{"id":1775,"date":"2022-02-05T16:26:35","date_gmt":"2022-02-05T15:26:35","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1775"},"modified":"2022-02-05T16:28:25","modified_gmt":"2022-02-05T15:28:25","slug":"christian-barthel-hrsg-proaktive-polizeiarbeit-als-fuehrungs-und-managementaufgabe-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1775","title":{"rendered":"Christian Barthel (Hrsg.): Proaktive Polizeiarbeit als F\u00fchrungs- und Managementaufgabe. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christian Barthel (Hrsg.): Proaktive Polizeiarbeit als F\u00fchrungs- und Managementaufgabe<\/strong>. Grundlagen &#8211; Praxis \u2013 Perspektiven. Springer Gabler, Wiesbaden 2021, Softcover ISBN: 978-3-658-34200-5, 54,99 Euro, e-book ISBN: 978-3-658-34201-2, 42,99 Euro.<\/p>\n<p><em>\u201eB\u00fcrgerorientierung, eine pr\u00e4ventive und proaktive Polizeiarbeit geh\u00f6rt heute zum Selbstverst\u00e4ndnis der Polizei. Auf allen F\u00fchrungsebenen der Polizeiorganisation bis hinauf zu den Funktionsspitzen der Sicherheitspolitik in Bund und L\u00e4ndern wird dieses Credo kommuniziert. Neben dem objektiven Kriminalit\u00e4tsaufkommen und der repressiven Bek\u00e4mpfung von Straftaten gilt die pr\u00e4ventive Gefahrenabwehr und die Orientierung am subjektiven Sicherheitsempfinden der B\u00fcrger als ein zentrales Handlungsfeld der Polizei<\/em>.\u201c Mit diesen S\u00e4tzen beginnt das Vorwort von <strong><em>Barthel<\/em><\/strong> in dem von <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1777 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Barthel.jpg\" alt=\"\" width=\"163\" height=\"233\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Barthel.jpg 913w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Barthel-105x150.jpg 105w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Barthel-718x1024.jpg 718w\" sizes=\"(max-width: 163px) 100vw, 163px\" \/>ihm herausgegebenen Sammelband. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um Polizeigewalt und rechte Netzwerke in der Polizei mutet der Band etwas aus der Zeit gefallen an \u2013 bei den oftmals heute leider \u00fcblichen Vorl\u00e4ufen von zwei bis drei Jahren f\u00fcr solche Sammelb\u00e4nde kein Wunder. Dennoch lohnt die Lekt\u00fcre des Bandes, auch und weil die Beitr\u00e4ge interdisziplin\u00e4r angelegt sind und Theorie und Praxis miteinander verbunden werden \u2013 zumindest in den meisten der Beitr\u00e4ge.<!--more--><\/p>\n<p><strong><em>Barthel <\/em><\/strong>schr\u00e4nkt seine eigene Aussage dann auch gleich wieder ein, wenn er wenig sp\u00e4ter schreibt: \u201e<em>Die gepflegte Semantik der B\u00fcrgerorientierung und der Pr\u00e4vention spielt im Alltag polizeilicher Dienststellen oft genug eine Nebenrolle. In unfreundlicher Zuspitzung k\u00f6nnte man sagen: Die Rede von der B\u00fcrgerorientierung dient zur Dekoration der Au\u00dfen- und Schauseite der Organisation, und die operative Besch\u00e4ftigung mit der konkreten Pr\u00e4ventionsarbeit, dem Dialog mit B\u00fcrgern und Sicherheitspartnern, wird an die stellenm\u00e4\u00dfig gering ausgestatteten Kontaktbereichsbeamten delegiert<\/em>\u201c. Jeder, der sich (wie der Rezensent) in den 1990er und 2000er Jahren mit dem Thema \u201eKommunale Kriminalpr\u00e4vention\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> besch\u00e4ftigt hat, wird dieser Aussage zustimmen. Wenn man so will, dann hat es 30 Jahre gedauert, bis erkannt wurde, dass die Polizei ohne eine stringente B\u00fcrgerorientierung nicht erfolgreich Straftaten ermitteln und vor allem nicht die demokratische Verortung erreichen kann, die f\u00fcr sie als Gewaltmonopolisten des Staates notwendig ist.<\/p>\n<p>Das zentrale Anliegen des Herausgeberwerkes, so <strong><em>Barthel<\/em><\/strong>, sei es, die besondere F\u00fchrungs- und Managementleistung der verantwortlichen Dienststellenleitung, die f\u00fcr die Gew\u00e4hrleistung einer dauerhaften, proaktiv-b\u00fcrgerorientierten Polizeiarbeit notwendig ist, herausstellen. Ausgegangen werde von den \u201e<em>grunds\u00e4tzlichen Ver\u00e4nderungen im Politikfeld der Inneren Sicherheit, die unter der \u00dcberschrift \u201eNeue Sicherheit\u201c skizziert werden. Die Neue Sicherheit erweist sich als Ausgangs- und Bezugspunkt f\u00fcr polizeiliche Konzepte seit den 1990er-Jahren, die innerhalb der Polizeiorganisation gleichsam in Konkurrenz zu den klassischen, d. h. eher staatsorientierten, reaktiv-repressiven Policing-Strategien treten<\/em>\u201c (S. 4). Diese Konzepte einer b\u00fcrgerorientierten, proaktiv-pr\u00e4ventiven Polizeiarbeit finden \u201e<em>ihren operativen Ausdruck in einer konsequenten Sozialraumorientierung \u2013 der polizeipraktischen Ausgestaltung des \u201eCommunity Policing\u201c oder der gemeinwesenorientierten Polizeiarbeit. Als Bedingung der M\u00f6glichkeit und Verankerung eines solchen Community Policing erweist sich schlie\u00dflich eine Dienststellenentwicklung, die als Schwerpunkt des F\u00fchrungs- und Managementhandelns des h\u00f6heren Dienstes beschrieben wird<\/em>\u201c (aaO.).<\/p>\n<p>Das Inhaltsverzeichnis zum Buch findet sich <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007\/978-3-658-34201-2\">hier<\/a>. Die Beitr\u00e4ge werden in drei Themenfelder gruppiert. Themenfeld 1 (\u201e<em>Konzeptionelle Grundlagen proaktiver Polizeiarbeit<\/em>\u201c) behandelt die organisationstheoretischen, rechtlichen, polizei- und politikwissenschaftlichen Fundamente der b\u00fcrgerorientierten, proaktiven Polizeiarbeit. Themenfeld 2 (\u201e<em>Die Praxis proaktiver Polizeiarbeit und die Relevanz der Dienststellenentwicklung<\/em>\u201c) ist der Schwerpunkt des vorgelegten Bandes; hier berichten reflektierte Praktiker aus ihrer spartenspezifischen Perspektive, was B\u00fcrgerorientierung ganz praktisch hinsichtlich der Ausrichtung der Dienststellen bzw. Basisorganisationseinheiten bedeutet. Themenfeld 3 (\u201e<em>Polizeiwissenschaftliche Perspektiven<\/em>\u201c) sollen die Erfahrungen aus der praktischen Arbeit proaktiver Polizeiarbeit abrunden.<\/p>\n<p>Insgesamt sollen die Beitr\u00e4ge deutlich machen, \u201e<em>welchen entscheidenden Stellenwert F\u00fchrung und Management f\u00fcr den Erfolg b\u00fcrgerorientierter Polizeiarbeit haben. F\u00fchrung und Management, insbesondere auf der Leitungsebene von Polizeiinspektionen, Revieren, Kommissariaten \u2013 also den Basisorganisationseinheiten der Polizei in der Fl\u00e4che \u2013 sind gleichsam die Bedingungen der M\u00f6glichkeit einer b\u00fcrgerorientierten, pr\u00e4ventiven und proaktiven Polizeiarbeit. Die F\u00fchrungskr\u00e4fte des h\u00f6heren Dienstes m\u00fcssen hier die treibende Kraft f\u00fcr eine strategische Ausrichtung und Entwicklung der Dienststelle sein, die erst die B\u00fcrgerorientierung als klugen Mix des gesamten polizeilichen Interventionsrepertoires operativ gew\u00e4hrleistet<\/em>\u201c (S. VII). Tats\u00e4chlich finden sich solche Beitr\u00e4ge vor allem im zweiten Teil des Bandes, w\u00e4hrend eher allgemeine Beitr\u00e4ge vorangestellt werden. Aber auch diese sind, teilweise zur Hinf\u00fchrung zum Thema, teilweise zur Vertiefung, sinnvoll und notwendig. Die \u201e<em>polizeiwissenschaftlichen Perspektiven<\/em>\u201c, abgebildet mit drei Beitr\u00e4gen im dritten Teil des Bandes, kommen 8wieder einmal?) zu kurz und zudem wei\u00df man nicht so genau, wie man diese Beitr\u00e4ge einordnen soll.<\/p>\n<p>Die Praxisorientierung mag als Ziel angestrebt worden zu sein; zumindest in einigen Beitr\u00e4gen hat man aber das Gef\u00fchl, dass die Autoren sich doch etwas unkritisch und abseits der gesellschaftlichen Realit\u00e4t bewegen. Wenn bspw. <strong><em>B\u00fcrger<\/em><\/strong> in seinem Beitrag zur \u201e<em>B\u00fcrgerorientierung bei Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten<\/em>\u201c (S. 233 ff.) zeigen will, \u201e<em>wie sich die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten \u00fcber die letzten Jahrzehnte weiterentwickelt haben und wie die B\u00fcrgerorientierung zum Organisationsziel und somit auch zum fundamentalen Baustein f\u00fcr Personalauswahl, Personalentwicklung, aber auch der Einsatztaktik dieser Einheiten geworden ist<\/em>\u201c, dann spricht dies den vielf\u00e4ltig-anderen Erfahrungen von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern eher Hohn, die im Demonstrations- oder Fu\u00dfballalltag mit solchen Einheiten konfrontiert wurden. Generell h\u00e4tte hier und da eine etwas kritischer Sicht auf die Dinge gut getan, so wie es <strong><em>Barthel<\/em><\/strong> selbst gelingt in seinem Beitrag \u201e<em>Was hei\u00dft b\u00fcrgerorientierte Polizeiarbeit in einem linksalternativen Stadtteil? Das Beispiel Leipzig- Connewitz<\/em>\u201c (S. 253 ff.). Ebenso w\u00e4re eine stringentere Auswahl der Beitr\u00e4ge an dem selbstgesteckten Ziel \u2013 das allerdings, und dies ist positiv anzumerken \u2013 von den meisten Autor*innen verfolgt und auch erreicht wird, hilfreich gewesen.<\/p>\n<p>Insgesamt aber ein Band, den zu lesen sich lohnt \u2013 wobei zu hoffen bleibt, dass die Inhalte nicht nur an den Polizeihochschulen gelehrt werden, sondern auch im Alltag praktiziert werden. Eine entsprechende empirische Bestandsaufnahme steh leider noch immer aus, so wie sich Polizei generell schwer tut, ihre eigene Arbeit unabh\u00e4ngig und wissenschaftlich evaluieren zu lassen.<\/p>\n<p>Nur am Rande (und am Ende) ein kleiner Hinweis: Das als \u201e<em>Autorenverzeichnis<\/em>\u201c deklarierte \u00dcbersicht am Anfang des Buches (S. XVII f.) ist nicht nur redundant (\u201e<strong><em>Frevel<\/em><\/strong>\u201c wird zweimal aufgef\u00fchrt, der Herausgeber <strong><em>Barthel<\/em><\/strong> sogar dreimal), sondern auch unterschiedlich aussagekr\u00e4ftig. Mal wird der T\u00e4tigkeitsbereich der Autoren genannt, mal nicht, dabei ist die Tatsache, ob ein Autor aus Hamburg oder M\u00fcnchen stammt, sicherlich weniger interessant als sein praktisches oder theoretisches Arbeitsgebiet, das leider bei den meisten Autor*innen verschwiegen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Februar 2022<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Einige Ver\u00f6ffentlichungen aus dieser Zeit stehen kostenlos auf dieser Website zur Verf\u00fcgung: <a href=\"http:\/\/www.felix-verlag.de\/index.php\/empirische-polizeiforschung\">http:\/\/www.felix-verlag.de\/index.php\/empirische-polizeiforschung<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Barthel (Hrsg.): Proaktive Polizeiarbeit als F\u00fchrungs- und Managementaufgabe. Grundlagen &#8211; Praxis \u2013 Perspektiven. 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