{"id":1569,"date":"2020-09-25T14:11:04","date_gmt":"2020-09-25T12:11:04","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1569"},"modified":"2020-09-25T14:11:45","modified_gmt":"2020-09-25T12:11:45","slug":"detlef-pollack-das-unzufriedene-volk-protest-und-ressentiment-in-ostdeutschland-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1569","title":{"rendered":"Detlef Pollack, Das unzufriedene Volk. Protest und Ressentiment in Ostdeutschland. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Detlef Pollack, Das unzufriedene Volk. <\/strong>Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute. Transcript-Verlag, Bielefeld 2020, 232 S., ISBN: 978-3-8376-5238-3, 20.- Euro.<\/p>\n<p><em>\u201e\u2026auch heute noch treten die Ostdeutschen vor allem als Klagende, Protestierende und Unzufriedene \u00f6ffentlich in Erscheinung: Unsere Industrie sei abgewickelt worden, wir w\u00fcrden als B\u00fcrger zweiter Klasse behandelt, wir h\u00e4tten keine eigene Stimme<\/em>\u201c \u2013 so der Autor in der Einf\u00fchrung zu seinem Buch. F\u00fcr ihn ist es Zeit, \u201e<em>diese Untugend des \u201eArme Schweine Kults\u201c \u2026 endlich abzulegen und anzuerkennen, dass es uns heute weitaus besser geht als vor 30 Jahren<\/em>\u201c (aaO.).<img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1570 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/9783837652383OPMEWgwySXCkq_600x600-99x150.jpg\" alt=\"\" width=\"123\" height=\"186\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/9783837652383OPMEWgwySXCkq_600x600-99x150.jpg 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/9783837652383OPMEWgwySXCkq_600x600.jpg 395w\" sizes=\"(max-width: 123px) 100vw, 123px\" \/> Ostdeutschland als ein vom Westen kolonialisiertes Land der kleinen Leute ohne politisches Gewicht und ohne soziale Anerkennung (S.8) &#8211;\u00a0 mit diesem Vorurteil will Pollack aufr\u00e4umen und vertritt dazu die These, \u201e<em>dass es sich bei der ostdeutschen Bev\u00f6lkerung um einen starken politischen Akteur handelt, der sich im Prozess der deutsch-deutschen Wiedervereinigung \u2026 sehr wohl ins Spiel zu bringen gewusst hat und es auch noch im Modus des Klagens versteht, sich selbst zu behaupten<\/em>\u201c (aaO.).<!--more--><\/p>\n<p>Eine durchaus steile These, die er noch verst\u00e4rkt, wenn er schreibt, dass \u201e<em>die Ostdeutschen allerdings doch taktisch so gewieft (sind), dass sie es mit ihrem Wahlverhalten in den Kommunalwahlen des Jahres 2019 verhindert haben, die AfD zur st\u00e4rksten Partei des Ostens werden zu lassen. Ihre Botschaft lautet offenbar: Wir sind noch einfangbar, wenn Ihr Euch denn ganz arg um uns bem\u00fcht<\/em>\u201c (S. 9). Satirisch oder sarkastisch gemeint?\u00a0 Wohl nicht. Denn \u201edie Ostdeutschen\u201c werden von ihm weder definiert noch differenziert, und wer anders als die ostdeutschen W\u00e4hler sollten denn die AfD zur st\u00e4rksten Partei des Ostens werden lassen? Fremde M\u00e4chte? Und bitte sch\u00f6n: Wer soll die Ostdeutschen denn \u201eeinfangen\u201c? Wer ist mir \u201eIhr\u201c und \u201eEuch\u201c gemeint, die sich bem\u00fchen sollen? Und welches demokratische Verst\u00e4ndnis steht hinter dieser Aussage?<\/p>\n<p>Richtig ist, dass sich \u201edie Ostdeutschen\u201c von der friedlichen Revolution bis heute als durchaus m\u00e4chtiger politischer Akteur erwiesen haben bzw. erweisen. So ging, und dies belegt Pollack in seiner Studie eindrucksvoll, im revolution\u00e4ren Umbruch von 1989 die Dynamik nicht von der kleinen Schar der B\u00fcrgerrechtler und B\u00fcrgerrechtlerinnen aus, sondern von der Bev\u00f6lkerung \u2013 wobei er sich schwertut, genauer zu beschreiben, was damit gemeint ist und welchen Anteil an \u201eder Bev\u00f6lkerung\u201c diejenigen hatten, die am \u201e<em>revolution\u00e4ren Umbruch<\/em>\u201c beteiligt waren. Es sagt zwar, dass es \u201e<em>laut umfangreichen Studien<\/em>\u201c f\u00fcr den Erfolg von Protesten ausreiche, wenn drei bis vier Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung daran teilnehmen. In der DDR seien es weitaus mehr, teilweise mehr als 50% gewesen (S. 225)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Und. \u201e<em>J\u00fcngere B\u00fcrger unter 25 und Studierende \u2026 spielten keine vordergr\u00fcndige Rolle<\/em>\u201c (S. 85). Ob sie eine Rolle im Hintergrund spielten, l\u00e4sst der Autor dabei offen, ebenso mangelt es wie hier leider oftmals an belastbaren Belegen f\u00fcr solche Aussagen.<\/p>\n<p>Wenn der Klappentext feststellt, dass heute \u201e<em>die ostdeutsche Bev\u00f6lkerung durch ihr Wahlverhalten und nicht zuletzt durch ihren Opferdiskurs die \u00f6ffentlichen Debatten<\/em>\u201c beherrscht, dann muss man doch die Frage stellen, warum das so ist. Man muss fragen, welche Rolle dabei m\u00f6glicherweise einerseits das schlechte Gewissen der \u201eWessis\u201c spielt, die den Osten nach der Wende ausgebeutet haben. Andererseits muss man genau dieses Gef\u00fchl, gegen das der Autor ank\u00e4mpft, im Westen untersuchen. Das Gef\u00fchl oder die Einstellung, die sich so auf den Punkt bringen lassen: \u201eIhr habt doch jetzt alles, was ihr wollt. Warum jammert ihr immer noch?\u201c.<\/p>\n<p>Am ostdeutschen Protestverhalten \u2013 so nochmal der Klappentext \u2013 \u201e<em>l\u00e4sst sich begreifen, wie sich eine Bev\u00f6lkerung zum Volk konstituiert \u2013 unter den Bedingungen einer Diktatur \u2013 und wie in der Demokratie die kollektive Selbsterm\u00e4chtigung zum Ressentiment verkommt<\/em>\u201c. Zwar untersucht Pollack das Protestverhalten selbst durchaus breit und gr\u00fcndlich; was aber fehlt ist eine Analyse des \u201ehier und jetzt\u201c. Leider bleiben dabei zu viele Fragen aus der Strecke, wie z.B. die, ob diese \u201e<em>Konstitution zum Volk<\/em>\u201c tats\u00e4chlich so abgelaufen ist, und vor allen, wer denn nun dieses \u201eVolk\u201c ist bzw. wer dazu geh\u00f6rte und aktuell geh\u00f6rt. Statusgruppen und Modelle sozialer Schichten sind f\u00fcr den Westen gut beschrieben. Vergleichbares f\u00fcr den Osten fehlt. Und: Die \u201e<em>kollektive Selbsterm\u00e4chtigung<\/em>\u201c wird dabei auch von ihm selbst relativiert, wenn er beschreibt und belegt, warum letztlich die DDR zusammengebrochen ist \u2013 nicht prim\u00e4r wegen der b\u00fcrgerschaftlichen Proteste, sondern vor allem, weil sie wirtschaftlich am Ende und politisch in sich zerstritten war. H\u00e4tten die Politfunktion\u00e4re am Ende zusammengehalten, w\u00e4re die Sache vielleicht ganz anders und nicht so gewaltfrei ausgegangen.<\/p>\n<p>Es bleibt also noch vieles zu erkl\u00e4ren, auch durch Gespr\u00e4che mit Zeitzeugen, wie sie bspw. vom Zeitzeugenb\u00fcro der Stiftung Gedenkst\u00e4tte Hohensch\u00f6nhausen dokumentiert werden<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Hier wie anderenorts warten noch viele Dokumente auf eine systematische Auswertung.<\/p>\n<p>Insgesamt ist die Studie von Pollack durchaus lesenswert, aber leider unvollst\u00e4ndig. Sie hilft bei der Analyse der Entwicklung im Osten Deutschlands weiter, aber nicht unbedingt beim Verstehen des Wahl- oder Alltagsverhaltens der dort derzeit lebenden Menschen. Da sollte man dann doch eher zu den Ver\u00f6ffentlichungen der Studien von Heitmeyer u.a. zu den \u201eDeutschen Zust\u00e4nden\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> greifen (die leider nach nur 10 Jahren 2011\/12 eingestellt wurden), oder zu den Studien zur \u201eGruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> von Andreas Zick und anderen bzw. zu den \u201eMitte-Studien\u201c, z.B. zur \u201eVerlorenen Mitte\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> des gleichen Autors.<\/p>\n<p>Es darf, und dies stellt Pollack am Ende seines Buches fest, nicht \u00fcbersehen werden, dass sich bei einigen Ostdeutschen \u201e<em>dieses Gef\u00fchl der Dem\u00fctigung zu einer dauerhaften Affektlage<\/em>\u201c verfestigt hat, \u201e<em>das den Resonanzboden f\u00fcr das politische Handeln der Rechtspopulisten darstellt<\/em>\u201c. Allerdings d\u00fcrfe, so Pollack, nicht \u00fcbersehen werden, \u201e<em>dass die Mehrheit der Ostdeutschen anders tickt und sich in die bundesdeutsche Ordnung eingef\u00e4delt hat<\/em>\u201c (S. 228 f.). Belegt wird die letzte Aussage leider ebenso wenig wie der Autor genauer die Anteile dieser beiden Richtungen definiert und beschreibt. Dies w\u00e4re aber f\u00fcr die Analyse der gegenw\u00e4rtigen Situation notwendig.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens kann man den Autor auch im \u201etaz-Talk\u201c erleben, verf\u00fcgbar hier: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Rj00Hmlb36E\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Rj00Hmlb36E<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thomas Feltes, September 2020<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> In einer Fu\u00dfnote aus S. 79 errechnet der Autor verschiedenste Anteile, von 13% bis zu 470 (!) %.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> https:\/\/www.stiftung-hsh.de\/forschung\/zeitzeugenbuero\/<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutsche_Zust%C3%A4nde\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutsche_Zust%C3%A4nde<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/politik\/extremismus\/rechtsextremismus\/214192\/gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit\">https:\/\/www.bpb.de\/politik\/extremismus\/rechtsextremismus\/214192\/gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.fes.de\/forum-berlin\/gegen-rechtsextremismus\/mitte-studie\">https:\/\/www.fes.de\/forum-berlin\/gegen-rechtsextremismus\/mitte-studie<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Detlef Pollack, Das unzufriedene Volk. 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