{"id":1518,"date":"2020-07-12T09:15:43","date_gmt":"2020-07-12T07:15:43","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1518"},"modified":"2020-07-12T09:16:12","modified_gmt":"2020-07-12T07:16:12","slug":"deutsche-hauptstelle-fuer-suchtgefahren-hrsg-dhs-jahrbuch-sucht-2020-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1518","title":{"rendered":"Deutsche Hauptstelle f\u00fcr Suchtgefahren (Hrsg.), DHS Jahrbuch Sucht 2020. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Deutsche Hauptstelle f\u00fcr Suchtgefahren (Hrsg.), DHS Jahrbuch Sucht 2020.<\/strong> Lengerich, Pabst-Verlag, 2020, ISBN 978-3-95853-589-3, 20.- Euro<\/p>\n<p>Aus aktuellem Anlass soll hier zu Beginn der Buchbesprechung auf das Kapitel \u201eDelikte unter Alkoholeinfluss\u201c eingegangen werden, auch, weil im Nachgang zu den Ereignissen in der Stuttgarter Innenstadt (sog. \u201eKrawallnacht\u201c Ende Juni) das Buch (indirekt) auf der Website von \u201ePsychologie-Aktuell\u201c (aus dem gleichen Verlag) beworben wurde. <img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1520 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/jahrbuch-105x150.jpg\" alt=\"\" width=\"153\" height=\"219\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/jahrbuch-105x150.jpg 105w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/jahrbuch.jpg 375w\" sizes=\"(max-width: 153px) 100vw, 153px\" \/>Dort steht: \u201e<em>Eine allt\u00e4gliche Rauschgift-Personenkontrolle eskalierte in Stuttgart zu einer gewaltt\u00e4tigen Stra\u00dfenschlacht zwischen Polizeibeamten und mehr als 500 (\u00fcberwiegend alkoholisierten) Jugendlichen. Die \u00dcberraschung war in der \u00d6ffentlichkeit gro\u00df &#8211; doch in der Fachwelt relativ klein. Die Ursachen sind mehrschichtig. Das Jahrbuch Sucht 2020 erl\u00e4utert, warum in j\u00e4hrlich fast 19.000 F\u00e4llen Betrunkene &#8222;Widerstand gegen die Staatsgewalt&#8220; leisten\u201c<\/em>. Interessanter als dieser doch sehr allgemeine Hinweis ist dann ein Zitat eines Stuttgarter Streetworkers. F\u00fcr Serkan Bicen hat der Gewaltausbruch in Stuttgart einen gesellschaftlichen Riss gezeigt: <em>\u201eAuf der einen Seite Jugendliche, die wenig Geld haben und im Freien mit Alkohol oder Rauschgift feiern wollen &#8211; und auf der anderen Seite die wohlhabende Stadtgesellschaft, die sich in Edelrestaurants oder Bars am\u00fcsiert. Sowohl die etablierten B\u00fcrger als auch Polizisten verhalten sich gegen\u00fcber der jugendlichen Spa\u00dfgesellschaft h\u00e4ufig &#8222;respektlos&#8220;, berichtet Bicen. &#8222;Das sind \u00fcberwiegend normale junge Leute, die da nur sitzen und feiern, und dann st\u00fcrmt eine Hundertschaft Polizisten auf sie zu und will die Ausweise sehen.&#8220; Oft folgt darauf die schroffe Anweisung der Beamten, nachhause zu gehen. &#8222;Ich kritisiere das Auftreten von Ordnungsh\u00fctern, die vielen Kontrollen &#8230;\u201c<\/em>, die w\u00e4hrend der Corona-Zeit versch\u00e4rft und vermehrt wurden. Serkan Bicen beobachtete, wie sich mehr und mehr Frust gegen die Polizei aufbaute, &#8211; war dann jedoch von der extremen Massivit\u00e4t der Entladung \u00fcberrascht.<!--more--><\/p>\n<p>Dazu passt, was Stanley Friedemann und Martin Rettenberger im Jahrbuch Sucht 2020 (S. 157 ff.) als \u201ewirksame Mechanismen\u201c beschreiben: Alkohol reduziert \u00c4ngste und schw\u00e4cht Hemmungen, Alkohol stimuliert, die Agilit\u00e4t steigt, die Aggressionsschwelle sinkt, Alkohol erschwert die F\u00e4higkeit zu kontrolliertem Verhalten. W\u00e4hrend man dieser Analyse durchaus zustimmen kann, sind in diesem Kapitel die Zahlen (hier aus der PKS) etwas unreflektiert \u00fcbernommen worden. Es ist wenig aussagekr\u00e4ftig, wenn die Autoren darauf hinweisen, das 11,1% aller Tatverd\u00e4chtigen unter Alkoholeinfluss standen \u2013 denn hier sind in der Auflistung des BKA alle m\u00f6glichen Delikte aufgenommen, darunter auch Betrug und Sachbesch\u00e4digung. Viel wichtiger ist die Besch\u00e4ftigung mit den Delikten, die schweren individuellen und gesellschaftlichen Schaden verursachen. Hier liegt dieser Prozentanteil deutlich h\u00f6her: Bei Vergewaltigung beispielsweise bei 25,5% und bei Totschlag bei 32,2%. Ein weiterer Kritikpunkt kommt hinzu: Die Autoren \u00fcbernehmen die Zahlen aus der PKS quasi unkritisch 1:1, ohne den sicherlich auch ihnen bekannten Aspekt auch nur zu erw\u00e4hnen, dass die Erfassung eines Alkoholeinflusses durch die Polizei bei der Aufnahme der Anzeige von (zu) vielen Bedingungen abh\u00e4ngig ist und daher ziemlich unzuverl\u00e4ssig. Das h\u00e4ngt nicht nur damit zusammen, dass nur bei h\u00f6herem Alkoholpegel die Bedeutung f\u00fcr das sp\u00e4tere Strafverfahren schon bei den ersten Ermittlungsschritten erkannt wird; es h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass gerade bei alkoholgew\u00f6hnten Personen Ausfallerscheinungen oder andere Merkmale, an denen man Alkohol\u201cgenuss\u201c feststellen k\u00f6nnte, oftmals unauff\u00e4llig bis nicht vorhanden sind. Unkritisch werden auch die Zahlen zum Alkoholeinfluss beim Widerstand gegen die Staatsgewalt wiedergegeben (54,8% bei 31.346 Tatverd\u00e4chtigen), wobei es hier mehr als nahegelegen h\u00e4tte, sich mit der Konfliktdynamik in diesen Konstellationen und der Rolle des Alkohols dabei zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Sehr positiv hingegen sind die an die Zahlen anschlie\u00dfenden \u201etheoretischen Erkl\u00e4rungen\u201c zu bewerten, weil hier tats\u00e4chlich einmal eine \u00fcbergreifende Analyse erfolgt und der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Kriminalit\u00e4t erl\u00e4utert wird. Aber auch hier w\u00e4ren beispielsweise Ausf\u00fchrungen zum Zusammenspiel von Alkoholkonsum und psychischen St\u00f6rungen sinnvoll und notwendig gewesen, ebenso wie eine Besch\u00e4ftigung mit der Frage, wie das Zusammenspiel von Alkohol, Drogen und repressiven Polizeima\u00dfnahmen zu unerw\u00fcnschte \u201eRisiken und Nebenwirkungen\u201c polizeilichen Handelns (bis hin zum \u201elagebedingten Erstickungstod\u201c) f\u00fchren kann, wie mannigfache Beispiele aus der j\u00fcngsten Vergangenheit zeigen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Das DHS Jahrbuch Sucht 2020 der Deutschen Hauptstelle f\u00fcr Suchtfragen (DHS) liefert die neuesten Zahlen und Fakten zum Konsum legaler und illegaler Drogen in Deutschland. Expertinnen und Experten aus Forschung und Praxis informieren \u00fcber aktuelle Trends bei einzelnen Suchtstoffen, zu abh\u00e4ngigem Verhalten und \u00fcber die Versorgung Suchtkranker.<\/p>\n<p>Insgesamt werden in dem Handbuch nach einer Einf\u00fchrung in Suchtstoffe, Suchtformen und ihre Auswirkungen alle g\u00e4ngigen Suchtstoffe und Suchtformen, richtigerweise in der Reihenfolge ihrer Bedeutung bzw. gesellschaftlichen und sozialen Sch\u00e4dlichkeit: Alkohol; Tabak; Medikamente (darunter ein eigener Teil f\u00fcr Psychotrope und andere Arzneimittel mit Missbrauchs- und Abh\u00e4ngigkeitspotenzial sowie ein Teil zu psychoaktiven Medikamenten im Stra\u00dfenverkehr); Illegale Drogen; Gl\u00fccksspiel; Essst\u00f6rungen. Ein eigenes Unterkapitel ist \u201eDelikten unter Alkoholeinfluss\u201c gewidmet, ebenso wie \u201cSuchtmitteln im Stra\u00dfenverkehr\u201c. Weitere Kapitel stellen die Suchtkrankenhilfe in Deutschland vor und behandeln aktuelle Themen, hier: \u201eDie volkswirtschaftlichen Kosten von Alkohol- und Tabakkonsum in Deutschland\u201c sowie \u201eSucht und Depression (am Beispiel Alkoholkonsumst\u00f6rungen\u201c.<\/p>\n<p>Das j\u00e4hrlich erscheinende Standardwerk hat seinen Schwerpunkt nat\u00fcrlich auf der Darstellung und Kommentierung von Zahlen und quantitativen Entwicklungen. Ungeachtet dessen ist es (leider nur ansatzweise) dar\u00fcber hinausgewachsen, sieht man sich die dem Band vorausgeschickten \u201eThesen\u201c des Vorsitzenden der Deutschen hautstelle f\u00fcr Suchtgefahren an. These 1: Gesellschaft erm\u00f6glicht und f\u00f6rdert Sucht, These 2: Sucht als \u201eZivilisationskrankheit\u201c ver\u00e4ndert die Gesellschaft. \u201e<em>Es muss vorrangig um Ver\u00e4nderungen der Verh\u00e4ltnisse in der Gesellschaft gehen und sekund\u00e4r um Hilfestellungen f\u00fcr das Verhalten Einzelner<\/em>\u201c \u2013 so Heribert Fleischmann in seinem Vorwort (S. 8).<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass Gl\u00fccksspiel, Essst\u00f6rungen und Medikamente ebenfalls und gleichrangig mit anderen S\u00fcchten behandelt werden macht auch deutlich, dass man die Fokussierung auf stoffgebundene Abh\u00e4ngigkeiten richtigerweise aufgegeben hat. Dennoch fehlt es in dem Buch an einem \u00fcbergreifenden Beitrag, der sich mit der generellen Frage besch\u00e4ftigt, warum Menschen (unter den Bedingungen unserer Gesellschaft, s. die Thesen von Fleischmann) s\u00fcchtig werden und bleiben. Ebenso werden die volkswirtschaftlichen Kosten von Alkohol- und Tabakkonsum behandelt (S. 225), aber auch hier bleibt es an einer eher deskriptiven Darstellung; eine wissenschaftliche Einordnung und Bewertung erfolgt leider nicht. Und vor allem fehlen die gesamtgesellschaftlichen Kosten suchtbedingten Verhaltens. Diese werden (\u00e4hnlich wie bei Straftaten) leider immer noch zu selten untersucht und thematisiert<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Welche \u201e<em>Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft<\/em>\u201c also notwendig sind, die der Vorsitzende der DHS in seinem Vorwort anmahnt, bleibt leider ungesagt. Aber vielleicht w\u00e4re das Handbuch auch damit \u00fcberfordert. So aber kann es als Steinbruch und Faktenbasis f\u00fcr wissenschaftlich-analytische und auch kritische Besch\u00e4ftigungen mit den S\u00fcchten in unserer Gesellschaft dienen, auch wenn hier weitere S\u00fcchte zu nennen w\u00e4ren, die man vielleicht in der Auflage 2021 aufnehmen sollte, wie die PC- oder Handysucht, deren sch\u00e4dliche Auswirkungen (z.B. auch auf den Gesundheitszustand der Nutzer) bekannt sind. Auch andere Abh\u00e4ngigkeiten wie die Arbeitssucht k\u00f6nnten vielleicht in einem \u00fcbergreifenden Einleitungsbeitrag thematisiert werden um deutlich zu machen, dass die stoffgebundenen S\u00fcchte nur eine Seite der Abh\u00e4ngigkeitsmedaille sind, und die Frage, wo und wie man abh\u00e4ngig wird, mehr von der individuellen und gesellschaftlichen Ausgangslage als von dem konkreten Suchtstoff abh\u00e4ngig ist.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Juli 2020<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Tod-im-Polizeigewahrsam\/!5684340\/\">https:\/\/taz.de\/Tod-im-Polizeigewahrsam\/!5684340\/<\/a> sowie <a href=\"https:\/\/taz.de\/Pfefferspray-fuehrt-zu-Herzversagen\/!5525831\">https:\/\/taz.de\/Pfefferspray-fuehrt-zu-Herzversagen\/!5525831<\/a> und <a href=\"https:\/\/taz.de\/Psychologe-ueber-toedliche-Polizeischuesse\/!5408530\/\">https:\/\/taz.de\/Psychologe-ueber-toedliche-Polizeischuesse\/!5408530\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. aber Horst Entorf (2014): Was kostet uns die Kriminalit\u00e4t? \u2026 und welche Kosten sind durch Kriminalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung vermeidbar? Verf\u00fcgbar unter <a href=\"https:\/\/mpra.ub.uni-muenchen.de\/56627\/\">https:\/\/mpra.ub.uni-muenchen.de\/56627\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche Hauptstelle f\u00fcr Suchtgefahren (Hrsg.), DHS Jahrbuch Sucht 2020. Lengerich, Pabst-Verlag, 2020, ISBN 978-3-95853-589-3, 20.- Euro Aus aktuellem Anlass soll hier zu Beginn der Buchbesprechung auf das Kapitel \u201eDelikte unter Alkoholeinfluss\u201c eingegangen werden, auch, weil im Nachgang zu den Ereignissen in der Stuttgarter Innenstadt (sog. \u201eKrawallnacht\u201c Ende Juni) das Buch (indirekt) auf der Website von &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1518\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Deutsche Hauptstelle f\u00fcr Suchtgefahren (Hrsg.), DHS Jahrbuch Sucht 2020. 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