{"id":2071,"date":"2024-01-15T10:34:59","date_gmt":"2024-01-15T09:34:59","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2071"},"modified":"2024-01-15T10:34:59","modified_gmt":"2024-01-15T09:34:59","slug":"hansjakob-gundlach-straub-kriminalistisches-denken-rezensiert-von-holger-plank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2071","title":{"rendered":"Hansjakob \/ Gundlach \/ Straub: Kriminalistisches Denken. Rezensiert von Holger Plank"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hansjakob, Thomas (+)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, Gundlach, Thomas<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, Straub, Peter<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>: \u201eKriminalistisches Denken\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/strong>. ISBN: 978-3-7832-4060-3, 482 Seiten, Verlag C. F. M\u00fcller, Heidelberg, Schriftenreihe <a href=\"https:\/\/www.otto-schmidt.de\/buch_reihe\/Grundlagen%2520der%2520Kriminalistik\">Grundlagen der Kriminalistik<\/a>, 2024, 30.- \u20ac)<\/p>\n<p>Seit der 10. Auflage (2016) hat sich nach dem Tod des bisherigen Hrsg. Thomas <strong>Hansjakob<\/strong> im Jahr 2018 die Herausgeber- und Autorenschaft dieses praxis\u00adorientierten <img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-2072 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Hansjakob.jpg\" alt=\"\" width=\"156\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Hansjakob.jpg 275w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Hansjakob-101x150.jpg 101w\" sizes=\"(max-width: 156px) 100vw, 156px\" \/>kriminalistischen Grundlagenwerks und Ratgebers ge\u00e4ndert. Die 11. (2020) und die aktuelle 12. Auflage werden nun gemeinsam von Thomas E. <strong>Gundlach<\/strong> und Peter <strong>Straub <\/strong>verantwortet. Einleitend kann zun\u00e4chst auf die Besprechung der 10. Auflage von <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=549\">Anne Hammes<\/a> im PNL verwiesen werden.<!--more--><\/p>\n<p>Neu ist \u2013 naturgem\u00e4\u00df neben der gebotenen rechtlichen Aktualisierung der Inhalte und der Erg\u00e4nzung der Fachliteratur im Lit.-verzeichnis \u2013 u. a. die vollst\u00e4ndige Verweisung auf die Quellen im Textteil (seit der 11. Auflage). Der Umfang des Werks hat sich zudem seit der letzten Besprechung signifikant erweitert (von 350 auf aktuell 482 Seiten), was sich allerdings nur ganz geringf\u00fcgig auf die Gliederung und inhaltliche Grundstruktur (der 12. Auflage) ausgewirkt hat. Es sind nur einige wenige redaktionelle Anpassung des Inhaltsverzeichnisses vorgenommen worden, der grundlegende inhaltliche Aufbau ist damit mit den Vorauflagen vergleichbar, allerdings ist die fachliche Schwerpunktsetzung etwas anders gewichtet.<\/p>\n<p>Das von Hans Walder<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> 1955 begr\u00fcndete Werk hat in der Neuauflage auch nach 68 Jahren als \u201ePraktiker-Handbuch\u201c f\u00fcr (angehende) Kriminalisten nach wie vor Relevanz. Das gilt vor allem f\u00fcr die das Werk beschlie\u00dfende und gelungene Darstellung h\u00e4ufiger Fehler bei der kriminalistischen Arbeit. Deren Auswirkungen k\u00f6nnen f\u00fcr Beschuldigte, Angeklagte, aber auch f\u00fcr Opfer und Hinterbliebene, deren \u201eFall\u201c wegen unsachgem\u00e4\u00dfem Vorgehen der Ermittlungs\u00adbeh\u00f6rden und der Justiz ggf. nicht (hinreichend) gekl\u00e4rt werden kann, sowohl in physischer als auch psychischer Hinsicht fatal wirken. Wie es um die kriminalistische Expertise und deren akademischer und handlungspraktischer Vermittlung inzwischen bestellt ist, l\u00e4sst sich auch mittelbar aus einer Erkenntnis der Autoren (S. 426) ablesen: <strong>\u201eInteressant daran ist, dass die Fehler, die Hans Walder schon in der Erstauflage des Werkes (\u2026) beschrieben hat, noch heute zu den h\u00e4ufigsten geh\u00f6ren!\u201c<\/strong> Und das, obwohl wir fast sieben Jahrzehnte sp\u00e4ter \u00fcber so viel mehr interdisziplin\u00e4res (kriminal-)wissenschaftliches, forensisches und -psychologisches Wissen verf\u00fcgen. Insofern sind auch die Feststellungen im Vorwort zur 12. Auflage (S. V) und der Einleitung (S. 5) durchaus bemerkenswert. Im Vorwort ist zu lesen, \u201edie Kriminalistik habe es \u2013 zumindest im deutschsprachigen Raum \u2013 immer noch schwer, als Wissen\u00adschaftsdisziplin anerkannt zu werden\u201c. In der Einleitung hei\u00dft es dann, dass die Kriminalistik selbst eine Wissenschaftsdisziplin ist (\u2026), sei mittlerweile unstrittig. Ebenso unstrittig wie bedauernswert sei, dass die Kriminalistik im deutschsprachigen Raum in Forschung und Lehre nach wie vor \u00fcberwiegend ein Schattendasein friste (\u2026).\u201c Neben dem kleinen jedoch vernachl\u00e4ssigenswerten Widerspruch hinsichtlich der epistemologischen Bedeutung der Disziplin (inzwischen nahezu g\u00e4nzlich fehlende universit\u00e4re Grundlagenforschung!) zeigen die inhaltlich zutreffenden Bemerkungen eben auch den handlungsbezogenen disziplin\u00e4ren Bedarf in der Aus- und Fortbildung der kriminalistischen Akteure in den Sicherheitsbeh\u00f6rden und der Justiz auf Grundlage aktueller interdis\u00adziplin\u00e4rer empirischer wissenschaftlicher Befunde. Diese bedauerliche Entwicklung tr\u00e4gt sicher mit dazu bei, dass die bereits 1955 beschriebenen Fehler auch heute noch offensichtlich hoch relevant sind, und das, obwohl die kriminalistische Handlungslehre heute deutlich \u00fcber die Polizei und Justiz hinaus an Bedeutung gewinnt.<\/p>\n<p>Das Werk ist schl\u00fcssig gegliedert, enth\u00e4lt durch die durchg\u00e4ngige Kontextualisierung der Quellen im Hauptteil zahllose hilfreiche Hinweise zu weiterf\u00fchrender Literatur und bedeutsamen aktuellen Forschungserkenntnissen, es ist leicht verst\u00e4ndlich formuliert, deshalb z\u00fcgig lesbar, eignet sich daher auch gut als Nachschlagewerk und weist aufgrund des titelgebend formulierten Anspruchs \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur ganz geringf\u00fcgigen Erg\u00e4nzungsbedarf in Bezug auf den Gegenstand des \u201ekriminalistischen Denkens\u201c auf. Durch diese inhaltliche Begrenzung wird zudem klar, dass niemand ein umfassendes kriminalistisches Kompendium, das die Disziplin Kriminalistik und ihre wesentlichen Sub-Disziplinen Kriminaltaktik, -strategie und -technik vollst\u00e4ndig erfasst, erwarten darf. Darauf weisen die Autoren auch zurecht hin (S. 448 f.). \u201eOberfl\u00e4chlich\u201c (S. 448) ist das Werk dennoch keinesfalls! Dennoch ist an einigen Stellen sicher f\u00fcr die folgende 13. Auflage geringf\u00fcgiger Erg\u00e4nzungsbedarf amgezeigt. So gibt es im Gegensatz zur Feststellung der Autoren durchaus einige j\u00fcngere und nennenswerte Erkenntnisse aus der systematisierten Untersuchung von Fehlurteilen (S. 426).<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Das gilt auch f\u00fcr die zunehmende Bedeutung des Gefahrenabwehrrechts mit seinen z. T. prognostischen Elementen im Rahmen der Gefahrenerforschung, die f\u00fcr die Kriminalpolizei nicht nur im Rahmen des interdisziplin\u00e4ren und Institutionen \u00fcbergreifenden \u201eRisikoprobanden- und Gef\u00e4hrdermanagements\u201c kriminalistisch immer bedeutsamer wird.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Inhaltlich und im Vergleich zu den vorangegangenen Auflagen deutlicher machen die Autoren u. a. auch die erhebliche Problematik rund um die verfahrenskonforme Informationsgewinnung aus dem Personenbeweis sowie die Problemstellung, dass es durch das f\u00fcr den (kriminal-) polizeilichen Anwender inzwischen dogmatisch und in der Auslegung grundlegender justizieller Entscheidungen zunehmend komplexer werdende materielle und formelle Straf(verfahrens-)recht mit deinen inzwischen zahlreichen kriminalistisch relevanten \u00dcberschneidungen zum Gefahrenabwehr- und Sicherheitsrecht immer schwieriger wird, das sachgerechte kriminaltaktische Vorgehen auf Grundlage der relevanten beweisw\u00fcrdigen subjektiven und objektiven Tatbestandsmerkmale zu planen. Gerade letztere Voraussetzung erachten die Autoren als kriminalistische Kernkompetenz (S. 448).<\/p>\n<p>Dennoch, das informative und lesenswerte Buch bedient durch seine titelgebend thematische Einschr\u00e4nkung auf disziplin\u00e4re Kernelemente des \u201eKriminalistischen Denkens\u201c eine L\u00fccke im ansonsten schier un\u00fcbersichtlichen Kanon krimi\u00adnalistischer Lehrb\u00fccher und Kompendien.<\/p>\n<p>Holger Plank (im Januar 2024)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Dr. Thomas <a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/person\/gnd\/131543377\">Hansjakob<\/a> (+ 2018), Schweizer Jurist und Staatsanwalt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Professor f\u00fcr Kriminalistik an der <a href=\"https:\/\/akademie-der-polizei.hamburg.de\/thomas-gundlach-490294\">Akademie der Polizei in Hamburg<\/a>; Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Kriminalistik (<a href=\"https:\/\/kriminalistik.com\/vorstand\/\">DGfK<\/a>).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Dr. iur. Peter Straub, Leitender Staatsanwalt im <a href=\"https:\/\/www.sg.ch\/recht\/staatsanwaltschaft-jugendanwaltschaft\/standorte\/untersuchungsamt-gossau.html\">Kanton St. Gallen<\/a>, Lehrbeauftragter f\u00fcr Straf\u00adprozessrecht an der <a href=\"https:\/\/irphsg.ch\/weiterbildung\/anwaltsausbildung\/anwaltsausbildung-sg\/schweizerisches-strafprozessrecht\/\">HSG St. Gallen<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Siehe <a href=\"https:\/\/www.otto-schmidt.de\/kriminalistisches-denken-9783783240603\">Verlags-Website<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Prof. Dr. Hans Walder, Universit\u00e4t Bern und Schweizer Bundesanwalt (+ 2005).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. neben den Dissertationen von B\u00f6hme (<a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1125\">2018<\/a>) und Dunkel (<a href=\"https:\/\/www.nomos-elibrary.de\/10.5771\/9783845294476\/fehlentscheidungen-in-der-justiz?page=1\">2018<\/a>) im bspw. das Verbund\u00adprojekt \u201e<a href=\"https:\/\/www.wiederaufnahme.com\/\">Fehlurteil und Wiederaufnahme<\/a>\u201c (Prof. Momsen &amp; Prof. K\u00f6nig in Kooperation mit der Law Clinic der FU Berlin, der Law Clinic Strafprozess der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen sowie der Universit\u00e4t Augsburg) oder das gleichnamige Projekt unter Federf\u00fchrung des KfN Niedersachsen (vgl. Themenheft <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/mks-2023-0016\/html?lang=de\">MschrKrim<\/a> (106) 2023, Nr. 3) oder etwa der Tagungsbericht der 6. Bielefelder Verfahrenstage, inhaltlich als Sammelband zusammengefasst (Barton et al., <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1179\">2017<\/a>, \u201eVom hochgemuten, voreiligen Griff nach der Wahrheit. Fehlurteile im Strafprozess\u201c).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. bspw. Plank, Die Polizei (114) <a href=\"https:\/\/shop.wolterskluwer-online.de\/media\/pdf\/93\/e9\/09\/00323519_1695193962_inhaltsverzeichnis.pdf\">2023<\/a>, Heft 10, S. 333 \u2013 338.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hansjakob, Thomas (+)[1], Gundlach, Thomas[2], Straub, Peter[3]: \u201eKriminalistisches Denken\u201c[4]. ISBN: 978-3-7832-4060-3, 482 Seiten, Verlag C. F. M\u00fcller, Heidelberg, Schriftenreihe Grundlagen der Kriminalistik, 2024, 30.- \u20ac) Seit der 10. Auflage (2016) hat sich nach dem Tod des bisherigen Hrsg. Thomas Hansjakob im Jahr 2018 die Herausgeber- und Autorenschaft dieses praxis\u00adorientierten kriminalistischen Grundlagenwerks und Ratgebers ge\u00e4ndert. Die &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2071\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Hansjakob \/ Gundlach \/ Straub: Kriminalistisches Denken. 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