{"id":2035,"date":"2023-11-18T15:11:41","date_gmt":"2023-11-18T14:11:41","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2035"},"modified":"2023-11-18T15:11:41","modified_gmt":"2023-11-18T14:11:41","slug":"jan-rickmers-meine-2-leben-ich-bin-nicht-stolz-ein-polizist-gewesen-zu-sein-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2035","title":{"rendered":"Jan Rickmers, Meine 2 Leben. Ich bin nicht stolz, ein Polizist gewesen zu sein. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jan Rickmers, Meine 2 Leben. Ich bin nicht stolz, ein Polizist gewesen zu sein.<\/strong> Traitsching 2023, Memoir-Verlag, ca. 270 Seiten, ISBN 9783982512914, 19,90 Euro.<\/p>\n<p><em>\u201eAus der Vasallentreue des 5. Jahrhunderts lassen sich die Mitarbeiterpflichten der Polizeien \u2026 in Deutschland ableiten\u201c (S. 169). <\/em>Wenn ein Polizeibeamter auf sein Berufsleben <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2036 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Unbenannt.jpg\" alt=\"\" width=\"162\" height=\"218\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Unbenannt.jpg 762w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Unbenannt-111x150.jpg 111w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Unbenannt-759x1024.jpg 759w\" sizes=\"(max-width: 162px) 100vw, 162px\" \/>zur\u00fcckblickt und feststellt, dass er nicht stolz ist, ein Ordnungsh\u00fcter gewesen zu sein, dann sieht man genauer hin. Das j\u00fcngst erschienene Buch von Rickmers (Pseudonym) ist eine schonungslose Abrechnung mit dem System Polizei, mit den dort t\u00e4tigen Polizisten und auch mit dem BKA. Als Dr. jur. quittiert er mit 46 Jahren den Dienst und beginnt sein zweites Leben in der freien Wirtschaft.<!--more--><\/p>\n<p>Rickmers schreibt offen \u00fcber seinen Werdegang vom kleinen Streifenbeamten bis zum Referatsleiter im Bundeskriminalamt \u2013 und seinen vorzeitigen Ausstieg und sein Leben danach als (erfolgreicher) Privatermittler. Sind die Geschichten aus den ersten Jahren noch eher am\u00fcsant, auch weil sie eine historische Bedeutung haben, so werden die Beschreibungen der Strukturen, die letztlich f\u00fcr die mangelhafte Fehlerkultur heutzutage in der Polizei verantwortlich sind, umso drastischer, je weiter der Autor in der Polizei aufsteigt.<\/p>\n<p>Der Autor beschreibt anschaulich Schikanen und Mobbing im Dienst, im Wechsel mit teils am\u00fcsanten Begebenheiten im Polizeialltag. Das macht das Buch einerseits leicht lesbar, andererseits fragt man sich st\u00e4ndig, ob das denn wirklich (so) gewesen sein kann, wie es der Autor beschreibt. Wer aber in der Institution Polizei gearbeitet hat, der erkennt vieles an Geschichten, Problemen und Erfahrungen wieder, und der wundert sich eigentlich nur \u00fcber den Mut, den der Autor aufbringt, nicht nur einzelne Geschichten zu erz\u00e4hlen, sondern sie auch (allerdings leider nur ansatzweise, s.u.) zu analysieren.<\/p>\n<p>Neben der allt\u00e4glichen Arbeit besch\u00e4ftigt den Autor auch die Aus- und Fortbildung sowie die F\u00fchrungsstruktur in der Polizei:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Ausbildung seiner Beamtenschar beh\u00e4lt sich die Polizei immer noch selbst vor. Das Bildungsniveau ergab sich aufbauend auf \u2026 den Unzul\u00e4nglichkeiten der beruflichen Aus- und Weiterbildung in polizeiinternen Lehrg\u00e4ngen, wobei das polizeiliche Ausbildungspersonal dadurch ausgewiesen war, dass es von Polizisten ausgebildet wurde, die wiederum durch ebensolches polizeiliches Personal ausgebildet worden waren etc &#8230; Dem polizeilichen Ausbildungspersonal mangelte es an den grundlegenden Kenntnissen der P\u00e4dagogik sowie oft an der notwendigsten Allgemeinbildung, eingesetzt \u201epar ordre du mufti&#8220;. Beschickt wurden \u201equalifizierende&#8220; Lehrg\u00e4nge \u2026 nach Gutd\u00fcnken der jeweiligen Vorgesetzten\u201c (S. 173). <\/em><\/p>\n<p>An gleicher Stelle und noch an vielen anderen im Buch beschreibt der Autor, wie schwer es Mitarbeitende haben, die Dinge anders als ihre Vorgesetzten sehen, die neue Wege begehen wollen oder die einfach nur Abl\u00e4ufe (\u201ehaben wir schon immer so gemacht\u201c) hinterfragen wollen.<\/p>\n<p><em>\u201eJasager wurden bevorzugt, zum Widerspruch neigende Beamte mit kreativen Ans\u00e4tzen wurden nicht ber\u00fccksichtigt. \u2026 Durch die \u00d6ffnung der Polizei f\u00fcr den Direkteinstieg in den gehobenen Dienst und damit in das Studium an der Fachhochschule der Polizei \u00e4nderte sich die Zusammensetzung der Lehrg\u00e4nge, aber eine \u00c4nderung am Ausbildungspersonal war nicht zu erkennen. Auch an der Polizei-F\u00fchrungsakademie lehrten in der Mehrzahl Polizisten, die nicht einmal die gesetzlichen Mindestvoraussetzungen erf\u00fcllten, um in ein Lehramt an einer Hochschule berufen werden zu k\u00f6nnen\u201c (S. 173).<\/em><\/p>\n<p>Die strukturell bedingten und individuell gef\u00f6rderten Abh\u00e4ngigkeiten in der Polizei, die j\u00fcngst auch in Baden-W\u00fcrttemberg sichtbar wurden<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, beschreibt Rickmers anschaulich. <em>\u201eStellt sich das Ausbildungssystem in sich schon als ungen\u00fcgend dar, weil den Ausbildern die Kompetenz fehlt, kann das Ergebnis der Abh\u00e4ngigkeiten Bl\u00fcten treiben. Angepasste Abh\u00e4ngige mit Treuebonus werden solange nach oben bef\u00f6rdert, bis sie ihre absolute Unf\u00e4higkeit erreicht haben, also endlich den Job haben, den sie am wenigsten beherrschen\u201c (S. 173).<\/em><\/p>\n<p>Intensiv besch\u00e4ftigt sich der Autor auch mit dem Bundeskriminalamt, in dem er es immerhin bis zum Referatsleiter brachte. Sicherlich nicht aufgrund solcher Begebenheiten dort:<\/p>\n<p><em>\u201eIm Umfeld der Gruppe EA 3 war zu h\u00f6ren, die beiden Referate EA 31 und S 32 seien ein \u201eEldorado f\u00fcr Dr\u00fcckeberger\u201c <\/em>(S. 150), was Rickmers ebenso anschaulich beschreibt, wie die Strategie, mit der er diesem Treiben ein Ende bereitet hat. Dass solches F\u00fchrungspersonal sich bei den Mitarbeitenden unbeliebt macht und auch bei Vorgesetzten nicht immer und \u00fcberall gut gelitten ist, versteht sich von selbst. Entsprechend ist die Karriere des Polizisten Rickmers von solchen und \u00e4hnlichen, oft noch drastischeren Situationen begleitet, die der Autor klar und deutlich, einschlie\u00dflich der Nennung der Namen der \u201eProblembeamten\u201c beschreibt.<\/p>\n<p>Und auch die \u201ePolizei-F\u00fchrungsakademie\u201c, jetzt \u201eHochschule der Polizei\u201c bleibt nicht ungeschoren. Als \u201eHochschule light\u201c bezeichnet er sie, und die dazu passende Geschichten liefert er auch.<\/p>\n<p>\u201e<em>Das Auswahlkriterium f\u00fcr Lehrer aus den Beamtenkontingenten des h\u00f6heren Dienstes der L\u00e4nder und des Bundes zur Abordnung oder Versetzung an die PFA schien gewesen zu sein: Wer ist verzichtbar und wird nicht gebraucht und ist \u00fcber seine Leistungsgrenzen hinaus bef\u00f6rdert worden?<\/em>\u201c (S. 87). Tats\u00e4chlich wird auch heute immer wieder einmal berichtet, dass zumindest die Fachhochschulen nicht immer das Ziel der Besten aus der Polizeipraxis sind und dass polizeiinterne Probleme auch oftmals durch entsprechende Abordnungen \u201egel\u00f6st\u201c werden. Hochschulinterne Auswahlverfahren mit Beteiligung externer, unabh\u00e4ngiger Gutachter, wie sie an \u201erichtigen\u201c Hochschulen die Regel sind, gibt es hier immer noch zu selten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-2037\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231118_144011.jpg\" alt=\"\" width=\"506\" height=\"535\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231118_144011.jpg 2204w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231118_144011-142x150.jpg 142w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231118_144011-968x1024.jpg 968w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231118_144011-1452x1536.jpg 1452w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231118_144011-1936x2048.jpg 1936w\" sizes=\"(max-width: 506px) 100vw, 506px\" \/><\/p>\n<p>Das Buch irritiert erst einmal durch die ungew\u00f6hnliche Drucktype, die eher einer alten Schreibmaschine \u00e4hnelt. Dass es im gleichen Verlag erschienen ist wie die B\u00fccher von <a href=\"https:\/\/www.memoirverlag.de\/wilhelm-dietl\/\">Wilhelm Dietl<\/a> verwundert nicht, sind dessen Abrechnungen mit Polizei und Geheimdiensten doch wohlbekannt. Was aber verwundert ist, dass der Autor, der immerhin bei dem (damals) bekannten Kriminologen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Armand_Mergen\">Armand Mergen<\/a> in Mainz promoviert hat, seine Berichte nicht mehr durch wissenschaftliche Quellen belegt (die es ja gibt) oder mit deren Hilfe analysiert. So bleibt die pers\u00f6nliche Geschichte eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Menschen, der in der Institution Polizei aus ganz verschiedenen Gr\u00fcnden nicht re\u00fcssieren konnte \u2013 und vielleicht auch nicht wollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thomas Feltes, November 2023<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ein von Rickmers beschriebenes Ereignis, als der Personalchef beim Berliner Polizeipr\u00e4sidenten seine Freundin in den h\u00f6heren Dienst aufsteigen lassen wollte (S. 82 ff.), \u00e4hnelt frappierend den Ereignissen in Baden-W\u00fcrttemberg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Rickmers, Meine 2 Leben. Ich bin nicht stolz, ein Polizist gewesen zu sein. Traitsching 2023, Memoir-Verlag, ca. 270 Seiten, ISBN 9783982512914, 19,90 Euro. \u201eAus der Vasallentreue des 5. Jahrhunderts lassen sich die Mitarbeiterpflichten der Polizeien \u2026 in Deutschland ableiten\u201c (S. 169). 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