{"id":1600,"date":"2020-12-13T16:26:00","date_gmt":"2020-12-13T15:26:00","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1600"},"modified":"2020-12-13T16:35:47","modified_gmt":"2020-12-13T15:35:47","slug":"laurence-miller-the-psychology-of-police-deadly-force-encounters-science-practice-and-policy-illinois-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1600","title":{"rendered":"Laurence Miller. The Psychology of Police Deadly Force Encounters: Science, Practice, and Policy. Illinois 2020"},"content":{"rendered":"<p><strong>Laurence Miller, The Psychology of Police Deadly Force Encounters: Science, Practice, and Policy. <\/strong>Illinois 2020: Charles C. Thomas Publisher. ISBN 978-0-398-09326-6, 45.- US-Dollar. 287 S.<\/p>\n<p>Nicht nur (aber auch) wegen der in den vergangenen Monaten in den Medien intensiv diskutierten Vorf\u00e4lle von Polizeigewalt liegt es nahe, sich mit m\u00f6glichen individuellen und strukturellen Erkl\u00e4rungsversuchen zu besch\u00e4ftigen. W\u00e4hrend dabei bislang vor allem<img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1602 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/9780398093266-105x150.jpg\" alt=\"\" width=\"128\" height=\"183\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/9780398093266-105x150.jpg 105w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/9780398093266.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 128px) 100vw, 128px\" \/> strukturelle Fragen im Vordergrund standen (Stichworte: Gewaltmissbrauch, Rassismus, mangelnde Fehlerkultur), blieb die Frage nach den individuellen, d.h. pers\u00f6nlichen Faktoren, die polizeiliches (Gewalt-)Handeln wesentlich beeinflussen, im Hintergrund. Dabei ist jedes menschliche Handeln nicht nur von externen Faktoren beeinflusst, sondern ganz wesentlich von individuellen Merkmalen und Erfahrungen gepr\u00e4gt. Mit dieser Problematik besch\u00e4ftigt sich das Buch von <em>Laurence Miller<\/em>, das in seiner umfassenden Darstellung der Thematik wohl als einmalig angesehen werden kann.<!--more--><\/p>\n<p>Im Ausland wird ist die Psychologie des Einsatzbeamten zwar durchaus thematisiert, aber auch hier fehlte es an entsprechenden Handreichungen f\u00fcr die Praxis. Hier setzt das Buch von <em>Miller<\/em> an, das sich zwar dem Titel nach mit der \u201ePsychology of Police Deadly Force Encounters\u201c besch\u00e4ftigt, tats\u00e4chlich aber viele Aspekte enth\u00e4lt, die auch f\u00fcr allgemeines polizeiliches Handeln und Verhalten von Interesse sind.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p>\n<p><em>Laurence Miller<\/em> ist klinischer, forensischer und polizeilicher Psychologe in Florida. Er bietet Schulungen f\u00fcr Strafverfolgungsbeh\u00f6rden an und arbeitet als unabh\u00e4ngiger Sachverst\u00e4ndiger in Zivil- und Strafsachen in Nordamerika. Er ist au\u00dferordentlicher Professor an der Florida Atlantic University und Autor von \u00fcber 400 Publikationen zu den Themen Gehirn, Verhalten, Strafjustiz, Strafverfolgung, traumatische Behinderung und Arbeitsplatz<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p><em>Miller<\/em> betont, dass der Bereich polizeilicher Gewaltanwendung sehr differenziert betrachtet werden muss. Unterschiedliche Disziplinen wie Neurowissenschaften, kognitive Psychologie, Soziologie und Politik spielen dabei seiner Meinung nach eine wichtige Rolle. <em>Miller<\/em>, der auf eine 30-j\u00e4hrige Erfahrung zur\u00fcckgreifen kann, stellt die einschl\u00e4gigen empirischen Daten und theoretischen Modelle polizeilichen Gewalthandelns vor und betont dabei, dass wissenschaftliche Ergebnisse von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung sind, wenn man zu einem rationalen Verst\u00e4ndnis der menschlichen Natur (und von Polizist*innen) gelangen und damit praktische Ma\u00dfnahmen zur Verbesserung der Gesellschaft (und der Polizei) entwickeln will.<\/p>\n<p>Die von <em>Miller<\/em> dargestellten Ergebnissen aus empirischen Forschungen aus den genannten Bereichen sind zwar prim\u00e4r auf die USA bezogen, sie helfen aber, die Bedeutung der unterschiedlichsten Aspekte f\u00fcr polizeiliches Handeln auch bei uns in Deutschland zu verstehen und einzuordnen. <em>Miller <\/em>wendet sich auch an Anw\u00e4lte und Sachverst\u00e4ndige, die an umstrittenen t\u00f6dlichen Gewalt- und anderen F\u00e4llen von Fehlverhalten der Polizei arbeiten. Die entscheidende Frage, warum ein\/e Beamt*in so gehandelt hat, wie er oder sie es getan hat, und warum die Anwendung von (\u00fcberm\u00e4\u00dfiger) Gewalt aus der Sicht dieser Person tats\u00e4chlich vern\u00fcnftig und\/oder notwendig erschien, durchzieht dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite.<\/p>\n<p>Das Buch enth\u00e4lt neun Kapitel, die in drei Abschnitte unterteilt sind. In Kapitel 1 werden die Art der polizeilichen Gewaltanwendung, einschlie\u00dflich t\u00f6dlicher Gewalt, und einige der in den USA geltenden gesetzlichen Standards er\u00f6rtert. In Kapitel 2 werden die verschiedenen Umst\u00e4nde, unter denen sich eine Interaktion zwischen Polizei und B\u00fcrgern zu einer t\u00f6dlichen Begegnung entwickeln kann, er\u00f6rtert. Kapitel 3 befasst sich mit Merkmalen der Einstellung, Pers\u00f6nlichkeit, Ausbildung und Berufserfahrung von Beamten, die dazu f\u00fchren k\u00f6nnen, dass einige Beamte h\u00e4ufiger als andere Gewalt als bevorzugte Option in Betracht ziehen. Die Kapitel 4, 5 und 6 befassen sich mit der kognitiven Neurowissenschaft der Notfallreaktion und beschreiben, wie Beamte t\u00f6dliche Gewalttaten wahrnehmen, darauf reagieren und sich daran erinnern.<\/p>\n<p>Ein genaues Verst\u00e4ndnis dieser unterschiedlichen Aspekte ist f\u00fcr die gerechte Beurteilung von Anwendung von Gewalt durch die Polizei von wesentlicher Bedeutung. Eines der Ziele dieses Buches ist es daher, die Kluft zwischen Forschung und Praxis zu \u00fcberbr\u00fccken. Kapitel 7 will sich auf Konflikte zwischen Polizei und Gesellschaft konzentrieren. Hier war eine der ermutigenden Erfahrungen f\u00fcr den Autor die Entdeckung, dass Gehirn- und Verhaltenswissenschaftler die aufgeworfenen Fragen ernst nehmen, um die kognitive Psychologie t\u00f6dlicher Gewaltaktionen empirisch zu untersuchen. Kapitel 8 beschreibt die Arten von individuellen psychologischen Reaktionen, die Beamt*innen nach der Anwendung von (t\u00f6dlicher) Gewalt zeigen k\u00f6nnen, und bietet eine Reihe von Vorschl\u00e4gen f\u00fcr das praktische Management und die psychologische Beratung dieser Mitarbeiter*innen, einschlie\u00dflich besonderer \u00dcberlegungen f\u00fcr diejenigen Beamt*innen, die zus\u00e4tzliche Belastungen erleiden. Kapitel 9 befasst sich mit dem rechtlichen Bereich und beschreibt die Struktur und den Prozess einer forensischen psychologischen Bewertung der Strafverfolgung. Es bietet eine Reihe von Empfehlungen zum Umgang mit Belastungen und Herausforderungen.<\/p>\n<p>Insgesamt ist die klare Sprache und Struktur des Buches hervorzuheben. Immer wieder (z.B. auf S. 25) sorgen Grafiken und Tabellen daf\u00fcr, dass Aspekte (wie hier zu den Faktoren, die beim Einsatz von Polizeigewalt eine Rolle spielen oder sp\u00e4ter auf S. 52 andere Variablen, die bei solchen Situationen eine Rolle spielen) \u00fcbersichtlich zusammengestellt werden.\u00a0 <em>Miller <\/em>behandelt intensiv bestimmte Einsatzsituationen, in denen der Einsatz von Polizeigewalt wahrscheinlich ist (z.B. bei Personen, die durch Drogen oder Alkohol beeinflusst oder psychisch gest\u00f6rt sind, S. 39 ff.). Auch das Thema \u201eSuicide by Cop\u201c wird ausf\u00fchrlich behandelt (S. 44 ff.), ein Thema, das f\u00fcr uns in Deutschland (noch?) nicht die Relevanz besitzt wie dies in den USA der Fall ist.<\/p>\n<p>Vor allem aber besch\u00e4ftigt sich <em>Miller<\/em> intensiv mit der Frage, warum sich Polizeibeamt*innen falsch verhalten (S. 59 ff.). Er geht dabei anhand verschiedener psychologischer und organisatorischer Modelle an diese Frage heran. Seine Darstellung von \u201etraits, types and disorders\u201c in den Pers\u00f6nlichkeiten von Polizeibeamt*innen sollten auch und gerade in Deutschland genau gelesen werden, sind sie doch mehr oder weniger direkt auf unsere Situation \u00fcbertragbar. Und ja, auch bei Polizeibeamt*innen gibt es psychologische St\u00f6rungen oder sogar Krankheiten, die sich auf ihr Verhalten auswirken (k\u00f6nnen), auch wenn diese (wie wohl auch in den USA) nur selten erkannt werden (S. 70 ff.).<\/p>\n<p><em>Miller<\/em> kommt dann zu dem ebenso \u00fcberraschenden wie erschreckenden Ergebnis, dass (in den USA) 35% der Beamten \u201ebad boys in blue (and a few bad girls)\u201c sind (S. 65), d.h. Beamt*innen, die regelm\u00e4\u00dfig gegen Gesetze und Vorschriften versto\u00dfen, denen man aber weder mit individuellen, noch mit strukturellen Ma\u00dfnahmen helfen kann. Es sind, so <em>Miller<\/em>, wohl genau diese 35%, die das Image der Polizei nachhaltig sch\u00e4digen. Ob auch bei uns rund ein Drittel der Beamt*innen zu dieser Gruppe geh\u00f6ren, die man nicht mehr positiv beeinflussen kann, wissen wir nicht. Allerdings ist nicht der prozentuale Anteil das entscheidende Problem, sondern die Frage, wie mit diesen Beamt*innen umgegangen werden sollte.<\/p>\n<p>Sehr ausf\u00fchrlich behandelt <em>Miller<\/em> auch die Entscheidung, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen oder eben nicht (S. 109 ff.). Dabei behandelt er dieses Thema von verschiedenen Seiten: Neurowissenschaftliche Erkenntnisse werden dazu ebenso vorgestellt wie psychologische und organisationsstrukturelle. Danach geht er dann auf die individuellen Folgen f\u00fcr Beamt*innen ein, die exzessive Gewalt angewendet haben.<\/p>\n<p>Insgesamt hat <em>Miller<\/em> hier ein Buch vorgelegt, dessen \u00dcbersetzung man sich ins Deutsche w\u00fcnschen w\u00fcrde, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass es von einem US-amerikanischen Autor stammt und auf die Situation in den USA bezogen ist. Denn die grundlegenden \u00dcberlegungen zur Psychologie der Gewaltanwendung (und zwar nicht nur der t\u00f6dlichen, wie es der Titel suggeriert) gelten ebenso f\u00fcr Deutschland und genau so auch die Konsequenzen und Ma\u00dfnahmen, die <em>Miller<\/em> f\u00fcr die Organisation Polizei vorschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Ein Buch, das jede\/r Einsatztrainer*in der deutschen Polizei ebenso lesen sollte wie jede F\u00fchrungsperson. Vielleicht findet sich auch ein deutscher Verlag, der die \u00dcbersetzung erm\u00f6glicht. Es w\u00e4re zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Dezember 2020<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ein Blick in das Buch sowie das Inhaltsverzeichnis stehen hier zur Verf\u00fcgung. <a href=\"http:\/\/www.mys1cloud.com\/cct\/ebooks\/9780398093266.pdf\">http:\/\/www.mys1cloud.com\/cct\/ebooks\/9780398093266.pdf<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Einige Beitr\u00e4ge von Miller finden sich hier: <a href=\"https:\/\/www.police1.com\/columnists\/laurence-miller\/\">https:\/\/www.police1.com\/columnists\/laurence-miller\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laurence Miller, The Psychology of Police Deadly Force Encounters: Science, Practice, and Policy. Illinois 2020: Charles C. Thomas Publisher. ISBN 978-0-398-09326-6, 45.- US-Dollar. 287 S. 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