{"id":1389,"date":"2019-12-08T11:33:53","date_gmt":"2019-12-08T10:33:53","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1389"},"modified":"2019-12-08T11:33:53","modified_gmt":"2019-12-08T10:33:53","slug":"judith-eckert-gesellschaf-in-angst-zur-theoretisch-empirischen-kritik-einer-populaeren-zeitdiagnose-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1389","title":{"rendered":"Judith Eckert &#8211; Gesellschaf in Angst? Zur theoretisch-empirischen Kritik einer popul\u00e4ren Zeitdiagnose &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Eckert, Judith;<\/em> Gesellschaf in Angst? Zur theoretisch-empirischen Kritik einer popul\u00e4ren Zeitdiagnose;<\/strong> 436 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4847-8, Transcript-Verlag Bielefeld, 39.99 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1390 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gesellschaft_in_angst-99x150.png\" alt=\"\" width=\"99\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gesellschaft_in_angst-99x150.png 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gesellschaft_in_angst.png 200w\" sizes=\"(max-width: 99px) 100vw, 99px\" \/><\/p>\n<p>Innere Sicherheit wird zunehmend als \u201egef\u00fchlte Sicherheit\u201c gehandelt: Die Angst vor Straftaten erscheint f\u00fcr den einzelnen B\u00fcrger wichtiger als die tats\u00e4chliche Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden. Von Politikern wird diese Angst bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit instrumentalisiert. Im Ausland wird \u201eGerman Angst\u201c als typisch deutscher Charakterzug verstanden, Bode (2006) hat sie als \u201eDeutsche Krankheit\u201c bezeichnet. Deutsche leiden unter Existenz\u00e4ngsten und der Sorge vor negativer Ver\u00e4nderung \u2013 und unter der Angst vor Kriminalit\u00e4t. Dabei haben statistische Angaben zur Kriminalit\u00e4t (auch wenn sie nur eine bedingt verl\u00e4ssliche Quelle darstellen) ebenso wenig Einfluss auf die Verbrechensfurcht wie die Entwicklung der durch Befragungen erhobenen eigenen Viktimisierung. <!--more-->Die Angst davor, Opfer zu werden, spiegelt \u2013 so die These<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> &#8211; weniger konkrete Bedrohungen, sondern eher allgemeine gesellschaftliche \u00c4ngste und Verunsicherungen wider, die hervorgerufen werden durch Segmentierungen, Marginalisierungen sowie zunehmende gesellschaftliche Herabstufungen von Bev\u00f6lkerungsgruppen. Hinzu kommen zunehmender \u00f6konomischer Druck und eine generelle Zukunftsangst: Angst vor Krankheit, Armut im Alter, vor den Auswirkungen der Globalisierung, vor Fl\u00fcchtlingen. Diese \u00c4ngste fokussieren sich &#8211; auch bedingt durch mediale Berichterstattung und die damit einhergehende politische Stimmungsmache &#8211; auf Kriminalit\u00e4t und damit auf \u201edie Kriminellen\u201c, die zunehmend als Ausl\u00e4nder und Migranten \u201eidentifiziert\u201c werden.<\/p>\n<p>Dieses Buch von Eckert stellt der Annahme, dass die \u00c4ngste der Deutschen gro\u00df sind und in den vergangenen Jahren zugenommen haben, die These gegen\u00fcber, dass die These, dass sich die Angst zur \u201ezentralen Befindlichkeit entwickelt hat, \u2026 auf vielen fragw\u00fcrdigen Annahmen beruht\u201c (S. 14). Welche das sind, stellt Eckert in der Studie, die auf der Analyse von 39 Interviews aus einem Projekt zu subjektiven Wahrnehmungen und Einsch\u00e4tzungen von Unsicherheit<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> beruhen, ausf\u00fchrlich dar.<\/p>\n<p>Eckert geht der Frage nach, welche Bedeutung Angst im Alltag der Menschen wirklich zukommt und welche \u00c4ngste konkret eine Rolle spielen. Sie hinterfragt die Annahme von Angst als zentraler zeitgen\u00f6ssischer Befindlichkeit und tr\u00e4gt zur Differenzierung der Debatte bei. Neben empirischen Analysen bietet sie Bausteine f\u00fcr eine theoretisch, konzeptuell und methodologisch fundierte Soziologie der Angst sowie Anregungen f\u00fcr eine reflexive, lebensweltlich orientierte Sicherheitsforschung.<\/p>\n<p>So werde angenommen, dass Angst zum allgemeinen \u00bbLebensgef\u00fchl\u00ab (Beck) wurde, das alle betrifft. Angst kenne kaum soziale Schranken und habe nun auch die bislang als sicher geltende Mittelschicht erreicht. Zweitens beziehe sich Angst auf verschiedenste Thematiken: von der Abstiegsangst hin zur Terrorangst. Die \u00c4ngste erscheinen damit als zahllos und werden als Erkl\u00e4rung f\u00fcr unz\u00e4hlige Sachverhalte herangezogen. Besonders prominent unter den zahlreichen \u00c4ngsten seien Status- und Abstiegs\u00e4ngste, die sich unterschiedlich \u00e4u\u00dfern, etwa in Bildungspanik oder der Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, z.B. in Bezug auf Bildung, Beruf und Partnerschaft.<\/p>\n<p>Dabei geht sie durchaus davon aus, dass sich das Thema Kriminalit\u00e4t gut als Stellvertreter f\u00fcr andere und die \u201eeigentlichen \u00c4ngste, etwa hinsichtlich sozialer Sicherheit\u201c eignet (S. 16). Letztlich aber glaubt sie nachweisen zu k\u00f6nnen, dass Kriminalit\u00e4tsfurcht weder mit Kriminalit\u00e4t, noch mit Furcht etwas zu tun hat. Man mag dieser Analyse durchaus auch und gerade vor dem Hintergrund des oben gesagten folgen; richtig ist, dass es sich nicht immer um Kriminalit\u00e4t handelt, worum die Angst kreist (sondern oftmals um sog. \u201eincivilities\u201c, also allt\u00e4gliche Unordentlichkeiten), noch es sich immer um Angst als emotionale Reaktion handelt, da sie medial \u00fcberh\u00f6ht und thematisiert wird (S. 366 f.).<\/p>\n<p>Letztlich aber bleibt die Annahme bestehen, dass, wie Helga Cremer-Sch\u00e4fer und Heinz Steinert dies bereits Anfang der 1990er Jahre formuliert haben, Kriminalit\u00e4t sich f\u00fcr die mikropolitische \u00d6konomie der Angst bzw. Unsicherheit anbietet \u2013 womit wir wieder bei der Ausgangsannahme w\u00e4re, dass Kriminalit\u00e4t als Chim\u00e4re sich bestens dazu eignet, allgemeine gesellschaftliche \u00c4ngste zu b\u00fcndeln und S\u00fcndenb\u00f6cke (seien es nun die Straft\u00e4ter oder die Migranten) zu kreieren.<\/p>\n<p>Insgesamt ein Buch, dass zum Nachdenken \u00fcber den Begriff Angst und seine Verwendung anregt, nicht zuletzt aber vor dem Hintergrund des doch recht eingeschr\u00e4nkten methodischen Ansatzes leider nicht mehr zu leisten in der Lage ist. Denn auf (auch und besonders) empirisch gest\u00fctzte Analysen der Verbrechensfurch zu verzichten, nur, weil damit m\u00f6glicherweise diese \u00c4ngste erst geweckt werden, kann keine L\u00f6sung sein.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. ausf\u00fchrlich dazu Feltes, Thomas: Die \u201eGerman Angst\u201c. Woher kommt sie, wohin f\u00fchrt sie? Innere vs. gef\u00fchlte Sicherheit. Der Verlust an Vertrauen in Staat und Demokratie. In: Neue Kriminalpolitik 1, 2019, S. 3 \u2013 12.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Das Projekt war Teil von BaSiD, <a href=\"https:\/\/basid.mpicc.de\/de\/startseite.html\">https:\/\/basid.mpicc.de\/de\/startseite.html<\/a><\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eckert, Judith; Gesellschaf in Angst? Zur theoretisch-empirischen Kritik einer popul\u00e4ren Zeitdiagnose; 436 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4847-8, Transcript-Verlag Bielefeld, 39.99 Euro Innere Sicherheit wird zunehmend als \u201egef\u00fchlte Sicherheit\u201c gehandelt: Die Angst vor Straftaten erscheint f\u00fcr den einzelnen B\u00fcrger wichtiger als die tats\u00e4chliche Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden. Von Politikern wird diese Angst bei jeder passenden und &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1389\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Judith Eckert &#8211; Gesellschaf in Angst? Zur theoretisch-empirischen Kritik einer popul\u00e4ren Zeitdiagnose &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1389"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1389"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1389\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1391,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1389\/revisions\/1391"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}