{"id":1987,"date":"2023-07-21T17:27:38","date_gmt":"2023-07-21T15:27:38","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1987"},"modified":"2023-07-21T17:27:38","modified_gmt":"2023-07-21T15:27:38","slug":"kristine-von-soden-ob-die-moewen-manchmal-an-mich-denken-die-vertreibung-juedischer-badegaeste-an-der-ostsee-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1987","title":{"rendered":"Kristine von Soden, \u00bbOb die M\u00f6wen manchmal an mich denken?\u00ab Die Vertreibung j\u00fcdischer Badeg\u00e4ste an der Ostsee. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kristine von Soden, \u00bbOb die M\u00f6wen manchmal an mich denken?\u00ab<\/strong> Die Vertreibung j\u00fcdischer Badeg\u00e4ste an der Ostsee. ISBN 978-3-949302-17-6, AvivA-Verlag Berlin, 2. Auflage 2023, 240 S., 22 \u20ac.<\/p>\n<p>Wer in diesem Jahr seinen Urlaub an der Ostsee verbracht hat oder noch verbringt, hat wahrscheinlich nicht daran gedacht, dass dieses Urlaubsgebiet nicht nur zu DDR-Zeiten eine besondere Rolle spielte, sondern auch vor und w\u00e4hrend der Nazi-Herrschaft. Das <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1988 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Moewen.jpg\" alt=\"\" width=\"109\" height=\"190\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Moewen.jpg 326w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Moewen-86x150.jpg 86w\" sizes=\"(max-width: 109px) 100vw, 109px\" \/>Buch von Kristine von Soden besch\u00e4ftigt sich mit dem sog. \u201eB\u00e4der-Antisemitismus\u201c und zeigt anhand sehr konkreter Beispiele, dass es schon lange vor 1933 einen Antisemitismus in Deutschland gab, der sich auch und gerade im Urlaubsgebiet Ostsee zeigte.<!--more--><\/p>\n<p>Bereits mit dem Aufstieg der Seeb\u00e4der im Wilhelminischen Kaiserreich ab 1871 kam der \u00bbB\u00e4der-Antisemitismus\u00ab auf. \u00bbJudenrein!\u00ab lautete die Parole an der deutschen Ostseek\u00fcste, lange bevor der NS-Staat Wirklichkeit war. Schon damals druckten j\u00fcdische Zeitungen \u00bbB\u00e4derlisten\u00ab ab, warnten vor Badeorten, in denen j\u00fcdische G\u00e4ste unerw\u00fcnscht sind. Als \u00bbJudenb\u00e4der\u00ab wiederum galten Orte wie Heringsdorf, wo zun\u00e4chst noch eine liberale Atmosph\u00e4re herrschte.<\/p>\n<p>Anhand einer F\u00fclle historischer Quellen, Tagebucheintr\u00e4gen, Reiseberichten und Briefausz\u00fcgen j\u00fcdischer Badeprominenz sowie Schilderungen des sommerlichen B\u00e4deralltags zeichnet Kristine von Soden ein facettenreiches Bild jener Zeit bis 1937, als nahezu alle Orte und Str\u00e4nde f\u00fcr j\u00fcdische Badeg\u00e4ste verboten waren. Aktualisiert und durch zahlreiche Dokumente speziell zu Warnem\u00fcnde und K\u00fchlungsborn erweitert sowie mit eindrucksvollen zus\u00e4tzlichen neuen Abbildungen versehen, schuf die Autorin ein Standardwerk \u2013 in literarischem Stil und zugleich wissenschaftlich fundiert.<\/p>\n<p>Dem Leser wird bei der Lekt\u00fcre dieses nicht nur sehr informativen, sondern auch optisch und bibliographisch sch\u00f6n aufgemachten B\u00e4ndchens anschaulich vor Augen gef\u00fchrt, wie sich der ganz allt\u00e4gliche Antisemitismus in den B\u00e4dern der Ostsee und dar\u00fcber hinaus ausbreitete. Die Tatsache, dass es bislang kaum wissenschaftliche Studien dar\u00fcber gab, macht das Buch so wertvoll. Bereits 1879 wurde eine \u201e<em>Antisemiten-Liga<\/em>\u201c ausgerufen (S. 16). Viele Ostseeb\u00e4der (wie Warnem\u00fcnde, Boltenhagen oder Graal und M\u00fcritz, S. 154) inserieren auch ausdr\u00fccklich, dass sie nur an Nicht-Juden vermieten. Ab 1935 stehen dann Schilder wie \u201e<em>Juden Stop!\u201c \u201eJuden unerw\u00fcnscht!\u201c oder \u201eBadestrand nur f\u00fcr Arier!<\/em>\u201c in vielen Badeorten (S. 181). Dabei geschieht die Vertreibung der Juden <em>\u201evon unten<\/em>\u201c und Rechtsnormen missachtend (aaO.) &#8211; also nicht auf Anordnung &#8222;von oben&#8220;.<\/p>\n<p>Die Autorin beschreibt nicht nur das \u201eBadeleben\u201c in diesem Zeitraum, sondern macht an den Beispielen ber\u00fchmter Zeitgenoss*innen deutlich, dass es zwar Widerstand gegen diese antisemitischen Bestrebungen gab, dass sich aber im allt\u00e4glichen Geschehen der Antisemitismus immer weiter ausbreitete \u2013 und, \u00e4hnlich wie heute leider wieder \u2013 zumindest in bestimmten Bev\u00f6lkerungsgruppen dieser gesellschaftliche Akzeptanz erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Zu den Zeitgenoss*innen, die sich an der Ostsee oftmals l\u00e4nger aufhielten, geh\u00f6rten u.a. Hannah Arendt (dazu ausf\u00fchrlich S. 47 ff.), Eva und George Grosz, Eva und Victor Klemperer, K\u00e4the Kollwitz, Else Lasker-Sch\u00fcler, Kurt Tucholsky u.v.a.<\/p>\n<p>Zitate von ihnen zur damaligen Lage baut die Autorin in ihr Werk ein, was die Lekt\u00fcre zus\u00e4tzlich spannend macht. Viele j\u00fcdische Badeg\u00e4ste kehren danach nicht mehr an die Ostsee zur\u00fcck, teilweise weil sie, wie Albert Einstein (S. 121), emigriert sind.<\/p>\n<p>Der Titel des Buches gibt \u00fcbrigens eine Aussage des Stummfilm-Stars Asta Nielsen wider, f\u00fcr die Hiddensee eine \u201e<em>Oase in der Ostsee<\/em>\u201c war, wo sie sich in Drehpausen oft mehrere Monate aufhielt. \u201e<em>Nirgends war man so froh, so jung und so frei wie auf dieser sch\u00f6nen Insel. Aber ach, bald hatten wir 1933, und die Stimmung wandelte sich<\/em>\u201c \u2026 . \u00bb<em>Ob die M\u00f6wen in Vitte manchmal an mich denken?\u00ab, fragt sich Asta Nielsen nach dem Untergang des Rassenwahns in ihrer d\u00e4nischen Heimat. Nie wieder kehrt sie in ihr rundes Paradies (ihr Haus, TF) auf Hiddensee zur\u00fcck<\/em>\u201c (S. 124).<\/p>\n<p>Ein Buch, das uns in eine nur in Bezug auf die Beschreibungen der Ostsee-B\u00e4der auf den ersten Blick in eine \u201eandere\u201c Zeit versetzt; zu vielem, was von Soden beschreibt, lassen sich Parallelen bis in die Gegenwart ziehen &#8211; was zum Nachdenken Anlass gibt.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Juli 2023<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kristine von Soden, \u00bbOb die M\u00f6wen manchmal an mich denken?\u00ab Die Vertreibung j\u00fcdischer Badeg\u00e4ste an der Ostsee. ISBN 978-3-949302-17-6, AvivA-Verlag Berlin, 2. Auflage 2023, 240 S., 22 \u20ac. 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