{"id":1962,"date":"2023-03-12T16:43:13","date_gmt":"2023-03-12T15:43:13","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1962"},"modified":"2023-03-12T16:45:14","modified_gmt":"2023-03-12T15:45:14","slug":"paula-markert-eine-reise-durch-deutschland-die-mordserie-des-nsu-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1962","title":{"rendered":"Paula Markert, Eine Reise durch Deutschland. Die Mordserie des NSU. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Paula Markert, Eine Reise durch Deutschland. Die Mordserie des NSU.<\/strong> Schweizer Broschur mit Klappen; 22,5 \u00d7 28 cm; 112 Seiten, 63 Abb.; Hartmann Books Stuttgart 2019, \u20ac 28,00. ISBN 978-3-96070-037-1.<\/p>\n<p>Zwischen dem Jahr 2000 und 2007 wurden insgesamt zehn Menschen von dem sog. \u201eNationalsozialistischen Untergrund\u201c (NSU) ermordet. Die polizeilichen Ermittler <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1963 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Markert.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"258\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Markert.jpg 654w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Markert-121x150.jpg 121w\" sizes=\"(max-width: 208px) 100vw, 208px\" \/>begannen erst sehr sp\u00e4t, die vorhandenen rechtsextremistischen Hintergr\u00fcnde zu erkennen und zu verfolgen. Bis dahin wurden Ermittlungen in Richtung \u201eOrganisierte Kriminalit\u00e4t mit Migrationshintergrund\u201c gef\u00fchrt und die Opfer standen lange selbst unter Tatverdacht. In der Presse war von \u201eD\u00f6ner-Morden\u201c die Rede.<!--more--><\/p>\n<p>Im Juli 2018 wurde in M\u00fcnchen nach f\u00fcnfj\u00e4hrigem Prozess das Urteil im NSU-Mordprozess verk\u00fcndet, mit \u00fcber 400 Verhandlungstagen und fast 650 Zeugen und Sachvers\u00e4ndigen. Ein Prozess, der das Demokratieverst\u00e4ndnis der direkt und indirekt Beteiligten auf\u2019s \u00e4u\u00dferste herausforderte, in dem am Ende Beate Zsch\u00e4pe, als einzige \u00dcberlebende der NSU-Terrorzelle sowie vier Unterst\u00fctzer verurteilt wurden.<\/p>\n<p>\u201e<em>Die Hamburger Dokumentarfotografin Paula Markert (*1982) reiste in der Zeit von Herbst 2014 bis Fr\u00fchjahr 2017 auf den Spuren des NSU durch Deutschland und dokumentierte Menschen und Orte, die mit dem NSU Komplex in Verbindung stehen. Ihre Fotos von Tatorten und Urlaubaufenthalten der M\u00f6rder w\u00e4hrend ihrer Zeit im Untergrund, stehen neben Portraits von Opfern, Anw\u00e4lten und Institutionen. 12 ausgew\u00e4hlte Textfragmente und Interviewausschnitte ergeben in Kombination mit den Fotos ein vielschichtiges Bild der Vorg\u00e4nge und der vielen bis heute unfa\u00dfbaren Ungereimtheiten, die die Sorgfaltspflicht des Staates und die Rolle des Verfassungsschutzes bis heute in Frage stellen. Dieses gedruckte Buch soll den Prozess und die Opfer vor dem schnellen digitalen Vergessen unserer Zeit bewahren<\/em>!\u201c (<a href=\"https:\/\/hartmann-books.com\/produkt\/paula-markert-eine-reise-durch-deutschland-die-mordserie-des-nsu\/\">Verlagstext<\/a>)<\/p>\n<p>Dabei geht es aber nicht nur um das \u201e<em>digitale Vergessen<\/em>\u201c der Opfer, des Prozesses, des Scheiterns der Polizei. Es geht auch darum, dass Bilder eine andere Wirkung erzeugen als Texte, und die Kombination von Text und eindrucksvollen Bildern erm\u00f6glichst oftmals, und auch hier, eine andere Sicht auf die Dinge. M\u00f6glicherweise bewusst wird diese Sicht in dem Buch auch dadurch provoziert, dass die Bilder erst einmal alleine f\u00fcr sich stehen \u2013 ohne unmittelbaren Begleittext. Sie regen dadurch sicherlich zum Nachdenken an \u2013 wenn man z.B. als erstes Bild (nach den Portraits des NSU-Trios) eine Hochhaussiedlung auf einer Doppelseite (S. 10 f.) betrachtet, gefolgt von dem Portraitfoto eines Polizisten. Sicherlich kann man dazu jeweils bestimmte Gedanken assoziieren; dennoch will man nat\u00fcrlich wissen, was oder wer dort abgebildet ist. Die \u201eAufl\u00f6sung\u201c der R\u00e4tsel erfolgt dann erst im \u201eIndex\u201c ab S. 97. Hier sind die jeweiligen Seitenangaben der Bilder zusammen mit verkleinerten Schwarz-Wei\u00df-Abbildungen auf der linken und einem entsprechenden erkl\u00e4renden Text auf der rechten Seite aufgef\u00fchrt. Der Rezensent ist sich unsicher, ob nicht eine direkte Erl\u00e4uterung der Fotos auf der Seite direkt danach hilfreicher gewesen w\u00e4re; so bl\u00e4ttert man doch ziemlich hin und her.<\/p>\n<p>Die Auswahl der Bilder folgt keiner (zumindest keiner erkennbaren) Logik, au\u00dfer einem gewissen historischen Ablauf, zumindest teilweise. Es ist aber gerade diese quasi \u201eBeliebigkeit\u201c der Bilder die deutlich macht (und wohl auch machen soll), wie \u201enormal\u201c, wie wenig au\u00dfergew\u00f6hnlich, wie wenig spektakul\u00e4r eigentlich das \u201eNSU-Trio\u201c gelebt hat. Die \u201eBanalit\u00e4t des B\u00f6sen\u201c (Hannah Arendt) wird so optisch in Szene gesetzt. War es Zufall, dass es nicht mehrere \u201eNSU-Trios\u201c gab?<\/p>\n<p>Hier und da wird auch die gesellschaftliche Hilflosigkeit deutlich, so in dem Bild des Sozialarbeiters \u201eKaktus\u201c, Streetworker im ehemaligen Jugendzentrum, in dem sich das Trio in den 1990er Jahren kennenlernte. Hier wie bei den meisten Bildern folgt dann auch ein quasi erkl\u00e4render l\u00e4ngerer Text auf den Seiten danach \u2013 in Englisch und Deutsch.<\/p>\n<p>Es sind durchaus auch die \u00dcberraschungseffekte, die diese Bilder ausl\u00f6sen, die nachdenklich machen. Wenn z.B. Mario M., Kriminalbeamter, ab 1995 Mitglied der Soko REX in Th\u00fcringen, sp\u00e4ter Ermittlungsgruppe Terrorismus\/ Extremismus auf einem einfachen Bett im Kloster St. Ottilien sitzend sich auf seine Aussagen vor den NSU-Untersuchungsaussch\u00fcssen von Bund und L\u00e4ndern vorbereitet, mit denen er das LKA und das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Th\u00fcringen schwer belastete. Hier sieht und f\u00fchlt man die Last, die auf seinen Schultern liegt ob der Tatsache, gegen eigene \u201eKolleg*innen\u201c auszusagen.<\/p>\n<p>Den Abschluss des Bandes bilden Ausz\u00fcge aus dem psychiatrischen Gutachten von Henning Sa\u00df \u00fcber Beate Zsch\u00e4pe, das Bild von Abdullah \u00d6zkan, eines \u00dcberlebenden des Nagelbombenattentats in K\u00f6ln, bei einer Podiumsdiskussion sowie ein leerer, trostloser Gang, der sich lt. erl\u00e4uterndem Text im Paul-L\u00f6be-Haus des Bundestages befindet, in dem der dritte NSU-Untersuchungsausschuss 2016 tagte. Mehr Leere geht kaum, und es ist diese Kombination von Menschen, Landschaften und (nur auf den ersten Blick) inhaltsleeren Bildern, die den Band auszeichnen und lesens- wie betrachtenswert machen.<\/p>\n<p>Die Bilder und die Texte finden sich im \u00fcbrigen auch auf der <a href=\"https:\/\/paulamarkert.de\/portfolio\/die-mordserie-des-nsu\/\">Website von Paula Markert.<\/a> F\u00fcr diejenigen die sich ein Bild vorab machen wollen. Dennoch ist ein Buch ein Buch &#8211; er bietet andere Seh- und Leseoptionen als ein Computerbildschirm.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, M\u00e4rz 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paula Markert, Eine Reise durch Deutschland. Die Mordserie des NSU. Schweizer Broschur mit Klappen; 22,5 \u00d7 28 cm; 112 Seiten, 63 Abb.; Hartmann Books Stuttgart 2019, \u20ac 28,00. ISBN 978-3-96070-037-1. Zwischen dem Jahr 2000 und 2007 wurden insgesamt zehn Menschen von dem sog. \u201eNationalsozialistischen Untergrund\u201c (NSU) ermordet. 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