{"id":1888,"date":"2022-12-15T16:04:53","date_gmt":"2022-12-15T15:04:53","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1888"},"modified":"2022-12-15T16:04:53","modified_gmt":"2022-12-15T15:04:53","slug":"mario-staller-swen-koerner-hrsg-handbuch-polizeiliches-einsatztraining-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1888","title":{"rendered":"Mario Staller, Swen K\u00f6rner (Hrsg.), Handbuch polizeiliches Einsatztraining. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mario Staller, Swen K\u00f6rner (Hrsg.), Handbuch polizeiliches Einsatztraining.<\/strong> Professionelles Konfliktmanagement \u2013 Theorie, Trainingskonzepte und Praxiserfahrungen. Springer Gabler Wiesbaden, 961 S., ISBN 978-3-658-34158-9 e-Book (109,99.- Euro), Hardcover 149,99 Euro (ISBN 978-3-658-34157-2).<\/p>\n<p>\u201e<em>Die Welt besser machen<\/em>\u201c. Mit keinem geringeren Anspruch haben die Herausgeber dieses Werk ver\u00f6ffentlicht, an dem das \u201e<em>Who-ist-Who der polizeilichen Konflikt- und <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1889 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/handbuch-polizeiliches-einsatztraining-gebundene-ausgabe.jpeg\" alt=\"\" width=\"156\" height=\"223\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/handbuch-polizeiliches-einsatztraining-gebundene-ausgabe.jpeg 420w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/handbuch-polizeiliches-einsatztraining-gebundene-ausgabe-105x150.jpeg 105w\" sizes=\"(max-width: 156px) 100vw, 156px\" \/>Einsatzforschung und des Einsatztrainings<\/em>\u201c mitgewirkt habe. Trifft diese, f\u00fcr Autoren, die sich dem Wissenschaftsbereich zugeh\u00f6rig w\u00e4hnen, doch recht ungew\u00f6hnliche Aussage zu? Die in dem Buch enthaltenen Beispiele aus dem \u201e<em>polizeilichen Alltag und der polizeilichen Trainingspraxis<\/em>\u201c sollen f\u00fcr \u201e<em>die weitere Optimierung eines evidenzbasierten und reflexiven polizeilichen Einsatztrainings<\/em>\u201c sorgen.<!--more--><\/p>\n<p>Die Herausgeber \u201e<em>freuen sich sehr\u201c<\/em>, dass sie \u201e<em>mit dem vorliegenden Werk das Who-ist-Who der deutschsprachigen (Polizei)Forschung mit Blick auf Konfliktbew\u00e4ltigung und das entsprechende Training daf\u00fcr gewinnen konnten. Auch freuen wir uns in besonderem Ma\u00dfe \u00fcber die Polizeipraktiker*innen, die ihre Praxen reflektiert und ihre Erkenntnisse eingebracht haben. Das vorliegende Handbuch unterscheidet sich in Inhaltsbereichen auch von B\u00fcchern, welche auf dem popul\u00e4rwissenschaftlichen Markt zum Thema Einsatztraining und polizeiliches Konfliktmanagement erh\u00e4ltlich sind<\/em>\u201c (S. VII).<\/p>\n<p>Insgesamt soll das Buch, so der Verlag in der Ank\u00fcndigung auf seiner <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007\/978-3-658-34158-9#toc\">website<\/a>, f\u00fcr \u201e<em>Einsatztrainer<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a>, Polizisten, Entscheider und Wissenschaftler einen praktischen und evidenzbasierten Zugang zum Thema des polizeilichen Einsatztrainings\u201c <\/em>bieten<em>. <\/em>Und weiter: \u201e<em>Im Mittelpunkt dieses Handbuches steht der Trainingsprozess des Einsatztrainings. Drei Perspektiven bilden dabei den Rahmen: Die akademische Perspektive richtet sich an Einsatztrainer, Wissenschaftler und polizeiliche Entscheider und bringt aktuelle Forschungsergebnisse zum Einsatztraining mit- und gegeneinander ins Gespr\u00e4ch.\u00a0Die praktische Perspektive bietet Einsatztrainern Fallbeispiele aus der polizeilichen Trainingspraxis. So erhalten Praktikern neue M\u00f6glichkeiten zur Gestaltung und Reflexion des eigenen Trainings. Die in der Verflechtung beider Sichtweisen entstehende prakademische Perspektive gibt Praktikern Anhaltspunkte zur Gestaltung und Reflexion des Einsatztrainings auf evidenzbasierter wissenschaftlicher Basis<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Das Handbuch ist in zwei Oberbereiche bzw. sechs Teile unterteilt. Wissenschaft (Teil A), und \u201e<em>gelebte Praxis des Einsatztrainings<\/em>\u201c (Teil B). \u201e<em>Um beide Perspektiven miteinander in Verbindung zu bringen, hatten unsere Autor die Aufgabe, sich jeweils auf die andere Perspektive zu beziehen: Wissenschaftler mussten ihre Ausf\u00fchrungen mit kondensierten, handlungspraktischen Empfehlungen f\u00fcr Entscheider, Einsatzkr\u00e4fte und Einsatztrainer*innen beenden. Praktiker*innen des Einsatztrainings hatten die Aufgabe, ihre Praxis am wissenschaftlichen Wissensbestand zu reflektieren. F\u00fcr beide Seiten war dieser Prozess nicht einfach \u2013 da eben auch ungewohnt<\/em>\u201c (S. VIII f.)<\/p>\n<p>Teil I enth\u00e4lt \u201e<em>Grunds\u00e4tzliches<\/em>\u201c, Teil II ist mit \u201e<em>Prakademische Perspektive \u2013 Kontext<\/em>\u201c \u00fcberschrieben, Teil III mit \u201e<em>Prakademische Perspektive \u2013 Einsatz<\/em>\u201c. Teil IV lautet \u201e<em>Prakademische Perspektive \u2013 Training<\/em>\u201c, Teil V \u201e<em>Reflektierte Praxis \u2013 Einsatz<\/em>\u201c, und Teil VI \u201e<em>Reflektierte Praxis \u2013 Training<\/em>\u201c. Irgendwie im Ergebnis wenig aufschlussreich.<\/p>\n<p>Forschungsergebnisse zum Einsatztraining sollen also \u201e<em>mit- und gegeneinander ins Gespr\u00e4ch<\/em>\u201c gebracht werden. Von der Semantik dieser Aussage einmal abgesehen stellt sich die Frage, was denn \u00fcberhaupt \u201eEinsatztraining\u201c ist, wo es betrieben wird, woraus es besteht und wie weit es gefasst und wie es abgegrenzt wird. <strong>Dieser doch sehr wichtige Ausgangspunkt wird leider ebenso wenig (von den Herausgebern oder in einem einleitenden Beitrag) thematisiert oder behandelt, wie Auskunft dar\u00fcber gegeben wird, wie denn die einzelnen Themenbereiche des fast 1.000 Seiten starken Werkes ausgew\u00e4hlt wurden. <\/strong><\/p>\n<p>Da der Rezensent ebenfalls f\u00fcr den Band angefragt und insgesamt vier Beitr\u00e4ge angeboten hatte, kann er diese Frage beantworten: Man hat diejenigen, die man f\u00fcr die \u201e\u00fcblichen Verd\u00e4chtigen\u201c hielt, angefragt, ob sie etwas zu einem solchen Handbuch des Einsatztrainings beisteuern wollten. <strong>Thematische Vorgaben wurden nicht gemacht.<\/strong> Aus den dann angegangenen Themenvorschl\u00e4gen hat man den Band zusammengestellt. <strong>Eine sicherlich m\u00f6gliche, aber nicht unbedingt wissenschaftliche Vorgehensweise.<\/strong> <strong>Eine solche h\u00e4tte als erstes eine Analyse der Einsatzbedingungen und Einsatzsituationen der deutschen Polizei vorgenommen, dann die gegenw\u00e4rtigen Inhalte des Einsatztrainings an den polizeilichen Einrichtungen der Aus- und Fortbildung gesammelt und analysiert und daraus einerseits eine Bedarfs- und andererseits eine Problemanalyse erstellt. Genau dies wurde jedoch nicht gemacht, und das sieht man dem Band an. <\/strong><\/p>\n<p>Das Ergebnis ist ein relativ buntes Sammelsurium von Themen, die nicht inhaltlich, sondern nach dem Kriterium akademisch, praktisch oder beides (?) aufgeteilt wurden. Wer zum Beispiel nach einem bestimmten Thema aus dem Bereich des Einsatztrainings sucht, wird erst einmal entt\u00e4uscht bzw. muss sich auf eine komplizierte Suche begeben, die nicht unbedingt vom Werk unterst\u00fctzt wird und oftmals auch nicht erfolgreich ist.<\/p>\n<p>Nehmen wir beispielhaft das nicht erst nach dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/T%C3%B6tung_von_George_Floyd\">Tod von George Floyd<\/a> in den USA und den <a href=\"https:\/\/www.mannheim24.de\/mannheim\/feltes-mannheim-marktplatz-kontrolle-tod-polizeigewalt-polizei-ermittlung-polizeiwissenschaftler-thomas-91532832.html\">Vorf\u00e4llen in Mannheim<\/a> und in <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/regensburg-tod-eines-an-schizophrenie-erkrankten-mannes-nach-polizei-einsatz-a-309eefb1-dac9-4186-9e01-041b11639994\">Regensburg<\/a> im M\u00e4rz 2022 diskutierte <strong>Thema des lagebedingten Erstickungstodes<\/strong> in Verbindung mit einem Polizeieinsatz. Ein (eigentlich) typisches Thema f\u00fcr polizeiliches Einsatztraining, so k\u00f6nnte man meinen. Wird es in dem \u201eHandbuch\u201c behandelt? <strong>Nein. <\/strong>Warum nicht?<\/p>\n<p>Solch ein Thema w\u00fcrde man entweder \u00fcber ein klar strukturiertes Inhaltsverzeichnis oder ein Stichwortverzeichnis suchen (und ggf. finden). Dieses w\u00e4re nicht nur hilfreich, sondern f\u00fcr ein solch quantitativ umfangreiches Werk <strong>unabdingbar geboten<\/strong>. <strong>Leider haben Herausgeber und Verlag auf ein Stichwortverzeichnis verzichtet.<\/strong> Warum, das bleibt ihr Geheimnis.<\/p>\n<p>Was dem geneigten Leser bleibt ist die (im e-Book gl\u00fccklicherweise leicht machbare) Suche nach dem Stichwort. Und, man mag es kaum glauben, <strong>weder das Stichwort \u201eErstickungstod\u201c noch \u201elagebedingt\u201c werden gefunden<\/strong>. Zufall?\u00a0 Oder <strong>strukturelles Herausgeberversagen<\/strong>? Wohl eher letzteres, denn wenn das Thema sogar in einem<a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/die-polizeiklasse\/fahndungskontrollen-und-lagebedingter-erstickungstod-folge-9\/br-fernsehen\/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvL2Q4ZDJkMjUwLTBkYzctNDY2OS05NzMxLWRkNzI3NzQ2ZDY3OA\"> Video im Bayerischen Fernsehen<\/a> (Fahndungskontrollen &amp; Lagebedingter Erstickungstod (Folge 9), 15.07.2020, Die Polizeiklasse, BR Fernsehen) auftaucht und vom Rezensenten in einem Beitrag f\u00fcr das Handbuch angeboten, aber abgelehnt wurde, dann muss man das Gef\u00fchl haben, dass polizeikritische Ausf\u00fchrungen in dem Band nicht erw\u00fcnscht waren. Dabei war der angebotene Beitrag gemeinsam mit einem erfahrenen Polizeipraktiker, Wolfgang Mallach, verfasst, der das erste Schulungsvideo zu dem Thema auf meine Anregung hin vor mehr als 25 Jahren an der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen erstellt hatte und seit diesem Zeitpunkt dieses Thema intensiv verfolgt und auch in der (praktischen) Einsatzlehre bis zu seiner Pensionierung behandelt hatte.<\/p>\n<p>Auch das Stichwort \u201eAsphyxie\u201c (als medizinische Bezeichnung des Ph\u00e4nomens) taucht nicht auf, ebenso wenig wie \u201e<em>George Floyd<\/em>\u201c in diesem Kontext zu finden ist. Er taucht nur auf unter \u201e<em>Kritik an der Polizei<\/em>\u201c und \u201e<em>Black Lives Matter<\/em>\u201c (S. 524) sowie als Stichwort in einem Beitrag von Zaiser\/Staller\/ Koerner mit dem Titel \u201e<em>Polizeiliche Kommunikationsf\u00e4higkeit und deeskalative Handlungskompetenz \u2013 Grundlagen und Potenzial des Einsatztrainings<\/em>\u201c. Die Autoren schreiben in diesem Beitrag folgendes: \u201e<em>Im Ergebnis schlie\u00dfen wir, dass polizeiliche Kommunikationsf\u00e4higkeit und deeskalative Handlungskompetenz kein Einsatzmittel im konventionellen Sinne sind. Vielmehr handelt es sich um eine \u00fcbergeordnete Schl\u00fcsselkompetenz, auf der das gesamte polizeiliche Handeln basiert. Dieser Tatsache wird im polizeilichen Einsatzgeschehen und Einsatztraining oft nicht Rechnung getragen\u201c. <\/em>Anschlie\u00dfend behaupten sie dann, dass <em>\u201einsbesondere nach massenmedial verbreitetem polizeilichen Fehlverhalten (\u2026.George Floyd, Minnesota\/Vereinigte Staaten, 2020,) \u2026 deeskalative Handlungskompetenz und psychische erste Hilfe mehr Aufmerksamkeit in den Curricula weltweiter Polizeiausbildungen erfahren<\/em>\u201c haben. Einen Beleg f\u00fcr diese Behauptung bleiben die Autoren ebenso schuldig, wie sie \u201e<em>die Annahme eines entsprechend weitreichenderen Kommunikationsverst\u00e4ndnisses unter Polizeivollzugsbeamt*innen und Entscheidungstr\u00e4ger*innen sowie den entsprechenden Gestaltungswillen in Forschung, Einsatztraining und Einsatzgestaltung<\/em>\u201c fordern (S. 293), ohne zu sagen, wie dies konkret in der Praxis aussehen soll. F\u00fcr ein an die Praxis gerichtetes Handbuch eindeutig zu wenig.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr wird dann behauptet, dass die im Buch behandelten Themen \u201e<em>von innovativen Theoriemodellen und neueren Trainingsanforderungen bis hin zu praktischen Einsatzanforderungen (reichen). Die Leser finden in diesem Handbuch wertvolle Anregungen f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung des herausfordernden Polizeialltags<\/em>\u201c. Nun denn, irgendwie passt dies z<strong>u den gro\u00dfspurigen Behauptungen zu Beginn des Buches, die leider nicht eingehalten werden.<\/strong> Dabei sind einige der Beitr\u00e4ge durchaus gutgeschrieben und tats\u00e4chlich wissenschaftlich belegt. <strong>Was aber fehlt ist die f\u00fcr ein Handbuch unabdingbare klare inhaltliche Struktur der Darstellungen und eine tats\u00e4chlich umfassende Behandlung aller Aspekte. <\/strong>Die Gliederung des Bandes aber gibt nicht zuletzt aufgrund der nicht inhaltlich-thematisch organisierten Beitr\u00e4ge und der oftmals eher kryptisch anmutenden Titel eher R\u00e4tsel auf, als dass sie bei der Suche hilft.<\/p>\n<p>So stellt der Beitrag \u201e<em>Adaptive Managementstrukturen in der Polizei: Eine systemische Betrachtung durch f\u00fcnf methodische Lernkompetenzen<\/em>\u201c (S. 141 ff.) sicherlich eine interessante Betrachtungsweise des Themas dar. Aussagen wie \u201e<em>F\u00fcr die gegenw\u00e4rtige polizeiliche Einsatzlehre sowie f\u00fcr Einsatztrainings bietet sich die M\u00f6glichkeit, eine glossatorisch angelegte Praxis des Systemdenkens f\u00fcr das Einsatzhandeln zu institutionalisieren und zu trainieren<\/em>\u201c (S. 155) helfen dabei nicht unbedingt weiter, denn es fehlt auch hier eine systematische, ggf.<strong> beitrags\u00fcbergreifende Besch\u00e4ftigung, was zum Thema Management in der Polizei bekannt ist und was nicht, welche Defizite es in der Praxis gibt und wie sie behoben werden k\u00f6nnten.<\/strong><\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel: Der Beitrag mit dem Titel <em>\u201eVersuch einer Ist-Soll-Analyse am Beispiel eines integrativen Schie\u00dftrainings f\u00fcr polizeiliche Spezialeinheiten aus der \u201eecological dynamics\u201c-Perspektive<\/em>\u201c (S. 811 ff.) gibt sicherlich Einblicke in <strong>eine (!) <\/strong>besondere Form von Schie\u00dftraining, denn die Autoren beziehen sich \u201e<em>aufgrund der beruflichen Herkunft der beiden Erstautoren als operative Einsatzkr\u00e4fte der Spezialeinheiten auf eine typische Einsatzsituation des Spezialeinsatzkommandos der Polizei<\/em>\u201c (s. 813). <strong>Auch hier fehlt es wieder am dem \u00fcbergeordneten \u201eframing\u201c, an einem Versuch, eine Systematik in die doch sehr diversen Themen und teilweise sehr selektiven Abhandlungen zu bringen.<\/strong><\/p>\n<p>Auch der Einf\u00fchrungsbeitrag der Herausgeber unter dem Titel \u201e<em>Die Verantwortung des Einsatztrainings: Die Welt besser machen<\/em>\u201c (S. 3 ff.) enth\u00e4lt viele interessante Aspekte, die auch in der Polizeiwissenschaft diskutiert werden. Eine wirkliche \u00dcbersicht oder gar systematische Strukturierung der Beitr\u00e4ge findet sich weder hier noch im Editorial. <strong>F\u00fcr ein Handbuch in einem renommierten Verlag schlicht unverst\u00e4ndlich.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Soviel zur Aufgabe und zu den selbst gesteckten Anspr\u00fcchen. Erf\u00fcllt werden sie leider nicht oder zumindest nicht durchg\u00e4ngig.<\/strong><\/p>\n<p>Positiv anzumerken ist, dass die meisten (nicht alle) Beitr\u00e4ge \u00fcbersichtlich aufgebaut sind und am Ende sich jeweils auf das Thema des Beitrages bezogene Hinweise und Handlungsempfehlungen f\u00fcr die polizeiliche Praxis finden, wobei diese zu oft plakativ und appellatorisch ausfallen.<\/p>\n<p>Zu Details wird, nicht nur aufgrund des Umfangs des Werkes, <strong>sondern auch aufgrund der doch letztlich un\u00fcbersichtlichen Struktur und der zum Teil \u00fcberkomplexen Gestaltung der \u00dcberschriften <\/strong>auf die jeweiligen Zusammenfassungen der einzelnen Beitr\u00e4ge verwiesen, die der Verlag dankenswerterweise <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007\/978-3-658-34158-9\">auf seiner Website<\/a> bereitstellt.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend noch etwas zum Thema \u201e<em>Who is Who<\/em>\u201c \u201e<em>der deutschsprachigen (Polizei)Forschung mit Blick auf Konfliktbew\u00e4ltigung und das (sic!) entsprechende Training<\/em>\u201c (S. VII). Schaut man sich das Autorenverzeichnis (S. XXIII ff.) an, so wird eine sehr bunte Mischung deutlich, was an sich eigentlich positiv ist, wenn diese Mischung auch daf\u00fcr sorgt, dass die Themen aus unterschiedlichen Perspektiven behandelt werden. Leider ist genau dies nicht der Fall. Stattdessen finden sich dann zu einigen Themenkomplexen (z.B. Polizei und psychisch beeintr\u00e4chtigte Menschen) mehrere Beitr\u00e4ge, die weder aufeinander bezogen sind, noch sich gegenseitig erg\u00e4nzen oder gar das Thema akademisch kontrovers diskutieren. Neben Polizeipraktikern sind vor allem Mitarbeitende von Polizeihochschulen vertreten, aber auch Ethnologen und Sportwissenschaftler, ein Vertreter des Deutschen Klingenmuseums in Solingen, Soziologen und Psychologen. Was die Autoren jeweils konkret qualifiziert, einen bestimmten Beitrag zu verfassen, also z.B. welche Ausbildung sie haben oder welche Funktion, ergibt sich daraus nicht. Dies w\u00e4re aber f\u00fcr eine wissenschaftlich seri\u00f6se Einordnung notwendig gewesen.<\/p>\n<p>Und zuletzt noch eine Anmerkung zu dem von den Herausgebern hochgelobten Prozess des (angeblich) \u201e<em>peer review-Verfahrens<\/em>\u201c. Da ich urspr\u00fcnglich gemeinsam mit anderen vier Beitr\u00e4ge f\u00fcr den Band vorgesehen und eingereicht hatte, sie dann aber aus verschiedenen Gr\u00fcnden zur\u00fcckgezogen habe, kann ich dazu aus Insider-Sicht etwas sagen. So wurde ein Beitrag von mir zur <a href=\"https:\/\/www.coe.int\/en\/web\/cpt\">Anti-Folter-Kommission des Europarates <\/a>zuerst nach erfolgtem \u201eBegutachtungsverfahren\u201c abgelehnt, weil er als \u201e<em>in der Gesamtkonzeption des Werkes als nicht passend<\/em>\u201c gesehen wurde. Was aber liegt n\u00e4her, \u00fcber Folter und entw\u00fcrdigende Behandlung sowie und vor allem und ihre Kontrolle zu schreiben, wenn es um polizeiliche Eins\u00e4tze geht? Zwar wurde diese Entscheidung nach Intervention von mir revidiert, aber das Grundproblem blieb auch bei anderen Beitr\u00e4gen von mir bestehen: So wurde das Abstract zu unserem Beitrag zum lagedingten Erstickungstod als \u201e<em>wichtiges Thema<\/em>\u201c angenommen, es sollte aber in den Kontext \u201e<em>nationaler und internationaler Forschung<\/em>\u201c eingebettet werden. Der Beitrag wurde dann nach entsprechender Erstellung von drei Reviewern abgelehnt. Kritisiert wurde u.a. dass die \u201e<em>Quellenarbeit<\/em>\u201c problematisch sei. Dabei ging es im Wesentlichen um allgemein bekannte und unstrittige Vorf\u00e4lle oder banale grundlegende medizinische Aussagen, f\u00fcr die auch aus wissenschaftlicher Sicht kein Beleg erforderlich war. Im Hintergrund konnte man mehr oder weniger direkt aus den Kommentaren lesen, dass den Reviewers unsere Besch\u00e4ftigung mit einzelnen Vorf\u00e4llen (z.B. George Floyd) oder bestimmten Techniken (Quick Cuffing) nicht gefiel \u2013 oder anders formuliert, dass die Ausf\u00fchrungen zu kritisch waren<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Bei dem dritten Beitrag (Polizei und psychisch Gest\u00f6rte) hat ein als \u201eWissenschaftler\u201c firmierender Reviewer den Artikel mehr oder weniger unver\u00e4ndert akzeptiert, w\u00e4hrend ein als &#8222;Wissenschaftler und Praktiker&#8220; firmierender Reviewer eine umfassende \u00dcberarbeitung gefordert hatte, die innerhalb der gesetzten Frist nicht m\u00f6glich war. Offensichtlich bestanden auch hier grundlegende Aversionen gegen\u00fcber unserer wissenschaftlichen Position und der sich daraus ergebenden (kritischen) Darstellung. Solche Differenzen kann man sicherlich anderenorts austragen, aber das ist nicht Aufgabe eines Review. Den inhaltlichen Forderungen des Reviewers nachzukommen, h\u00e4tte einer Neufassung mit grundlegend anderer Ausrichtung bedurft, wozu Michael Alex als erfahrener Psychologe und Jurist und ich nicht bereit waren. M\u00f6glicherweise fehlt es in Deutschland (oder in der Polizei?) an einer entsprechenden konstruktiven Review-Kultur, wie ich sie aus dem Ausland als \u201eT\u00e4ter\u201c und \u201eOpfer\u201c solcher Reviews kennengelernt habe.<\/p>\n<p>Letztlich hat uns auch die Tatsache stutzig gemacht, dass es sich bei den hochgelobten \u201eReviewern\u201c einerseits um Mitautoren handelte, die im gleichen Themenbereich unterwegs waren (und Konkurrenz witterten), andererseits zumindest teilweise um studentische Hilfskr\u00e4fte (und damit wohl Polizeistudierende). Die Antwort auf die Frage, was letztere daf\u00fcr qualifiziert, Beitr\u00e4ge von langj\u00e4hrig erfahrenen und wissenschaftlich ausgewiesenen Autoren zu bewerten, bleibt den Herausgebern \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Am Ende steht somit die Frage im Raum, ob der Band insgesamt die hochgesteckten und selbst benannten Anforderungen erf\u00fcllt. Wenn man, wie die Herausgeber, Wissenschaft als \u201e<em>candle in the dark<\/em>\u201c (S. V) sieht, dann muss man sagen, dass diese Kerze doch sehr wenig Leuchtkraft hat und den dunklen Bereich des polizeilichen Einsatztrainings ebenso wenig erhellt wie das Dunkelfeld m\u00f6glicher Ursachen polizeilichen Fehlverhaltens. Letztlich ist das Buch eine vergebene Chance, und jeder muss f\u00fcr sich selbst entscheiden, ob der f\u00fcr Werke aus diesem Verlag leider \u00fcbliche hohe Preis angemessen ist. Meines Erachtens nicht.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Dezember 2022<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auch in Zitaten wird der Text dieser Rezension nicht &#8222;gegendert&#8220;, weil dies nach der vor kurzem im PNL durchgef\u00fchrten Umfrage von den Lesern nicht gew\u00fcnscht wird.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Der Beitrag steht \u00fcbrigens<a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/images\/Feltes_Mallach_LET_2022_1.pdf\"> hier<\/a> zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mario Staller, Swen K\u00f6rner (Hrsg.), Handbuch polizeiliches Einsatztraining. Professionelles Konfliktmanagement \u2013 Theorie, Trainingskonzepte und Praxiserfahrungen. Springer Gabler Wiesbaden, 961 S., ISBN 978-3-658-34158-9 e-Book (109,99.- Euro), Hardcover 149,99 Euro (ISBN 978-3-658-34157-2). \u201eDie Welt besser machen\u201c. 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