{"id":2100,"date":"2024-03-16T11:06:00","date_gmt":"2024-03-16T10:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2100"},"modified":"2024-03-16T11:06:00","modified_gmt":"2024-03-16T10:06:00","slug":"badora-vom-stuerzen-und-wiederaufstehen-gestaendnisse-aus-dem-frauengefaengnis-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2100","title":{"rendered":"Badora: Vom St\u00fcrzen und Wiederaufstehen. Gest\u00e4ndnisse aus dem Frauengef\u00e4ngnis. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anna Badora, Vom St\u00fcrzen und Wiederaufstehen. Gest\u00e4ndnisse aus dem Frauengef\u00e4ngnis<\/strong>. Ueberreuter-Verlag Wien 2024, \u20ac 25,00, 220 S., ISBN: 978-3-8000-7859-2.<\/p>\n<p>\u201e<em>\u00dcber das Leben im Gef\u00e4ngnis und den Kampf um das Recht auf einen Neubeginn<\/em>.\u201c Gem\u00e4\u00df der ber\u00fchmten Chaos-Theorie kann ein einziges Ereignis den Lauf der Geschichte v\u00f6llig <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2101 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Unbenannt.jpg\" alt=\"\" width=\"159\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Unbenannt.jpg 808w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Unbenannt-106x150.jpg 106w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Unbenannt-722x1024.jpg 722w\" sizes=\"(max-width: 159px) 100vw, 159px\" \/>ver\u00e4ndern \u2013 im Gro\u00dfen, aber eben auch im kleinen, pers\u00f6nlichen Bereich. <em>Anna Badora<\/em> hat Frauen interviewt, die davon erz\u00e4hlen. Alle sitzen seit mehreren Jahren als verurteilte Straft\u00e4terinnen im Gef\u00e4ngnis. \u201e<em>Doch ihre Geschichten sind nicht nur die ihrer Verbrechen. Es sind Geschichten von Frauen, die sich falsch entschieden haben \u2013 mit dramatischen Konsequenzen f\u00fcr sie selbst, die Opfer und ihre Familien<\/em>\u201c.<!--more--><\/p>\n<p>Es geht in dem Buch um \u201e<em>Frauen in Gef\u00e4ngnissen, die falsche Entscheidungen getroffen haben, manche mehrere, falsch abgebogen sind, den falschen Mann geheiratet und pl\u00f6tzlich ihr bisheriges Leben ohne Vorwarnung in Tr\u00fcm<\/em><em>mern vorgefunden haben. Sie kommen oft aus der Mitte der Gesellschaft, aus Familien, die Kriminalit\u00e4t sonst nur aus dem Tatort oder Netflix-Serienkennen. Einige von ihn<\/em><em>en lebten vor ihrer Tat in privilegierten Verh\u00e4ltnissen, in Eigenheimen, angesagten Stadtvierteln. Mit Ehem\u00e4nnern in gehobenen Positionen, die ihren Familien vieles boten &#8211; Geld, Reisen, Privatschulen, gepflegte Vorg\u00e4rten -, au\u00dfer Zeit und Aufmerksamkeit. Manche dieser Frauen jagten den eigenen Anspruch nach Selbstoptimierung hinterher, wollten perfekt im Beruf, als Mutter und Ehefrau sein. Warnsignale ihres K\u00f6rpers ignorierten sie, schluckten Schmerz-, Schlaf- oder Aufputschmittel in rauen Mengen, um immer weiter funktionieren zu k\u00f6nnen. Andere wurden kaufs\u00fcchtig, weil sie mit ihren Freundinnen Schritt halten wollten. Oder versuchten, wenn sie aus fremden Kulturkreisen kamen, ihre kulturelle Pr\u00e4gung mit den westlichen Werten ihrer neuen Heimat in Einklang zu bringen. Wie unter einem Vergr\u00f6\u00dferungsglas sieht man in der Herleitung ihrer Straftaten dunkle Aspekte unserer Gesellschaft\u201c <\/em>(S. 7).<\/p>\n<p>Entstanden ist ein eindrucksvolles Buch, dem man anmerkt, dass seine Autorin in anderen Bereichen t\u00e4tig war, bevor sie dieses Buch geschrieben hat: <em>Badora<\/em> absolvierte eine Schauspielausbildung, war Assistentin von <em>Peter Zadek <\/em>und <em>J\u00fcrgen Flimm<\/em> und danach Generalintendantin des D\u00fcsseldorfer Schauspielhauses. 2015 \u00fcbernahm sie als k\u00fcnstlerische Direktorin die Leitung des Volkstheaters in Wien. Sie hat mehrere Preise f\u00fcr ich k\u00fcnstlerisches Engagement erhalten und ist Ambassadorin des \u00d6sterreichischen Roten Kreuz<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Ihr Buch \u201e<em>Dreizehn Leben \u2013 Frauenportraits, inspirierend und wegweisend<\/em>\u201c erschien Ende Februar 2022 im Ueberreuter-Verlag, und enth\u00e4lt Interviews mit Frauen aus v\u00f6llig unterschiedlichen Metiers und Milieus, die aber alle ihren Tr\u00e4umen und Berufungen gefolgt und daf\u00fcr neue Wege abseits der ausgetretenen Pfade gegangen sind<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> \u2013 wenn man so will, das genaue Gegenst\u00fcck zu dem jetzt von ihr vorgelegten Buch. Aber \u201eGegenst\u00fcck\u201c nur bez\u00fcglich des gesellschaftlichen Ansehens der Protagonistinnen, nicht aber bez\u00fcglich der Aussagekraft ihrer Interviews. Ebenso wie die damals interviewten Frauen \u201e<em>au\u00dfergew\u00f6hnliche Inspirationsquellen<\/em>\u201c sind, wie der Verlag schreibt<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, sind die jetzt von ihr interviewten Frauen im Gef\u00e4ngnis Inspirationsquellen ganz besonderer Art: Sie veranlassen uns, \u00fcberkommend Vorstellungen zu hinterfragen, uns deutlich zu machen, wie zuf\u00e4llig ein Leben verlaufen kann und wie wenig wir dies letztlich oftmals beeinflussen k\u00f6nnen, wie vorsichtig wir daher mit Zuschreibungen und Zuordnungen sein sollten \u2013 und auch zu fragen, ob Strafvollzug in dieser Form noch zu unserer heutigen Gesellschaft passt<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>.<\/p>\n<p>Dass ihr dennoch der Zugang zu Strafvollzugsanstalten in \u00d6sterreich, wo sie neben Deutschland Interviews mit inhaftierten Frauen f\u00fchren wollte, verwehrt wurde, sagt viel \u00fcber das System Strafvollzug und dessen politische Bedeutung aus. Die Gespr\u00e4che w\u00fcrden \u201e<em>den Zwecken des Strafvollzuges widersprechen<\/em>\u201c und die Inhaftierten in \u201e<em>ihren sch\u00e4dlichen Neigungen<\/em>\u201c best\u00e4rken (S. 216) &#8211; so die Begr\u00fcndungen der Ministerien.<\/p>\n<p>Neben den eindrucksvollen Interviews mit insgesamt neun inhaftierten Frauen enth\u00e4lt das Buch am Ende \u201e<em>Hintergrundkommentare<\/em>\u201c von Vollzugsfachleuten<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Auch hier zeigt sich, dass es der Autorin <em>Badora<\/em> gelingt, Barrieren zu brechen und die \u201eFachleute\u201c auch zu Aussagen zu bewegen, die man ansonsten in der \u00d6ffentlichkeit vielleicht so nicht h\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Interviews, mit Kapitel\u00fcberschriften wie \u201e<em>Der Mann auf der Motorhaube<\/em>\u201c, \u201e<em>K\u00e4mpfen wie Bruce Lee<\/em>\u201c oder \u201e<em>Lustkiller S\u00e4ure<\/em>\u201c versehen, sind nicht nur thematisch spannend, sondern auch dramaturgisch gut aufgebaut und vermitteln ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Konfliktsituationen, die Frauen dazu bringen, Straftaten zu begehen. Man merkt, dass die Autorin an den richtigen Stellen die richtigen Fragen stellt und stellen kann.<\/p>\n<p>Es ist ein eindrucksvolles Buch, weil es der Autorin gelingt, denen eine Sprache zu geben, die ansonsten nicht geh\u00f6rt werden. Es ist lesenswert nicht nur f\u00fcr diejenigen, die im Bereich Strafvollzug oder Strafverfolgung arbeiten, sondern f\u00fcr alle, die sich f\u00fcr die Erlebniswelten von Frauen interessieren, deren Leben aus den Fugen geraten ist. <em>Badora<\/em> schreibt dazu: \u201e<em>Keine meiner verurteilten Gespr\u00e4chspartnerinnen behauptet, sie sei unschuldig. Aber viele verstehen bis heute nicht, wie sie das Verbrechen begehen konnten. \u203aDas bin doch nicht ich\u2039 habe ich immer wieder geh\u00f6rt<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Die unterschiedlichsten Wege haben diese Frauen aus einem \u00bbganz normalen\u00ab b\u00fcrgerlichen Leben in die Haftanstalt gef\u00fchrt. Der Blick hinter die Gitter der Haftanstalt offenbart eine neue Sichtweise auf das Tabuthema Gef\u00e4ngnis und zeigt auch, welche H\u00fcrden verurteilte Straft\u00e4terinnen nach der Haft \u00fcberwinden m\u00fcssen, um wieder Teil der Gesellschaft sein zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>\u00bb<em>Nachdem ich meine Strafe hier abgeb\u00fc\u00dft habe, will ich diese Anstalt mit gehobenem Haupt verlassen, mit einem L\u00e4cheln. Alles Schlechte bleibt hier. Ich m\u00f6chte mich auf das, was kommt, noch freuen d\u00fcrfen \u2026<\/em>\u00ab (Kati, Gef\u00e4ngnisinsassin)<\/p>\n<p>&#8222;<em>Damit das Leben nach der Haft gelingen kann<\/em>&#8222;, schreibt Beate <em>Peters<\/em>, die Leitende Regierungsdirektorin aus Nordrhein-Westfalen, in ihrem Beitrag, \u201e<em>sind faire Chancen unerl\u00e4sslich, wie auch eine Perspektive, die wegf\u00fchrt vom abstrakten Bild der ,Verbrecherin&#8216;, hin zu ein der konkreten Person in ihrem sozialen Kontext. Und vielleicht ermutigt die Lekt\u00fcre dieses Buches, Vorurteile nicht nur zu hinterfragen, sondern sogar aufzugeben<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p>Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anna_Badora\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anna_Badora<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Von der Verfassungsrichterin Brigitte Bierlein bis zur Weltraumarchitektin Barbara Imhof, von der Ultratriathlon-Weltmeisterin Alexandra Meixner bis zu Rapperin Esra \u00d6zmen, Schauspielerin Adele Neuhauser und Mobilit\u00e4ts- und Urbanit\u00e4tsforscherin Katja Schechtner.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.ueberreuter.at\/shop\/dreizehn-leben-frauenportraets-inspirierend-und-wegweisend\/\">https:\/\/www.ueberreuter.at\/shop\/dreizehn-leben-frauenportraets-inspirierend-und-wegweisend\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> In den \u201e<em>Arnoldhainer Thesen zur Abschaffung der Freiheitsstrafe<\/em>\u201c hatten wir bereits 1990 diese Frage aufgeworfen, Sie ist heute aber weder beantwortet, noch obsolet geworden. Vgl. <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/1990_Arnoldshainer_Thesen.pdf\">https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/1990_Arnoldshainer_Thesen.pdf<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Darunter Astrid Wagner, Wiener Anw\u00e4ltin, Sabine Matejka, Vize-Pr\u00e4sidentin der Internationalen Richtervereinigung, Ines Sturm, Gef\u00e4ngnispsychologin in der JVA-Willich 2 (NRW), Beate Peters, Direktorin des Gef\u00e4ngnisses Moers-Kapellen (NRW).<\/p>\n<p>Thomas Feltes, M\u00e4rz 2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Badora, Vom St\u00fcrzen und Wiederaufstehen. Gest\u00e4ndnisse aus dem Frauengef\u00e4ngnis. Ueberreuter-Verlag Wien 2024, \u20ac 25,00, 220 S., ISBN: 978-3-8000-7859-2. \u201e\u00dcber das Leben im Gef\u00e4ngnis und den Kampf um das Recht auf einen Neubeginn.\u201c Gem\u00e4\u00df der ber\u00fchmten Chaos-Theorie kann ein einziges Ereignis den Lauf der Geschichte v\u00f6llig ver\u00e4ndern \u2013 im Gro\u00dfen, aber eben auch im kleinen, &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2100\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Badora: Vom St\u00fcrzen und Wiederaufstehen. Gest\u00e4ndnisse aus dem Frauengef\u00e4ngnis. 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