{"id":1401,"date":"2020-02-01T10:33:44","date_gmt":"2020-02-01T09:33:44","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1401"},"modified":"2020-02-01T10:41:33","modified_gmt":"2020-02-01T09:41:33","slug":"hannelore-cayre-die-alte-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1401","title":{"rendered":"Hannelore Cayre: Die Alte. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hannelore Cayre: Die Alte.\u00a0 <\/strong><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1404 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/alte-97x150.jpg\" alt=\"\" width=\"97\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/alte-97x150.jpg 97w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/alte.jpg 242w\" sizes=\"(max-width: 97px) 100vw, 97px\" \/>Argument-Verlag + Ariadne 1240, Hamburg 2019, 208 Seiten, gebunden mit Leseb\u00e4ndchen \u00b7 ISBN 978-3-86754-240-1, 18.- Euro<\/p>\n<p>Dieses Buch ist eine Freude. Nicht nur der Inhalt (dazu unten), sondern schon die Aufmachung (tolle, handliche Gr\u00f6\u00dfe, gute Bindung mit Leseb\u00e4ndchen) erfreuen jeden, der gerne B\u00fccher in die Hand nimmt. Daf\u00fcr geb\u00fchren Verlag und Verlegerin ein herzliches Dankesch\u00f6n. Dieses Buch hat diese M\u00fche wirklich verdient, wie \u00fcbrigens viele andere, die dieser kleine Verlag herausbringt. Ein Sonnenstrahl im Nebel der ach so politisch korrekten anderen Verlage (s. auch dazu unten!).<\/p>\n<p>\u00bbDie Alte\u00ab wurde Ende 2019 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet (Platz 1 International). Im Januar 2020 stand das Buch auf Platz 1 auf der Krimibestenliste von Deutschlandfunk und Frankfurter Allgemeine Zeitung. Zurecht? Ganz klar! Warum? Nicht, weil eine Frau Dealer und Polizei austrickst,<\/p>\n<p><!--more-->wie der Deutschlandfunk in seiner Besprechung des Buches titelt, wobei der Rezensent es auf den Punkt bringt: \u201e<em>Cayres Prosa ist von rasanter Lakonie, biestig, boshaft, \u00e4tzend, t\u00f6dlich pr\u00e4zise, scheuklappenfrei und dabei sensibel. Ihre Komik balanciert dabei clever zwischen Handlungs- und Sprachkomik, aber wer in \u201eDie Alte\u201c eine Satire sehen m\u00f6chte, irrt, so f\u00fcrchte ich. Satire \u00fcberzeichnet. Hannelore Cayres Romans dagegen trifft die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse schon fast hyperrealistisch<\/em>.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Dieses Hyperrealistische ist es, das den Leser in den Bann zieht, denn der Roman von Cayre \u00f6ffnet dem Leser die Augen \u2013 wenn er bereit ist, zu lesen und zu denken.<\/p>\n<p>Worum geht es? Eine Arabisch\u00fcbersetzerin in Paris f\u00fchrt ein Schei\u00dfleben. Die Kohle ist knapp, die alte Mutter liegt im Sterben, die Welt biegt sich vor Ungerechtigkeit. Dann tut sich unverhofft eine Chance auf, die einfach ergriffen werden muss. Und alles wird anders, als sie (erst teilweise, dann immer mehr) die Seiten wechselt. <strong>Obwohl \u2013 eigentlich bleibt sie auf der Seite \u201eder Guten\u201c, nur eben anders.<\/strong><\/p>\n<p>Der Roman beschreibt vortrefflich, was passiert, wenn eine von Verantwortung und Geldsorgen zerm\u00fcrbte Mittf\u00fcnfzigerin beschlie\u00dft, dem Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen zu begegnen.<strong> Entlarvend, wir kleinb\u00fcrgerlich vieles im Detail daherkommt, was von den Sicherheitsbeh\u00f6rden gro\u00dfspurig als \u201eorganisierte Kriminalit\u00e4t\u201c bezeichnet wird.<\/strong> Wie die Verlagsbeschreibung sagt: \u201e<em>Eine scharfe Bestandsaufnahme und ein Feuerwerk aus b\u00f6sem Witz mit schamlosen Ausf\u00e4llen gegen ein selbstherrliches, durch und durch verlogenes System.<\/em>\u201c Dazu passt allerdings nicht unbedingt die \u201eWarnung\u201c am Anfang des Buches. Dort steht als \u201e<em>Hinweis des Verlags<\/em>\u201c: \u201e<em>Warnung: Dieser Roman enth\u00e4lt diverse politisch unkorrekte Ausdr\u00fccke. Um den Sarkasmus der Autorin nicht zu entstellen, wurden sie pr\u00e4zise ins Deutsche \u00fcbernommen. Alles andere w\u00e4re erst recht unkorrekt.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Den feinen Sarkasmus erkennt man wohl erst auf den zweiten Blick, wie der Rezensent in der FAZ: \u201e<em>Der Hinweis des Verlages macht Hoffnung, und diese wird nicht entt\u00e4uscht. Was die franz\u00f6sische Autorin Hannelore Cayre hier auf nicht einmal zweihundert Seiten auff\u00e4hrt, ist gro\u00dfes Erz\u00e4hlkino, absolut politisch unkorrekt, staatsverdrossen kapitalismuskritisch, seelenabgr\u00fcndig tief, dabei selbstironisch und witzig. Obendrein in einen der cleversten Plots seit langem verpackt. Mit einem Wort: Langsam lesen, es geht viel zu schnell vorbei<\/em>.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Wie die Verlegerin, Else Laudan, schreibt: \u201e<em>Ihre Lebensodyssee entfaltet sich in R\u00fcckblicken als \u00adl\u00e4ssig-bei\u00dfender Kommentar zur Vergangenheit und Gegenwart franz\u00f6sischer Verh\u00e4ltnisse samt Kolonialgeschichte und Terrorangst. \u00dcber Jahre hegt sie das Gef\u00fchl, das viele Frauen kennen: dass sich etwas \u00e4ndern muss, dass es so nicht mehr geht. Dann nutzt sie einen Gl\u00fcckstreffer und wird von heute auf morgen Die Alte, eine Frau ohne Moral, aber mit Witz und Wut und genug Wissen, um Klischee und Wirklichkeit auseinanderzuhalten. Das macht als Lekt\u00fcre gewaltigen Spa\u00df \u2013 zumal ihre Sch\u00f6pferin, die Strafverteidigerin Hannelore Cayre, keine Gelegenheit ausl\u00e4sst, mit leichter Hand und doch deutlich die ganze Absurdit\u00e4t dessen zu zeigen, was gemeinhin als normal akzeptiert wird<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Geld ist alles. Diese schonungslose Wahrheit wird gleich zu Beginn des Buches pr\u00e4sentiert: \u201e<em>das Kondensat von allem, was sich kaufen l\u00e4sst in einer Welt, in der alles zum Verkauf steht. Es ist die Antwort auf alle Fragen. Es ist die Sprache von Babel, die alle Menschen verbindet<\/em>\u201c (S. 9). Und es sind die kleinen, genau sitzenden, tiefgehenden Schl\u00e4ge, die das Buch gleicherma\u00dfen <em><strong>politisch korrekt<\/strong><\/em> <em><strong>(Achtung: das ist immer eine Frage der Sichtweise<\/strong><\/em>) machen wie zum Schmunzeln f\u00fchren: \u201e<em>Rassisten aller Couleur, seid gewiss, dass die erste und letzte Person, die euch mit dem L\u00f6ffel f\u00fcttert und euren Intimbereich w\u00e4scht, eine Frau ist, die ihr verachtet!<\/em>\u201c (S. 57). Und es geht (eigentlich immer) um Drogen. Die Protagonistin arbeitet als \u00dcbersetzerin f\u00fcr die Polizei und stellt fest: \u201e<em>Vierzehn Millionen Menschen in Frankreich, die mal Cannabis probieren, und achthunderttausend Bauern in Marokko, die von diesem Anbau leben. Die beiden L\u00e4nder sind befreundet, und dennoch: Die Bengel, deren Schacher ich den lieben langen Tag belausche, verb\u00fc\u00dfen schwere Gef\u00e4ngnisstrafen, weil sie ihr Hasch an die Kinder der Bullen verkaufen, die sie verfolgen, an die der Richter, die sie verurteilen, \u2026<\/em>\u201c (S. 71).<\/p>\n<p>Und die Moral von der Geschicht\u00b4? F\u00fcr Polizisten: Traue keiner\/m \u00dcbersetzer*in in einem Verfahren (gleich, in welcher Richtung, ob be- oder entlastend,<strong> und das gilt abseits jeglicher Romanfiktion<\/strong>), verliere nicht das gro\u00dfe Ganze aus den Augen beim allt\u00e4glichen Kampf gegen die (im Ergebnis doch so kleine \u201eorganisierte Kriminalit\u00e4t\u201c im Drogenhandel und schaue durchaus mal \u00fcber deinen eigenen Polizei-Horizont hinweg <strong>dorthin, wo tats\u00e4chlich das gro\u00dfe Geld bewegt und die gro\u00dfen Deals gemacht werden: Bei Gro\u00dfunternehmen der Automobilindustrie, bei Banken und Versicherungen und auch in der (internationalen) Politik<\/strong>. Auch der sog. \u201eislamistische Terrorismus\u201c wird (zurecht) von Cayre relativiert: Es gibt eben \u201e<em>auf der Welt eine Handvoll hornkranker Loser, die ihre f\u00fcnfzehn Minuten Ruhm wollen. \u2026 Du musst dir einfach sagen, dass sie lediglich eine neue Todesart erfunden haben, die so zufallsbedingt ist wie Krebs oder Verkehrsunf\u00e4lle\u201c<\/em> (S. 160). Ja, die Wahrscheinlichkeit, sich an einem\/einer (bayerischen?) Brezel zu verschlucken und dabei zu Tode zu kommen, ist tats\u00e4chlich (wieder keine Fiktion) um ein vielfaches h\u00f6her als die, durch einen Terrorakt zu sterben\u2026<\/p>\n<p>Ach so, auch Strafverteidiger bekommen ihr Fett weg: sie sind \u201e<em>naturgem\u00e4\u00df narzisstisch, verlogen, Sch\u00fcrzenj\u00e4ger und treulos<\/em>\u201c (S. 108). Wer davon mehr will, dem sei das bereits 2009 im Unions-Verlag erschienene Buch der gleichen Autorin \u201eDer Lumpenadvokat\u201c empfohlen<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>; aber nur Pflichtverteidigern, nicht den \u201esmarten\u201c der oberen Liga, die so viel verdienen wie ihre Klienten.<\/p>\n<p>Und zum Schluss noch die <strong>kriminologische Quintessenz<\/strong>, die auch f\u00fcr Deutschland gilt: <em>\u201eMan wird mich nicht davon abbringen \u2026, dass diese Verschwendung von Mitteln, diese Verbissenheit, mit der man das Haschischmeer, das Frankreich \u00fcberschwemmt, mit dem Dessertl\u00f6ffel auszul\u00f6ffeln versucht, in erster Linie zur \u00dcberwachung gewisser Bev\u00f6lkerungsgruppen dient, insofern sie erlaubt, bei Arabern und Schwarzen zehnmal am Tag Personenkontrollen durchzuf\u00fchren. Wie dem auch sei, ich habe praktisch f\u00fcnfundzwanzig Jahre lang vom Drogenhandel gelebt, genau wie die tausende Beamte, die f\u00fcr seine Ausrottung zust\u00e4ndig sind, und die zahlreichen Familien, die sich ohne dieses Geld nur von Sozialleis<\/em><em>tungen ern\u00e4hren k\u00f6nnten. Selbst in den Vereinigten Staaten ist man in Sachen Entkriminalisierung nicht so bescheuert wie bei uns, und das will was hei\u00dfen. Man leert dort die Gef\u00e4ngnisse, um f\u00fcr echte Kriminelle Platz zu schaffen. Nulltoleranz, Nullreflexion, das ist die Drogenpolitik; die\u00b7 man in meinem Land verfolgt, dabei wird es doch von den Klassenbesten regiert. Aber zum Gl\u00fcck haben wir unsere Weinbauregionen &#8230; Von morgens bis abends blau sein, das immerhin ist erlaubt. Pech f\u00fcr die M<\/em><em>uslime, sollen sie eben picheln wie alle anderen, wenn sie Lust haben, sich ihr Innenleben zu versch\u00f6nern<\/em>\u201c (S. 71).<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Januar 2020<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/hannelore-cayre-die-alte-eine-frau-trickst-dealer-und.2150.de.html?dram:article_id=465104\">https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/hannelore-cayre-die-alte-eine-frau-trickst-dealer-und.2150.de.html?dram:article_id=465104<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/krimi\/die-franzoesische-krimiautorin-hannelore-cayre-zeigt-den-drogenhandel-von-einer-anderen-seite-16566478.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/krimi\/die-franzoesische-krimiautorin-hannelore-cayre-zeigt-den-drogenhandel-von-einer-anderen-seite-16566478.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Nur noch antiquarisch verf\u00fcgbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hannelore Cayre: Die Alte.\u00a0 Argument-Verlag + Ariadne 1240, Hamburg 2019, 208 Seiten, gebunden mit Leseb\u00e4ndchen \u00b7 ISBN 978-3-86754-240-1, 18.- Euro Dieses Buch ist eine Freude. Nicht nur der Inhalt (dazu unten), sondern schon die Aufmachung (tolle, handliche Gr\u00f6\u00dfe, gute Bindung mit Leseb\u00e4ndchen) erfreuen jeden, der gerne B\u00fccher in die Hand nimmt. Daf\u00fcr geb\u00fchren Verlag und &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1401\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Hannelore Cayre: Die Alte. Rezensiert von Thomas Feltes<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1401"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1401"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1401\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1416,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1401\/revisions\/1416"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}