{"id":1674,"date":"2021-03-17T11:23:01","date_gmt":"2021-03-17T10:23:01","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1674"},"modified":"2021-03-17T11:23:01","modified_gmt":"2021-03-17T10:23:01","slug":"besprechungsaufsatz-sammelbesprechung-zum-thema-psychische-stoerungen-bei-kindern-und-jugendlichen-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1674","title":{"rendered":"Besprechungsaufsatz\/Sammelbesprechung zum Thema &#8222;Psychische St\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen&#8220; von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Besprechungsaufsatz\/Sammelbesprechung Psychische St\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen<\/strong><\/p>\n<p><em>Helmut Remschmidt, Katja Becker (Hrsg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. 7. Auflage 2020; <\/em><em>Paulina Kernberg u.a.: Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen, 2018; <\/em><em>Tanja G\u00f6ttken, Kai von Klitzing: Psychoanalytische Kurzzeittherapie mit Kindern (PaKT). 2015, <\/em><em>Donald W. Winnicott, Vom Spiel zur Kreativit\u00e4t. 2020.<\/em><\/p>\n<p><strong>Corona und psychische Probleme von Kindern und Jugendlichen<\/strong><\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie berichten Kinder und Jugendliche in Deutschland vermehrt von psychischen und psychosomatischen Problemen. Betroffen sind vor allem Kinder aus sozial schw\u00e4cheren Familien. In der sog. \u201eCOPSY\u201c-Studie haben Wissenschaftler des Universit\u00e4tsklinikums Hamburg-Eppendorf die Auswirkungen und Folgen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersucht (<a href=\"http:\/\/www.uke.de\/copsy\">http:\/\/www.uke.de\/copsy<\/a>). F\u00fcr die Studie wurden im Mai und Juni 2020 mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren und mehr als 1.500 Eltern online befragt. Demnach? stieg das Risiko f\u00fcr psychische Auff\u00e4lligkeiten von rund 18 Prozent vor Corona auf 31 Prozent w\u00e4hrend der Krise. Die Kinder und Jugendlichen zeigten h\u00e4ufiger Auff\u00e4lligkeiten wie Hyperaktivit\u00e4t, emotionale Probleme und Verhaltensprobleme. Auch psychosomatische Beschwerden traten w\u00e4hrend der Corona-Pandemie vermehrt auf. Vor allem Kinder, deren Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss beziehungsweise einen Migrationshintergrund haben, erlebten die coronabedingten Ver\u00e4nderungen als \u00e4u\u00dferst schwierig.<!--more--><\/p>\n<p>Damit wird deutlich, dass die Corona-Pandemie nicht nur gesundheitliche Folgen hat, sondern auch soziale Ungleichheit in der Gesellschaft verst\u00e4rkt, obwohl noch im Oktober 2020 Psychiater behauptet hatten, dass Corona keine entsprechenden Auswirkungen habe: &#8222;<em>Es gibt aktuell keine Anhaltspunkte, dass sich in der psychischen Entwicklung der jungen Menschen etwas nachhaltig ver\u00e4ndern k\u00f6nnte<\/em>&#8222;, sagte ausgerechnet der Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie, <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/mecklenburg-vorpommern\/Psychiater-Kaum-psychische-Stoerungen-bei-Kindern-wegen-Corona,coronavirus3680.html\">Michael K\u00f6lch<\/a>. Dieses Beispiel zeigt, wie vorschnell Urteile sein k\u00f6nnen, vor allem wenn sie nicht auf empirischen Daten, sondern auf individuellen Einsch\u00e4tzungen oder Erfahrungen beruhen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens im zweiten Lockdown Ende 2020 wurde die Lage dann dramatisch: Anderthalb bis doppelt so viele Notaufnahmen wie sonst habe die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Moment zu verzeichnen, so der stellvertretende \u00c4rztliche Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums T\u00fcbingen. Besonders h\u00e4ufig seien Zwangs- und Essst\u00f6rungen: <em>&#8222;Das sind diejenigen, die Bew\u00e4ltigungswege suchen&#8220;<\/em>, erkl\u00e4rt <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/panorama\/corona-kinder-psychische-folgen-betreuung-shutdown-100.html\">Barth<\/a>. Diese Patienten verschafften sich Sicherheit, in dem sie angesichts der allgegenw\u00e4rtigen Bedrohung durch die Pandemie einzelne Bereiche kontrollieren &#8211; zum Beispiel das Essen. Die andere gro\u00dfe Gruppe von Patienten, die zunehme, sei die mit Depressionen und \u00c4ngsten. Auch <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/laenderspiegel\/lange-wartelisten-in-der-kinderpsychiatrie-100.html\">andere Kliniken<\/a> best\u00e4tigen Anfang 2021, dass die Wartelisten f\u00fcr die Aufnahme in eine Kinder- oder Jugendpsychiatrie erheblich gr\u00f6\u00dfer geworden sind. Junge Menschen z\u00e4hlen, so Psychiater, zu den<a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/lokales\/garmisch-partenkirchen\/murnau-ort29105\/lockdown-schaeden-bei-kindern-gravierend-90211286.html\"> Haupt-Leidtragenden<\/a> der Corona-Pandemie. Es kommt vermehrt zu Lerndefiziten, psychischen Belastungen, Entwicklungsst\u00f6rungen, Bewegungsmangel und h\u00e4uslicher Gewalt. So kommen auch in Berlin seit Beginn der Corona-Pandemie deutlich mehr Kinder und Jugendliche zur Behandlung in psychiatrische Kliniken. Das geht aus einer <a href=\"https:\/\/www.presseportal.de\/download\/document\/747870-kjr-corona-berlin.pdf\">Sonderauswertung der Krankenkasse DAK<\/a> hervor. Danach haben sich in der Hauptstadt im ersten Halbjahr 2020 Psychiatrie-Einweisungen junger Menschen fast verdoppelt.<\/p>\n<p><strong>Corona verst\u00e4rkt vorhandene Soziale Unterschiede<\/strong><\/p>\n<p>Schon l\u00e4nger ist bekannt, dass es sozial bedingte Unterschiede in der k\u00f6rperlichen Gesundheit von Menschen gibt. So zeigen die Ergebnisse im Datenreport 2021 eindr\u00fccklich, dass viele Krankheiten und Beschwerden bei Personen mit geringem Einkommen, unzureichender Bildung und niedriger beruflicher Stellung vermehrt vorkommen. Dar\u00fcber hinaus sch\u00e4tzen diese Personen ihren allgemeinen Gesundheitszustand und ihre gesundheitsbezogene Lebensqualit\u00e4t schlechter ein. Gr\u00fcnde hierf\u00fcr liegen (neben dem schlechteren Zugang zu Gesundheitssystem) in Unterschieden im Gesundheitsverhalten, zum Beispiel in Bezug auf Tabakkonsum, k\u00f6rperlich-sportliche Aktivit\u00e4t und der geringeren Inanspruchnahme von Pr\u00e4ventions- und Versorgungsangeboten. Folgen sind eine h\u00f6here vorzeitige Sterblichkeit und geringere Lebenserwartung. Studien auch aus anderen L\u00e4ndern deuten eher auf eine Ausweitung als auf eine Verringerung der sozial bedingten Unterschiede in der Gesundheit und in der Lebenserwartung hin.<\/p>\n<p>All dies deckt sich mir den kriminologischen Befunden, nach denen es einen Zusammenhang zwischen Kriminalit\u00e4t (sowohl als T\u00e4ter, als auch als Opfer), sozialem Status, Bildung, Gesundheitsverhalten (Rauchen, Art des Essens), Freizeitaktivit\u00e4ten sowie Armutserfahrung in der Kindheit gibt. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Ungleichheit-in-der-Coronakrise\/!5752630\/\">Konsequenzen daraus hat die Politik bislang nicht gezogen<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Der Umgang mit psychischen St\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen<\/strong><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund werden im folgenden einige B\u00fccher vorgestellt, die eine Einf\u00fchrung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie geben (Remschmidt\/Becker), sich mit Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen besch\u00e4ftigen (Kernberg\/Weiner\/Bardenstein), ein Beispiel f\u00fcr psychoanalytische Kurzzeittherapie beschreiben (G\u00f6ttken\/von Klitzing) oder sich mit der Notwendigkeit zum Tr\u00e4umen, Spielen und sch\u00f6pferischen Handeln bei Kindern besch\u00e4ftigen, das aktuell besonders unter Corona leidet (Winnicott).<\/p>\n<p>Auf die unterschiedlichen Formen psychologischer oder psychiatrischer St\u00f6rungen und Erkrankungen kann ebenso wie auf die Diskussion um die \u201erichtigen\u201c Begrifflichkeiten an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Wer einen \u00dcberblick sucht, der wird auf der Website der \u201e<a href=\"https:\/\/www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org\/kinder-jugend-psychiatrie\/erkrankungen\/\">Neurologen und Psychiater im Netz<\/a>\u201c f\u00fcndig. Hier finden sich neben einer \u00dcbersicht \u00fcber entsprechende St\u00f6rungen und Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen auch Hinweise zur Diagnostik und Therapie, eine Darstellung von Risikofaktoren und Warnsignalen sowie eine Definition von<a href=\"https:\/\/www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org\/glossar\/?tx_mksglossary_pi1%5BshowUid%5D=54&amp;cHash=77b4dc2c15c08abee6193e1b75d6b292\"> psychischer Gesundheit<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Buch 1<\/strong><\/p>\n<p><em>Helmut Remschmidt, Katja Becker (Hrsg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. 7. vollst\u00e4ndig \u00fcberarbeitete und erweiterte Auflage, Thieme-Verlag Stuttgart\/New York, 2020, 568 S., 60 Abb., Mixed Media Product, ISBN: 9783132411227, 107,99 Euro.<img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1675 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Remschmidt-106x150.jpg\" alt=\"\" width=\"164\" height=\"232\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Remschmidt-106x150.jpg 106w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Remschmidt.jpg 283w\" sizes=\"(max-width: 164px) 100vw, 164px\" \/><\/em><\/p>\n<p>Richtig diagnostizieren und leitliniengerecht behandeln, das ist das Ziel des Standardwerkes von Remschmidt und Becker. Sie wollen, dass die\/der Leser*in die psychischen St\u00f6rungen im Kindes- und Jugendalter ganzheitlich betrachten und verstehen. Es bietet so die Voraussetzungen f\u00fcr alle diagnostischen und therapeutischen Ma\u00dfnahmen \u2013 orientiert an den verschiedenen Lebenswelten der Kinder- und Jugendlichen. Neben einem interdisziplin\u00e4ren Ansatz bezieht es die Familie in alle diagnostischen und therapeutischen Interventionen ein. Von der Behandlung bis hin zu Pr\u00e4vention sowie rechtlichen und organisatorischen Themen enth\u00e4lt es pr\u00e4zise Hinweise und praktische Anleitungen f\u00fcr den Umgang mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen. Wichtig: Der Inhalt des Buches steht ohne weitere Kosten digital in der Wissensplattform eRef zur Verf\u00fcgung (Zugangscode im Buch).<\/p>\n<p>Das Buch ist klar strukturiert in die Teile Entwicklung (I), Diagnostik (II) sowie den Hauptteil III, in dem es generell um die Beschreibung von St\u00f6rungen, Therapie und Begutachtung geht. Unter \u201eEntwicklung\u201c werden die wesentlichen Aspekte der k\u00f6rperlichen und psychischen Entwicklung skizziert. Darauf folgen Abschnitte \u00fcber die Entwicklungspsychopathologie sowie Modellvorstellungen zu \u00c4tiologie und Genese von psychischen St\u00f6rungen. Im zweiten Teil (Diagnostik) werden die k\u00f6rperliche und neurologische Untersuchung sowie Anamneseerhebung, Erhebung des psychischen Befundes, Klassifikation und Beschreibung des diagnostischen Prozesses behandelt. Dabei geht es auch um Testdiagnostik sowie apparative und laborm\u00e4ssige Untersuchungen. Im dritten Teil geht es dann um die einzelnen psychischen St\u00f6rungen und Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Im Teil IV werden Therapie, Rehabilitation und Pr\u00e4vention behandelt.<\/p>\n<p>Das Buch ist insgesamt f\u00fcr Berufseinsteiger konzipiert. Die Darstellung ist aber durchg\u00e4ngig sehr differenziert und auch angemessen kritisch. So wird bspw. zu Beginn des Kapitels \u00fcber medikament\u00f6se Behandlung explizit darauf hingewiesen, dass es nach dem derzeitigen Stand des Wissens \u201e<em>keine kinder- und jugendpsychiatrische Erkrankung (gibt), bei der die medikament\u00f6se Therapie die alleinige Behandlungsmodalit\u00e4t darstellt. Medikament\u00f6se, psychotherapeutische und soziotherapeutische Ans\u00e4tze m\u00fcssen sich im Rahmen einer multimodalen Therapie gegenseitig erg\u00e4nzen<\/em>\u201c (S. 485).<\/p>\n<p>Auch die Thematisierung des Anlage-Umwelt-Streites (S. 50 f.) macht deutlich, dass die Autor*innen \u00fcber ihren engen fachlichen Bereich hinausblicken und der\/dem Leser*in deutlich machen, dass der pathologische Blick nicht alles ist, und dass dieser Blick und die darauf folgenden Ma\u00dfnahmen auch Gefahr laufen kann, pathologisierend zu wirken.<\/p>\n<p>Auch die Tatsache, dass die Autor*innen der k\u00f6rperlichen Misshandlung, dem sexuellen Missbrauch und der Vernachl\u00e4ssigung ein eigenes Kapitel widmen (S. 390 ff.), ist positiv anzumerken; ebenso das Kapitel, das sich mit \u201eElterntraining\u201c besch\u00e4ftigt (S. 478 ff.) und dabei deutlich macht, wie dieses Training bei verschiedenen St\u00f6rungen wirksam sein kann. Hier wie in vielen anderen Teilen des Buches werden auch grafische Abbildungen verwendet, um den Aufbau eines Themas oder die Abl\u00e4ufe verst\u00e4ndlich zu machen (z.B. auf S. 108 ff. zu EEGs oder auf S. 289 zu Risikofaktoren). Hervorzuheben sind auch die umfangreichen (und aktuellen) Literaturhinweise nach jedem einzelnen Kapitel.<\/p>\n<p>Insgesamt kann dieses Buch \u2013 im Gegensatz zu den folgenden Werken \u2013 auch f\u00fcr Nicht-Psychiater uneingeschr\u00e4nkt empfohlen werden, da es \u00fcbersichtlich, klar und informativ ist, aber gleichzeitig die n\u00f6tige Distanz zur eigenen Profession wahrt. Jede\/r, der sich mit psychologischen, psychiatrischen, oder auch sozialen Problemen von Kindern und Jugendlichen besch\u00e4ftigt, sollte dieses Standardwerk im (eigenen) Regal stehen haben. Es ist tats\u00e4chlich das optimale Handwerkszeug f\u00fcr eine umfassende Diagnostik und leitliniengerechte Therapie, ohne dabei die kritischen Aspekte sowie die Fallstricke, Risiken- und Nebenwirkungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie zu vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p><strong>Buch 2<\/strong><\/p>\n<p><em>Paulina Kernberg, Alan Weiner, Karen Bardenstein: Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen. Aus dem Amerikanischen von Sabine Mehl und Katrin Grommek, 4. Aufl. 2018, 323 Seiten, Klett-Cotta, Stuttgart, ISBN: 978-3-608-94943-8, 38.- Euro.<img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1676 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Kernberg-101x150.jpg\" alt=\"\" width=\"157\" height=\"233\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Kernberg-101x150.jpg 101w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Kernberg.jpg 180w\" sizes=\"(max-width: 157px) 100vw, 157px\" \/><\/em><\/p>\n<p>Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen k\u00f6nnten und m\u00fcssten viel fr\u00fcher als bisher erkannt und behandelt werden. Darauf weisen die Autor*innen dieses Buches hin, und sie betonen, dass noch immer zu wenig Aufmerksamkeit der Entwicklung von Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen geschenkt wird \u2013 weil danach in empirischen Studien \u201enicht gesucht\u201c werde (S. 14). Suche man nach solchen St\u00f6rungen, so finde man \u201e<em>eine beachtliche Pr\u00e4valenz<\/em>\u201c (aaO.)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Genannt werden dann %-Werte von bis zu 46%. Dar\u00fcber muss und sollte man streiten, denn tats\u00e4chlich ist das Ph\u00e4nomen, dass man nur etwas findet, was man sucht, nur die eine Sichtweise. Die andere besteht darin, dass durch dieses gezielte Suchen unter Umst\u00e4nden erst Probleme benannt und geschaffen werden, die vorher entweder nicht als Problem wahrgenommen wurden, oder sich um weiteren Verlauf ohne diese \u201eDefinition\u201c als Problem und daran anschlie\u00dfende Ma\u00dfnahmen m\u00f6glicherweise von selbst erledigt h\u00e4tten. Hierauf gehen die Autor*innen zwar ein; eine intensivere selbstkritische Bewertung dieser Problematik fehlt jedoch. Ihrer Auffassung nach liegt ein Grund f\u00fcr dieses Widerstreben darin, dass jeder, der beruflich mit Kindern zu tun hat, sich scheue, Kinder mit Diagnosen abzustempeln, die auf schwere und unbeeinflussbare Probleme hindeuten. \u201e<em>Wird ein Kind mit dem Etikett \u201ePers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung\u201c versehen, dann k\u00f6nnte sich das, ebenso wie die Diagnose anderer schwerwiegender psychologischer St\u00f6rungen, negativ auf das Selbstkonzept des Kindes (oder seiner Familie) auswirken oder die Zukunft des Kindes dadurch beeintr\u00e4chtigen, dass diese Diagnose irgendwo in den pers\u00f6nlichen Unterlagen auftaucht<\/em>\u201c (S. 17). Genauso ist es, und nicht umsonst haben wir in unseren Begutachtungen zur Prognose im Zusammenhang mit der Anordnung von Sicherungsverwahrung oder der Entlassung aus dem Vollzug in den Akten entsprechende Hinweise auf \u201eSt\u00f6rungen\u201c in der Kindheit gefunden, die dann auch noch bei Straft\u00e4tern oder Gefangenen, die \u00e4lter als 40 oder 50 Jahre alt sind, in Anstaltsgutachten oder den Gutachten von sog. \u201eGerichtsgutachtern\u201c verwendet werden<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Darauf gehen die Autor*innen nur insoweit ein, als sie einwenden, dass auch das Vers\u00e4umnis, eine Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung bereits im Kindesalter zu diagnostizieren, die Zukunft des Kindes gef\u00e4hrden k\u00f6nne, \u201e<em>weil es ihm dadurch erschwert oder sogar unm\u00f6glich gemacht wird, die notwendige und angemessene Behandlung zu bekommen<\/em>\u201c (aaO.). Das mag zutreffen, allerdings h\u00e4tte man sich eine intensivere Besch\u00e4ftigung mit dieser Problematik gew\u00fcnscht, ebenso wie ein geeignetes \u201ecaveat\u201c in Bezug auf die Erstellung von Gutachten und die sich daran anschlie\u00dfenden \u201e<a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/vortraege\/2012_Feltes_Vortrag_Eickelborn_short.pdf\">Aktenkarrieren<\/a>\u201c.<\/p>\n<p>Das Ziel ihres Buches ist es den Autor*innen zufolge, \u201e<em>Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen vorzustellen, damit diese leichter erkannt und behandelt werde k\u00f6nnen<\/em>\u201c (S. 9). Ein in dieser Hinsicht kritisches Werk wurde an <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=840\">anderer Stelle im Polizei-Newsletter besprochen<\/a>: Das Buch \u201eIrren ist menschlich\u201c von Klaus D\u00f6rner u.a. Dieses Buch liefert Wissen \u00fcber psychische Krankheiten, therapeutische Ans\u00e4tze und Methoden, wissenschaftliche Grundlagen und den gesellschaftlichen Kontext \u2013 verst\u00e4ndlich, kritisch, differenziert. Ein fundierter Diskurs zu Krankheitsmodellen, Diagnosen und Therapien erg\u00e4nzt das Wissen \u00fcber die verschiedenen St\u00f6rungsbilder.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Buch von Kernberg u.a.. Es sei, so der <a href=\"https:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Psychoanalyse\/Persoenlichkeitsstoerungen_bei_Kindern_und_Jugendlichen\/5187#buch_beschreibung\">Verlag<\/a>, das erste Buch, in dem gezeigt werde, dass und wie Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen schon bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert und therapiert werden k\u00f6nnen. \u201e<em>War bisher die Lehrbuchmeinung vorherrschend, die Diagnose Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung k\u00f6nne fr\u00fchestens im jungen Erwachsenenalter gestellt werden, so wird in Zukunft ein Umdenken n\u00f6tig werden\u201c<\/em>. Die Autoren liefern \u2013 so weiter der Verlagstext \u2013 \u201e<em>detaillierte, strukturierte Beschreibungen der einzelnen St\u00f6rungsbilder aus den Bereichen der neurotischen, der psychotischen Pers\u00f6nlichkeitsorganisation und der Borderline-St\u00f6rungen und zeigen im Anschluss daran die gesamte diagnostische Bandbreite sowie die Therapiem\u00f6glichkeiten auf. Fallvignetten illustrieren die Vorgehensweise.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>C.J. Kestenbaum, Professorin f\u00fcr Psychiatrie an der Columbia University, Pr\u00e4sidentin der American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, wird <a href=\"https:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Psychoanalyse\/Persoenlichkeitsstoerungen_bei_Kindern_und_Jugendlichen\/5187#buch_beschreibung\">an der gleichen Stelle <\/a>mit den Worten zitiert: \u201e<em>Es stellt eine ganz au\u00dfergew\u00f6hnliche Leistung der Autoren dar, so \u00fcberzeugend die Belege f\u00fcr das Vorhandensein von Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen auch bei Kindern und Jugendlichen aufzuzeigen. Kernberg, Weiner und Bardenstein differenzieren die unterschiedlichen Symptome, stellen neueste Forschungsergebnisse vor und geben somit dem Therapeuten ein Werkzeug an die Hand, das ihm erm\u00f6glicht, die h\u00e4ufig noch im Erwachsenenalter fortbestehenden Symptome zu verstehen<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Im ersten und zweiten Kapitel werden die Themen Pers\u00f6nlichkeit und Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung unter dem Blickwinkel der kindlichen Entwicklung behandelt. Es werden epidemiologische Befunde vorgestellt und ein kritischer Blick auf Diagnostische und Statistische Manuals Psychischer St\u00f6rungen (DSM) geworfen. Im Anschluss werden grundlegende Komponenten der Pers\u00f6nlichkeit wie Temperament, Identit\u00e4t, Geschlecht und Abwehrmechanismen behandelt und es werden Methoden zum Erfassen von Verhaltensmustern bei Kindern vorgestellt. Im zweiten bis zum f\u00fcnften Kapitel werden die verschiedenen Arten von Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen behandelt: von der neurotischen Pers\u00f6nlichkeitsstruktur mit geringem Schweregrad \u00fcber die Borderline-Organisation zur psychotischen Pers\u00f6nlichkeitsorganisation mit hohem Schweregrad. Das sechste Kapitel beginnt mit speziellen Fragen nach dem Zusammenhang zwischen Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen und Geschlechtsidentit\u00e4t, Suizidalit\u00e4t und Substanzmissbrauch sowie bestimmten sozialen Faktoren wie Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Ethnie oder Scheidung der Eltern. Au\u00dferdem werden Probleme aus dem Bereich des DSM-V angesprochen, die sich auf Kindheit und Jugend beziehen. Den Abschluss bildet ein \u00dcberblick \u00fcber die verschiedenen Forschungsrichtungen.<\/p>\n<p>Insgesamt ein Buch, das sich auf die Problematik von Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert und dabei in weiten Teilen leider unkritisch ist und auch nicht (mehr) den aktuellen wissenschaftlichen Diskussionsstand pr\u00e4sentiert. Aus diesem Grund nur f\u00fcr Psychologen und Psychiater geeignet, die bereits \u00fcber das n\u00f6tige Grundwissen und die kritische Distanz verf\u00fcgen, um die Darstellungen angemessen einzuordnen.<\/p>\n<p><strong>Buch 3<\/strong><\/p>\n<p><em>Tanja G\u00f6ttken, Kai von Klitzing, Psychoanalytische Kurzzeittherapie mit Kindern (PaKT). Ein Behandlungsmanual. 1. Aufl. 2015, 286 Seiten, Klett-Cotta, Stuttgart, ISBN: 978-3-608-94882-0, 38.- Euro.<img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1677 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/G\u00f6ttken-103x150.jpg\" alt=\"\" width=\"165\" height=\"240\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/G\u00f6ttken-103x150.jpg 103w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/G\u00f6ttken.jpg 180w\" sizes=\"(max-width: 165px) 100vw, 165px\" \/><\/em><\/p>\n<p>Bei dem 2015 erschienenen Buch von G\u00f6ttken und von Klitzing handelt es sich um ein psychoanalytisches Behandlungsmanual f\u00fcr die Kinderpsychiatrie und \u2013psychologie. Damit ist gemeint, dass die Abl\u00e4ufe, Methoden und Hintergr\u00fcnde der psychoanalytischen (Kurzzeit-)Therapie beschrieben und erl\u00e4utert werden. Das Buch richtet sich daher \u2013 noch enger als das zuvor vorgestellte \u2013 an eine relativ kleine Gruppe von Fachleuten und ist auf bestimmte Problematiken ausgerichtet. Dabei geht es um eine Therapie, die auch Fokaltherapie genannt wird, weil sie sich auf einen Fokus, d.h. ein zentrales Problem des Patienten, beschr\u00e4nkt. <a href=\"https:\/\/dr-brockmann.net\/psychoanalytische-kurzzeittherapie\/\">Die Kurzzeittherapie kann sehr effektiv sein, ist aber nicht bei jeder Symptomatik bzw. bei jedem Problem geeignet<\/a>. Im Gegensatz zu einer \u201eechten\u201c Psychoanalyse, die sich mit Neurosen und Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen besch\u00e4ftigt, die ihre Ursache in unbewussten Konflikten in der Kindheit haben und zu massiven psychischen Symptomen f\u00fchren und deren Ziel es ist, unbewusste Konflikte und Beziehungsstrukturen nachtr\u00e4glich verstehbar und damit bearbeitbar zu machen, hat die psychoanalytische Kurzzeittherapie daher eine grunds\u00e4tzlich andere Zielrichtung. So findet die psychoanalytische Kurzzeittherapie in der Regel einmal w\u00f6chentlich statt und ist auf 25 Sitzungen begrenzt, w\u00e4hrend die klassische Psychoanalyse-Therapie in der Regel mehrere Jahre dauert und drei bis vier Sitzungen pro Woche erfordert. Entsprechend muss bei PaKT in den ersten Stunden ein begrenztes und seit Kurzem bestehendes Problem deutlich werden.<\/p>\n<p>Generell dienen solche Kurzzeittherapien entweder der Krisenintervention, wenn nach einem schweren Erlebnis schnelle Hilfe ben\u00f6tigt wird, oder zur \u00dcberpr\u00fcfung, ob nicht eine Langzeittherapie sinnvoller erscheint. Entsprechend st\u00f6\u00dft diese Therapie bei schweren und chronischen Krankheitsbildern schnell an ihre Grenzen, und es ist eine der Hauptaufgaben des Therapeuten, hier zum richtigen Zeitpunkt die Entscheidung zu treffen, ob die Kurzzeittherapie in eine Langzeittherapie umgewandelt muss, wobei man dann zwischen der tiefenpsychologisch fundierten oder der psychoanalytischen Langzeittherapie unterscheidet.<\/p>\n<p>Lt. <a href=\"https:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Psychoanalyse\/Psychoanalytische_Kurzzeittherapie_mit_Kindern_(PaKT)\/56158\">Verlagsank\u00fcndigung <\/a>geht man von der Annahme aus, dass die gro\u00dfe Zahl psychisch kranker Kinder effektive und zeitlich begrenzte Behandlungsformen erfordert. Heute leide jedes achte Kind eines Kindergartenjahrgangs unter psychischen Symptomen wie erh\u00f6hter \u00c4ngstlichkeit oder depressiver Verstimmtheit (zu dieser Pr\u00e4valenz <a href=\"#Pr\u00e4valenz\">s.o.<\/a>). Diesen und anderen seelischen St\u00f6rungen bei Kindern fr\u00fchzeitig entgegenzusteuern, sei das Ziel der psychoanalytischen Kurzzeittherapie. Das Manual erl\u00e4utere, wie in Therapiesitzungen \u2013 die teils mit, teils ohne Eltern stattfinden \u2013, in Gespr\u00e4chen und beim Spielen unverarbeitete Konflikte und ungel\u00f6ste Entwicklungsaufgaben herausgearbeitet und verst\u00e4ndlich gemacht werden.<\/p>\n<p>Der Verlag schreibt auf seiner Website zu dem Buch auch, dass die Kassen (gemeint sind wohl Krankenkassen) und das Gesundheitssystem nach immer k\u00fcrzeren Behandlungsformen und nach standardisiertem Vorgehen \u201e<em>schreien<\/em>\u201c. Solche plakativen und verk\u00fcrzten Formulierungen geh\u00f6ren zwischenzeitlich wohl zum Werbemechanismus der Verlage; den Autor*innen der B\u00fccher tun sie damit meist keinen Gefallen.<\/p>\n<p>Das Manual f\u00fcr eine Kurzzeittherapie f\u00fcr junge Patienten geht von 20 bis 25 Sitzungen aus, die in abwechselnden Settings durchgef\u00fchrt werden (Einzelsitzung, mit Eltern und Kind, ohne Kind). Die Grundannahme f\u00fcr die Entstehung affektiver St\u00f6rungen ist dabei f\u00fcr die Autor*innen, dass die betroffenen Kinder ihre Affekte nicht im Umgang mit ihren Bezugspersonen ausleben, sondern dass sie ihre affektiven Impulse nach innen richten (vor allem bei Essst\u00f6rungen und selbstverletzendem Verhalten).<\/p>\n<p>Bei dem im Buch vorgestellten Therapieprogramm handelt es sich um ein psychodynamisches Interventionsprogramm f\u00fcr Kinder im Alter von 4 bis 10 Jahren mit Angst- und Depressionsst\u00f6rungen. Mit PaKT k\u00f6nnen, so die Autor*innen, \u201e<em>Kinder mit verschiedensten Symptomen (Verhaltensprobleme, \u00bbHyperaktivit\u00e4t\u00ab, neurotische Beziehungs- und Leistungsst\u00f6rungen etc.) behandelt werden, sofern Angst und\/oder depressive Verstimmungen an der Symptomentstehung wesentlich beteiligt sind<\/em>\u201c (S. 12). Da Depression und Angst im Vorschul- und jungen Schulalter h\u00e4ufig gemeinsam auftreten und auch Verhaltensprobleme wie oppositionelles Verhalten oder Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rungen (ADHS) oft bei genauerer psychoanalytischer Diagnostik mit emotionalen Symptomen einhergehen (so die Annahmen der Autor*innen), widme sich das PaKT-Manual ebenfalls Kindern, deren emotionale Probleme latent in Erscheinung treten (S. 17). Mit \u201elatent\u201c ist gemeint, dass die Probleme \u201ehinter externalisierenden Symptomen verborgen\u201c sein sollen. Gerade hier aber ist <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/33481\/Externalisierende-Stoerungen-bei-Kindern-und-Jugendlichen-Kontrollverhalten-Ungeduld-und-Ablehnung-der-Eltern-koennen-psychische-Probleme-verstaerken\">nachgewiesen<\/a>, dass solche externalisierenden St\u00f6rungen durch Kontrollverhalten, Ungeduld und Ablehnung der Eltern zumindest verst\u00e4rkt, wenn nicht sogar hervorgerufen werden k\u00f6nnen. Umso wichtiger erscheint es, sich nicht zu sehr auf die individuellen Kinder oder Jugendlichen zu fokussieren, sondern immer (und meist zuvorderst) das Umfeld und dabei vor allem die Eltern oder andere prim\u00e4re Bezugspersonen im Fokus zu haben.<\/p>\n<p>Das Therapieprogramm richtet sich als Behandlungsleitfaden besonders an Psychotherapeut*innen in Ausbildung f\u00fcr Kinder und Jugendliche. Mit diesem Manual wollen die Autor*innen einen Behandlungsleitfaden entwickeln, \u201e<em>der von klaren psychoanalytischen Definitionen ausgeht und doch der Komplexit\u00e4t psychoanalytischer Konzepte in der praktischen Arbeit mit Kindern und ihren Eltern Rechnung tr\u00e4gt<\/em>\u201c (S. 17). Durch Ausrichtung auch auf die Bed\u00fcrfnisse von unerfahrenen Therapeut*innen komme es an manchen Stellen zu unvermeidlichen Verk\u00fcrzungen psychoanalytischer Konzepte, die jedoch aus Sicht der Autor*innen unter behandlungspraktischen Gesichtspunkten angemessen sind. Das PaKT-Manual versteht sich als eine erste Orientierung, die auch als Ausgangspunkt f\u00fcr Vertiefungen der theoretischen Ans\u00e4tze genutzt werden kann.<\/p>\n<p>Die Autoren haben ihr Manual in der kinderpsychiatrischen Ambulanz des Universit\u00e4tsklinikums Leipzig evaluiert (S. 262 ff.). Daher behaupten sie, dass sich das Programm in \u201eklinischen Untersuchungen\u201c als wirksam erwiesen habe, sich bei allen Kindern die Symptome erheblich reduziert h\u00e4tten und mehr als die H\u00e4lfte der Kinder danach st\u00f6rungsfrei war.<\/p>\n<p>Sieht man sich die Angaben zu der Evaluation genauer an, dann \u201e<em>zeigten 66,67% (n = 18) der Kinder, die an der Nachuntersuchung teilnahmen (n = 27), eine komplette diagnostische Remission. Nach der Wartezeit (von durchschnittlich 16,39 Wochen) behielten alle Kinder der Wartekontrollgruppe (n = 12, 100%) ihre Diagnosen, w\u00e4hrend 12 Kinder (75%) aus der Behandlungsgruppe nach der Behandlung mit PaKT keine DSM-IV-Diagnose mehr aufwiesen<\/em>\u201c (S. 265). Warum die Autor*innen hier mit zwei Stellen hinter dem Komma bei den Prozentangaben arbeiten, trotz einer doch sehr bescheidenen Gesamtzahl von 27 Proband*innen, bleibt ihr Geheimnis. Einer\/m Kriminologie-Studierenden w\u00fcrde ich dies in einer Seminararbeit kritisch anmerken. Leider finden sich hier keine methodischen Hinweise, mit welchen Einschr\u00e4nkungen der Aussagekraft aufgrund der sehr kleinen Gesamtzahl zu rechnen ist. Auch die Frage, in welchem Zeitraum die Probanden ausgew\u00e4hlt wurden und welche Vorbelastungen oder Vorbehandlungen sie aufwiesen, wird nicht thematisiert. Stattdessen ist von einer \u201equasi-randomisierten kontrollierten klinischen Studie\u201c (S. 262) die Rede. Es wurden \u201e<em>30 Kinder im Alter zwischen 4 und 10 Jahren in die Untersuchung einbezogen, die (haupts\u00e4chlich von P\u00e4diatern) an die kinderpsychiatrische Ambulanz des Universit\u00e4tsklinikums Leipzig \u00fcberwiesen wurden. \u00dcberweisungsgr\u00fcnde waren besonders sch\u00fcchternes, \u00e4ngstliches oder sorgenvolles Verhalten und\/oder Wutanf\u00e4lle sowie oppositionelles und aggressives Verhalten, das von internalisierenden Symptomen wie dysphorischer Stimmung oder verschiedenen Angstsymptomen begleitet war. Um in die Studie aufgenommen zu werden, mussten die Kinder die Kriterien f\u00fcr eine DSM-IV-Angstst\u00f6rung erf\u00fcllen (Sa\u00df et al., 2003). Dies wurde von 30 Kindern erf\u00fcllt<\/em>\u201c (S. 263). Die Gruppe wurde in eine \u201eBehandlungsgruppe\u201c<a href=\"https:\/\/psycnet.apa.org\/search\/display?id=f7e480d1-82b3-02bc-80c9-32f878d346ba&amp;recordId=1&amp;tab=PA&amp;page=1&amp;display=25&amp;sort=PublicationYearMSSort%20desc,AuthorSort%20asc&amp;sr=1\"> (18)<\/a> und in eine \u201eWartekontrollgruppe\u201c (12) unterteilt. Letztere wurde erst nach einer Wartezeit mit PaKT \u201ebehandelt\u201c (sic, S. 263). Sechs Monate nach Ende der Behandlung zeigten 22 der 25 nachuntersuchten Kinder keine DSM-IV-Diagnose mehr. Auch komorbide depressive St\u00f6rungen zeigten einen signifikanten R\u00fcckgang. W\u00e4hrend vor der Behandlung mit PaKT 10 Kinder unter einer depressiven St\u00f6rung litten, waren es nach der Behandlung mit PaKT nur noch 2 Kinder.<\/p>\n<p>Leider finden sich keine Angaben zum sozialen Hintergrund und auch keine zur Frage, wie die Auswahl in einer der beiden Gruppen erfolgte. Immerhin gibt es den Hinweis, dass \u201e<em>erste Hinweise auf die Bedeutung der elterlichen <\/em><a href=\"https:\/\/www.institut-fuer-traumabearbeitung.de\/familie-im-fokus\/elterntraining-mentalisierung.html\"><em>Mentalisierungsf\u00e4higkeit<\/em><\/a><em> f\u00fcr die Wirksamkeit und Anwendbarkeit einer psychodynamischen Kurzzeittherapie im Kindesalter<\/em>\u201c (s. 265 f.). Gemeint ist damit die F\u00e4higkeit, sich mentale Zust\u00e4nde im eigenen Selbst und in anderen Menschen vorzustellen. Ob und welche Wechselwirkungen es dabei mit den psychischen St\u00f6rungen der Kinder und Jugendlichen gibt, oder ob diese mangelnde F\u00e4higkeit vielleicht sogar Ausl\u00f6ser und Ursache der St\u00f6rungen war, dazu findet man leider keine Aussage. Die Fokussierung auf das \u201eproblematische\u201c Kind scheint diesen Blick auf soziale und externe personelle Ursachen und Faktoren doch ziemlich zu verstellen.<\/p>\n<p><strong>Buch 4<\/strong><\/p>\n<p><em><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1678 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Winni-94x150.jpg\" alt=\"\" width=\"145\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Winni-94x150.jpg 94w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Winni.jpg 180w\" sizes=\"(max-width: 145px) 100vw, 145px\" \/>Aus dem Englischen von Michael Ermann. 16. Druckaufl. 2020, 193 Seiten, Klett-Cotta, Stuttgart, ISBN: 978-3-608-96335-9, 27.- Euro<\/em><\/p>\n<p>Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht anders: Es ist im Original erstmals vor genau 50 Jahren (1971) erschienen, und es behandelt einen Teilbereich, der in den anderen Texten nicht angesprochen wird. Der Autor, D. W. Winnicott, geboren 1896 und gestorben 1971, hat hier seine Erkenntnisse zum Thema \u00bb\u00dcbergangsobjekt\u00ab zusammengefasst &#8211; gemeint ist jenes oft ganz unscheinbare Spielzeug des Kleinkindes, das ihm den \u00dcbergang vom Wachen zum Schlafen erleichtert, es kann der Teddyb\u00e4r oder auch ein Kissenzipfel sein. Wir alle kennen dieses Ph\u00e4nomen, dem wir (unbewusst) in der Erziehung unserer eigenen Kinder gro\u00dfe Bedeutung beimessen. Winnicott macht deutlich, dass sich dahinter mehr verbirgt als das Klammern an einen Teddyb\u00e4ren oder eine Puppe, und dass die Besch\u00e4ftigung mit diesen \u201e\u00dcbergangsobjekten\u201c sowohl analytisch, als auch therapeutisch wichtig sein kann.<\/p>\n<p>Der Autor besch\u00e4ftigt sich in dem Buch mit der Notwendigkeit zum Tr\u00e4umen, Spielen und sch\u00f6pferischen Handeln auf der Suche nach dem Selbst. Das \u00dcbergangsobjekt ist f\u00fcr ihn die Verbindung zwischen der inneren und der \u00e4u\u00dferen Welt des Kindes. Die Besch\u00e4ftigung mit ihm ist die Vorstufe des Spielens, und das Spiel wiederum ist der erste Schritt zur Entwicklung dessen, was man das Kreative nennt. So stehen die kulturellen, sch\u00f6pferischen, erfinderischen F\u00e4higkeiten des Menschen letztlich in einem engen Zusammenhang mit jenem kleinen fetischartigen Gegenstand seiner Kindheit.<\/p>\n<p>Der \u00dcbergang von der Vorstellung- zur Wahrnehmungswelt ist selten konfliktfrei und wird oftmals fehlinterpretiert. Winnicott macht dies an verschiedenen Fallbeispielen deutlich, die er in die Bereiche Spielen, Kreativit\u00e4t, Objektverwendung, Spiegelfunktion und Kreuzidentifizierung unterteilt. So ist das Buch gleicherma\u00dfen spannend zu lesen, wie lehrreich in dem Sinne, dass es dem Autor gelingt, Zusammenh\u00e4nge und Abh\u00e4ngigkeiten anschaulich darzustellen.<\/p>\n<p>Interessant ist, wie sich der Autor mit den \u201e<em>heutigen<\/em>\u201c (also den damaligen) Konzepten der Entwicklung Jugendlicher befasst (S. 156 ff.). Hier wird erstmals in den hier besprochenen Werken ausf\u00fchrlich auf die Rolle der Gesellschaft und der Gesellschaftsstruktur eingegangen, ebenso wie auf Politik, \u00f6konomische und kulturelle Zusammenh\u00e4nge \u2013 wenn auch nur stichwortartig. Aber er stellt z.B. fest, dass die emotionale Entwicklung eines Jugendlichen sich immer in der Beziehung zur Umwelt vollzieht, die \u201ea<em>usreichende M\u00f6glichkeiten bieten mu\u00df<\/em>\u201c (S. 156). Und bei der Darstellung der Gesellschaft und ihrer Mitglieder geht er auf eine Gruppe ein, die er als \u201e<em>schwierigste Gruppe<\/em>\u201c bezeichnet, zu der viele Menschen geh\u00f6ren, \u201e<em>die sich in Macht- und Entscheidungspositionen bringen; vor allem die Paranoiden, die von einem System von Vorstellungen beherrscht werden<\/em>\u201c (S. 158).<\/p>\n<p>Dem Autor geht es auch darum, sicherzustellen, dass die Lebensf\u00e4higkeit von jungen Menschen sich m\u00f6glichst optimal entwickelt: \u201e<em>Wir sollten zulassen, dass die Jungen die Gesellschaft ver\u00e4ndern und die Alten lehren, die Welt neu zu sehen<\/em>\u201c (S. 169).<\/p>\n<p>Am Ende stellt Winnicott fest: \u201e<em>Kein psychiatrisches Etikett pa\u00dft jedoch f\u00fcr den Einzelfall, am allerwenigsten das Etikett \u201enormal\u201c oder \u201egesund<\/em>\u201c (aaO.). Dieser Satz passt sehr gut an das Ende dieses Besprechungsaufsatzes, der aus der aktuellen Corona-Lage des Jahres 2021 entstanden ist, aber deutlich macht, dass manchmal \u00dcberlegungen, die ein halbes Jahrhundert zur\u00fcckliegen, Wert sind, erneut gedacht und an die aktuelle Situation angepasst zu werden. Die Folgen, die Corona und unsere in diesem Zusammenhang eingef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Kinder und Jugendliche haben werden, sind erst ansatzweise bekannt. Wir d\u00fcrfen nicht den Fehler machen, sie zu individualisieren oder gar zu pathologisieren. Eine Gesellschaft, die Milliarden zur Unterst\u00fctzung der Wirtschaft bereitstellt, muss auch in der Lage sein, Kindern und Jugendlichen nichtstigmatisierende Hilfen anzubieten. Ansonsten werden wir in den kommenden Jahren in den Akten der Kinder- und Jugendhilfe, der Kinder- und Jugendpsychiatrie und auch des Strafvollzugs Corona-bedingte Auff\u00e4lligkeiten finden, die sich mittel- bis langfristig nicht nur f\u00fcr die Betroffenen, sondern auch f\u00fcr die Gesellschaft insgesamt negativ auswirken werden.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, M\u00e4rz 2021<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> W\u00e4hrend der Begriff Inzidenz auch aufgrund der aktuellen Diskussion \u00fcber Corona allgemein bekannt sein d\u00fcrfte, wird \u201ePr\u00e4valenz\u201c eher im medizinischen und auch kriminologischen Bereich verwendet. Darunter versteht man die Rate der zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einem bestimmten Zeitabschnitt an einer bestimmten Krankheit Erkrankten (im Vergleich zur Zahl der Untersuchten) oder durch Straftaten auff\u00e4llig gewordenen Personen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Alex\/Feltes: Ich sehe was, was Du nicht siehst \u2013 und das ist krank! Thesen zur psychiatrisierenden Prognosebegutachtung von Straft\u00e4tern. In: Monatsschrift f\u00fcr Kriminologie 2011, S. 280-284. Eine l\u00e4ngere Fassung des Beitrages findet sich <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/2011_alexfeltesbegutachtung_langfassung.pdf\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechungsaufsatz\/Sammelbesprechung Psychische St\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen Helmut Remschmidt, Katja Becker (Hrsg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. 7. Auflage 2020; Paulina Kernberg u.a.: Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen, 2018; Tanja G\u00f6ttken, Kai von Klitzing: Psychoanalytische Kurzzeittherapie mit Kindern (PaKT). 2015, Donald W. Winnicott, Vom Spiel zur Kreativit\u00e4t. 2020. Corona und psychische Probleme von Kindern und &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1674\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Besprechungsaufsatz\/Sammelbesprechung zum Thema &#8222;Psychische St\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen&#8220; von Thomas Feltes<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1674"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1674"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1674\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1682,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1674\/revisions\/1682"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1674"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1674"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1674"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}