{"id":1979,"date":"2023-07-08T14:49:24","date_gmt":"2023-07-08T12:49:24","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1979"},"modified":"2023-07-08T14:49:24","modified_gmt":"2023-07-08T12:49:24","slug":"steffen-mau-luetten-klein-leben-in-der-ostdeutschen-transformationsgesellschaft-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1979","title":{"rendered":"Steffen Mau, L\u00fctten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Steffen Mau, L\u00fctten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft.<\/strong> Suhrkamp-Verlag Berlin 2019, 2. Aufl. 2021, Broschur, 284 Seiten, ISBN 978-3-518-47092-3, 12.- Euro<\/p>\n<p>Wenn ein Buch als \u201eBestseller\u201c vermarktet wird (wie hier), dann wird der wissenschaftlich orientierte Leser gerne vorsichtig. Eine Ausnahme davon stellt das Buch von <em>Steffen Mau<\/em> <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1980 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/luetten-klein_9783518428948_cover.jpg\" alt=\"\" width=\"139\" height=\"221\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/luetten-klein_9783518428948_cover.jpg 1360w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/luetten-klein_9783518428948_cover-94x150.jpg 94w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/luetten-klein_9783518428948_cover-645x1024.jpg 645w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/luetten-klein_9783518428948_cover-967x1536.jpg 967w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/luetten-klein_9783518428948_cover-1289x2048.jpg 1289w\" sizes=\"(max-width: 139px) 100vw, 139px\" \/>dar, das lesbar, lesenswert und wissenschaftlich substantiiert die Auswirkungen der Transformation auf das Leben in Ostdeutschland darstellt.<!--more--><\/p>\n<p>Der Autor, geboren 1968, ist Professor f\u00fcr Makrosoziologie an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin. Er wuchs in den siebziger Jahren im Rostocker Neubauviertel L\u00fctten Klein auf. 30 Jahre nach dem Mauerfall zieht <em>Mau<\/em> eine pers\u00f6nliche und sozialwissenschaftliche Bilanz \u2013 und diese Verbindung ist eines der Elemente dieses Buches, das es so spannend zu lesen und den Inhalt so \u201ezuverl\u00e4ssig\u201c macht: Man sp\u00fcrt, wovon der Autor redet bzw. schreibt, und man glaubt ihm. Er nimmt die gesellschaftlichen Br\u00fcche in den Blick, an denen sich Verbitterung und Unmut entz\u00fcnden. Er spricht mit Weggezogenen und Dagebliebenen, schaut zur\u00fcck auf das Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt. Und er verbindet seine Beobachtungen mit sozialwissenschaftlichen Theorien und Erkl\u00e4rungsans\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Das Buch ist in zwei gro\u00dfe Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um das Leben in der DDR und im zweiten Teil um die Transformationen anl\u00e4sslich der \u201eWende\u201c. <em>Mau<\/em> kn\u00fcpft dabei an die Befindlichkeiten der Ostdeutschen ebenso an wie an die wirtschaftlichen politischen Entwicklungen. Er benutzt f\u00fcr seine Analyse den Begriff der \u201e<strong><em>gesellschaftlichen Fraktur<\/em><\/strong>\u201c. Darunter versteht man in der Medizin den Bruch eines Knochens, <em>Mau<\/em> verwendet den Begriff f\u00fcr Br\u00fcche des gesellschaftlichen Zusammenhangs, die zu \u201e<strong><em>Fehlstellungen<\/em><\/strong>\u201c f\u00fchren k\u00f6nnen (S. 13). Eines seiner wesentlichen Ergebnisse ist, dass eine \u201e<em>frakturierte Gesellschaft \u2026 an Robustheit und Flexibilit\u00e4t<\/em>\u201c verliert (S. 14).<\/p>\n<p><em>Mau<\/em> geht davon aus, dass sich trotz aller Transformationserfolge, trotz Angleichung und trotz kultureller, normativer und mentaler Eingew\u00f6hnung die Unterschiede zwischen den beiden deutschen <strong>Teilgesellschaften<\/strong> (sic!) nicht einfach ausschleichen werden. \u201e<em>Sowohl in sozialstruktureller wie auch in mentaler Hinsicht hat sich in Ostdeutschland eine Form der Sozialit\u00e4t herausgebildet, in der neben langsam steigender Zufriedenheit auch <strong>Gef\u00fchle der Benachteiligung und der politischen Entfremdung wachsen<\/strong>, die mehr sind als ein nicht enden wollendes Murren einiger Ewiggestriger<\/em>\u201c (S. 14).<\/p>\n<p>\u00dcberaus interessant auch die Analyse der DDR-Gesellschaft durch <em>Mau<\/em>. F\u00fcr ihn war die DDR-Gesellschaft durch eine nach unten zusammengedr\u00fcckte Sozialstruktur und eine arbeiterliche Kultur gepr\u00e4gt, was auch auf das Dienstleistungsproletariat und die Transferklassen von heute ausstrahle. Es dominierte die \u201e<em>Mentalit\u00e4t der einfachen Leute<\/em>\u201c (aaO.). W\u00e4hrend es zu Beginn in der DDR noch eine beachtliche Aufstiegsmobilit\u00e4t gab, so war die sp\u00e4te DDR durch eine \u201e<em>starre Sozialstruktur und zunehmend verstopfte Pfade in die h\u00f6heren Positionen gekennzeichnet. Sie war zudem eine ein <strong>gekapselte und ethnisch homogene Gesellschaft<\/strong>, die kaum Erfahrung mit Zuwanderung gemacht hatte. Die Vereinigung versprach zwar schnelle Freiheits-, Wohlstands- und Konsumgewinne, erfolgte aber als <strong>\u00f6konomischer sowie sozialer Schock<\/strong> und strapazierte die Bew\u00e4ltigungskapazit\u00e4ten der Menschen bis aufs \u00c4u\u00dferste<\/em>&#8222;. (S. 15)<\/p>\n<p>Die DDR-Bev\u00f6lkerung fand sich dann nach der Wende \u201e<em>\u00fcber Nacht auf den unteren R\u00e4ngen der gesamtdeutschen Hierarchie wieder und <strong>unterschichtete die westdeutsche Gesellschaft<\/strong>. Deklassierungs- und Entm\u00fcndigungserfahrungen waren an der Tagesordnung, und dies zu einem Zeitpunkt, an dem man gerade zum ersten Mal die begl\u00fcckende Erfahrung kollektiver Handlungsf\u00e4higkeit gemacht hatte<\/em>\u201c (aaO.).<\/p>\n<p>In Westdeutschland wiederum war der \u00bb<em>kollektive Fahrstuhl<\/em>\u00ab (Ulrich Beck) ins Stocken geraten und die \u201e<em>lange Phase kollektiver Wohlfahrtsgewinne, anhaltender Prosperit\u00e4t und offener Aufstiegskan\u00e4le &#8211; das manchmal so bezeichnete \u00bbGoldene Zeitalter\u00ab &#8211; neigte sich dem Ende zu. So \u2026 kam (es) auch zu erheblichen Mobilit\u00e4tsblockaden, <strong>welche die ostdeutsche Teilgesellschaft auf Dauer kleinhalten sollten<\/strong>. Der Deckel auf der nach unten zusammengedr\u00fcckten Sozialstruktur wurde somit nicht gel\u00f6st, sondern in mancher Hinsicht <strong>noch fester zugeschraubt<\/strong>. In der Folge hat sich eine gesellschaftliche Formation herausgebildet, in der Vorbehalte, Systemskepsis und populistische Mobilisierung hervortreten, w\u00e4hrend die Selbstbindung an eine liberale Ordnung und ein tolerantes soziales und politisches Klima einen schweren Stand haben<\/em>\u201c (aaO., Hervorhebung durch TF).<\/p>\n<p>Anschaulicher und gleichzeitig analytischer kann man diese Problematik kaum beschreiben. Dies ist eines der wesentlichen Charakteristika des Buches von <em>Mau<\/em>: Treffende (und verst\u00e4ndliche!) Analysen, klare Sprache und der immerw\u00e4hrende anschauliche Vergleich zwischen \u201evorher\u201c und \u201enachher\u201c helfen dem Leser vieles von dem zu verstehen, was sich aktuell in den ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern ereignet. Auch deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das Buch, das schon vor vier Jahren erschien (2019) auf Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste von ZDF, Zeit und Deutschlandfunk Kultur stand und <em>Mau <\/em>2021 den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhielt.<\/p>\n<p>Seine Analysen verortet der Autor dabei in dem Rostocker Vorort \u201eL\u00fctten Klein\u201c, gelegen direkt neben Lichtenhagen. Dort hatte man Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre mehr als 10.000 Wohnungen erbaut. Die Wohnqualit\u00e4t damals hatte \u201e<em>konkurrenzlose Attraktivit\u00e4t<\/em>\u201c (S. 27) \u2013 was man durchaus auch heute noch nachvollziehen kann, wenn man durch das Gebiet f\u00e4hrt \u2013 wie es der Rezensent h\u00e4ufiger macht. Die klare Struktur, die gute Verkehrsanbindung (\u00d6PNV), die Freifl\u00e4chen, die Luft zum Atmen bieten und die Zentralisierung der Infrastruktur (Gesch\u00e4fte, Dienstleister) machen das Gebiet attraktiv \u2013 und es ist schon optisch nicht zu vergleichen mit vielen \u00e4hnlichen Wohngebieten in Westdeutschland, die man aufgrund ihres baulichen Zustandes eher als \u201eheruntergekommen\u201c bezeichnen muss, ganz im Gegensatz zu L\u00fctten Klein (und auch den umliegenden Gemeinden), das von den Bewohnern nach wie vor gesch\u00e4tzt und gepflegt wird.<\/p>\n<p><em>Mau <\/em>beschreibt im ersten Teil seines Buches sehr gut und anschaulich die individuellen wie strukturellen Vorteile des Lebens \u201ein der Platte\u201c, in der alle Schichten und Berufsgruppen versammelt waren.\u00a0 Andererseits beschreibt <em>Mau<\/em> auch, dass es in der DDR einen fruchtbaren N\u00e4hrboden f\u00fcr Rechtsradikalismus gab (S. 97 f.).<\/p>\n<p>Als Ergebnis seiner gleichsam fundierten wie gut lesbaren Analyse stellt <em>Mau<\/em> am Ende fest, dass es in Ostdeutschland noch immer Unzufriedenheit, Abstandnahme und Systemskepsis gibt und eine <strong>\u201e<em>Gesellschaft des Verdrusses und der Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Populismen<\/em><\/strong>\u201c (S. 246). Die gesellschaftlichen Spannungen in Ostdeutschland sind f\u00fcr ihn (und hier verwendet er dann wieder den eingangs erkl\u00e4rten Begriff der \u201e<em>Fraktur<\/em>\u201c) \u201e<strong><em>Ausdruck gesellschaftlicher Frakturen, von denen viele in der DDR-Gesellschaft schon angelegt waren und die im Zuge der gesellschaftlichen Transformation nicht geheilt, sondern h\u00e4ufig noch vertieft wurden<\/em><\/strong>\u201c (S. 245). Und weiter: \u201e<strong><em>Auch noch drei\u00dfig Jahre nach der Wende fehlt es der ostdeutschen Gesellschaft letztlich an einem robusten sozialmoralischen und sozialstrukturellen Unterbau, der Toleranz und ein emphatisches Demokratieverst\u00e4ndnis tragen k\u00f6nnte<\/em><\/strong>\u201c (S. 148) \u2013 und die Ursachen daf\u00fcr, die sowohl in der Entwicklung der DDR, als auch (und vor allem) im Umgang durch westdeutsche Eliten nach der Wende und vor allem in dem Zusammenspiel dieser beiden Aspekte liegen, beschreibt der Autor in seinem Buch vortrefflich.<\/p>\n<p>Jede\/r, der \u00fcber die \u201eZust\u00e4nde\u201c in Ostdeutschland (mit)reden will, muss dieses Buch gelesen haben. Ansonsten bleibt er\/sie unglaubw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Juli 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Steffen Mau, L\u00fctten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Suhrkamp-Verlag Berlin 2019, 2. 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