{"id":1574,"date":"2020-11-12T16:29:52","date_gmt":"2020-11-12T15:29:52","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1574"},"modified":"2020-11-12T16:32:03","modified_gmt":"2020-11-12T15:32:03","slug":"christoph-butterwegge-ungleichheit-in-der-klassengesellschaft-rezensiert-von-felix-rauls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1574","title":{"rendered":"Christoph Butterwegge, Ungleichheit in der Klassengesellschaft. Rezensiert von Felix Rauls"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Butterwegge: Ungleichheit in der Klassengesellschaft<\/strong>. PapyRossa Verlag, K\u00f6ln 2020, 183 Seiten, ISBN 978-3-89438-744-0, 14,90 Euro<\/p>\n<p>Mit \u201eUngleichheit in der Klassengesellschaft\u201c gelingt es Butterwegge, einerseits Grundlagen der Ungleichheitsforschung kurz, aber nicht verk\u00fcrzt darzustellen, und <img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1579 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/9783894387440-99x150.jpg\" alt=\"\" width=\"112\" height=\"170\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/9783894387440-99x150.jpg 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/9783894387440.jpg 660w\" sizes=\"(max-width: 112px) 100vw, 112px\" \/>andererseits aktuelle Auspr\u00e4gungen der Ungleichheit zu beschreiben und analysieren. So nimmt er immer wieder den Umgang mit der Corona-Pandemie zum Anlass, zu kritisieren, in wessen Interesse Politik gemacht wird \u2013 n\u00e4mlich zugunsten Hyperreicher und Unternehmen, zulasten Armer. Andererseits bezieht er auch die grundlegenden Ausf\u00fchrungen auf die aktuelle Situation, wenn er etwa den \u201eschweinischen Kapitalismus\u201c (in Abgrenzung zum rheinischen Kapitalismus der 1990er) mit Lohn- und Sozialdumping, \u201eskrupellose[r] Leuteschinderei und massenhafte[r] Tierqu\u00e4lerei\u201c (S. 81 f.) beschreibt und am Beispiel der massenhaften Covid-Infektionen im Schlachtbetrieb von T\u00f6nnies festmacht.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Grundlagenlegung<\/strong><\/p>\n<p>Die Grundlagenlegung erfolgt verst\u00e4ndlich \u2013 nicht nur, weil er abstrakte Beobachtungen durch konkrete Beispiele greifbar macht, sondern auch, weil er Empirie derart geschickt einbindet, dass sie nicht als erschlagendes Zahlenwerk daherkommt. Hierbei bleibt das Buch, wie Butterwegge selbst anmerkt, auf das Beschreiben des Status Quo begrenzt; Ursachen und L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten der Ungleichheitsproblematik m\u00f6chte er in einem weiteren Band ausf\u00fchren.<\/p>\n<p>Butterwegge kritisiert, dass in der \u00f6ffentlichen Debatte der Fokus zu sehr auf der Armut liege, w\u00e4hrend Reichtum weitgehend unber\u00fccksichtigt bliebe. Dabei seien beide jeweils die Seite derselben Medaille \u2013 oder, um es mit Brecht auszudr\u00fccken: \u00bbReicher Mann und armer Mann, standen da und sah\u2019n sich an. Und der Arme sagte bleich: Wa\u0308r\u2019 ich nicht arm, wa\u0308rst Du nicht reich.\u00ab Den Grund sieht Butterwegge darin, dass Armut ohnehin penibel erfasst werde, wenn es um den Bezug staatlicher Leistungen geht, w\u00e4hrend sich Verm\u00f6gende gegen statistische und beh\u00f6rdliche Erfassungen zur Wehr setzen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Mit der neoliberalen Tr\u00e4umerei, dass Reichtum auf eigener Leistung beruhe, r\u00e4umt Butterwegge auf, indem er darstellt, dass Reichtum zum Gro\u00dfteil auf Erbschaften und nur selten auf eigenem Erwerb beruht. \u00dcberhaupt werde das, was gesellschaftlich als Leistung anerkannt werde, nicht an der Erf\u00fcllung gesellschaftlicher Erfordernisse, sondern an \u00f6konomischem Erfolg gemessen. Deutlich werde das an dem Umgang mit einerseits gesellschaftlich unerl\u00e4sslichen (neuerdings \u201esystemrelevant\u201c genannten) Berufsgruppen wie der unterbezahlten Krankenpflege, andererseits mit gesellschaftlich entbehrlichen, \u00fcberbezahlten wie dem Investmentb\u00e4nker*innentum.<\/p>\n<p>Butterwegge will Armut nicht als Folge individuellen Versagens, sondern als notwendiges Strukturelement der kapitalistischen Gesellschaft verstanden wissen. Diese habe sich in j\u00fcngerer Vergangenheit immer weiter zugespitzt, durch wilde Spekulationen und Digitalisierung, die letztlich zu einem Kasinokapitalismus gef\u00fchrt habe. Die Folgen \u2013 h\u00f6here Sozialausgaben \u2013 w\u00fcrden durch den Staat \u00fcbernommen, also verallgemeinert, w\u00e4hrend die Profite in die Taschen weniger Privater wanderten. Arbeit, von der die Menschen zuverl\u00e4ssig leben k\u00f6nnen, werde immer weniger, der Ausbau des Niedriglohnsektors habe zu einer Normalisierung prek\u00e4rer Arbeitsbedingungen gef\u00fchrt. Die Einf\u00fchrung des Mindestlohns sei zwar in der Sache richtig gewesen, wegen seiner Niedrigkeit aber kein geeignetes Mittel zur Armutsbek\u00e4mpfung.<\/p>\n<p>Der von Butterwegge geforderte Blick auf die Hyperreichen d\u00fcrfe sich nicht nur auf die Einkommens-, sondern m\u00fcsse sich mehr auf die Verm\u00f6genssituation richten, weil der Gini-Koeffizient in Deutschland beim Verm\u00f6gen europaweit am h\u00f6chsten ist (= h\u00f6chste Ungleichheit), doppelt so hoch wie beim Einkommen. Bei der Betrachtung des Verm\u00f6gens d\u00fcrfe nicht nur die Quantit\u00e4t, sondern auch die Qualit\u00e4t eine Rolle spielen, weil Eigentum an Immobilien und Unternehmen mehr gesellschaftliche Macht und M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffne als das im Kopfkissen versteckte Bargeld.<\/p>\n<p><strong>Erscheinungsformen der Ungleichheit<\/strong><\/p>\n<p>Die ungleichen Verteilungsverh\u00e4ltnisse zeigen sich laut Butterwegge besonders im Bereich Wohnen, Gesundheit und Bildung. Damit diese Rezension nicht allzu umfangreich wird, soll sie sich allein mit den Ausf\u00fchrungen zum Faktor Gesundheit besch\u00e4ftigen. Hier sei schon l\u00e4nger bekannt, dass Herz-Kreislauf- und psychische Erkrankungen in der Unterschicht deutlich h\u00e4ufiger als in der Oberschicht vorkommen, vor allem wegen der Wohnsituation (Gegend, Bausubstanz), der Arbeitsbedingungen und dem Zugang zu medizinischer Versorgung. Das zeige sich auch aktuell am Infektionsrisiko mit Covid, das bei Armen deutlich h\u00f6her ist. So ergab eine Studie im Auftrag der AOK, dass das Risiko von ALG II-Bezieher*innen f\u00fcr Krankenhausaufenthalte wegen Corona um 84 % erh\u00f6ht sei.<\/p>\n<p>Covid habe die \u201eUngleichheit in Deutschland wie unter einem Brennglas sichtbar gemacht\u201c (S.\u00a0141), die Ungleichheit aber gleichzeitig noch versch\u00e4rft, weil einerseits Kurzarbeit und Massenentlassungen herrschten, andererseits Gro\u00dfkonzerne und Gro\u00dfanleger Extraprofite machten. Als perfides Beispiel f\u00fchrt Butterwegge den Multimilliard\u00e4r Thiele an, der zu Beginn der Pandemie billig bei Lufthansa einstieg und nach der Rettung mit Steuergeldern erhebliche (Personal-)K\u00fcrzungen durchsetzte.<\/p>\n<p>Nicht nur die wirtschaftlichen Folgen, sondern auch der Lockdown selbst treffe vor allem Nicht-Privilegierte: Tafeln schlossen; Home-Office gab es eher nur in h\u00f6heren beruflichen Positionen, weshalb die Betreuungssituation Menschen in einfachen Berufsverh\u00e4ltnissen besonders forderte; wegen mangelnder technischer Ger\u00e4te, bestehender Sprachbarrieren und oft fehlender ruhiger Heimarbeitspl\u00e4tze hat die Schul- und Kita-Schlie\u00dfung Nicht-Privilegierte besonders hart getroffen.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Konjunkturpaket der Bundesregierung als Reaktion auf den (ersten) Lockdown hat Butterwege wenige lobende Worte \u00fcbrig: W\u00e4hrend Gro\u00dfunternehmen Kredite und B\u00fcrgschaften beanspruchen konnten, blieb es f\u00fcr Solo-Selbstst\u00e4ndige, kleine und mittlere Unternehmen bei einmaligen Zusch\u00fcssen. Auf einen Ern\u00e4hrungszuschlag mussten Hart IV-Beziehende, deren Kinder wegen der Schulschlie\u00dfung kein kostenfreies Mittagessen in der Schule bekamen, vergeblich hoffen. W\u00e4hrend f\u00fcr Unternehmen etwa 100 Milliarden Euro zur Verf\u00fcgung gestellt worden seien (und einige unterst\u00fctzte Unternehmen \u2013 wie BMW \u2013 gleichzeitig Dividenden aussch\u00fctteten), m\u00fcssten Arbeitnehmende, Studierende, Renter*innen und Transferleistungsbeziehende sich mit 30 Milliarden Euro zufrieden geben. Dabei sei Geld, das bei Bed\u00fcrftigen lande, der beste Konjunkturmotor, weil es nicht auf dem Konto oder an B\u00f6rsen lande, sondern sofort investiert werde.<\/p>\n<p>Wichtig ist, dass Butterwegge nicht vergisst, eine der Ursachen f\u00fcr den drohenden Kollaps der Gesundheitsversorgung beim Namen zu nennen: Die Teilprivatisierung und Gewinnorientierung (Butterwegge nennt etwa das Stichwort Fallpauschalensystem) in einem Bereich, der sich nicht betriebswirtschaftlich \u201erechnen\u201c kann, n\u00e4mlich der Gesundheit von Menschen.<\/p>\n<p><strong>Bezug zu Polizei und Sicherheit<\/strong><\/p>\n<p>Die von Butterwegge behandelten Themen weisen mannigfaltige Bez\u00fcge zu den Themenkomplexen Polizei und Sicherheit auf. Es ist bekannt, dass Nicht-Privilegierte ohnehin besonders h\u00e4ufig Adressaten polizeilicher Ma\u00dfnahmen werden \u2013 dies d\u00fcrfte sich durch die Corona-Einschr\u00e4nkungen und Kontaktbeschr\u00e4nkungen verst\u00e4rken, weil sie kaum private R\u00fcckzugsr\u00e4ume haben.<\/p>\n<p>Andererseits bestehen Zusammenh\u00e4nge zum Thema Sicherheit: Soziale Ungleichheit, der Ausbau des Niedriglohnsektors und der Abbau des Sozialstaats f\u00fchren zu Abstiegs\u00e4ngsten. Diese \u00c4ngste sind meist diffus und wenig greifbar, weshalb sie h\u00e4ufig auf Kriminalit\u00e4t projiziert werden. Sicherheit muss aber auch weiter verstanden werden als die \u201eInnere Sicherheit\u201c. Sicherheit muss auch soziale Sicherheit umfassen, also die Gewissheit, mit einem Beruf auch armutssicher \u00fcber die Runden zu kommen, ebenso wie die Sicherheit, nicht in Altersarmut zu landen. Sicherheit muss auch gesundheitliche Sicherheit umfassen.<\/p>\n<p>Butterwegge selbst verdeutlicht ansehnlich den Zusammenhang zwischen Innerer und sozialer Sicherheit: an einer Stelle bezieht er sich auf eine Studie von Wilkinson\/Picket (2010), aus der sich ergab, dass \u201egro\u00dfe Einkommensunterschiede zu sozialen Funktionsst\u00f6rungen f\u00fchren\u201c, etwa zu einer steigenden Anzahl Inhaftierter (S. 158 f.).<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Butterwegges Buch ist emp\u00f6rend: Die zum Himmel schreiende ungerecht ungleiche Verteilung von Verm\u00f6gen in der Welt und der Bundesrepublik ist in den letzten Monaten etwas in Vergessenheit geraten; der Klimawandel und vor allem die Corona-Pandemie sind derzeit mehr im Gespr\u00e4ch. Wer sich das Problem sozialer Ungleichheit vergegenw\u00e4rtigen m\u00f6chte, dem*der sei dieses Buch ans Herz gelegt. Sowohl Klimawandel als auch Pandemie stehen zudem in engem Zusammenhang mit dem Thema Ungleichheit, wie Butterwegge auch zu Beginn seines Buches feststellt: Der Kapitalismus und die ihm innewohnende Ungleichheit sind (jedenfalls eine wesentliche) Ursache des Klimawandels. Sozio\u00f6konomische Gleichheit hingegen ist Voraussetzung f\u00fcr Gesundheit und Nachhaltigkeit.<\/p>\n<p>Die Forderung nach einer solidarischen Verm\u00f6gensumverteilung (j\u00fcngst etwa von <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2020\/46\/corona-hilfen-kunst-kultur-gesellschaft-solidaritaet\">Herbert Gr\u00f6nemeyer in einem DIE ZEIT-Gastbeitrag<\/a> erhoben), zeigt, dass die Verm\u00f6gens-Ungleichverteilung bei der Bew\u00e4ltigung der Corona-Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Folgen nicht vergessen werden darf.<\/p>\n<p>Felix Rauls, November 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Butterwegge: Ungleichheit in der Klassengesellschaft. 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