon ab, welche Handlung derjenige unternimmt, der es darauf anlegt, von einem Polizeibeamten get\u00f6tet zu werden.<!--more--><\/p>\n<p>Ergebnisse aus der Forschung zu diesem Thema liegen \u00fcberwiegend aus dem angloamerikanischen Sprachraum vor. Mit der vorliegenden Studie versucht die Verfasserin unter Anwendung eines Methodenmixes die bestehende Forschungsl\u00fccke f\u00fcr den deutschsprachigen Raum zu schlie\u00dfen, oder besser gesagt, sie liefert einen Ansatz, wie man diesem Ph\u00e4nomen systematisch nachgehen k\u00f6nnte. Denn die vorliegende Studie ist als Pilotstudie angelegt und erstreckt sich auf Niedersachsen. Sie umfasst den Betrachtungszeitraum von zehn Jahren und eine Gesamtzahl von 180 F\u00e4llen (134 Justizakten wurden von der Verfasserin ausgewertet). Methodisch steht eine Justizaktenanalyse, erg\u00e4nzt durch eine Dokumentenanalyse, im Vordergrund. W\u00e4hrend einerseits mittels eines deskriptiven Vorgehens das Fallaufkommen bestimmt und kategorisiert wurde (u.a. quantitative Erhebung von personenbezogenen und situationsbezogenen Faktoren), wurde auf der anderen Seite bei (vermeintlich) klar zu determinierenden F\u00e4llen mittels qualitativer Inhaltsanalyse die m\u00f6gliche Motivlage extrahiert. Im Ergebnis wurden 90 (Verdachts)F\u00e4lle hinsichtlich verschiedener Faktoren zum Thema Suicide by Cop determiniert und vertieft untersucht.<\/p>\n<p>Die Analyse aller F\u00e4lle ergab, dass \u00fcberwiegend psychische Erkrankungen, gefolgt von Einfluss von Drogen und\/oder Alkohol sowie der spontane Entschluss als Motiv bzw. als Ursache dem Geschehen zu Grunde lagen. Die Ergebnisse zeigen zu einem gro\u00dfen Teil \u00dcberschneidungen zu den Ergebnissen aus den deutschen Studien zum Thema Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamte. Ebenso ergeben sich \u00dcberschneidungen zu Ergebnissen aus Studien des internationalen (vor allem anglo-amerikanischen) Forschungsstandes.<\/p>\n<p>In Bezug auf personenbezogene Faktoren, d.h. eine \u201eT\u00e4tertypologie\u201c stellt Behn fest, dass die Wahrscheinlichkeit erh\u00f6ht ist, dass es sich bei dem Verursacher eines entsprechenden Geschehens um eine m\u00e4nnliche, ledige, deutsche Person handelt. Sie ist vermutlich mindestens im Vorfeld der Tat kriminalpolizeilich in Erscheinung getreten und weist keine Hafterfahrung auf. Hinsichtlich des Sozialstatus ist sie tendenziell arbeitslos\/arbeitssuchend.<\/p>\n<p>Als situationsbezogene Faktoren benennt die Verfasserin die Tatortgr\u00f6\u00dfe: St\u00e4dte\/Orte mit einer Einwohnerzahl von mehr als 20.000 bis unter 100.000 Einwohnern sind \u00fcberrepr\u00e4sentiert. Der Tatort ist \u00fcberwiegend der eigene Wohnraum bzw. die \u00d6rtlichkeit der eigenen Wohnanschrift, die Tatzeit bel\u00e4uft sich \u00fcberwiegend auf die Abend- und Nachtstunden. Das Gesamtgeschehen stellt eine Bedrohungssituation dar oder wird als solche wahrgenommen. Der Einsatzausgang ist mit einer erh\u00f6hten Wahrscheinlichkeit von Verletzungen beim Verursacher gekennzeichnet.<\/p>\n<p>Positiv (f\u00fcr Beamte und Betroffene) formuliert Behn folgendes: \u201e<em>Dass in Einsatzgeschehen der Wille einer Suicide by Cop-T\u00f6tung deutlich wird und es zu einem letalen Ausgang kommt, scheint aufgrund der Gesamtumst\u00e4nde (transparente Suizidalit\u00e4t) tendenziell unwahrscheinlich, da bei diesen sichtbaren Umst\u00e4nden verst\u00e4rkt die Anwendung einer suizidpr\u00e4ventiven Einsatztaktik zu unterstellen ist<\/em>\u201c (S. 93). Ob dies tats\u00e4chlich der Fall ist, m\u00fcsste genauer untersucht werden, zumal nicht auszuschlie\u00dfen ist, dass es F\u00e4lle gibt, bei denen diese suizidale Absicht nicht erkennbar wird.<\/p>\n<p>Zumindest ebenso interessant wie die direkten Ergebnisse der Studie von Behn sind die indirekten: So stellt sie beispielsweise fest, dass es deutliche Unterschiede in der Erfassung des Schusswaffengebrauchs durch Polizeibeamten und der dabei get\u00f6teten Personen gibt, und dass mindestens zwei F\u00e4lle nicht in den Zahlen der DHPol erfasst wurden. Durch den Vergleich der Auswertung unterschiedlicher polizeilicher Erfassungssystems (PKS, internes Vorgangsbearbeitungssystem NIVADIS, sowie Justizakten) wird auch deutlich, dass die entsprechend erfassten F\u00e4lle bzw. generierten Daten mit Vorsicht zu interpretieren sind, da sie unvollst\u00e4ndig und\/oder verf\u00e4lscht sein k\u00f6nnen. So war bspw. in 18,2 % der F\u00e4lle, bei denen aufgrund der Straftat ein Aktenzeichen bei der StA zu erwarten gewesen w\u00e4re, keines im polizeilichen Vorgangsystem eingetragen (S. 76 f.).<\/p>\n<p>Abgerundet wird die Studie von Behn durch eine klare Stellungnahme zu den Einsatzmitteln Pfefferspray (abzulehnen) und Taser (unter bestimmten Voraussetzungen einsetzbar, bei bestimmten Personen nicht) (S. 242 ff.).<\/p>\n<p>Letztlich muss die Tatsache zum Nachdenken anregen, dass praktisch in allen von Behn ebenfalls in ihrer Studie geschilderten Einzelf\u00e4llen (die \u00fcbrigens sehr anschaulich dargestellt sind und sehr gut in Aus- und Fortbildung benutzt werden k\u00f6nnen) eine \u201epsychiatrische Erkrankung\u201c als m\u00f6gliche Motivlage benannt wird, wobei Behn auch auf die Komplexit\u00e4t dieser Krankheitsbilder hinweist (S. 221). Neben dem Einfluss von Alkohol und Drogen ist dies damit einer der wichtigsten Aspekte, auf den (angehende) Polizeibeamte vorbereitet werden sollten \u2013 worauf Behn auch hinweist (S. 249).<\/p>\n<p>Insgesamt hat die Verfasserin hier eine in vielfacher Hinsicht beachtenswerte Studie vorgelegt, zu der man ihr nur gratulieren kann, zumal sie die empirischen Arbeiten ebenso wie die Texterstellung neben ihrer Dozentent\u00e4tigkeit an der Polizeiakademie in Niederachsen und offensichtlich ohne finanzielle und personelle Unterst\u00fctzung durchgef\u00fchrt hat. Dieses Engagement w\u00fcrde man sich von deutlich mehr Dozierenden an den Polizeihochschulen w\u00fcnschen, die damit auch zu einem Fortschritt der Polizeiwissenschaft beitragen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Behn, Helen; Suicide by Cop in Deutschland. 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