{"id":1593,"date":"2020-11-21T10:54:57","date_gmt":"2020-11-21T09:54:57","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1593"},"modified":"2020-11-21T10:54:57","modified_gmt":"2020-11-21T09:54:57","slug":"anina-schwarzenbach-youth-police-relations-in-multi-ethnic-cities-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1593","title":{"rendered":"Anina Schwarzenbach, Youth-Police Relations in Multi-Ethnic Cities. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anina Schwarzenbach, Youth-Police Relations in Multi-Ethnic Cities<\/strong>: A study of police encounters and attitudes toward the police in Germany and France. Schriftenreihe des Max-Planck-Instituts f\u00fcr ausl\u00e4ndisches und internationales Strafrecht: Kriminologische Forschungsberichte. Berlin: Duncker &amp; Humblot. 2020. 340 S., ISBN 978-3-86113-283-7, 40.- Euro<\/p>\n<p>Die Studie von Schwarzenbach untersucht das Verh\u00e4ltnis junger Menschen zur Polizei u<img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1594 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/cover_large-99x150.png\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"185\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/cover_large-99x150.png 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/cover_large.png 591w\" sizes=\"(max-width: 122px) 100vw, 122px\" \/>nd geht der Frage nach, warum es in manchen L\u00e4ndern (hier Frankreich) zu Spannungen und gewaltsamen Revolten kommt und in anderen (noch) nicht. Im Besonderen interessiert die Autorin dabei, ob gewisse polizeiliche Handlungspraktiken, beispielsweise routinem\u00e4\u00dfig durchgef\u00fchrte Identit\u00e4tskontrollen, von jungen Menschen mit Migrationshintergrund als diskriminierend empfunden werden und Konsequenzen f\u00fcr deren Einstellung und Kooperation mit der Polizei haben.<!--more--><\/p>\n<p>Beruhend auf den Ergebnissen einer gro\u00dfangelegten Sch\u00fclerbefragung<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> untersucht dieses Dissertationsprojekt das Verh\u00e4ltnis zwischen Jugendlichen und der Polizei in zwei vergleichbar gepaarten St\u00e4dten, jeweils in Deutschland (K\u00f6ln und Mannheim) und in Frankreich (Lyon und Grenoble). Allerdings wurden die Befragungen bereits vor rund 10 Jahren durchgef\u00fchrt. Das entsprechende Projekt \u201e<a href=\"https:\/\/csl.mpg.de\/de\/forschung\/projekte\/polizei-und-jugendliche-in-multiethnischen-gesellschaften-polis\/\">POLIS<\/a>\u201c umfasste sowohl umfangreiche qualitative Erhebungen (teilnehmende Beobachtungen, Leitfaden-Interviews) als auch eine standardisierte Schulbefragung mit mehr als 7000 befragten Jugendlichen. Die Projektergebnisse wurden schon fr\u00fcher ausgewertet und ver\u00f6ffentlicht. Im Mai 2014 erschien in einer MPI- Reihe ein <a href=\"https:\/\/pure.mpg.de\/rest\/items\/item_2499460_4\/component\/file_3014324\/content\">Bericht \u00fcber die zentralen Ergebnisse der Schulbefragung,<\/a> an der auch die Autorin beteiligt war.<\/p>\n<p>F\u00fcr die hier nun vorgelegte Dissertation hat Schwarzenbach die Daten noch einmal ausgewertet, vor allem in Bezug auf das Verh\u00e4ltnis zwischen Jugendlichen und der Polizei. Neben weitgehender \u00dcbereinstimmung zeigen sich auch bedeutende Unterschiede im Verh\u00e4ltnis zwischen Polizei und Jugendlichen in Deutschland und Frankreich. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland spielen der soziale und der kulturelle Hintergrund der Jugendlichen, ihre religi\u00f6sen Wert- und NormvorsteIIungen sowie die Identifizierung mit der Gesellschaft, in der sie leben, eine wichtige Rolle. Jedoch wird ihre Wirkung auf die Wahrscheinlichkeit eines Polizeikontaktes, auf die Einstellung zur Polizei und die Bereitschaft, mit ihr zu kooperieren, in vielen Analysen durch andere Variablen vermittelt (zum Beispiel: pers\u00f6nliche Einstellung und Erfahrung mit der Begehung von Straftaten; Einstellung zur Delinquenz).<\/p>\n<p>Wenig verwundern d\u00fcrfte das Ergebnis, dass delinquente Jugendliche oder solche, die in ihrem Umfeld eine hohe Bereitschaft zur Begehung von Straftaten aufweisen und einen \u201erisikoreichen&#8220; Lebensstil pflegen, h\u00e4ufiger Kontakt zur Polizei haben. Ihre Einstellung zur Polizei ist jeweils negativer im Vergleich zu Jugendlichen, die sich \u201enormkonform&#8220; verhalten.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse der Studie best\u00e4tigen zudem, dass sich ein wiederholter Polizei-initiierter Kontakt negativ auf die Einstellung Jugendlicher zur Polizei auswirkt. Jugendliche, welche besonders h\u00e4ufig verdachtsabh\u00e4ngigen wie auch \u2013unabh\u00e4ngigen Kontrollen der Polizei ausgesetzt sind, zu denen auch die \u201eStop-and-search&#8220;-Polizeikontakte geh\u00f6ren, sind der Polizei gegen\u00fcber kritisch eingestellt. Ebenso best\u00e4tigt wurde die naheliegende Annahme, dass zwischen Einstellung zur Polizei und entsprechender Kooperationsbereitschaft ein Zusammenhang besteht: Je positiver man die Polizei sieht, umso eher ist man bereit, mit ihr zusammenzuarbeiten. Diese (eigentlich banale) Einsicht ist vor allem auch vor dem Hintergrund der im vergangenen Jahr gef\u00fchrten Diskussionen um die Ereignisse in Stuttgart und Frankfurt wichtig: Nur, wenn Jugendliche das Gef\u00fchl haben, von der Polizei gerecht und angemessen behandelt zu werden, sind sie bereit, mit ihr zu kooperieren.<\/p>\n<p>In Frankreich deuten die Ergebnisse der Studie auf eine systematische Diskriminierung Jugendlicher nordafrikanischen Ursprungs seitens der Polizei hin \u2013 ein Ergebnis, das viele andere Studien (z.B. von F. Jobard u.a.) f\u00fcr Frankreich ebenfalls best\u00e4tigen. Im Vergleich zu jungen Menschen franz\u00f6sischer Herkunft liegen die Chancen eines \u201eStop-and-search&#8220;-Polizeikontakts bei m\u00e4nnlichen Jugendlichen maghrebinischen Ursprungs mehr als doppelt so hoch. Und: Deren Einstellung gegen\u00fcber der Polizei ist in Frankreich signifikant schlechter als diejenige der \u00fcbrigen jungen Menschen (franz\u00f6sischer sowie anderer ausl\u00e4ndischer Herkunft).<\/p>\n<p>F\u00fcr Deutschland kommt die Autorin allerdings zu einem doch sehr \u00fcberraschenden Ergebnis: Hier werden \u2013 der Studie zufolge &#8211; Jugendliche mit Migrationshintergrund unter Ber\u00fccksichtigung relevanter Pr\u00e4diktoren im Durchschnitt ebenso oft von der Polizei kontrolliert wie Jugendliche deutscher Herkunft. Die Einstellung zur Polizei ist, so die Autorin, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund durchweg positiv. Und genau hier h\u00e4tte man sich eine aktualisierte Einordnung der Ergebnisse durch die Autorin gew\u00fcnscht. Denn seit der urspr\u00fcnglichen Befragung vor rund 10 Jahren haben sich die Dinge in Deutschland doch erheblich gewandelt, wie nicht zuletzt die Ereignisse in Stuttgart und Frankfurt vor einigen Monaten zeigten.<\/p>\n<p>Medial vermittelte Bedrohungsszenarien wie zuletzt in Stuttgart erwecken den Eindruck, dass wir generell eine aggressiver werdende Situation in unserer Gesellschaft haben. Verbale Attacken werden intensiver, das gesellschaftliche Klima wird rauer, und ist zunehmend von Gewalt, Aggression und der Durchsetzung populistischer Einstellungen gepr\u00e4gt. Viele Jugendliche f\u00fchlen sich \u2013 nicht nur w\u00e4hrend der Corona-Krise &#8211; an den Rand gedr\u00e4ngt, machtlos. Gerade bei ihnen schwindet das Vertrauen in die Polizei. Andreas Zick u. a.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> konnten in ihrer Langzeitstudie zeigen, dass sich Teile der gesellschaftlichen Mitte erst polarisiert, dann radikalisiert haben. Es ist zu vermuten, dass die Einstellung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland sich deutlich von den Einstellungen \u201ebiodeutscher\u201c Jugendlicher unterscheidet. Insofern kann es sein, \u201e<em>dass Menschen mit scheinbarem Migrationshintergrund schneller erwischt werden, dass sie sich eher aufheizen lassen von anderen, dass hinter dem Migrationshintergrund beengtere und instabilere Lebensverh\u00e4ltnisse liegen. Wir m\u00fcssen unterschiedliche Thesen im Blick haben und sie an den Fakten kl\u00e4ren<\/em>\u201c \u2013 so<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/gewalteskalation-in-stuttgart-und-frankfurt-auf-den-migrationsfaktor-zu-schauen-wird-solche-ereignisse-kaum-verhindern\/26038926.html\"> Andreas Zick<\/a>.<\/p>\n<p>Auch daher d\u00fcrfte die folgende Schlagzeile des MPI von 2014 inzwischen \u00fcberholt sein: \u201e<em>Jugendliche haben gro\u00dfes Vertrauen in die Polizei. Studie ergibt kaum Hinweise auf ethnische Diskriminierungen<\/em>\u201c. Das ziemlich genaue Gegenteil hat die Studie von Abdul-Rahman u.a. im Rahmen des Bochumer Projektes gerade gezeigt<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, November 2020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die von der Autorin verwendeten Daten gehen zur\u00fcck auf das deutsch- franz\u00f6sische Forschungsprojekt POLIS (\u201ePolice and Adolescents in MultiEthnic Societies\u201c), in dem das Verh\u00e4ltnis zwischen Polizei und Jugendlichen in deutschen und franz\u00f6sischen Gro\u00dfst\u00e4dten untersucht wurde. \u201eDie zentralen Ergebnisse einer Sch\u00fclerbefragung mit mehr als 20.000 Befragten weisen auf einen Kontrast zwischen Deutschland und Frankreich in Bezug auf Einstellungen Jugendlicher zur und Erfahrungen mit der Polizei hin. F\u00fcr Jugendliche in deutschen und franz\u00f6sischen Gro\u00dfst\u00e4dten sind teils auch mehrfache Kontakte zur Polizei nichts Ungew\u00f6hnliches. In Deutschland werden Jugendliche mit Migrationshintergrund jedoch nicht h\u00e4ufiger von der Polizei angesprochen oder kontrolliert als einheimische Jugendliche, und die \u00fcberwiegende Mehrheit der Befragten empfindet die Behandlung durch die Polizei als fair und hat gro\u00dfes Vertrauen in die Polizei. In Frankreich unterscheiden sich die Erfahrungen einheimischer und insbesondere afrikanischst\u00e4mmiger Jugendlicher drastisch. Die Befragungsergebnisse deuten auf eine diskriminierende und unfaire Behandlung dieser Minderheit durch die Polizei hin, was mit einem gest\u00f6rten Vertrauen seitens der betroffenen Jugendlichen einhergeht.\u201c Oberwirrler\/Schwarzenbach: Polizei und Jugendliche in multiethnischen Gesellschaften. Ergebnisse einer vergleichenden Jugendbefragung in deutschen und franz\u00f6sischen Gro\u00dfst\u00e4dten. In: SIAK Journal 4, 2014, S. 54 ff.; verf\u00fcgbar hier: <a href=\"https:\/\/www.bmi.gv.at\/104\/Wissenschaft_und_Forschung\/SIAK-Journal\/SIAK-Journal-Ausgaben\/Jahrgang_2014\/files\/Oberwittler_4_2014.pdf\">https:\/\/www.bmi.gv.at\/104\/Wissenschaft_und_Forschung\/SIAK-Journal\/SIAK-Journal-Ausgaben\/Jahrgang_2014\/files\/Oberwittler_4_2014.pdf<\/a><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.) \u2013 Zick, Andreas \/ K\u00fcpper, Beate \/ Berghan, Wilhelm: Verlorene Mitte. Feindselige Zust\u00e4nde. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland, 2019, <a href=\"https:\/\/www.fes.de\/forum-berlin\/gegen-rechtsextremismus\/mitte-studie\">https:\/\/www.fes.de\/forum-berlin\/gegen-rechtsextremismus\/mitte-studie<\/a> zuletzt aufgerufen am 20.11.2020.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Abdul-Rahman, Laila \/ Grau, Hannah Esp\u00edn \/ Singelnstein, Tobias: Zweiter Zwischenbericht zum Forschungsprojekt \u201eK\u00f6rperverletzung im Amt durch Polizeibeamt*innen\u201c (KviAPol): Rassismus und Diskriminierungserfahrungen im Kontext polizeilicher Gewaltaus\u00fcbung,\u00a0 2020, zuletzt abgerufen am 20.11.2020 unter <a href=\"https:\/\/kviapol.rub.de\/index.php\/inhalte\/veroeffentlichungen\">https:\/\/kviapol.rub.de\/index.php\/inhalte\/veroeffentlichungen<\/a> .<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anina Schwarzenbach, Youth-Police Relations in Multi-Ethnic Cities: A study of police encounters and attitudes toward the police in Germany and France. Schriftenreihe des Max-Planck-Instituts f\u00fcr ausl\u00e4ndisches und internationales Strafrecht: Kriminologische Forschungsberichte. Berlin: Duncker &amp; Humblot. 2020. 340 S., ISBN 978-3-86113-283-7, 40.- Euro Die Studie von Schwarzenbach untersucht das Verh\u00e4ltnis junger Menschen zur Polizei und geht &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1593\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Anina Schwarzenbach, Youth-Police Relations in Multi-Ethnic Cities. Rezensiert von Thomas Feltes<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1593"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1593"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1593\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1599,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1593\/revisions\/1599"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1593"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1593"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1593"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}