{"id":1456,"date":"2020-04-05T17:16:47","date_gmt":"2020-04-05T15:16:47","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1456"},"modified":"2020-04-05T17:16:47","modified_gmt":"2020-04-05T15:16:47","slug":"antje-gansewig-maria-walsh-biografiebasierte-massnahmen-in-der-schulischen-praeventions-und-bildungsarbeit-rezensiert-von-ruediger-schilling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1456","title":{"rendered":"Antje Gansewig, Maria Walsh: Biografiebasierte Ma\u00dfnahmen in der schulischen Pr\u00e4ventions- und  Bildungsarbeit. Rezensiert von R\u00fcdiger Schilling"},"content":{"rendered":"<p><strong>Antje Gansewig, Maria Walsh: <\/strong><strong>Biografiebasierte Ma\u00dfnahmen in der schulischen Pr\u00e4ventions- und <\/strong><strong>Bildungsarbeit. <\/strong>Eine empirische Betrachtung des Einsatzes von Aussteigern aus extremistischen Szenen unter besonderer Ber\u00fccksichtigung ehemaliger Rechtsextremer. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020, ISBN 978-3-8487-6317-7. \u20ac 98,-, ca.\u00a0 475 S. <strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"img-responsive alignright\" src=\"https:\/\/cdn1.terrashop.org\/knvpics\/cover812\/81251720N.jpg\" alt=\"Biografiebasierte Ma\u00dfnahmen in der schulischen Pr\u00e4ventions- und Bildungsarbeit\" width=\"160\" height=\"237\" \/>In diesem Werk widmen sich die beiden Autorinnen dem Einsatz von Zeitzeugen, vornehmlich Aussteigern aus der rechtsextremen Szene. Es ist \u201e<em>die erste umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema \u201aFr\u00fchere Extremisten in der schulischen Pr\u00e4ventionsarbeit\u2018 in dieser Art<\/em>\u201c (S. 406). Sie f\u00fchren in den Ph\u00e4nomenbereich und in den \u00fcberwiegend schulischen Einsatz von Aussteigern ein und begr\u00fcnden so ihre Studie. Diese selbst wird in ihrer Vielfalt dargestellt, reflektiert und in bisherige Forschungserkenntnisse eingebettet. Der Einsatz von Zeitzeugen, zumindest aus extremistischen Szenen, wird begr\u00fcndet hinterfragt und es werden hohe H\u00fcrden f\u00fcr einen erfolgversprechenden Nutzen solcher Ma\u00dfnahmen aufgestellt.<!--more--><\/p>\n<p>Einem dreiseitigen Vorwort der Autorinnen folgt ein detailliertes Inhalts-, Abbildungs- und Tabellenverzeichnis. Das Buch ist in vier Bereiche unterteilt:<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wird der <strong>Theorie- und Forschungsgegenstand<\/strong> beschrieben (I). Extremismus in Deutschland wird zusammengefasst und das Ph\u00e4nomen Rechtsextremismus in seiner Gesamtheit komprimiert dargestellt. In der Folge werden weitere Einflussfaktoren wie Ein-, Konsolidierungs- und Ausgangsprozesse, Hilfsangebote, schulische Pr\u00e4ventions- und Bildungsarbeit sowie biografiebasierte Pr\u00e4ventions- und Bildungsma\u00dfnahmen verschiedener Art beschrieben. Letzteres wird aus T\u00e4ter- wie Betroffenenperspektiven beleuchtet. Zuletzt wird in diesem Teil von Wirkannahmen und -mechanismen berichtet und Entstehung, sowie Fragestellungen der Forschung und deren Design skizziert.<\/p>\n<p>In der <strong>Bestandsaufnahme zum Einsatz ehemaliger Extremisten in der schulischen Pr\u00e4ventionsarbeit<\/strong> (II) geht es zun\u00e4chst um das methodische Vorgehen und in der Folge um die Ergebnisse der dort gew\u00e4hlten Interviewanalyse einschlie\u00dflich den Hintergrundinformationen, den Informationen zu den Aussteigern in der (schulischen) Arbeit und die antizipierte Wirkungsweise. Der Aussteigereinsatz kann so bewertet und f\u00fcr diesen Teil ein Fazit gezogen werden. Zur Bestandsaufnahme geh\u00f6rt allerdings auch eine bundesweite Befragung relevanter Akteure auf Landesebene hinsichtlich der Verbreitung von Pr\u00e4ventionsangeboten ehemaliger Extremisten, sowie die damit gesammelten Erfahrungen. Betrachtet werden aber auch Angebote mit Aussteigern aus nichtextremistischen Szenen. Vollst\u00e4ndig wird die Bestandsaufnahme durch Medienanalysen in deskriptiver und inhaltsanalytischer Form.<\/p>\n<p>Im dritten Abschnitt des Buches widmen sich die Autorinnen der <strong>Untersuchung der exemplarischen Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahme<\/strong> (III) als Teil dieses multimethodalen Ansatzes. Hierzu waren Voruntersuchungen n\u00f6tig und \u00fcber deren Anlage ist zu berichten. Es wird zwischen Prozessevaluation und Wirkungsuntersuchung unterschieden. Teilnehmende Beobachtungen und Befragungen von Lehrkr\u00e4ften und Sch\u00fclern sind Gegenst\u00e4nde der Prozessevaluation, deren Erkenntnisse im Anschluss der detaillierten Analysen diskutiert werden. Auch die Wirkungsuntersuchung wird empirisch und methodisch aufgef\u00e4chert, Ergebnisse darstellt und hinsichtlich intendierter und nicht intendierter Effekte beschrieben.<\/p>\n<p>Am Ende der empirischen Betrachtung finden <strong>res\u00fcmierende Betrachtung und Implikationen<\/strong> (IV) statt. Hierzu werden die Ergebnisse ausf\u00fchrlich diskutiert und Forschungsbedarf wie Handlungsempfehlungen formuliert.<\/p>\n<p>Den Autorinnen gelang gleich zu Beginn eine komplette Beschreibung des Ph\u00e4nomens Rechtsextremismus im Rahmen ihrer Einf\u00fchrung in die Forschung (S. 32 f). Darin fallen positiv und zutreffend wahrgenommenen Statements auf: \u201e<em>Es zeigt sich, dass Radikalisierungsprozesse und politisch extreme Einstellungen sowie Erscheinungsformen Ph\u00e4nome sind, die sich nicht an \u00e4u\u00dferen politischen R\u00e4ndern entwickeln und etablieren. Sie werden durch gesamtgesellschaftliche, \u00f6konomische, soziale und politische Entwicklungen und Diskurse konstituiert und getragen<\/em>\u201c (S. 41).<\/p>\n<p>Die \u201e<em>Erkl\u00e4rungsmodelle f\u00fcr und empirische Befunde zu rechtsextremen Einstellungen und Verhaltensweisen<\/em>\u201c ab Seite 44 k\u00f6nnten als \u00dcbersicht verschiedener Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze dienen. Dadurch wird deutlich, in welcher Breite bei gleichzeitiger Detailtreue das Fundament f\u00fcr die folgenden Forschungen geschaffen wurde. Nur ein weiteres Beispiel hierf\u00fcr ist die \u2013 im Grunde historische \u2013 Sammlung von <em>Zeitzeugen in der Bildungsarbeit<\/em> ab Seite 70. Hier wird die Geschichte biografiebasierter Bildungsarbeit in vielen Facetten gezeichnet. Sehr aufschluss- und erkenntnisreich ist darunter die Lekt\u00fcre zum gesammelten Erfahrungswissen und der damit verbundenen Wirkannahmen (S. 78 ff.). Die Darstellung der empirischen Befunde hierzu ab Seite 83 ist ern\u00fcchternd, die Handlungsempfehlungen ab Seite 87 dagegen sehr zentral f\u00fcr all diejenigen, die Zeitzeugen einsetzen m\u00f6chten. Dort generieren sich wichtige Informationen und ganz praktische Tipps zur Umsetzung solcher Methoden. Auf Leitf\u00e4den hierzu wird hingewiesen (S. 88 unten). Die dargestellten Qualit\u00e4tsstandards f\u00fcr Aussteigervortr\u00e4ge ab Seite 103 beinhalten wertvolle Hinweise zur Arbeit mit Aussteigern, wobei auch hier auf Widerspr\u00fcche hingewiesen wird (Bspw. S. 107 unten). All dies m\u00fcndet in somit gut begr\u00fcndete Handlungsempfehlungen der Autorinnen f\u00fcr Bildungsakteure (S. 108).<\/p>\n<p>Die Autorinnen berichten sachlich und fundiert. Als ein Beispiel kann das, von den Autorinnen gezogene, Zwischenfazit zu den biografiebasierten Pr\u00e4ventions- und Bildungsma\u00dfnahmen innerhalb der Beschreibung des Forschungsgegenstands dienen. Darin steht u.A.: \u201e<em>Die vorangegangenen Ausf\u00fchrungen liefern einen Einblick in die starke Verbreitung und enorme Bandbreite biografiebasierter Ma\u00dfnahmen in der schulischen Pr\u00e4vention- und Bildungsarbeit in Deutschland \u2013 bei gleichzeitig geringer empirischer Befundlage<\/em>\u201c (S. 111). Wo Informationen zu interpretieren sind, geschieht die schl\u00fcssig und nachvollziehbar. Und wo Kritik angebracht ist, wird diese konstruktiv und sachlich ge\u00e4u\u00dfert. Ein Beispiel hierf\u00fcr sind die Ausf\u00fchrungen zum Einsatz von ehemaligen Suchtkranken in der schulischen Bildungsarbeit (S. 68\/69). Hier wird sehr deutlich, was empirische Theorie wei\u00df und was dagegen tats\u00e4chliche Praxis macht.<\/p>\n<p>Insgesamt haben die Autorinnen ihre Forschungen umfangreich begr\u00fcndet und die Untersuchungsgegenst\u00e4nde hergeleitet. Es entstand letztendlich ein Kompendium, welches, \u00fcber dem Einsatz von Zeitzeugen hinaus, der schulischen Pr\u00e4ventionsarbeit dienlich ist. Beispiele hierf\u00fcr sind die Ausf\u00fchrungen zu Rechtsextremismus ab S. 32, zu Werteerziehung ab S. 58, oder zu entwicklungsorientierter Gewalt- und Kriminalpr\u00e4vention. Deutlich wird der empirisch belegte, notwendige Vorzug von Kompetenzf\u00f6rderung vor blo\u00dfer Information oder gar Abschreckung.<\/p>\n<p>Der Forschungsteil ist auffallend transparent und erm\u00f6glicht so Reliabilit\u00e4t. Gewonnene Ergebnisse werden kritisch hinterfragt, reflektiert und in empirische Befunde eingebettet. Dies geschieht vielschichtig, sehr ausf\u00fchrlich und umfangreich. Daraus folgt durchaus auch berechtigte Kritik, z.B. ab Seite 163 im Fazit zu den Interviews im Rahmen der Bestandsaufnahme zum Einsatz ehemaliger Extremisten in der schulischen Pr\u00e4ventionsarbeit. Hier wird deutlich, wie wenig selbstkritisch mit dem Einsatz ehemaliger Extremisten umgegangen wird und wie selbstverst\u00e4ndlich positiv die eigene Arbeit gesehen wird. Auch das Res\u00fcmee der bundesweiten Befragung relevanter Akteure auf Landesebene zeigt Selbstverst\u00e4ndlichkeiten auf, die es so nicht geben d\u00fcrfte: \u201e<em>Die Ergebnisse weisen auf einen bundesweit etablierten Einsatz von ehemaligen Extremisten \u2013 vornehmlich aus dem Bereich Rechtsextremismus \u2013 in der schulischen und au\u00dferschulischen Pr\u00e4ventionsarbeit hin. Weiterhin scheinen auch Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen von\/mit Aussteigern aus nichtextremistischen Szenen g\u00e4ngige Praxis zu sein. Beides \u00fcberrascht, da keine ausreichenden Erkenntnisse \u00fcber die Wirkungen von Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen ehemaliger Extremisten bei Kindern und Jugendlichen vorliegen<\/em>\u201c (S. 185). Es gibt sogar Hinweise auf negative Effekte (aaO). Auch die Resultate der sp\u00e4teren Wirkungsuntersuchung \u201e<em>deuten nicht auf einen Einfluss auf rechtsextreme Einstellungen, Gewalt und Delinquenz bei den Sch\u00fclern hin<\/em>\u201c (S. 413). Die Schlussfolgerungen ab Seite 415 sind eindeutig, ratsam und durch die Studien ordentlich begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Das Buch ist insgesamt sehr strukturiert aufgebaut. Es ist als Ganzes lesenswert, k\u00f6nnte aber auch als Nachschlagewerk fungieren. Wer sich f\u00fcr Pr\u00e4ventionsarbeit an Schulen und f\u00fcr den Einsatz von ehemaligen Angeh\u00f6rigen (rechts-) extremistischer Szenen interessiert, kommt um die Lekt\u00fcre dieses Buches nicht herum. Dort findet er kurze und pr\u00e4gnante Beschreibungen tangierter Notwendigkeiten. Wer der Arbeit mit Szeneaussteigern in Schulen bereits kritisch, gar ablehnend gegen\u00fcbersteht, wird durch die Arbeit der Autorinnen in seiner Haltung best\u00e4rkt werden. Wogegen derjenige, der der \u00dcberzeugung ist, die Authentizit\u00e4t eines Aussteigers sei f\u00fcr Sch\u00fcler gewinnbringend, \u00fcber die Lekt\u00fcre die Fallstricke kennenlernen wird, die mit solchen Aktionen verbunden sind. Dieser Pr\u00e4ventionsakteur wird so hoffentlich den Auftritt eines Aussteigers pr\u00fcfend begleiten, kritisch kommentieren und in schulische Vor- und Nachbereitung einbetten, was im \u00dcbrigen f\u00fcr jeden Auftritt eines Zeitzeugen gilt, wie die vorliegenden Studien zeigen.<\/p>\n<p>Ob diese nun vertiefenden Erkenntnisse letztendlich dazu f\u00fchren, den Einsatz von Zeitzeugen qualitativ auf solide Beine zu stellen, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p>R\u00fcdiger Schilling, April 2020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antje Gansewig, Maria Walsh: Biografiebasierte Ma\u00dfnahmen in der schulischen Pr\u00e4ventions- und Bildungsarbeit. Eine empirische Betrachtung des Einsatzes von Aussteigern aus extremistischen Szenen unter besonderer Ber\u00fccksichtigung ehemaliger Rechtsextremer. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020, ISBN 978-3-8487-6317-7. \u20ac 98,-, ca.\u00a0 475 S. 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