{"id":1992,"date":"2023-07-25T09:48:56","date_gmt":"2023-07-25T07:48:56","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1992"},"modified":"2023-07-25T09:49:26","modified_gmt":"2023-07-25T07:49:26","slug":"dirk-fabricius-ulrich-kobbe-asozial-dissozial-antisozial-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1992","title":{"rendered":"Dirk Fabricius, Ulrich Kobb\u00e9, asozial \u2013 dissozial \u2013 antisozial. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dirk Fabricius, Ulrich Kobb\u00e9, asozial \u2013 dissozial \u2013 antisozial.<\/strong> Wider die Politik der Ausgrenzung, ISBN 978-3-95853-832-0, Papst-Verlag Lengerich 2023, paperback, 30.- Euro; als PDF ISBN 978-3-95853-833-7, 15,00 Euro.<\/p>\n<p>Dieser Herausgeber-Band versammelt interdisziplin\u00e4re Beitr\u00e4ge zur Diagnostik, Klassifikation und Etikettierung, zur Herstellung von Bildern, Urteilen und Vorurteilen und zum gesellschaftlichen Ausschluss von \u201e<em>T\u00e4terpersonen<\/em>\u201c \u2013 so die Herausgeber in ihrem <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1993 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Unbenannt.jpg\" alt=\"\" width=\"123\" height=\"185\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Unbenannt.jpg 709w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Unbenannt-100x150.jpg 100w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Unbenannt-680x1024.jpg 680w\" sizes=\"(max-width: 123px) 100vw, 123px\" \/>Vorwort (S. 15). Dabei soll es nicht darum gehen, dass es in jeder Gesellschaft unterschiedlich kriminelle oder delinquente oder unsozial handelnde T\u00e4terpersonen gibt; es geht darum, wie \u201e<em>wir (sic!), die Experten, mit ihnen umgehen<\/em>\u201c. Dabei bleibt, und hier ist den Herausgebern uneingeschr\u00e4nkt zuzustimmen, das Soziale ausgeblendet, worauf <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilfried_Rasch\">Rasch<\/a><\/em> schon 1986 hingewiesen hatte.<!--more--><\/p>\n<p>Die Praxis, forensische Prototypen einer asozialen, antisozialen oder dissozialen bzw. psychopathischen Pers\u00f6nlichkeit zu schaffen und diese mit wissenschaftlichen Methoden abzusichern und zu zementieren, muss, so die Herausgeber, in ihrem Pragmatismus grunds\u00e4tzlich hinterfragt werden \u2013 und der Rezensent m\u00f6chte erg\u00e4nzen: Nicht nur in dem Pragmatismus, sondern auch in der wissenschaftlichen Seriosit\u00e4t und Validit\u00e4t und der ethischen Vertretbarkeit. Menschen auf Prototypen zu reduzieren macht sie zu Objekten und vernachl\u00e4ssigt den Subjektcharakter jedes Individuums \u2013 etwas was das Bundesverfassungsgericht ausdr\u00fccklich verboten hat: Niemand darf zum Objekt staatlichen Verfahrens (wozu auch Unterbringung und Begutachtung als Ausfluss staatlichen Handelns geh\u00f6ren) degradiert werden (sog. \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Objektformel\">Objektformel<\/a>\u201c).<\/p>\n<p>Denn \u2013 und auch hier verdienen die Herausgeber uneingeschr\u00e4nkte Zustimmung &#8211; die \u201e<em>Antisoziale Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung (ASPS) des DSM-5 bzw. Dissoziale Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung (DSPS) des ICD-10 und das Psychopathie-Konzept (PP) sind keine wissenschaftlich, klinischdiagnostisch und therapeutisch tragf\u00e4higen Paradigmen<\/em>\u201c (aaO.).<\/p>\n<p>Die Mainstream-Diskurse (die oftmals nicht einmal das sind, sondern sich gegenseitig best\u00e4rkende und verfestigende Monologe, vor allem in forensischen Gutachten) \u00fcber solche T\u00e4terpersonen und deren Bedingungen, Motive und Eigenschaften erweisen sich \u201e<em>als verengte und damit undialektische, als psychosoziale Bedingungsfaktoren ausblendende Konstrukte. Dabei wird das Soziale zum Aktionsfeld bio-psycho-sozial (v)erkl\u00e4rter Diagnostik umfunktioniert und die Dialektik von prosozialen\/asozialen\/unsozialen Einstellungen und Verhaltensweisen ignoriert<\/em>\u201c (aaO.).<\/p>\n<p>Weil es aber um ein ganzheitliches (ein mehr als nur bio-psycho-soziales) Konzept des T\u00e4tersubjekts und des strafrechtlichen, diagnostische und resozialisierenden Umgangs mit ihm gehe, bed\u00fcrfe es eines \u201e<em>ganzheitlichen, transdisziplin\u00e4ren Buchprojekts mit aufkl\u00e4rerisch, empirisch, ethisch, juristisch, psychiatrisch, psychologisch, rechtsphilosophisch, soziologisch, therapeutisch begr\u00fcndeten Beitr\u00e4gen<\/em>\u201c (aaO.).<\/p>\n<p>So weit, so gut. Leider wird zumindest das Ganzheitliche in dem Buch nicht wirklich sichtbar. Die Beitr\u00e4ge stehen relativ unvermittelt und auch ohne den Versuch, sie inhaltlich zu verbinden, neben- bzw. hintereinander.<\/p>\n<p>Die Grundidee, zu verdeutlichen, dass das Ziel von Straf- wie Ma\u00dfregelvollzug \u201e<em>auch f\u00fcr r\u00fccksichtslos, feindselig, ausbeuterisch handelnde T\u00e4ter auf r\u00fcckfallpr\u00e4ventive Resozialisierung, Rehabilitation, Reintegration ausgerichtet sein<\/em>\u201c muss (aaO.), ist gut und richtig. Leider fehlt es aber schon an einer \u00fcberreifenden Definition, was denn genau \u201eResozialisierung\u201c und \u201eReintegration\u201c sein sollen oder welche Ziele dabei erreicht werden sollen.<\/p>\n<p>Dennoch ist das Buch als Ganzes wichtig, und man h\u00e4tte ihm eine etwas intensivere (sprachlich wie inhaltliche) Lekoratsbetreuung gew\u00fcnscht. So liefern \u201e<em>15 international vernetzte Insider<\/em>\u201c (so der Verlag reichlich nebul\u00f6s) ihre jeweils individuellen Sichtweisen zu einzelnen Aspekten der Problematik ab, wobei das Ziel, eine \u201e<em>fundamentale Reform krude ausgrenzender Praxis anzusto\u00dfen<\/em>\u201c mangels Koordination nur schwerlich erreicht werden kann.<\/p>\n<p>Aber zum Inhalt, wobei das Inhaltsverzeichnis dankenswerterweise online zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>Nach einem Vorwort der Herausgeber <em>Dirk Fabricius <\/em>und <em>Ulrich Kobb\u00e9<\/em> (ja, es ist ein Herausgeberbuch, obwohl weder das Cover des Buches, noch die Website des Verlages dies deutlich machen, was \u2013 vorsichtig formuliert \u2013 irref\u00fchrend ist) gibt es f\u00fcnf Kapitel, die (leider wenig inhaltsschwer, daf\u00fcr umso verwirrender) mit \u201eIm sozialen Raum\u201c (S. 21 ff), \u201eEnt-W\u00fcrfe\u201c (S. 77 ff.), \u201eZwischenruf\u201c (S. 105 ff.), Fragen und Antworten\u201c (S. 115 ff.) und \u201ePerspektiven und Projekte\u201c (S. 223 ff.).<\/p>\n<p>Der Beitrag von <em>Lorenz B\u00f6llinger<\/em> zu Beginn des Buches (Von der Psychopathy zur Makro-Psychopathie. Zur fragw\u00fcrdigen Karriere einer Psychodiagnose, S. 21 ff.) gibt einen ersten Einblick in die Zielrichtung des Buches: Die den Titel pr\u00e4genden Begriffe sollen delegitimiert und entlarvt werden, ihre missbr\u00e4uchliche Verwendung aufgezeigt und die (erheblichen) Risiken und Nebenwirkungen der Begriffe in der Verwendung z.B. durch Gutachter oder Therapeuten aufgezeigt werden.<\/p>\n<p>Dies gelingt dem Buch insgesamt recht gut, auch wenn der Rezensent gestehen muss, dass er etwas Schwierigkeiten hatte, sich durch das Konvolut der doch sehr (auch theoretisch) unterschiedlichen Ans\u00e4tze und Beitr\u00e4ge zu k\u00e4mpfen. Dem Leser wird durch die teilweise \u00fcberbordende Verwendung von (auch pseudo-)wissenschaftlichen Begriffen, durch \u00fcberlastige Theoriekonstruktionen und oftmals kaum nachvollziehbare Satzkonstruktionen es nicht leicht gemacht, der Argumentation zu folgen.<\/p>\n<p>Wenn in Beitr\u00e4gen die Grundprinzipien der deutschen Grammatik und Rechtschreibung in Frage gestellt werden \u2013 offensichtlich um damit zu provozieren und\/oder besondere Aufmerksamkeit zu wecken &#8211; dann muss die Frage erlaubt sein, ob man nicht durch einfachere Sprache, \u00fcbersichtlichere Satzkonstruktionen und insgesamt klarere Aussagen das Ziel des Buches (s.o.) besser erreicht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>So werden sicherlich die nicht so tiefsch\u00fcrfend-theorieinteressierten Leser*innen relativ schnell das Interesse an dem Buch verlieren, auch weil weder ein roter Faden, noch eine klare Message das Buch durchziehen. Kapitel\u00fcberschriften wie \u201e<em>Der institutionelle Psy-Bereich und die Rechtsprechung \u00fcber das Subjekt<\/em>\u201c (S. 77 ff.) lassen nicht einmal ansatzweise erkennen, worum es gehen soll. Und wenn \u201e<em>Geisteskrankheit &#8211; ein moderner Fluch<\/em>\u201c (S. 115 ff.) sein soll, dann fragt man sich, was an dem Begriff \u201eGeisteskrankheit\u201c \u201emodern\u201c sein soll.<\/p>\n<p>Diese Kritik betrifft zwar nicht alle Beitr\u00e4ge, aber doch die meisten. Positiv hervorzuheben ist das Kapitel (oder besser der Beitrag, denn wirkliche Kapitel finden sich in dem Buch nicht) von <em>Bruno Gravier <\/em>\u201e<em>Von der Diagnose der anti- oder dissozialen Pers\u00f6nlichkeit zur Diagnose der Psychopathie: ethische Sackgassen und gesellschaftliche Fehlentwicklungen<\/em>\u201c, S. 179 ff.) ebenso wie der Beitrag von <em>Allen Frances<\/em> \u00fcber die \u201e<em>Missbr\u00e4uchliche Verwendung von Diagnosen aus dem Diagnostischen und Statistischen Manual in F\u00e4llen sexueller Gewaltt\u00e4ter<\/em>\u201c (S. 187 ff.). Und auch der Beitrag von <em>Annika Gnoth<\/em> zur Anpassungsleistung \u2013 (negatives) Storytelling in der Forensischen Psychologie und Psychotherapie (S. 259 ff.) ist durchaus lesenswert und weiterf\u00fchrend.<\/p>\n<p>Insgesamt ein Buch, das nach seiner Lekt\u00fcre mehr Fragen hinterl\u00e4sst, als aufkl\u00e4rt \u2013 dabei w\u00e4re doch genau Letzteres so wichtig in diesem von der psychiatrisch-medizinischen-forensischen Gutachtermafia dominierten Bereich.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Juli 2023<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dirk Fabricius, Ulrich Kobb\u00e9, asozial \u2013 dissozial \u2013 antisozial. Wider die Politik der Ausgrenzung, ISBN 978-3-95853-832-0, Papst-Verlag Lengerich 2023, paperback, 30.- Euro; als PDF ISBN 978-3-95853-833-7, 15,00 Euro. 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