{"id":1871,"date":"2022-11-11T15:43:45","date_gmt":"2022-11-11T14:43:45","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1871"},"modified":"2022-11-11T15:43:45","modified_gmt":"2022-11-11T14:43:45","slug":"weissmann-martin-organisiertes-misstrauen-und-ausdifferenzierte-kontrolle-zur-soziologie-der-polizei-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1871","title":{"rendered":"Wei\u00dfmann, Martin: Organisiertes Misstrauen und ausdifferenzierte Kontrolle. Zur Soziologie der Polizei. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wei\u00dfmann, Martin: Organisiertes Misstrauen und ausdifferenzierte Kontrolle. Zur Soziologie der Polizei.<\/strong> Springer VS-Verlag Wiesbaden 2022 ISBN Softcover: 978-3-658-39226-0, ISBN e-book: 978-3-658-39227-7, 436 S., E-Book als Open Access kostenlos, Softcover Euro 42,79 Euro.<\/p>\n<p>Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universit\u00e4t Bielefeld und legt in seinem Buch theoretische Synthesen zu zentralen Themen der interdisziplin\u00e4ren Polizeiforschung vor. Er leistet, so der <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007\/978-3-658-39227-7#bibliographic-information\">Verlag<\/a>, \u201eeinen Beitrag zur Integration dieser ansonsten oft <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1872 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Unbenannt.jpg\" alt=\"\" width=\"203\" height=\"284\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Unbenannt.jpg 825w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Unbenannt-107x150.jpg 107w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Unbenannt-733x1024.jpg 733w\" sizes=\"(max-width: 203px) 100vw, 203px\" \/>empiristischen Forschung in die st\u00e4rker theorieorientierte Soziologie\u201c. Dabei ist das Buch aber bei weitem nicht so theoretisch, wie es hier angek\u00fcndigt wird.<!--more--><\/p>\n<p>Wei\u00dfmann schl\u00e4gt in der Arbeit, mit der er 2021 an der <a href=\"https:\/\/ekvv.uni-bielefeld.de\/pers_publ\/publ\/PersonDetail.jsp?personId=35039106#curriculum_vitae\">Universit\u00e4t Bielefeld<\/a> promovierte, vor, (Kriminal-)Polizeien als Fall misstrauischer Sozialsysteme zu analysieren. Wie beispielsweise auch Geheimdienste oder der Investigativjournalismus seien sie auf die Gewinnung von Informationen \u00fcber eine Umwelt spezialisiert, welche dies durch Prozesse des Verbergens und T\u00e4uschens erschwert. Auch wenn dies nicht \u201eimmer und \u00fcberall\u201c zutreffen d\u00fcrfte (es gibt auch Straftaten, die relativ offen begangen werden, teilweise sogar unten den Augen der Polizei), so macht der Ansatz doch deutlich, dass das Suchen nach belastenden Informationen quasi genetisch in der Institution Polizei verankert ist \u2013 was bspw. dazu dienen kann und muss, die Bereiche Pr\u00e4vention oder die b\u00fcrgernahe Polizeiarbeit zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Das Buch behandelt zun\u00e4chst die (Vor-)Geschichte polizeilicher Ermittlungsarbeit in Europa als Fall der Ausdifferenzierung, Professionalisierung und Organisationswerdung sozialer Kontrolle (untersucht an den F\u00e4llen Englands im 18. Jahrhundert sowie der Kriminalpolizeien in Paris um 1820 und Berlin um 1920). Die anschlie\u00dfenden Kapitel widmen sich der Arbeit von Polizisten mit Informanten und an Beschuldigten (in der Vernehmung) als Fall des Kontakts einer organisationalen Grenzrolle mit formal nicht zur Kooperation verpflichteten Nichtmitgliedern der Organisation. Und schlie\u00dflich analysiert der Autor den polizeilichen Korpsgeist als Fall einer kollegialen Versicherungsgemeinschaft gegen die individuelle Verantwortlichkeit f\u00fcr Fehler bei der Arbeit.<\/p>\n<p>Der Anspruch des Autors ist, \u00dcbersetzungsarbeit zwischen zwei Bereichen sozialwissenschaftlicher Forschung zu leisten: Der zeitgen\u00f6ssischen, nur durch ihren Gegenstandsbezug integrierten, empiristischen Polizeiforschung auf der einen Seite und einigen st\u00e4rker theorieorientierten Bereichen soziologischer Forschung auf der anderen Seite. Realisiert wurde dieser Anspruch in der Durchf\u00fchrung von Analysen von Polizei als Organisation und Polizeiarbeit als professioneller Arbeit. Diese Analysen wiederum wurden vorbereitet und gerahmt durch die Diskussion und Entwicklung von Konzepten wie demjenigen der \u201eGrenzrolle\u201c oder der \u201emisstrauischen Sozialsysteme\u201c sowie des \u00c4quivalenzfunktionalismus als Methode soziologischer Analyse, Begriffsbildung und Kritik.<\/p>\n<p>Beispielhaft sei hier auf den zweiten Teil des Buches verwiesen, wo unter dem Titel \u201e<em>Ausgangspunkte und Perspektiven. Die (Kriminal-)Polizei als misstrauisches Sozialsystem und Polizeiarbeit als Arbeit an den Grenzen des Rechts<\/em>\u201c theoretische Konzepte entwickelt werden, die geeignet sein sollen, Kontakte zwischen empirischer Polizeiforschung und theorieorientierter Soziologie zu initiieren. Dabei geht Wei\u00dfmann immer auch wieder darauf ein, ob und wie die Grenzen des Rechts \u00fcberschritten werden (m\u00fcssen).<\/p>\n<p>In diesem Kontext schreibt Wei\u00dfmann: \u201e<em>Wenn jede Polizistin davon ausgehen muss, im Zuge ihres Berufslebens Straftaten dieser Art vor den Augen ihrer Kolleginnen zu begehen, wei\u00df sie, dass sie auf das stumme Einverst\u00e4ndnis der Dienstgruppe bez\u00fcglich der Unvermeidbarkeit und Akzeptabilit\u00e4t unrechtm\u00e4\u00dfiger polizeilicher Ma\u00dfnahmen angewiesen ist. Angesichts der skizzierten, f\u00fcr Polizeiarbeit charakteristischen Kombination von Problemlagen wird die (Zwangs-)Mitgliedschaft in dieser informal-illegalen kollegialen Versicherungsgemeinschaft aus Sicht der einzelnen Polizistin zur schwer verzichtbaren Voraussetzung, um ihrer Arbeit nachgehen zu k\u00f6nnen<\/em>\u201c (S. 403).<\/p>\n<p>Insofern ist dieses Buch zwar prim\u00e4r ein theoretisches; es hilft aber dabei, die (nicht nur, aber auch) aktuellen Probleme in der und mit der Polizei zu benennen, zu verstehen und zu analysieren. Das von\u00a0 dem Autor entwickelte Konzept der \u201e<em>Berufsgruppe als einer Versicherungsgemeinschaft<\/em>\u201c will die Genese und Stabilit\u00e4t sowie Funktionen und Folgeprobleme von Solidarit\u00e4tsnormen in der Polizei thematisieren und soll das in den Sozialwissenschaften normalerweise genutzten Konzepts der \u201e<em>Gefahrengemeinschaft<\/em>\u201c relativieren, welches \u2013 so seine These \u2013 in Hinblick auf die Genese von Solidarit\u00e4tsnormen unter Polizisten die Bedeutsamkeit der physischen Bedrohung von Polizisten \u00fcber- und die Bedeutsamkeit des Risikos f\u00fcr Polizisten als Rechtssubjekte untersch\u00e4tzt. Nicht thematisiert dabei wird der Aspekt, dass eine \u201eVersicherungsgemeinschaft\u201c einen gewissen (auch moralischen) gesellschaftlichen Anspruch hat, w\u00e4hrend die \u201ePolizeigemeinschaft\u201c sich eher durch Abschottung und Feindschaft gegen\u00fcber (zumindest manchen Mitgliedern der) Gesellschaft erweist.<\/p>\n<p>Insofern ist es kein Buch GEGEN die Polizei, sondern eines F\u00dcR sie und vor allem auch f\u00fcr die Mitarbeitenden in der Institution Polizei. Die Tatsache, dass der Autor f\u00fcr seine Arbeit den <a href=\"https:\/\/www.dhpol.de\/die_hochschule\/aktuelles\/news-2022\/news-02_02_2022.php\">Preis der Deutschen Hochschule der Polizei<\/a> 2022 erhalten hat, w\u00fcrdigt sicher auch diesen Aspekt.<\/p>\n<p>Das Buch ist kostenlos als Open Access <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007\/978-3-658-39227-7\">hier<\/a> verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, November 2022-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wei\u00dfmann, Martin: Organisiertes Misstrauen und ausdifferenzierte Kontrolle. Zur Soziologie der Polizei. Springer VS-Verlag Wiesbaden 2022 ISBN Softcover: 978-3-658-39226-0, ISBN e-book: 978-3-658-39227-7, 436 S., E-Book als Open Access kostenlos, Softcover Euro 42,79 Euro. 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