{"id":1425,"date":"2020-02-05T10:43:16","date_gmt":"2020-02-05T09:43:16","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1425"},"modified":"2020-02-07T09:28:39","modified_gmt":"2020-02-07T08:28:39","slug":"sebastian-zimmermann-fifty-shrinks-portraits-aus-new-york-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1425","title":{"rendered":"Sebastian Zimmermann: Fifty Shrinks. Portraits aus New York. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sebastian Zimmermann: Fifty Shrinks. Portraits aus New York <\/strong>Kohlhammer-Verlag Stuttgart, 2019, 116 S., 50 Abb., ISBN 978-3-17-036446-2, 49.- Euro<\/p>\n<p><em>\u201eDie einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt\u201c (Alfred Adler)<\/em><\/p>\n<p>Der gro\u00dfformatige Bildband (30,5 x 23,5 cm im Querformat), der sow<img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1426 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/zimmermann-150x107.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"133\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/zimmermann-150x107.jpg 150w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/zimmermann-1024x732.jpg 1024w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/zimmermann.jpg 1282w\" sizes=\"(max-width: 186px) 100vw, 186px\" \/>ohl auf Deutsch, als auch auf Englisch verf\u00fcgbar ist, stellt 50 New Yorker Psychiater auf eine ganz besondere Art und Weise vor: Ein Bild auf der rechten Seite des Buches mit der Person in seiner\/seinem Behandlungsraum bzw. \u201eAnalysezimmer\u201c \u00a0wird erg\u00e4nzt durch einen in \u201eIch-Form\u201c verfassten Text dazu auf der linken Seite des Buches<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. So wird vordergr\u00fcndig der Voyeurismus derjenigen befriedigt, die immer schon mal wissen wollten, wie es in so einer Psychiater-Praxis aussieht. Vor allem aber handelt es sich um den \u00a0\u00fcberaus gelungenen Versuch des vielfach preisgekr\u00f6nten Fotografen Sebastian Zimmermann<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, die Protagonisten dieses Bildbandes, also Psychiaterinnen und Psychiater, nicht nur zu portr\u00e4tieren (das Wort \u201eAbbildung\u201c w\u00e4re in diesem Kontext absolut unpassend), sondern ihnen auch die M\u00f6glichkeit zu geben, ihre Arbeit, ihre Motive, ihr Leben in eigenen Worten vorzustellen.<!--more--><\/p>\n<p>Der psychotherapeutische Praxisraum ist ein gesch\u00fctzter Ort, an dem Geheimnisse vertraulich preisgegeben und tiefverborgene Gef\u00fchle offenbart werden k\u00f6nnen. Aber es ist auch ein offener Raum, in dem zahlreiche Menschen ein- und ausgehen. Als exklusiver Arbeitsbereich des Therapeuten dient er dazu, regelm\u00e4\u00dfig alte und neue Patienten willkommen zu hei\u00dfen, die Beratung und Behandlung suchen. Nach welchen Erw\u00e4gungen richtet ein Psychotherapeut seinen Behandlungsraum ein? Inwieweit pr\u00e4gt seine theoretische Ausrichtung dessen Einrichtung und Innendekor? Sebastian Zimmermann verbindet einf\u00fchlsame Interviews mit New Yorker Psychotherapeuten mit ausdrucksstarken Fotografien ihrer Personen und Praxisr\u00e4ume und erm\u00f6glicht dadurch einen faszinierenden Einblick in deren Seelenleben. Die beeindruckende Vielfalt an Raumstimmungen, Einrichtungsstilen und Ambiente spiegelt sich dabei in einem breiten Spektrum therapeutischer Konzepte und Orientierungen wider. Die von Zimmermann geschaffenen Portraits belegen in ihrer Individualit\u00e4t die Erkenntnis, dass die spezifische Pers\u00f6nlichkeit des behandelnden Therapeuten ein zentraler Faktor im Heilungsprozess ist. Genau diese Pers\u00f6nlichkeit wird in den Fotografien und Texten des Buches deutlich erkennbar. Auf die Frage allerdings, ob die Person entscheidender f\u00fcr den Erfolg der Therapie ist als die gew\u00e4hlte Methode gibt der Band keine Antwort.<\/p>\n<p>Zumindest in der deutschen Version des Buches verwendet der Autor im \u00dcbrigen das Wort \u201ePsychiater\u201c gleichbedeutend mit Psychotherapeut, auch wenn dieser letzte Begriff eine Berufsbezeichnung f\u00fcr psychotherapeutisch t\u00e4tige \u00c4rzte, Psychologen und P\u00e4dagogen mit einer auf dem Studium aufbauenden fachkundlichen Weiterbildung in Psychotherapie ist, Psychiater hingegen immer \u00c4rzte sind. Die englische Version konnte dazu leider nicht \u00fcberpr\u00fcft werden, weil der Kohlhammer-Verlag nur die deutsche Ausgabe vertreibt.<\/p>\n<p>Die Idee zu dem Buch entwickelte der Fotograf, der selbst Psychiater ist (sein eigener Behandlungsraum ist \u00fcbrigens nicht in dem Buch enthalten), als er 2001 in New York mit dem Aufbau seiner eigenen psychiatrischen Praxis begann. \u201e<em>Jede Woche er\u00f6ffnen sich in meinem B\u00fcro neue Welten. An einem typischen Tag kommen die unterschiedlichsten Menschen zur T\u00fcr herein, von einem angstgeplagten Wall Street-Broker zu einem \u00fcberforderten Jazzkomponisten bis hin zu einem depressiven, aber ehrgeizigen Oberstufensch\u00fcler und einem manischen Poeten in den Achtziger<\/em>,\u201c (S. 5). Die Analysezimmer der Psychotherapeut*innen brauchen nicht mehr als eine Sitzgelegenheit f\u00fcr Arzt und Patient \u2013 und genau deshalb k\u00f6nnen diese R\u00e4ume so unterschiedlich und so individuell ausfallen, wie sie in diesem Band dargestellt sind.<\/p>\n<p>Neben den Bildern sind die Fallschilderungen, die einige der abgebildeten Therapeuten liefern, \u00fcberaus lesenswert. Sie machen deutlich, was Psychotherapie und Psychoanalyse leisten k\u00f6nnen, aber auch, wie schwierig und aufw\u00e4ndig einige der Therapien sein k\u00f6nnen. Da ist z.B. der Fall des neunj\u00e4hrigen Jungen, der mitansehen musste, wie die T\u00fcrme des World Trade Center 2001 einst\u00fcrzten. Seine Therapeutin nannte er \u201eGef\u00fchls\u00e4rztin\u201c. Die Therapeutin schreibt dazu: \u201eTrauma-Symptome k\u00f6nnen \u00fcber eine lange Zeit andauern. Umso mehr \u00fcberraschte es mich, dass mein junger Patient nach nur achtzehn Monaten frei von Symptomen war\u201c (S. 22). Oder da ist der Therapeut, der fr\u00fcher Musiker war und nun als Psychiater vor allem kreative Menschen behandelt. F\u00fcr ihn ist Lachen die beste Therapie (S. 36 f.). Ein anderer war bei einem bestimmten Patienten immer m\u00fcde, ohne sich dies erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. Bis seine Patientin ihm erkl\u00e4rte, er sei eine Schlafm\u00fctze. \u201eIch muss erw\u00e4hnen, dass diese Therapie Jahre in Anspruch nahm, welche die Patientin auf meiner Couch verbrachte. Leider sind diese Langzeittherapien heutzutage trotz ihrer Wirksamkeit r\u00fcckl\u00e4ufig. Es dauert sehr lange, bis sich der Unterschied herauskristallisiert, ob man ein \u00fcberm\u00fcdeter Analytiker ist oder ein Schauspieler, der eine vom Unterbewusstsein seiner Patientin vorgegebene Rolle \u00fcbernimmt\u201c (S. 24).<\/p>\n<p>Wer neugierig genug ist (und das sollte eigentlich jeder sein), mehr \u00fcber Psychiater und ihre Arbeitsbedingungen erfahren m\u00f6chte und dann vielleicht auch noch die Bilder als Anlass und Anregung zum kontemplativen Nachdenken nimmt, wie und warum diese R\u00e4ume so eingerichtet sind, wie sie es sind, der hat hier ein Buch zur Verf\u00fcgung, das \u00fcber den ersten Lese- und Betrachtungsspa\u00df hinweg auch l\u00e4ngerfristig Freude bereiten wird.<\/p>\n<p>Ein kleiner Nachtrag: Warum der Verlag den englischen Titel \u00fcbernommen hat, obwohl der Begriff \u201eshrink\u201c (umgangssprachlich f\u00fcr \u201eSeelenklempner\u201c) hierzulange selbst unter Fachleuten nicht unbedingt gel\u00e4ufig ist, bleibt sein Geheimnis \u2013 zumal \u201eshrink\u201c als Verb \u201eschrumpfen\u201c bedeutet. Und auch die Tatsache, dass man die pdf-Version nicht kostenlos bekommt, wenn man die Druckversion kauft, ist \u00e4rgerlich. Das k\u00f6nnen andere Verlage besser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Januar 2020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Eine Auswahl der Fotos kann man sich hier ansehen: <a href=\"http:\/\/www.fiftyshrinks.com\/portraits\">http:\/\/www.fiftyshrinks.com\/portraits<\/a>, ein Autoreninterview findet man hier: <a href=\"https:\/\/blog.kohlhammer.de\/psychologie\/autoreninterview-mit-sebastian-zimmermann-new-york-zu-seinem-bild-und-textband-fifty-shrinks-portraits-aus-new-york\/\">https:\/\/blog.kohlhammer.de\/psychologie\/autoreninterview-mit-sebastian-zimmermann-new-york-zu-seinem-bild-und-textband-fifty-shrinks-portraits-aus-new-york\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Sebastian Zimmermann, MD (medical doctor), praktiziert als Psychiater in seiner Privatpraxis auf Manhattans Upper West Side und ist nebenberuflich Fotograf. Seine Arbeiten wurden u.a. in der New York Times, Daily Mail, Spiegel Online, Wiener Zeitung, L&#8217;Oeil de la Photographie, 20 Minutos, Esquire Russia und Marie Claire Taiwan ver\u00f6ffentlicht und in diversen Galerien ausgestellt. Zimmermann hat Fotografie am International Center of Photography (ICP), New York, sowie privat bei Arlene Collins studiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sebastian Zimmermann: Fifty Shrinks. Portraits aus New York Kohlhammer-Verlag Stuttgart, 2019, 116 S., 50 Abb., ISBN 978-3-17-036446-2, 49.- Euro \u201eDie einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt\u201c (Alfred Adler) Der gro\u00dfformatige Bildband (30,5 x 23,5 cm im Querformat), der sowohl auf Deutsch, als auch auf Englisch verf\u00fcgbar ist, stellt 50 New &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1425\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Sebastian Zimmermann: Fifty Shrinks. 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