{"id":1460,"date":"2020-04-14T15:03:01","date_gmt":"2020-04-14T13:03:01","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1460"},"modified":"2020-04-14T15:03:01","modified_gmt":"2020-04-14T13:03:01","slug":"joerg-kinzig-noch-im-namen-des-volkes-ueber-verbrechen-und-strafe-rezensiert-von-holger-plank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1460","title":{"rendered":"J\u00f6rg Kinzig: Noch im Namen des Volkes? \u00dcber Verbrechen und Strafe. Rezensiert von Holger Plank"},"content":{"rendered":"<p><strong>J\u00f6rg Kinzig: Noch im Namen des Volkes? \u00dcber Verbrechen und Strafe<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1] <\/a><\/strong>(ISBN: 978-3-280-05698-1, 124 Seiten, orell f\u00fcssli Verlag, Z\u00fcrich, 2020, 10.- \u20ac)<\/p>\n<p>J\u00f6rg Kinzig<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> hat ein schmales, dennoch interessantes und in jedem Fall lesens\u00adwertes \u201eB\u00fcchlein\u201c &#8211; er selbst bezeichnet es als Essay (S. 9) &#8211; \u00fcber Verbrechen und <img loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-1461 size-medium\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/kinzig-99x150.jpg\" alt=\"\" width=\"99\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/kinzig-99x150.jpg 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/kinzig.jpg 170w\" sizes=\"(max-width: 99px) 100vw, 99px\" \/>Strafe geschrieben. Darin widerlege er &#8222;mit dem Langmut eines Nachhilfelehrers Klischee um Klischee&#8220;, schreibt sehr zutreffend <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/justiz-strafen-und-statistik-1.4874902\">Wolfgang Janisch<\/a> in der SZ vom 13.04.2020.<!--more--><\/p>\n<p>In zw\u00f6lf Kapiteln r\u00e4umt er popul\u00e4re Fehleinsch\u00e4tzungen, bspw. zum Gegenstand, Wesen und Auftrag der Kriminologie und der Notwendigkeit ihres akademischen Aufwachsens (S. 13 ff.), zur sehr bedingten Aussagekraft der Polizeilichen Kriminalstatistik<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> (PKS, Kap. 2), zur Krimina\u00adlit\u00e4tsfurcht und ihren mitunter irra\u00adtionalen Wirkungen (Kap. 5), zur Ausl\u00e4nder- bzw. Zu\u00adwan\u00addererkriminalit\u00e4t (Kap. 3 und 4), zu den Strafzumessungsregeln und dem damit verbundenen ebenso un\u00adzutref\u00adfenden, wie j\u00fcngst zunehmend politisch verbr\u00e4mten Vorwurf der \u201eKuschel\u00adjustiz\u201c (Kap. 9) oder aber hinsichtlich der Entwicklung schwerwiegender Sexual\u00adverbrechen (Kap. 3), pr\u00e4gnant dennoch kenntnis- und facettenreich ab.<\/p>\n<p>\u00c0 point bringt Kinzig dabei auch das Verh\u00e4ltnis zwischen Strafrechtswissenschaft und Kri\u00admi\u00adnalpolitik grundlegend zum Ausdruck und versteckt in seinen Aus\u00adf\u00fchrungen hierbei gut nachvollziehbare Kritik zum schier un\u00fcberschaubaren Umfang des Kern- und Nebenstrafrechts. Sein Beispiel eines auf dem Markt befindlichen 15.000-seitigen Fachkommentars zum Nebenstrafrecht, der mit \u201esatten 9,62 Kilogramm (eher) die Assoziation von Ziegelsteinen\u201c als den Bezug zur Ultima-Ratio-Funktion des Strafrechts als sch\u00e4rfstes Schwert des Rechts\u00adstaates hervorruft, verweist implizit auf die dringende Not\u00adwendigkeit, Kern- und Nebenstrafrecht umfassend zu systematisieren, zu interpretieren und derart behutsam mit dem Ziel der Konzentration forzuentwickeln. Hierbei kann die Strafrechtswissenschaft als Beraterin der Kriminalpolitik wesentliche Hilfe\u00adstellung leisten, z. B. auch im Rahmen sinnhafter \u00dcberlegungen zum empirisch begr\u00fcndeten R\u00fcckbau \u00fcberkommener bzw. wirkungsloser Vorschriften.<\/p>\n<p>Auch zur Entwicklung und grundlegenden Bedeutung der Kriminologie als unverzichtbarer (vom Strafrecht unabh\u00e4ngiger!) interdisziplin\u00e4rer, empirischer Begleiterin der Strafrechtswis\u00adsenschaft in diesem Kontext, zu deren universit\u00e4rer Entwicklung es immer wieder bedenkliche Zwischenst\u00e4nde gab<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>, wagt Kinzig als Direktor des &#8211; neben <u>Heidelberg<\/u> &#8211; <a href=\"https:\/\/uni-tuebingen.de\/fakultaeten\/juristische-fakultaet\/forschung\/institute-und-forschungsstellen\/institut-fuer-kriminologie\/kriminologie\/institut-fuer-kriminologie\/wir-ueber-uns\/\">\u00e4ltesten deutschen kriminologischen Instituts in <u>T\u00fcbingen<\/u><\/a> eine wohltuend positive Prognose.<\/p>\n<p>Beachtenswert sind auch die Ausf\u00fchrungen zum Opfer<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> und deren Rolle und Stellung im Strafprozess (Kap. 11). Eine immer wieder kritisierte \u201eFrontstellung T\u00e4ter- vs. Opferschutz\u201c sei weder der Sache dienlich noch sei sie substanziell wirklich zutreffend, so Kinzig (S. 107).<\/p>\n<p>Kinzigs B\u00fcchlein ist \u201eder Versuch, die irrational gef\u00fchrten &#8211; oder soll man sagen: gesch\u00fcrten &#8211; Debatten um Verbrechen und Strafe an die wissenschaftliche Basis zur\u00fcckzuleiten\u201c, so Janisch. Dieser Aussage kann man sich nur anschlie\u00dfen und den Essay als pr\u00e4gnanten und streitbaren Beitrag zu einer \u201eGesamten Strafrechts\u00adwissenschaft\u201c zur schnellen, dennoch erhellenden Lekt\u00fcre empfehlen. Nach max. zweist\u00fcndigen konzentrierten Lesens ist man upgedatet und in jedem Fall argumentativ gut f\u00fcr die meisten Diskussionen argumentativ gut \u201eger\u00fcstet\u201c.<\/p>\n<p>Holger Plank, im April 2020<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/www.ofv.ch\/sachbuch\/detail\/noch-im-namen-des-volkes\/103773\/\">Inhaltsverzeichnis<\/a> auf der Verlags-Website des orell f\u00fcssli Verlages, \u00a0zuletzt abgerufen am 14.04.2020.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Prof. Dr. iur., Kriminologe und Strafrechtler, Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Kriminologie, Straf- und Sanktionenrecht und Direktor des <a href=\"https:\/\/uni-tuebingen.de\/fakultaeten\/juristische-fakultaet\/lehrstuehle-und-personen\/lehrstuehle\/lehrstuehle-strafrecht\/kinzig\/\">Instituts f\u00fcr Kriminologie<\/a> an der der Eberhard Karls Universit\u00e4t in T\u00fcbingen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hierzu darf im \u00dcbrigen auf die j\u00fcngste und ebenfalls lesenwerte Ver\u00f6ffentlichung des \u201eRates f\u00fcr Sozial- und Wirtschaftsdaten\u201c (RatSWD) vom 28.02.2020 zur notwendigen \u201e<a href=\"https:\/\/www.ratswd.de\/pressemitteilung\/28022020\">Weiterent\u00adwicklung der Kriminal- und Strafrechtspflegestatistik<\/a>\u201c verwiesen werden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. nur das \u201e<a href=\"https:\/\/csl.mpg.de\/de\/publikationen\/freiburger-memorandum-zur-lage-der-kriminologie-in-deutschland\/\">Freiburger Memorandum<\/a>\u201c, 2012, und der hierzu hrsg. Sammelband der MSchrKrim <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/view\/journals\/mks\/96\/2-3\/mks.96.issue-2-3.xml\">96<\/a> (2013), H. 2\/3, passim.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Die Kinzig \u00fcber die \u201evier V\u201c, wonach sich die Kriminolgie mit dem Verbrechen, dem Verbrecher, der Verbrechenskontrolle und dem Verbrechensopfer (im Rahmen der Viktimologie) besch\u00e4ftige, zum wesentlichen unmittelbaren Forschungsgegenstand der Kriminologie erkl\u00e4rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00f6rg Kinzig: Noch im Namen des Volkes? \u00dcber Verbrechen und Strafe[1] (ISBN: 978-3-280-05698-1, 124 Seiten, orell f\u00fcssli Verlag, Z\u00fcrich, 2020, 10.- \u20ac) J\u00f6rg Kinzig[2] hat ein schmales, dennoch interessantes und in jedem Fall lesens\u00adwertes \u201eB\u00fcchlein\u201c &#8211; er selbst bezeichnet es als Essay (S. 9) &#8211; \u00fcber Verbrechen und Strafe geschrieben. 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