{"id":1767,"date":"2021-12-08T14:54:58","date_gmt":"2021-12-08T13:54:58","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1767"},"modified":"2021-12-08T14:54:58","modified_gmt":"2021-12-08T13:54:58","slug":"dierk-schaefer-devianz-als-schicksal-die-kriminelle-karriere-des-dieter-schulz-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1767","title":{"rendered":"Dierk Sch\u00e4fer, Devianz als Schicksal? Die kriminelle Karriere des Dieter Schulz. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dierk Sch\u00e4fer, Devianz als Schicksal? Die kriminelle Karriere des Dieter Schulz.<\/strong> T\u00fcbinger Schriften und Materialien zur Kriminologie 45, T\u00fcbingen 2021. ISBN 978-3-937368-90-0 (elektronische Version) <a href=\"https:\/\/tinyurl.com\/2p983wuj\">Online verf\u00fcgbar<\/a>.<\/p>\n<p>462 Seiten von bzw. \u00fcber einen Menschen (und dessen Sohn), \u00fcber jemanden, der eine spektakul\u00e4re Heimkarriere hinter sich ge- und fast 20 Jahre im Gef\u00e4ngnis verbracht hat? <img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1768 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Schaefer-107x150.jpg\" alt=\"\" width=\"107\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Schaefer-107x150.jpg 107w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Schaefer-728x1024.jpg 728w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Schaefer.jpg 926w\" sizes=\"(max-width: 107px) 100vw, 107px\" \/>Lohnt sich eine solche Lekt\u00fcre? Lohnt es sich, die darin enthaltene Autobiographie dieses \u201eStraft\u00e4ters\u201c, \u00fcberschrieben mit \u201eDer Ausreis(\u00df)ende oder eine Kindheit, die keine Kindheit war\u201c zu lesen? Um es vorweg zu nehmen: Es lohnt sich auf jeden Fall!<!--more--><\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre lohnt sich nicht nur (aber auch), weil sie kurzweilig ist, weil die Darstellung trotz des ernsten Themas aufgelockert ist; vor allem aber, weil das Buch Einsichten in individuelle Entwicklungen gibt, wie man sie sonst selten pr\u00e4sentiert bekommt \u2013 denn Autobiografien werden ja fast ausschlie\u00dflich von Menschen ver\u00f6ffentlicht, die \u201eber\u00fchmt\u201c geworden sind. Hier geht es um jemanden, der im Strudel der (Nach)Kriegsjahre von Ostpreu\u00dfen nach Leipzig gesp\u00fclt wird und dann zwischen Heim- und Gef\u00e4ngniskarriere wandelt \u2013 und am Ende wieder dort landet, wo er hegekommen ist.<\/p>\n<p>Was er erlebte, schreibt <strong>Dierk Sch\u00e4fer<\/strong>, und was er (<em>Dieter Schulz<\/em>) machte, \u201e<em>reicht locker f\u00fcr drei Leben aus \u2026 und keines w\u00e4re langweilig. Was jedoch \u2013 oberfl\u00e4chlich gesehen \u2013 spannend ist, entpuppt sich als terrible, als erschreckend<\/em>\u201c (S. VII).<\/p>\n<p>Und weiter: \u201e<em>War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!\u00ab fragt Dieter selber in seiner Autobiographie und fasst damit seine schrecklichen, uns erschreckenden, Kindheitserlebnisse zusammen. Wie kann Leben unter diesen Startbedingungen gelingen? Dass es \u201efunktionieren\u201c kann, ist bei ihm nachzulesen. Aber wie hat es funktioniert?<\/em>\u201c (aaO.)<img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1769\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Seite.jpg\" alt=\"\" width=\"771\" height=\"995\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Seite.jpg 771w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Seite-116x150.jpg 116w\" sizes=\"(max-width: 771px) 100vw, 771px\" \/><\/p>\n<p>N\u00fcchtern geschrieben, geht es um das Leben von <em>Dieter Schulz<\/em>, geboren 1940 (oder 1941, das bleibt unklar), gestorben 2019, seine Lebensumst\u00e4nde und seine (kriminelle) \u201eKarriere\u201c. Sie bilden den Kern dieser Publikation. Den Inhalt fasst der Herausgeber wie folgt zusammen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>:<\/p>\n<p><em>\u201eSchon der einleitende Nachruf k\u00fcndet von einem au\u00dferordentlichen Leben. Ausgangspunkt ist seine Autobiographie in 42 Kapiteln, zun\u00e4chst geschrieben w\u00e4hrend eines 10j\u00e4hrigen Knastaufenthaltes und nach Aufforderung fortgef\u00fchrt bis in die Zeit seines k\u00f6rperlichen Verfalls. Dieses Leben ist spannend. Vergangenheiten werden lebendig, besonders: (1) Das Kriegsende und die Nachkriegswirren bis 1949 in Ostpreu\u00dfen, die Rote Armee und die \u00dcberlebensbedingungen der verbliebenen Deutschen. Das in dieser Zeit gelernte Russisch bildet die Grundlage f\u00fcr seine erfolgreichen Schiebergesch\u00e4fte als 10\/11-j\u00e4hriger (!) sp\u00e4ter in der DDR. (2) Die eher zuf\u00e4llig am 17. Juni 1953 begonnene und spannend erz\u00e4hlte Heimkarriere war bestimmt durch die Unf\u00e4higkeit der DDR-Heimerziehung und abenteuerliche Heim-Fluchten. (3) Im Westen, vom Vater abgeschoben, muss er sich durchk\u00e4mpfen, macht eine erstklassige Ausbildung zum Kellner, bringt es sp\u00e4ter auch bis zum Inhaber eines Restaurants, doch zuvor bringt ihm der Balkonsturz des schwarzen Liebhabers seiner Frau die erste Zuchthausstrafe ein. (4) Eher zuf\u00e4llig beginnt er danach mit akribisch geplantem Automatenbetrug, hat aber immer wieder Pech mit seinen Helfern, besonders mit seinen Frauen, &#8211; das auch f\u00fcrderhin. (5) Schlie\u00dflich misslingt ihm \u2013 auch wieder eher zuf\u00e4llig \u2013 der gro\u00dfe Coup: Ein riesiges Drogengesch\u00e4ft, das er mit selbstgedruckten \u201eBl\u00fcten\u201c bezahlen und dann untertauchen will. Doch ein bewaffneter Bank\u00fcberfall hat m\u00f6rderische Folgen. Schulz inszeniert sich gekonnt. Lange ist man geneigt, alles zu glauben. Doch sein Sohn Sascha f\u00fcgte noch ganz andere und sehr \u00fcberraschende Aspekte bei und korrigiert damit das saubere Bild vom Verbrecher aus bzw. infolge von unheilvollen Verh\u00e4ltnissen. Doch ein K\u00e4mpfer war Schulz davon abgesehen sein Leben lang. Klein, aber oho! Oder im Sp\u00e4teren anders gewendet: Ein Aufstehm\u00e4nnchen. Dieses Leben fordert kriminologische Forschung geradezu heraus. Wie kommt es zu solch langzeitiger Devianz, wie pflanzt sie sich fort? Die Publikation steht im \u00dcbrigen in ehrw\u00fcrdiger Tradition, denn beispielsweise schon der Oberamtmann von Sulz am Neckar, Jacob Georg Sch\u00e4ffer (1745-1814), verortete die sozialen Missst\u00e4nde als Quelle von Kriminalit\u00e4t und wollte daher schon die ganz jungen Kinder der \u201eJanoven\u201c in Pflegefamilien untergebracht wissen<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><strong>[2]<\/strong><\/a>. Dieter Schulz als Person an und f\u00fcr sich ist im Gesamt vieler wendungsreicher Lebensgeschichten nicht evident herausragend. Zwar beschreibt er sein kleines Leben in faszinierender Weise. Doch dies allein h\u00fclfe alles nichts, wie schon vor langer Zeit August Gottlieb Mei\u00dfner (1753-1807) formulierte: \u201eSobald der Inquisit nicht bereits vor seiner Einkerkerung eine wichtige Rolle im Staat gespielt hat, sobald d\u00fcnkt auch sein \u00fcbriges Privatleben, es sei so seltsam gewebt, als es immer wolle, den meisten Leuten in der sogenannten feinen und gelehrten Welt viel zu unwichtig, als darauf acht zu haben, und vollends sein Biograph zu werden.\u201c Warum also ist Schulz dennoch nicht nur f\u00fcr Kriminologen interessant? Die Antwort ist: Er entwirft in und mit seiner Biographie beispielhaft, lehrreich und unterhaltsam ein Sittengem\u00e4lde seiner Zeit. Zwar fragt er: \u201eWar es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?\u201c Seine Antwort lautet aber: \u201eMein Leben sollte nicht unbedingt als Beispiel dienen, deswegen ist mein Leben lesenswert!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Kapitel 1 bis 20 des 2. Teils des Buches besch\u00e4ftigen sich mit den im Knast geschriebenen Teilen der Autobiographie, Kapitel 21 bis 42 mit den in Freiheit geschriebenen Teilen. Es folgt als Teil 3 \u201eDieter Schulz \u2013 Selbstdarstellung, Stilisierung, Auslassungen\u201c (S. 307 ff.) und als Teil 4 die Interviews mit Sascha Schulz \u00fcber seinen Vater (S. 361 ff.). Teil 5 beschreibt das \u201eMilieu\u201c und seine Schnittstellen zur \u201eguten\u201c Gesellschaft &#8211; und stammt von Dierk Sch\u00e4fer selbst (S. 401 ff.). Teil 6 ist \u00fcberschrieben mit \u201eKinder und Jugendliche in der Jugendpsychiatrie \u2013 Normen und Werte von Generation zu Generation \u2013 Transmission von Devianz (S. 413 ff). Den Schluss bilden eine Danksagung sowie zus\u00e4tzliches Material von und \u00fcber <em>Dieter Schulz<\/em>.<\/p>\n<p>Bevor man sich in die mehrere hundert Seiten Text vertieft, lohnt es, sich das kurze (13 Min.) Video anzusehen, das auf Vimeo zur Verf\u00fcgung steht \u2013 allerdings unter einem anderen Link, als im Text auf S. 14 angegeben: <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/334129436\">https:\/\/vimeo.com\/334129436<\/a>. Es macht auch die pers\u00f6nliche Verfasstheit von <em>Dieter Schulz<\/em> deutlich. Es geht um den Wunsch von <em>Schulz<\/em>, nach Kaliningrad, in seine Geburtsstadt, zur\u00fcckzukehren. 2001 besuchte <em>Schulz<\/em> zum ersten Mal Kaliningrad. Seitdem ist er h\u00e4ufig dort gewesen und hat neue Freunde gefunden. \u201e<em>Sein gro\u00dfer Wunsch ist, f\u00fcr immer nach Kaliningrad zur\u00fcck zu kehren. Zurzeit bem\u00fcht er sich um die L\u00f6schung seines Vorstrafenregisters, um eine Einb\u00fcrgerung beantragen zu k\u00f6nnen. So schlie\u00dft sich ein Lebenskreislauf. In diesen letzten Jahren, verbunden auch mit dem Einsetzen von Depressionen denkt Schulz zum ersten Mal \u00fcber die Hintergr\u00fcnde seiner Kindheit und \u201eLaufbahn\u201c nach. Er sucht Kontakt zu Menschen und Institutionen (ev. Kirche), die sich mit dem Thema \u201eKriegskinder\u201c besch\u00e4ftigen<\/em>\u201c (<strong>Dierk Sch\u00e4fer<\/strong>, S. 14).<\/p>\n<p><em>Schulz <\/em>macht sich auf eine Spurensuche. Der Film ist ein Teaser zu einem langen Dokumentarfilm, der nicht realisiert werden konnte. <strong>Dierk Sch\u00e4fer<\/strong> schreibt dazu auf Vimeo: \u201e<em>Dieter Schulz lesen und ihn sehen ist doch etwas anderes. Er hat tats\u00e4chlich in Kaliningrad wieder eine Familie gefunden, dank seiner Russischkenntnisse und seiner Verbundenheit mit diesem Land. Gern h\u00e4tte er dort seinen Lebenslauf beendet, wo er laufen gelernt hatte. Man merkt seine Ergriffenheit. Dieser Film wird ihn den Lesern seines Buches lebendig machen und eine Seite zeigen, die sonst verdeckt bliebe. Er und sein Leben sind au\u00dfergew\u00f6hnlich.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Analyse und kriminologische Einordnung des \u201eschr\u00e4gen\u201c Lebensweges liefert <strong>Dierk Sch\u00e4fer<\/strong> immer wieder zwischendurch durch Randbemerkungen und Kommentare, vor allem aber am Ende des Buches. Er geht auf das \u201eMilieu\u201c und seine Schnittstellen zur \u201eguten\u201c Gesellschaft ein (S. 401 ff.) und greift dabei auf Girtler und Gofman zur\u00fcck. <strong>Sch\u00e4fer<\/strong> betont selbst, dass in dem Buch st\u00e4ndig (seine) subjektive Betrachtungen hineinspielen, \u201ed<em>ies schon im Hauptteil mit einer Biographie, die als Autobiographie den \u00e4u\u00dferst subjektiven R\u00fcckblick auf die Denkw\u00fcrdigkeiten im Leben seines Autors pr\u00e4sentiert<\/em>\u201c (S. 402).<\/p>\n<p>Das ist aber auch gut so, und es macht gerade die besondere St\u00e4rke und Lesbarkeit dieses Buches aus. Entsprechend beschreibt <strong>Sch\u00e4fer<\/strong> im Kapitel 5 zun\u00e4chst eine Welt oder Subkultur, \u201e<em>f\u00fcr die ich kaum systematische Untersuchungen kenne<\/em>\u201c. Er schreibt dazu: \u201e<em>Ich kann mich dieser Welt eher nur feuilletonistisch und unter R\u00fcckgriff auf meine eigenen Erfahrungen zuwenden, so wie ich die Schnittstellen zu dieser Welt im Rahmen einer brav-b\u00fcrgerlichen Sozialisation wahrgenommen habe. Ich komme also aus einem anderen Milieu, nicht aus dem hier behandelten<\/em>\u201c (S. 403). Wenn <strong>Sch\u00e4fer<\/strong> dann Milieu als \u201e<em>Unterleib der Gesellschaft<\/em>\u201c betitelt (S. 405), dann wird deutlich, dass es einerseits die Faszination (auch) des Fremden und auch des B\u00f6sen ist, die uns, die wir in tats\u00e4chlich anderen Welten leben, auf dieses Milieu und die dort Lebenden schauen, in einer Mischung aus Verwunderung und Faszination fesseln<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Dies zu thematisieren, gelingt nicht vielen, <strong>Sch\u00e4fer<\/strong> gelingt es. Der Bezug zu seinem (<strong>Dierk Sch\u00e4fer\u00b4s<\/strong>) eigenem \u201ebrav-b\u00fcrgerlichen\u201c Milieu (S. 403) macht dann auch die Faszination dieses Buches aus.<\/p>\n<p>Kein Geringerer als <em>Karl Marx<\/em> hat mit leichter Ironie darauf hingewiesen, dass der ansonsten so gescholtene, gef\u00fcrchtete und verachtete Verbrecher nicht nur Verbrechen \u201eproduziert\u201c, sondern indirekt auch \u201eKunst, sch\u00f6ne Literatur, Romane und sogar Trag\u00f6dien\u201c: \u201eEin Verbrecher produziert nicht nur das Verbrechen, sondern auch das Kriminalrecht und damit auch den Professor, der Vorlesungen \u00fcber das Kriminalrecht h\u00e4lt&#8230; Der Verbrecher produziert ferner die ganze Polizei- und Kriminaljustiz&#8230; Der Verbrecher unterbricht die Monotonie und Alltagssicherheit des b\u00fcrgerlichen Lebens. Er bewahrt es somit vor Stagnation und ruft jene unruhige Spannung und Beweglichkeit hervor, ohne die selbst der Stachel der Konkurrenz abgestumpft w\u00fcrde\u201c (<em>Karl Marx,<\/em> Theorien \u00fcber den Mehrwert, I. Teil, S. 387 f.).<\/p>\n<p>Zwar ist der Lebensweg von <em>Dieter Schulz <\/em>alles andere als tats\u00e4chlich faszinierend, sondern eher bedr\u00fcckend. Dennoch werden die von ihm geschilderten Ereignisse abseits der von ihm selbst in seiner Autobiographie geschilderten emotionalen Auswirkungen eine gewisse Neugier wecken, und das ist auch gut so. Zu selten besch\u00e4ftigen sich Kriminologen tats\u00e4chlich mit individuellen Lebensl\u00e4ufen und tauchen in das Leben dieser Personen ein, wie<strong> Dierk Sch\u00e4fer<\/strong> das hier tut. Dabei w\u00fcrde uns das helfen zu verstehen, warum jemand so wird, wie er wird, warum er sich so und nicht anders verh\u00e4lt. Es w\u00fcrde auch helfen, Entscheidungen und Entwicklungen ebenso wie die Konsequenzen des Handelns staatlicher Institutionen nachzuvollziehen \u2013 und etwas vorsichtiger mit Aussagen zur \u201eNotwendigkeit\u201c bestimmter staatlicher Ma\u00dfnahmen (wie Freiheitsstrafen) zu sein.<\/p>\n<p>Auch die Polizei, so <strong>Sch\u00e4fer<\/strong>, lebt im \u00dcbrigen vom Milieu. \u201e<em>Der Leiter der Davidwache \u2026 erkl\u00e4rte uns die Spezifit\u00e4ten seines Reviers und die Usancen auf der Reeperbahn, \u2026 Dann sprach er \u00fcber die Bedeutung der Reeperbahn f\u00fcr den Hamburger Fremdenverkehr. Es sei die Aufgabe der Polizei auf der Reeperbahn Ordnung zu schaffen und er erw\u00e4hnte auch den Beischlafdiebstahl; der sei sch\u00e4dlich f\u00fcr das Ansehen der Reeperbahn insgesamt. Ich fragte ihn res\u00fcmierend, ob es also die Aufgabe der Polizei sei, daf\u00fcr zu sorgen, dass der Geschlechtsverkehr auf der Reeperbahn ordentlich vonstattengehe. Er stutzte \u2013 und sagte dann: Ja. \u2013 Hier hatte also die Polizei die Kontrolle des Milieus<\/em>\u201c (S. 405).<\/p>\n<p>Der 6. Teil des Buches mit dem Titel \u201eKinder und Jugendliche in der Jugendpsychiatrie \u2013 Normen und Werte von Generation zu Generation \u2013 Transmission von Devianz\u201c (S. 413 ff.) thematisiert dann die Auswirkungen des Lebensweges von <em>Dieter Schulz<\/em> auf seinen Sohn <em>Sascha Schulz.<\/em> Das Res\u00fcmee von Sch\u00e4fer: \u201e<em>Mit einem anderen Elternhaus h\u00e4tte Sascha Schulz bestimmt bessere Chancen gehabt. Ich hatte eine Tagung betitelt mit \u201eEltern sind Schicksal, manchmal aber auch Schicksalsschl\u00e4ge\u201c. Dieter Schulz halte ich nicht f\u00fcr einen Rabenvater. Er hat sich um seinen Sohn bem\u00fcht; der sollte nicht in\u2019s Heim; er hat ihm auch vieles nachgesehen, aber ein Leitbild f\u00fcr ein Leben ohne Legalverst\u00f6\u00dfe konnte er nicht sein. So gesehen war der Vater mit seinen Frauen ein Schicksalsschlag f\u00fcr Sascha<\/em>\u201c (S. 419).<\/p>\n<p>Im letzten Teil (und als Abschluss) findet sich dann auch ein Beitrag zur \u201etransgenerationalen Transmission von Delinquenz\u201c von <em>Helmut Kury<\/em> (S. 435 ff.), in den dieser den Forschungsstand zu famili\u00e4ren Hintergr\u00fcnden von abweichendem Verhalten darstellt und diesen Forschungsstand auf die Biographie von <em>Dieter Schulz<\/em> \u00fcbertr\u00e4gt (S. 442 ff.).<\/p>\n<p>Insgesamt ist es <strong>Dierk Sch\u00e4fer<\/strong> gelungen, ein ebenso spannendes wie aufschlussreiches Kapitel der Beschreibung und Analyse von Lebensl\u00e4ufen von Menschen, denen wir ein abweichendes Verhalten zuschreiben, vorzulegen. Es ist zu w\u00fcnschen, dass dieses Werk, obwohl es nicht in einem der \u00fcblichen Verlage erschienen ist, weite Verbreitung findet. Dabei hilft sicherlich die Tatsache, dass es online kostenlos verf\u00fcgbar ist.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Dezember 2021<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/publikationen.uni-tuebingen.de\/xmlui\/handle\/10900\/115426\">https:\/\/publikationen.uni-tuebingen.de\/xmlui\/handle\/10900\/115426<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Erg\u00e4nzung von Thomas Feltes: <em>Uli Rothfuss <\/em>hat sich in seinem Roman \u201eSch\u00e4ffer, R\u00e4uberf\u00e4nger\u201c mit eben diesem \u201eOberamtmann\u201c und Kriminalisten besch\u00e4ftigt. Ein sehr lesenswertes, leider vergriffenes Buch.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. mein Nachwort zu dem Kriminalroman von <em>Georg Tenner<\/em>, Jagd auf den Inselm\u00f6rder, Oldenburg, 2007, S. 308 &#8211; 316. <em>\u201eDurch moralische Emp\u00f6rung und wohlfeile Entr\u00fcstung, die auch \u00f6ffentlich kundgetan wird, best\u00e4tigen wir uns immer wieder, dass wir nicht so sind wie \u201edie da \u201c. Und mit der Forderung nach immer h\u00e4rteren Strafen bek\u00e4mpfen wird die kleinen Teufel in uns, die selbst gerne einmal b\u00f6se sein m\u00f6chten. Ein Gutteil der b\u00fcrgerlichen Strafbed\u00fcrfnisse kann so erkl\u00e4rt werden, denn eine rationale Begr\u00fcndung f\u00fcr diese Bed\u00fcrfnisse kann es bei \u201eaufgekl\u00e4rten\u201c B\u00fcrgern nicht geben\u201c.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dierk Sch\u00e4fer, Devianz als Schicksal? Die kriminelle Karriere des Dieter Schulz. 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