{"id":1829,"date":"2022-08-12T15:12:19","date_gmt":"2022-08-12T13:12:19","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1829"},"modified":"2022-08-12T15:15:17","modified_gmt":"2022-08-12T13:15:17","slug":"guenter-frankenberg-wilhelm-heitmeyer-hg-treiber-des-autoritaeren-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1829","title":{"rendered":"G\u00fcnter Frankenberg, Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Treiber des Autorit\u00e4ren. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>G\u00fcnter Frankenberg, Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Treiber des Autorit\u00e4ren. <\/strong>Pfade von Entwicklungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Campus-Verlag Frankfurt 2022, ISBN 9783593516073, 532 Seiten, 45.- Euro (auch als E-Book verf\u00fcgbar)<\/p>\n<p>Der Band besch\u00e4ftigt sich mit der Frage, welche Wege autorit\u00e4re Entwicklungen im fr\u00fchen 21. Jahrhundert genommen haben und welche Faktoren f\u00fcr dieser Entwicklung <img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1830 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/9783593516073.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"233\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/9783593516073.jpg 600w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/9783593516073-120x150.jpg 120w\" sizes=\"(max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/>ma\u00dfgeblich waren. Seine aktuelle Bedeutung ergibt sich auch aus der Tatsache, dass in den letzten beiden Jahrzehnten auch in westlichen Gesellschaften vermehrt autorit\u00e4re Versuchungen in Teilen der Bev\u00f6lkerung sichtbar geworden sind. Zugleich haben sich autorit\u00e4re Bewegungen und Parteien in zahlreichen L\u00e4ndern herausgebildet und an Einfluss gewonnen. Schlie\u00dflich lassen sich in staatlichen Institutionen autorit\u00e4re Aktivit\u00e4ten nachweisen, wozu rassistische Entwicklungen geh\u00f6ren (auch in der Polizei), die <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/nachrichten\/n\/anklage-fuenf-polizisten-frankfurt-rassistische-chats-volksverhetzung-nsu-2-0\/\">aktuell wieder einmal thematisiert<\/a> werden, und an denen <a href=\"https:\/\/www.hessenschau.de\/panorama\/rechte-chats-bei-frankfurter-polizei-drei-beschuldigte-waren-fuehrungskraefte,polizisten-konsequenzen-100.html\">auch F\u00fchrungskr\u00e4fte beteiligt<\/a> sind.<!--more--><\/p>\n<p>Die Herausgeber des Bandes verzeichnen \u201e<em>gravierende Bedrohungen pluralistischer Gesellschaften und moderner Demokratien. Diese zu identifizieren und zu erkl\u00e4ren sind das Ziel dieses Buches, das nur \u00fcber mehr- und interdisziplin\u00e4re Zug\u00e4nge erreicht werden kann<\/em>\u201c (S. 9). Es geht ihnen dabei konkret um folgende Fragen:<\/p>\n<p><em>\u201eWie empirisch evident und nachhaltig sind die Erscheinungsweisen autorit\u00e4rer Entwicklungen in modernen Gesellschaften? Welche historischen und \u00f6konomischen Hintergr\u00fcnde tragen zur Erkl\u00e4rung der aktuellen Entwicklungsprozesse bei? Welche soziologischen, politik- und rechtswissenschaftlichen, sozialpsychologischen, philosophischen und medienwissenschaftlichen Erkenntnisse k\u00f6nnen herangezogen werden, um die diversen autorit\u00e4ren Mechanismen aufzudecken die auf das gesellschaftliche Leben einwirken und auf Arbeitsbeziehungen und Geschlechterverh\u00e4ltnisse ausstrahlen?<\/em>\u201c (aaO.).<\/p>\n<p>Die Autor*innen fragen, ob es soziale, \u00f6konomische oder politische Krisen sind, die f\u00fcr diese Entwicklungen verantwortlich sind und\/oder ob \u201e<em>die Kontrollinteressen des Finanzkapitals oder Defizite der Demokratie<\/em>\u201c daf\u00fcr verantwortlich sind. Mit ihrem interdisziplin\u00e4ren Ansatz und international vergleichend liefern sie eine zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt wohl ziemlich einmalige Analyse der aktuellen Entwicklungen, die uns alle angehen und angehen m\u00fcssen, denn die autorit\u00e4ren Entwicklungen in pluralistischen Gesellschaften und modernen Demokratien k\u00f6nnen und d\u00fcrfen nicht \u00fcbersehen werden und sie d\u00fcrfen nicht ohne Reaktion bleiben.<\/p>\n<p>Der Sammelband liefert einerseits breit angelegte theoretische und empirische Analysen, andererseits werden sehr konkret die Risiken und Nebenwirkungen der aktuellen Entwicklungen im Zusammenhang mit der Ent- oder De-Demokratisierung von Gesellschaften benannt. Die Beitr\u00e4ge kn\u00fcpfen an \u00f6konomische, politische und gesellschaftliche Entwicklungen an, thematisieren aber auch die Covid-19-Krise. Es geht letztlich um nicht weniger als die Gef\u00e4hrdungen der offenen Gesellschaft und der liberalen Demokratie. Daher richtet sich der zentrale Blick des Buches auf rechtsautorit\u00e4re und rechtsextremistische Bewegungen und Parteien.<\/p>\n<p>In ihrem einleitenden Beitrag \u201e<em>Autorit\u00e4re Entwicklungen. Bedrohungen pluralistischer Gesellschaften und moderner Demokratien in Zeiten der Krisen<\/em>\u201c gehen die Herausgeber G\u00fcnter Frankenberg und Wilhelm Heitmeyer genau auf diese Problematik ein. Sie konstatieren, dass seit den Krisen der letzten beiden Jahrzehnte in westlichen Gesellschaften vermehrt und deutlicher autorit\u00e4re Versuchungen zu beobachten sind, denen unterschiedliche Teile der Bev\u00f6lkerung nachgegeben haben. \u201e<em>Zugleich haben autorit\u00e4re Bewegungen, Parteien und Regime weltweit an politischem und kulturellem Einfluss gewonnen. Allerdings ist Autoritarismus eine Thematik und Problematik nicht nur von h\u00f6chst aktueller Bedeutung, sondern meldet sich immer wieder, wenngleich weniger sichtbar und eher schleichend, ausserhalb krisenhaft zugespitzter Situationen wie zuletzt des im Februar und M\u00e4rz 2022 vom russischen Diktator Putin gegen die Ukraine gef\u00fchrten Angriffskrieges zu Wort, zum Beispiel im Prozess der Globalisierung, bei geregelten Arbeitsk\u00e4mpfen oder Verteilungskonflikten\u201c <\/em>(S. 15).<\/p>\n<p>Dabei geht es sowohl um offenliegende, als auch um verdeckte autorit\u00e4re Agenden, Bestrebungen und Einstellungen auf den Ebenen der strategischen Allianzen zwischen Organisationen (Staaten), von Gruppen als Akteuren in organisationellen Netzwerken (Parteien, Verb\u00e4nden, Beh\u00f6rden) und der sozialen Interaktion von Akteuren innerhalb von Netzwerken (Familie, Arbeitsgruppen).<\/p>\n<p>Die Herausgeber weisen in ihrem einleitenden Beitrag darauf hin, dass die autorit\u00e4ren Entwicklungen im 21. Jahrhundert nicht aus dem Nichts kommen, weil sie sich einbetten lassen in zeithistorische und aktuelle Zusammenh\u00e4nge (S. 16). Das ist im Prinzip und mit Stand jetzt betrachtet sicherlich richtig. Aber f\u00fcr jemanden wie den Rezensenten, der zwischen 1971 und 1992 an den Universit\u00e4ten Bielefeld, Hamburg und Heidelberg studiert und gearbeitet hat, ist es ern\u00fcchternd zu sehen, wo wir heute stehen. Zum damaligen Zeitpunkt, und insbesondere nach dem Fall der Mauer 1989 waren wir (fast) alle davon \u00fcberzeugt, dass die Demokratie die Staatsform der Wahl ist, wenn auch mit unterschiedlichen Facetten und Auspr\u00e4gungen. Im Rahmen der Demokratisierungsbestrebungen, an denen der Rezensent f\u00fcr Europarat, OSZE, UN u.a. im Zusammenhang mit Polizeireformen in rund einem Dutzend L\u00e4nder (auch) des ehemaligen Osteuropa, einschl. Russlands, beteiligt war, hatte man die (allerdings schon damals zunehmend geringer werdende) Hoffnung, dass sich die Polizeien und mit ihnen die Sicherheitslage in diesen Staaten der Demokratisierung anpassen w\u00fcrden. Inzwischen wissen wir, dass dies nicht der Fall war und ist, wenn wir beispielsweise auf Bosnien oder den Kosovo blicken. Unsere Hoffnungen waren verfr\u00fcht, wurden geweckt durch demokratische Strohfeuer, die nicht dauerhaft anhielten.<\/p>\n<p>Zwar war das 20. Jahrhundert insgesamt betrachtet ein \u201eZeitalter der Extreme\u201c (Hobsbawn<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>) und es wurde schon das \u201eEnde der Geschichte\u201c (Fukuyama<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>) beschrieben. Jetzt und seit einiger Zeit steht das Thema der \u201eneuen autorit\u00e4re Systemkonkurrenz\u201c auf der Tagesordnung (S. 17). Die \u00f6konomische Globalisierung, eine neoliberale Wirtschaftspolitik, Austerity-Ma\u00dfnahmen und ein immer anonymer werdender Finanzkapitalismus pr\u00e4gen die aktuellen Entwicklungen \u2013 und dies vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges und der durch den Klimawandel hervorgerufenen Ver\u00e4nderungen. Keine gute Ausgangsposition f\u00fcr den Rest des 21. Jahrhunderts, das man durchaus mit Dahrendorf als \u201eJahrhundert des Autoritarismus\u201c beschreiben kann (Dahrendorf<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>).<\/p>\n<p>Auch wenn Frankenberg, Heitmeyer und andere an mehreren Stellen des Buches betonen, dass ein \u201eapokalyptischer Ton\u201c nicht angebracht und wenig hilfreich sei, bleibt eine eher grundpessimistische Stimmung, die nicht zuletzt durch politische Entfremdung und Vertrauensverluste in die Demokratie und ihre Institutionen (darunter auch die Polizei) gepr\u00e4gt sind.<\/p>\n<p>Die in diesem Band vorlegten Analysen der aktuellen Entwicklungen sind durchg\u00e4ngig gleicherma\u00dfen wissenschaftlich belegt wie im Ergebnis erschreckend. Sie deuten darauf hin, dass soziale Ungleichheit (die gegenw\u00e4rtig \u2013 August 2022 &#8211; und in Anbetracht der \u201eEnergiekrise\u201c noch massiv zunimmt) und gesellschaftliche Desintegration auch, aber nicht nur der Fl\u00fcchtlinge und Migranten zu einem wachsenden Gef\u00fchl relativer Deprivation f\u00fchren. Ungerechtigkeit in der Gesellschaft wird nicht nur subjektiv wahrgenommen, sondern ist auch objektiv nachweisbar.<\/p>\n<p>Demokratieentleerung und demokratische Regression geh\u00f6ren zu den Ph\u00e4nomenen, denen sich die Herausgeber und Autor*innen in diesem Band widmen; einem Band, dessen Lekt\u00fcre f\u00fcr alle Pflicht ist, denen die Entwicklung unseres demokratischen Gemeinwesens nicht gleich ist, die wissen wollen, warum was passiert und wie man darauf ggf. noch reagieren kann. Denn \u00e4hnlich wie beim Klimawandel gibt es auch beim Zerfall der Demokratie einen \u201epoint of no return\u201c, ab dem die Entwicklungsdynamik nicht mehr aufzuhalten ist. So sinkt seit vielen Jahren in fast allen L\u00e4ndern das Vertrauen in und die Unterst\u00fctzung der Demokratie als Staatsform<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>, und die sog. \u201eilliberalen\u201c oder \u201edefekten\u201c Demokratien nehmen st\u00e4ndig zu (dazu ausf\u00fchrlich der Beitrag von Z\u00fcrn in dem Band ab S. 89). Abwarten hilft dabei nicht, wir m\u00fcssen handeln, und wir m\u00fcssen alle Handlungen staatlicher Institutionen, die das Vertrauen in unseren Staat gef\u00e4hrden, benennen, transparent aufarbeiten und abstellen.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, August 2022<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Eric Hobsbawn, Das Zeitalter der Extreme, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, M\u00fcnchen 1998.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte, M\u00fcnchen 1992.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ralf Dahrendorf, An der Schwelle zum autorit\u00e4ren Jahrhundert. Die Globalisierung und ihre sozialen Folgen werden zur n\u00e4chsten Herausforderung einer Politik der Freiheit, in Die Zeit 14.11.1997, S. 14-15.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> S. Dazu auch meinen Beitrag: \u201eDie \u201eGerman Angst\u201c. Woher kommt sie, wohin f\u00fchrt sie? Innere vs. gef\u00fchlte Sicherheit. Der Verlust an Vertrauen in Staat und Demokratie\u201c, in Neue Kriminalpolitik 1, 2019, S. 3-12.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00fcnter Frankenberg, Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Treiber des Autorit\u00e4ren. Pfade von Entwicklungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. 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