{"id":1561,"date":"2020-09-15T18:54:39","date_gmt":"2020-09-15T16:54:39","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1561"},"modified":"2020-09-15T19:18:36","modified_gmt":"2020-09-15T17:18:36","slug":"cormelia-koppetsch-die-gesellschaft-des-zorns-rechtspopulismus-im-globalen-zeitalter-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1561","title":{"rendered":"Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. <\/strong>Zweite, durchgesehene und korrigierte Auflage, Transcript-Verlag Bielefeld, 2019, 288 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4838-6, 19.99 Euro (derzeit vergriffen)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1562 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Koppetsch-99x150.jpg\" alt=\"\" width=\"151\" height=\"229\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Koppetsch-99x150.jpg 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Koppetsch-674x1024.jpg 674w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Koppetsch.jpg 842w\" sizes=\"(max-width: 151px) 100vw, 151px\" \/>Bis ein Buch erscheint, ist die Realit\u00e4t oftmals eine andere geworden. Dann ist der Inhalt zwar nicht obsolet geworden, aber nicht mehr unbedingt aktuell. Dieses Buch hat leider (zu) lange beim Rezensenten gelegen; aber vielleicht gerade deshalb hat es jetzt eine ganz besondere Bedeutung, denn vieles, was sich seit dem Erscheinen des Buches ereignet hat, best\u00e4tigt, ja intensiviert nur die Ausf\u00fchrungen, Thesen und Annahmen der Verfasserin. Und um es gleich vorwegzunehmen: Die Plagiatsvorw\u00fcrfe, die anl\u00e4sslich der Verleihung des bayerischen Buchpreises 2019 gegen die Verfasserin und das Buch aufkamen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, sollen nicht unterschlagen werden. Die TU Darmstadt hat inzwischen ein Verfahren eingeleitet<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, und der Verlag das Buch zur\u00fcckgezogen. Warum soll es dann dennoch hier besprochen werden? Ganz einfach deshalb, weil die Plagiatsvorw\u00fcrfe nichts an dem Inhalt und der Richtigkeit der Analyse \u00e4ndern, sondern sich (wie meist) darauf beziehen, dass Zitate nicht angemessen kenntlich gemacht wurden (angeblich 111 Stellen<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>). Die\/derjenige\/n, der sich der \u00fcberaus luziden Analyse, die das Buch liefert, nicht entziehen will, kann und sollte es also dennoch lesen.<!--more--><\/p>\n<p>Denn (so der Klappentext) was noch in den 1990er Jahren undenkbar war, ist mittlerweile Alltag: Ganze Bev\u00f6lkerungsgruppen verlassen den Boden der gemeinsamen Wirklichkeit, kehren etablierten politischen Narrativen (und Parteien) zornig den R\u00fccken oder bestreiten gar die G\u00fcltigkeit wissenschaftlichen Wissens. Der Aufstieg des Rechtspopulismus markiert nach Dekaden der Konsenskultur eine erneute Politisierung der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Die Autorin will sich einen \u201e<em>soziologischen Reim auf den Aufstieg der neuen populistischen Rechtsparteien\u201c <\/em>machen (S. 9). Sie beginnt das Buch mit einem Satz, der die Ergebnisse der Analyse auf den Punkt bringt: \u201e<em>Jeder soziale Wandel bedeutet die Vertreibung aus einem Paradies, einem Ort, der im R\u00fcckblick als Hort von Frieden, Ruhe, Ordnung und Wohlstand erscheint<\/em>\u201c (aaO.). Wie wahr, denn viele erleben und erlebten in den vergangenen Jahren Globalisierung angesichts der Explosion von Ungleichheiten (nicht nur weltweit, sondern auch bei uns) und der Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts als \u201ekollektiven Kontrollverlust\u201c. Kontrollverlust aber macht Angst, und so ist die Erkl\u00e4rung der Ver\u00e4nderungen in den vergangenen Jahren, welche die Verfasserin pointiert, aber immer theoretisch fundiert, liefert, auch eine Erkl\u00e4rung der \u201e\u00c4ngste der Deutschen\u201c, die sich auch und besonders im Bereich der Kriminalit\u00e4tsfurcht verankern<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>.<\/p>\n<p>Die Studie von Koppetsch enth\u00e4lt, so der Rezensent im Portal f\u00fcr Politikwissenschaft<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, \u201e<em>im Wesentlichen zwei Provokationen, die f\u00fcr die weitere Befassung mit Ph\u00e4nomenen des Rechtspopulismus fruchtbar sind. Zum einen zeigt der methodische Ansatz des \u201ekontrollierten Fremdverstehens\u201c, dass hinter dem Aufstieg von rechten Bewegungen nicht nur (strukturelle) Ursachen stehen, die sich aus einer Beobachterperspektive erschlie\u00dfen lassen, sondern auch Gr\u00fcnde von Akteuren, denen ein Erleben von Deklassierung zugrunde liegt. Zum anderen sind diese Gr\u00fcnde nur zu verstehen, wenn die akademische Analyse ihren eigenen gesellschaftlichen Standort reflexiv vergegenw\u00e4rtigt. Das betrifft den blinden Fleck akademischer Mittelklassen nicht zu sehen, in welcher Weise in ein kosmopolitisches Selbstverst\u00e4ndnis \u00f6konomische Privilegien eingelassen sind, die immer auch ein wirkungsvolles Grenzregime gegen\u00fcber unteren Schichten und Migranten praktizieren\u201c.<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend \u00fcbliche Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Entstehung des Rechtspopulismus vor allem die Ereignisse der Fluchtmigration 2015 oder Pers\u00f6nlichkeitsdefizite seiner Anh\u00e4nger heranziehen, sieht Koppetsch die Gr\u00fcnde in dem bislang unbew\u00e4ltigten Epochenbruch der Globalisierung. Ihre Analyse geht damit viel tiefer, und vor allem macht sie deutlich, dass wir es uns mit den anderen Erkl\u00e4rungsversuchen zu einfach machen: 2015 wird sich nicht wiederholen, das betonen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Politiker jeglicher Couleur, und angebliche Pers\u00f6nlichkeitsdefizite bei Rechtsextremen lenken nur von der Frage ab, ob und in wie weit wir selbst nicht auch daran beteiligt sind, dass sich unsere Gesellschaft derzeit spaltet.<\/p>\n<p>Koppetsch verdeutlicht in ihrem Buch, dass wirtschaftliche, politische oder kulturelle Grenz\u00f6ffnungen als Kontrollverlust erlebt werden und ein unrealistisches Verlangen nach der Wiederherstellung der alten nationalgesellschaftlichen Ordnung wecken. \u201e<em>Konservative Wirtschafts- und Kultureliten sowie Gruppen aus Mittel- und Unterschicht, die auf unterschiedliche Weise durch Globalisierung deklassiert werden, bilden dabei eine klassen\u00fcbergreifende Protestbewegung gegen die globale \u00d6ffnung der Gesellschaft\u201c<\/em> (Klappentext).<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist der epochale Umbruch, den wir erleben, nicht aufgearbeitet, und er entwickelt sich praktisch t\u00e4glich weiter. Die Corona-Pandemie unterst\u00fctzt diese Entwicklung sogar noch, obwohl eigentlich angesichts einer weltweiten Gesundheitsgefahr gemeinsames Handeln angesagt w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die \u201e<em>neuen Verlierer<\/em>\u201c dieser Entwicklung bilden eine \u201e<em>Koalition der Deklassierten<\/em>\u201c (S. 28), wobei sich \u201edeklassiert\u201c nicht unbedingt nur auf finanzielle Aspekte beziehen muss, denn diese spielen f\u00fcr viele Menschen nicht mehr die prim\u00e4re Rolle. Es hat sich auch und gerade bei uns eine \u201e<em>neue Struktur sozialer Ungleichheiten herausgebildet<\/em>\u201c (S. 29), die eine Verschiebung von \u00e4u\u00dferen zu inneren \u00c4ngsten (S. 249) bewirkt.<\/p>\n<p>Auch und gerade die kriminologische Forschung sollte dies intensiver ber\u00fccksichtigen, statt nach den Ursachen f\u00fcr Kriminalit\u00e4tsfurcht im Bereich von (eigener oder medial berichteter) Viktimisierung zu suchen.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, September 2020<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2019\/47\/plagiatsvorwuerfe-cornelia-koppetsch-gesellschaft-des-zorns\">https:\/\/www.zeit.de\/2019\/47\/plagiatsvorwuerfe-cornelia-koppetsch-gesellschaft-des-zorns<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/kultur\/disziplinarverfahren-gegen-cornelia-koppetsch-wird-eingeleitet,S7L926n\">https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/kultur\/disziplinarverfahren-gegen-cornelia-koppetsch-wird-eingeleitet,S7L926n<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u201e<em>Insgesamt 117 problematische Stellen hat die Kommission gepr\u00fcft und davon 111 als Plagiate eingestuft. &#8222;Zahlreiche der problematischen Stellen sind als Plagiate, etliche als markante Text\u00fcbernahmen zu bewerten. Hinzu kommen Verschleierungsbefunde und Stellen, die dem Muster des &#8218;Bauernopfer&#8216;-Belegs entsprechen. Wiederholt werden bei Stellen\u00fcbernahmen Literaturhinweise, die in der genutzten Quelle enthalten sind, weggelassen oder plagiierte Referate nicht gekennzeichnet, was die &#8218;eigentlich&#8216; zu nennende Quelle unsichtbar macht. In drei F\u00e4llen werden plagiierte \u2013 historisch-deskriptive \u2013 Aussagen umdatiert und dadurch sachlich verf\u00e4lscht&#8220;, so hei\u00dft es in der Pressemitteilung der TU Darmstadt\u201c<\/em>, s. FN 2.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. Feltes, Die \u201eGerman Angst\u201c. Woher kommt sie, wohin f\u00fchrt sie? Innere vs. gef\u00fchlte Sicherheit. Der Verlust an Vertrauen in Staat und Demokratie. In: Neue Kriminalpolitik 1, 2019, S. 3-12. Verf\u00fcgbar hier: <a href=\"https:\/\/thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/2019_01_Magazin_Feltes_bran.pdf\">https:\/\/thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/2019_01_Magazin_Feltes_bran.pdf<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.pw-portal.de\/schlaglichter\/40956-die-gesellschaft-des-zorns\">https:\/\/www.pw-portal.de\/schlaglichter\/40956-die-gesellschaft-des-zorns<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. Zweite, durchgesehene und korrigierte Auflage, Transcript-Verlag Bielefeld, 2019, 288 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4838-6, 19.99 Euro (derzeit vergriffen) Bis ein Buch erscheint, ist die Realit\u00e4t oftmals eine andere geworden. Dann ist der Inhalt zwar nicht obsolet geworden, aber nicht mehr unbedingt aktuell. 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