{"id":1683,"date":"2021-03-29T13:47:28","date_gmt":"2021-03-29T11:47:28","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1683"},"modified":"2021-03-29T13:49:37","modified_gmt":"2021-03-29T11:49:37","slug":"markus-ostermair-der-sandler-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1683","title":{"rendered":"Markus Ostermair: Der Sandler. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Markus Ostermair: Der Sandler<\/strong>, Osburg-Verlag Hamburg 2020, ISBN: 978-3-95510-229-6, 350 Seiten, gebunden, \u20ac 22,00<\/p>\n<p>Die Dschungelk\u00f6nigin D\u00e9sir\u00e9e Nick wurde von RTL2 f\u00fcr das sog. \u201eReality-Format\u201c \u201e<em>Prominent und obdachlos<\/em>\u201c auf die Stra\u00dfe geschickt. In Dortmund (ausgerechnet) sollte sie drei (!) Tage \u201e<em>ohne Dach \u00fcber dem Kopf<\/em>\u201c leben. Ihr aussagekr\u00e4ftiger Kommentar dazu: \u201e<em>Ist <img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1686 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2020_Herbst_Cover_Ostermair_Sandler_RGB_Web-90x150.jpg\" alt=\"\" width=\"118\" height=\"197\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2020_Herbst_Cover_Ostermair_Sandler_RGB_Web-90x150.jpg 90w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2020_Herbst_Cover_Ostermair_Sandler_RGB_Web-614x1024.jpg 614w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2020_Herbst_Cover_Ostermair_Sandler_RGB_Web-922x1536.jpg 922w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2020_Herbst_Cover_Ostermair_Sandler_RGB_Web-1229x2048.jpg 1229w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2020_Herbst_Cover_Ostermair_Sandler_RGB_Web-scaled.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 118px) 100vw, 118px\" \/>schei\u00dfe. Muss man ganz klar sagen. Ist schei\u00dfe. Ist halt schei\u00dfe<\/em>\u201c, wobei dieses Zitat wohl mehr \u00fcber D\u00e9sir\u00e9e Nick aussagt, als \u00fcber die Lage und Situation von Obdachlosen. Eines ist klar: Frau Nick gibt den Betroffenen keine Stimme, eher im Gegenteil. Sie macht sie zu Objekten ihrer Begierde, sich selbst zur Schau zu stellen. Wohltuend anders ist da der Roman von Markus Ostermair, der denen eine Stimme gibt, die im postmodernen Alltag so leicht \u00fcbersehen werden.<!--more--><\/p>\n<p>Ziemlich zeitgleich (am 21.03.2021) strahlte die ARD einen K\u00f6ln-Tatort zum gleichen Thema aus: \u201e<a href=\"https:\/\/www.tvspielfilm.de\/news\/tv\/tatort-wie-alle-anderen-auch-sorgt-mit-echten-obdachlosen-fuer-traenen,10395662,ApplicationArticle.html\">Wie alle anderen auch<\/a>\u201c (noch bis September 2021 in der <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/tatort\/wie-alle-anderen-auch\/das-erste\/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3RhdG9ydC8wMDNjNGUwOS0xZTE5LTRjYzktOGVlNy02NzdkOTgyYmQ0NWY\/\">Mediathek<\/a>), der sofort die<a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/medien\/kolner-tatort-uber-obdachlose-frauen-wie-realistisch-ist-das-gezeigte-bild-von-der-strasse-WSENYDGVVVBLBGFKWGR6X4CDKM.html\"> Frage aufwarf, wie realistisch <\/a>das dort Dargestellte denn eigentlich sei.<\/p>\n<p>Der Roman von Ostermair, 2020 mit dem <a href=\"https:\/\/www.muenchen.de\/rathaus\/Stadtverwaltung\/Kulturreferat\/Literatur\/Preise-Literatur\/Tukanpreis\/2020.html\">\u201eTukan-Preis\u201c der Stadt M\u00fcnchen<\/a> ausgezeichnet, ist eher Realit\u00e4t, als das RTL2-Format, und die Protagnisten von Ostermair reden mit mehr Substanz als Frau Nick. Er ist gleichzeitig im Vergleich zum \u201eTatort\u201c weniger offensichtlich spektakul\u00e4r, daf\u00fcr aber hintergr\u00fcndiger und vielschichtiger. Zur Begr\u00fcndung der Preisverleihung hatte die M\u00fcnchner Jury folgendes gesagt: <em>\u201eWie moderne Gespenster streifen sie durch Br\u00fcckengew\u00f6lbe, Notschlafstellen und Kleiderkammern, unbeachtetes Treibgut der Wohlstandsgesellschaft. Obwohl mitten unter uns, blicken wir meist durch sie hindurch. Die Obdachlosen auf dem teuren M\u00fcnchner Pflaster haben keine Stimme, um von ihrem t\u00e4glichen \u00dcberlebenskampf zu berichten, davon, wie ihnen das Leben entglitten ist oder von ihrer Scham dar\u00fcber, und wie sie einen verstummen, letztlich ganz verschwinden l\u00e4sst. F\u00fcr ihre Sprachlosigkeit und die der Stadt, die sie umgibt, findet Markus Ostermair in seinem Roman \u201aDer Sandler\u2018 eine so angemessene wie anspruchsvolle Form. Er spannt das Panorama einer Gegenwelt auf, die von Abgr\u00fcnden durchzogen ist, aber auch von Hoffnung und unerwartetem Zusammenhalt.<\/em><\/p>\n<p>Der M\u00fcnchner <a href=\"https:\/\/www.muenchen.de\/rathaus\/Stadtverwaltung\/Kulturreferat\/Literatur\/Preise-Literatur\/Tukanpreis\/2020\/Laudatio.html\">Laudator, Clemens Pornschlegel,<\/a> schreibt dazu: <em>\u201eWie Brecht, so schreibt auch Ostermair energisch gegen den sozial-darwinistischen Schicksals- und Gl\u00fccks-Glauben an, der seit dem 19. Jahrhundert unter den Titeln \u201eIndividualismus\u201c und \u201eLiberalismus\u201c als honorige philosophische Theorie umgeht. Die einfachen und grundlegenden Lehren, die der Roman zum Thema \u201eObdachlosigkeit\u201c in offenem Widerspruch zu den liberalen Dogmen erteilt, sind die folgenden: erstens dass Obdachlosigkeit in erster Linie kein pers\u00f6nliches Schicksal und keine private Schuld ist, sondern eine straff organisierte, pr\u00e4zise strukturierte Lebensform unter den gegebenen sozio-\u00f6konomischen Bedingungen. Sie greift genau dann \u2013 alle wissen es, niemand will es wahrhaben \u2013, wenn man keine Aktienpakete, Eigentumswohnungen, geregelte Lohnarbeit, folglich auch kein ordentliches Zuhause, keine Dusche, K\u00fcche, Kleider und lustigen Wochenenden mehr hat. \u2026 Die zweite grunds\u00e4tzliche Lehre, die der Roman erteilt, ist die, dass die Obdachlosen in keiner fremden anderen Welt leben, sondern inmitten der ordentlichen b\u00fcrgerlichen, wie alle anderen Leute auch. Obdachlosigkeit ist darin vorgesehen als das eingeschlossene Andere der durchreglementierten Normalit\u00e4t: als deren Drohung und letzte, b\u00f6se Konsequenz, als jene a-soziale Ausnahme, welche die soziale Regel best\u00e4tigt. Anders gesagt, Obdachlosigkeit ist eine sozial-politisch konstruierte Institution der industriellen, sozialstaatlichen Moderne, die es aus diesem Grund in den sogenannten vor-modernen Gesellschaften weder dem Begriff noch der Sache nach gibt\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Mit der \u2013 so die Jury \u2013 <em>\u201epr\u00e4zise gestalteten, an D\u00f6blin geschulten Sprache, die seinen Figuren W\u00fcrde gibt, ohne ihnen falsche N\u00e4he aufzuzwingen, ohne zu urteilen oder zu verkl\u00e4ren<\/em>\u201c zieht der Autor den Leser in seinen Bann. <em>Ostermair<\/em> geling tats\u00e4chlich eine ziemlich einmalige Innenschau einer gesellschaftlichen Au\u00dfenperspektive. \u201e<em>Ein wichtiger, kraftvoller Roman \u00fcber Ausgrenzung und Selbstbehauptung \u2013 auf dem d\u00fcnnen Firnis unserer so sicher geglaubten Welt.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Am ehesten noch vergleichbar ist das Buch von<em> Ostermair <\/em>mit der Studie von <em>Roland Girtler<\/em>, Vagabunden in der Gro\u00dfstadt (1980), in der er seine teilnehmende Beobachtung in der Lebenswelt der Sandler Wiens beschreibt (sehr spannend dazu die <a href=\"https:\/\/www.girtlers-erkundungen.at\/22-sandler-vagabunden\/\">Website<\/a> \u201e<em>Roland Girtler\u00b4s Erkundungen<\/em>\u201c, auf der die Hintergr\u00fcnde auch der anderen Studien von ihm zu Randgruppen und Subkulturen in unsere Gesellschaft dargestellt werden. Dazu geh\u00f6ren \u201e<em>Ganoven, Zuh\u00e4lter und Dirnen<\/em>\u201c in dem Buch \u201e<em>Der Adler und die die drei Punkte &#8211; Pepi Taschner und die Kultur der Ganoven<\/em>\u201c (nebenbei bemerkt eines meiner Lieblingsb\u00fccher), <a href=\"https:\/\/www.girtlers-erkundungen.at\/11-pfarrersk%C3%B6chinnen\/\">Pfarrersk\u00f6chinnen<\/a>, aber auch die <a href=\"https:\/\/www.girtlers-erkundungen.at\/21-die-wiener-polizei\/\">Wiener Polizei <\/a>(in <em>Girtler\u00b4s<\/em> einzigartiger Studie \u00fcber den Polizei-Alltag).<\/p>\n<p>Auch das Buch von <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/buecher\/schriftenreihe\/280503\/kein-dach-ueber-dem-leben\">Richard Brox, Kein Dach \u00fcber dem Leben<\/a> kann hier genannt werden. W\u00e4hrend jedoch Brox die Biographie eines Obdachlosen vorgelegt hat<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, ist \u201e<em>Der Sandler<\/em>\u201c fiktiv, auch wenn man diesen Eindruck nicht unbedingt beim Lesen hat. Es ist die Genauigkeit des Beobachtens, die <em>Ostermair <\/em>auszeichnet, und die filigrane, dennoch treffende Sprache, die das Buch gleicherma\u00dfen spannend macht, wie es den Leser betroffen zur\u00fcck l\u00e4sst mit der Frage: Wieso ist so etwas in unserer Gesellschaft m\u00f6glich? Wobei: Mitleid ist wohl das, was den Betroffenen, die auf der Stra\u00dfe leben, am wenigsten hilft. Selbst der Euro, der in den Becher oder Teller wandert (wir lernen in dem Buch, dass ein Sandler niemals die Hand hinh\u00e4lt, um keine unn\u00f6tige N\u00e4he mit dem Gebenden zu provozieren, der dadurch vielleicht abgehalten w\u00fcrde, etwas zu geben), kann niemals die Achtung vor dem Menschsein des Anderen ersetzen \u2013 so anders der Andere auch sein mag.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Kriminologie ist das Thema Obdachlosigkeit \u00fcbrigens ein noch (zu) wenig beachtetes: Zwar wird durchaus auf die Hintergr\u00fcnde von Straftaten innerhalb der Wohnungslosigkeit abgestellt (wie z.B. von <em><a href=\"https:\/\/dspace.ub.uni-siegen.de\/bitstream\/ubsi\/292\/1\/mueller_marion.pdf\">Marion M\u00fcller<\/a><\/em> 2006 in ihrer Dissertation \u201eKriminalit\u00e4t, Kriminalisierung und Wohnungslosigkeit\u201c). Noch in den 1970er Jahren wurde (wie von K\u00fcrzinger in seiner Dissertation 1970 mit dem Titel \u201eAsozialit\u00e4t und Kriminalit\u00e4t\u201c) eine direkte Verbindung zwischen Obdachlosigkeit, Kriminalit\u00e4t und \u201eAsozialit\u00e4t\u201c hergestellt.<\/p>\n<p>Es fehlt nach wie vor eine explizit wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit der Delinquenz von Wohnungslosen und deren Folgen im deutschsprachigen Raum, und es fehlt, worauf <em>M\u00fcller<\/em> (S. 25) hinweist, sogar eine sozialwissenschaftliche Forschungstradition bez\u00fcglich Wohnungslosigkeit: <em>\u201eNimmt man die letzten 20 Jahre als Bezugszeitraum, so erschienen nur wenige aussagekr\u00e4ftige Studien zu Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit, die Aspekte Delinquenz und Kriminalisierung werden \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur am Rande behandelt. Auch innerhalb der kriminologischen Forschung fehlen seit Ende der 70er Jahre \u2013 damals existierte noch die so genannte Randgruppenforschung, vor allem innerhalb der Kritischen Kriminologie \u2013 neuere Auseinandersetzungen mit der Thematik\u201c<\/em>. Manchmal ersetzen Romane auch kriminologische Studien \u2013 sie entbinden aber nicht davon, sich mit den Hintergr\u00fcnden der beschriebenen Situation theorieorientiert zu besch\u00e4ftigen und sie gesellschaftspolitisch zu analysieren.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, M\u00e4rz 2021<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zuerst in der Schriftenreihe der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung und 2017 auch bei Rowohlt erschienen und 2020 mit dem &#8222;The Open Book Award&#8220; f\u00fcr das beste fremdsprachige Sachbuch in Taiwan ausgezeichnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Markus Ostermair: Der Sandler, Osburg-Verlag Hamburg 2020, ISBN: 978-3-95510-229-6, 350 Seiten, gebunden, \u20ac 22,00 Die Dschungelk\u00f6nigin D\u00e9sir\u00e9e Nick wurde von RTL2 f\u00fcr das sog. \u201eReality-Format\u201c \u201eProminent und obdachlos\u201c auf die Stra\u00dfe geschickt. In Dortmund (ausgerechnet) sollte sie drei (!) 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