{"id":182,"date":"2015-10-26T10:36:13","date_gmt":"2015-10-26T09:36:13","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=182"},"modified":"2016-03-03T11:53:54","modified_gmt":"2016-03-03T10:53:54","slug":"martina-klausner-choreografien-psychiatrischer-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=182","title":{"rendered":"Martina Klausner &#8211; Choreografien psychiatrischer Praxis"},"content":{"rendered":"<p>332)<br \/>\n<strong><em>Klausner, Martina<\/em>; Choreografien psychiatrischer Praxis; <\/strong>Eine ethnografische Studie zum Alltag in der Psychiatrie. Bielefeld, Transcript-Verlag, 2015, 344 Seiten, ISBN 978-3-8376-3065-7, 37,99 Euro<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/klausner_choreografien.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-183 size-medium alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/klausner_choreografien-198x300.png\" alt=\"klausner_choreografien\" width=\"99\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/klausner_choreografien-198x300.png 198w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/klausner_choreografien.png 200w\" sizes=\"(max-width: 99px) 100vw, 99px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p>Psychiatrie wie Strafvollzug sind f\u00fcr viele Au\u00dfenstehende eine \u201eBlack Box\u201c. Man vermeidet den Gedanken daran (\u00e4hnlich wie bei Krankenh\u00e4usern und Hospizen) und mag sich gar nicht genau vorstellen, was dort passiert. Und selbst wenn man dies m\u00f6chte, dann gibt es wenige M\u00f6glichkeiten, sich ein direktes und unverf\u00e4lschtes Bild von dem zu verschaffen, was bspw. in der Psychiatrie passiert. <!--more--><\/p>\n<p>Damit sind nicht die immer wieder (leider) angebotenen \u201eZoobesuche\u201c gemeint, die f\u00fcr die Patienten meist l\u00e4stig, f\u00fcr die Besucher wenig aufschlussreich sind, sieht man einmal von optischen Eindr\u00fccken oder inhaltlich intensiven und gef\u00fchrten Besuchen in kleiner Gruppe ab.<\/p>\n<p>Umso wichtiger sind Beschreibungen aus dem Innenleben dieser Einrichtungen. Selbstberichte gibt es dabei durchaus, bessere und schlechtere. Bislang eher selten sind systematische und strukturierte Beobachtungen, wie sie Martina Klausner in ihrem Buch nun vorlegt. Sie hat \u00fcber vier Jahre hinweg immer wieder eine psychiatrische Anstalt besucht, sich dort jeweils l\u00e4nger aufgehalten und mit Hilfe von Methoden der Kultur- und Sozialanthropologie ihre Beobachtungen strukturiert und analysiert. Herausgekommen bei dieser Feldforschung ist ein gleicherma\u00dfen intensiver wie analytisch wertvoller Bericht, der Einsichten in das geschlossene System Psychiatrie vermittelt. Klausner geht dabei vor allem der Frage nach, wie versucht wird, Menschen, die tief in die Krise geraten sind, durch die in der Klinik eingesetzten Praktiken der Behandlung soweit zu stabilisieren, dass sie wieder in ihre Lebenswelt au\u00dferhalb der Institution zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen (S. 13). Von \u201eHeilung\u201c ist da keine Rede, eher von fit machen f\u00fcr die harte Realit\u00e4t, R\u00fcckkehr in die Klinik eingeschlossen.<\/p>\n<p>Neben dem hohen methodischen Anspruch, den das Buch verfolgt (und einl\u00f6st) sind die auf den ersten Blick ganz allt\u00e4glichen Beobachtungen aus der Klinik das, was das Buch so lesenswert macht. F\u00fcr Studierende (einschl. Doktoranden) lohnt der Blick auf und in die Methodik besonders, da Klausner hierauf besonderen Wert legt. F\u00fcr methodisch weniger Interessierte d\u00fcrften es die Schilderungen des Alltags und ihre Analysen sein, die fesseln.<\/p>\n<p>Auch fernab des konkreten Bezuges ist beispielsweise die Fragestellung, wie und woher Wissen in den Anstaltshandlungen generiert wird, welche Rolle dabei das Setting spielt und welches Wissen als \u201elegitim\u201c angesehen wird (S. 15). Wie wird \u201ePsychiatrie-Machen\u201c gelernt, das ist eine der Fragen, denen die Autorin nachgeht und die man 1:1 auch auf andere Bereiche (wie das Polizieren) \u00fcbertragen kann. Ja, vieles wird einem dabei sogar bekannt vorkommen, wenn man liest, wie die Psychiatrie als Institution nicht nur die Patienten ver\u00e4ndert sondern auch die dort T\u00e4tigen. Die Polizei als durchaus vergleichbare \u201egeschlossene Gesellschaft\u201c hat \u00e4hnliche Auswirkungen auf die Akteure.<\/p>\n<p>Eindrucksvoll beschreibt die Autorin, wie sich das individuell-institutionelle Wissen bei den Akteuren mehr oder weniger von ihnen bemerkt andockt und wie die Patienten wissen, wie sie mit diesem Wissen und den daraus folgenden Abl\u00e4ufen (z.B. bei der Behandlungsplan- oder Prognoseerstellung oder der Erstellung des Befundes) umzugehen haben. \u00c4rzte, fr\u00fchere Befunde und Aufenthalte in der Psychiatrie hinterlassen Spuren, die nicht nur in der Aktenkarriere nachvollziehbar sind, sondern auch unmittelbare Verhaltens-Spuren bei den Betroffenen beobachtbar machen.<\/p>\n<p>Aus vielen Befunderstellungen und psychiatrischen Erfahrungen erw\u00e4chst der \u201epsychiatrische Blick\u201c: \u201eAm Ende reicht ein Blick, um eine Verdachtsprognose zu stellen\u201c (S. 97) \u2013 und dieser Verdachtsprognose wird erst einmal bis zum Beweis des Gegenteils gefolgt. Nur: Wer soll das Gegenteil beweisen? Parallelen zur polizeilichen \u201eBefunderstellung\u201c und Verdachtsgewinnung sind dabei ganz offensichtlich. Ebenso die Tatsache, dass fast nichts davon aus dem Studium resultiert. \u201ePsychiatrie machen\u201c lernt man \u00e4hnlich wie Polizieren in (und von) der Praxis. Dessen bewusst zu sein und darauf zu reagieren ist im \u00dcbrigen die gro\u00dfe Herausforderung fast aller universit\u00e4ren Studieng\u00e4nge. Nur wird es selten so deutlich beschrieben und analysiert wie hier.<\/p>\n<p>Nachdenkenswert (und auf polizeiliches Handeln durchaus \u00fcbertragbar) ist \u00fcbrigens auch der Vergleich des Agierens in der Psychiatrie mit der Choreografie eines Tanzes, den die Autorin (S. 61) zieht. \u00c4hnlich wie bei Tanzschritten, so sind auch die Alltagshandlungen in der Psychiatrie nicht explizit vorgegeben, sie werden durch Lernen am Modell (andere \u00c4rzte, Psychologen, Pfleger) und im Modell (der Anstalt) \u00fcberliefert. Dabei werden diese Abl\u00e4ufe immer wieder neu justiert, allerdings so sachte, dass sich die Beteiligten dessen meist gar nicht bewusst sein d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Insgesamt ein nicht leicht lesbares Buch, aber ein wichtiges.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Oktober 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>332) Klausner, Martina; Choreografien psychiatrischer Praxis; Eine ethnografische Studie zum Alltag in der Psychiatrie. Bielefeld, Transcript-Verlag, 2015, 344 Seiten, ISBN 978-3-8376-3065-7, 37,99 Euro Psychiatrie wie Strafvollzug sind f\u00fcr viele Au\u00dfenstehende eine \u201eBlack Box\u201c. Man vermeidet den Gedanken daran (\u00e4hnlich wie bei Krankenh\u00e4usern und Hospizen) und mag sich gar nicht genau vorstellen, was dort passiert. 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