{"id":2103,"date":"2024-04-03T16:10:28","date_gmt":"2024-04-03T14:10:28","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2103"},"modified":"2024-04-03T16:10:28","modified_gmt":"2024-04-03T14:10:28","slug":"hauffe-die-leere-im-zentrum-der-tat-eine-soziologie-unvermittelter-gewalt-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2103","title":{"rendered":"Hauffe: Die Leere im Zentrum der Tat. Eine Soziologie unvermittelter Gewalt. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Tobias Hauffe, Die Leere im Zentrum der Tat. Eine Soziologie unvermittelter Gewalt.<\/strong> Hamburger Edition 2024, 208 S., gebunden, ISBN 978-3-86854-380-3, 35.- Euro (digital 31,99 Euro)<\/p>\n<p>Immer wieder sorgen Straftaten f\u00fcr Aufmerksamkeit, die \u201eman\u201c sich nicht erkl\u00e4ren kann: <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2104 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/978_3_86854_380_3_Hauffe_Die_Leere_im_Zentrum_der_Tat_0.jpg\" alt=\"\" width=\"135\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/978_3_86854_380_3_Hauffe_Die_Leere_im_Zentrum_der_Tat_0.jpg 330w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/978_3_86854_380_3_Hauffe_Die_Leere_im_Zentrum_der_Tat_0-99x150.jpg 99w\" sizes=\"(max-width: 135px) 100vw, 135px\" \/>Die Tat \u201epasst\u201c nicht zum T\u00e4ter, der T\u00e4ter kann selbst nicht erkl\u00e4ren, was mit ihm geschah oder was er tat, er war zuvor noch nie strafrechtlich auff\u00e4llig geworden. Vier F\u00e4lle versuchten Totschlags, die keine gewaltsame Vorgeschichte haben, in denen die Konfrontationen im Kontext allt\u00e4glicher Konfliktsituationen stattfinden und die sich nicht zufriedenstellend erkl\u00e4ren lassen. Sie sind der Ausgangspunkt der Studie.<!--more--><\/p>\n<p>Hauffe leitet seine Studie mit folgenden S\u00e4tzen ein: \u201e<em>Tritt ein Mensch einem am Boden liegenden Menschen gegen und auf Kopf und K\u00f6rper, liegt der Gedanke nicht fern, dass die Brutalit\u00e4t der Tat auf eine \u00bbAu\u00dfergew\u00f6hnlichkeit\u00ab des T\u00e4ters und\/ oder auf die besondere Situation zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Die Tat, so die Annahme, verweist auf eine hohe Gewaltf\u00e4higkeit und -bereitschaft des T\u00e4ters oder, etwa wenn jugendliche Gangmitglieder oder verfeindete Hooligangruppen aufeinander losgehen, auf Konfliktsituationen, die zumindest nicht allt\u00e4glich sind. Dass Konfliktsituationen, in deren Verlauf es zu potenziell t\u00f6dlichen Gewalthandlungen kommt, aus nichtigen Anl\u00e4ssen entstehen, m\u00f6gen wir uns noch vorstellen k\u00f6nnen. Dass die brutalen Gewalthandlungen von Menschen ausge\u00fcbt werden, die zuvor noch nie oder nur minderschwer gewaltkriminell in Erscheinung getreten sind, wie es in der polizeilichen Terminologie hei\u00dft, ist dagegen weniger leicht zu begreifen. Die Gewaltsituationen, die im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen, fordern uns heraus. Die Gewalthandlungen, die strafrechtlich als F\u00e4lle versuchten Totschlag verfolgt wurden, wurde n von Menschen ausge\u00fcbt, die vergleichbare Taten, soweit dies polizeilich erfasst werden konnte, noch nie zuvor ausgef\u00fchrt hatten.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Hauffe untersucht Gewalttaten, bei denen kein eindeutiges Motiv wie etwa eine rassistische Ideologie oder ein \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum bestehender Konflikt festgestellt werden konnte. Auch im engeren Sinn pers\u00f6nlichkeitsbezogene Merkmale, wie sie so oft in psychologisch-psychiatrischen Gutachten von \u201eGewaltt\u00e4tern\u201c eine Rolle spielen (oder besser: sie werden dazu von den Gutachtern gemacht), finden sich hier nicht. Die Gewalt erfolgt in diesen Situationen unvermittelt. Die Frage, warum die Gewalt, noch dazu in einer brutalen Form, ausge\u00fcbt wurde, besch\u00e4ftigt Polizeibeamten ebenso wie Verteidiger, Staatsanw\u00e4lte, Richter und letztlich auch den Leser der entsprechenden Berichte in Medien.<\/p>\n<p>In Interviews, die der Autor gef\u00fchrt hat, schildern Polizeibeamten den Ablauf der Situationen und berichten, wie es aus Ermittlungssicht zur Gewalthandlung gekommen ist. \u201e<em>Auf den Moment des Gewaltausbruchs kommen sie dabei immer wieder zur\u00fcck. Auch wenn der individuelle Tatnachweis unstrittig ist, hadern die Polizeibeamt:innen mit den Erkl\u00e4rungsversuchen f\u00fcr den Moment des Sprungs in die Gewalt. Die Tat, sagte ein Polizeibeamter \u00fcber den von ihm ermittelten Fall in einem Gespr\u00e4ch mit mir, passe irgendwie nicht zum T\u00e4ter<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Dabei ist die \u201e<em>Leere im Zentrum der Tat<\/em>\u201c eben keine, die man nicht erkl\u00e4ren oder besser gesagt gesellschaftlich verorten k\u00f6nnte. Denn, so schreibt Hauffe, erst wenn wir von konkreten Ph\u00e4nomenen der Gewalt ausgehen, \u201e<em>kann es m\u00f6glich sein, auch etwas \u00fcber das Gesellschaftliche zu sagen, das in ihnen zum Ausdruck kommt<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Das vorliegende Buch ist ein Versuch, einem spezifischen Gewaltph\u00e4nomen nahezukommen. Die Fragen, die sich der Autor stellt, besch\u00e4ftigen uns alle immer wieder bei entsprechenden Taten: \u201e<em>Wie ist es m\u00f6glich, dass allt\u00e4gliche Konfliktsituationen, an denen Menschen beteiligt sind, die \u00fcber keine oder nur eine minderschwere gewaltkriminelle Vorgeschichte verf\u00fcgen, derart brutal eskalieren?<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Dabei verweist Hauffe darauf, dass diese Formulierung unpr\u00e4zise ist: Die Gewaltsituationen, die der vorliegenden Untersuchung zugrunde liegen, w\u00fcrden nicht im eigentlichen Sinne eskalieren. \u201e<em>In ihnen wird Gewalt von Personen (relativ) pl\u00f6tzlich ausge\u00fcbt. Die Gewalthandlungen sind Teil der Situationsverl\u00e4ufe und wirken zugleich wie ein Bruch in den Geschehen\u201c. Ziel der vorliegenden Untersuchung sei es daher, \u201eden spezifischen Situationsmoment, in dem pl\u00f6tzlich schwere Gewalthandlungen in Form von Fu\u00df- und Stampftritten gegen den Kopf und K\u00f6rper einer am Boden liegenden Person ausge\u00fcbt werden, analytisch dicht zu beschreiben<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>In der Untersuchung rekonstruiert Hauffe den Situationsmoment, indem er ihn mit dem Handlungsmodus, in dem sich die Gewaltaus\u00fcbenden, kurz vor und im Moment der schweren Gewalthandlung, befinden, in Bezug setzt. Er versucht, das \u201eMomenthafte\u201c der Situation zu erhalten, er versucht zu verstehen, was diesen Moment ausmacht.<\/p>\n<p>Die Gewaltaus\u00fcbenden \u00fcben brutale Gewalt aus, aber nicht so, als w\u00e4re ihnen das Gegen\u00fcber egal. <em>\u201eDenn im Wort \u00bbegal\u00ab steckt bereits ein Zuviel an Handlungsorientierung an anderen. Es wirkt vielmehr, als w\u00fcrde das Gegen\u00fcber aus dem Selbst- und Weltbezug der Gewaltaus\u00fcbenden verschwinden. Als w\u00e4re der Sprung in die Gewalt ein Moment a-sozialer Gegenwart. Da ist niemand (mehr). In diesem Sinne ist das Zentrum der Tat leer. Und es ist diese Beobachtung, die ich im vorliegenden Buch zu erkunden versuche.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Im ersten Teil des Buches werden Methodik und Materialgrundlage dargelegt. Im Kapitel \u201e<em>Vier F\u00e4lle unvermittelter Gewalt<\/em>\u201c rekonstruiert der Autor dann F\u00e4lle versuchten Totschlags. Die dokumentarischen Rekonstruktionen sind eine erste Verdichtung des Materials und bilden den Ausgangspunkt f\u00fcr die Analyse.<\/p>\n<p>Neben den Interviews mit Ermittlern hat Hauffe auch Akteneinsicht erhalten und konnte so auch die ermittlungstechnische und juristische Aufarbeitung der F\u00e4lle untersuchen. Dass dieser Aspekt bei der Analyse etwas zu kurz kommt (so fehlt es bspw. an einer substantiierten Kritik der Ermittlungsarbeit der Polizei) ist nachvollziehbar und dem Konzept der Studie geschuldet, aber dennoch schade.<\/p>\n<p>Dabei argumentiert der Autor, dass der Handlungsmodus einen radikal augenblicklichen Aspekt hat. Das Gegen\u00fcber sei \u201e<em>situativ verschattet, der Selbst- und Weltbezug der Gewaltaus\u00fcbenden ist auf den Gewalthandlungsvollzug geschrumpft<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Ausgehend von Selbst- und Fremdbeschreibungen der Gewaltaus\u00fcbenden wird in der Studie die Frage aufgeworfen, was uns die konkrete Form der Gewalt \u00fcber den Moment der Gewalt und die Bedeutung des Gegen\u00fcbers zu sagen vermag.<\/p>\n<p>Hauffe argumentiert, dass das Gegen\u00fcber nicht bek\u00e4mpft oder vernichtet werden soll, sondern dass die Gewalthandlung am ehesten als ein \u00bbZerst\u00f6ren\u00ab zu beschreiben sei.<\/p>\n<p>Was der Autor mit seinem Text beabsichtigt, beschreibt er so: \u201e<em>Ich m\u00f6chte einen sozialen Moment, den Sprung in die Gewalt, handwerklich gewissenhaft freilegen, um an Aspekte heranzukommen, die nicht augenscheinlich sind, die uns aber zu verstehen helfen, was hier vor sich geht<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Und, ach ja, die Studie von Hauffe ist, und das ist der einzige Punkt an dem ich ihm widersprechen m\u00f6chte, eine kriminologische Studie, auch wenn er dies (auf S. 13) verneint. Er begr\u00fcndet dies damit, dass er nicht auf geschichtliche oder strafrechtliche Aspekte eingeht, oder auf Pr\u00e4vention zielende Ursachenforschung betreibt. Sein Erkenntnisinteresse sei <em>\u201edas Momenthafte der Gewalt<\/em>\u201c \u2013 aber genau damit liefert Hauffe einen wesentlichen kriminologischen Baustein zum Verst\u00e4ndnis von offensichtlich nicht verstehbaren Akten von Gewalt.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, April 2024<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tobias Hauffe, Die Leere im Zentrum der Tat. Eine Soziologie unvermittelter Gewalt. Hamburger Edition 2024, 208 S., gebunden, ISBN 978-3-86854-380-3, 35.- Euro (digital 31,99 Euro) Immer wieder sorgen Straftaten f\u00fcr Aufmerksamkeit, die \u201eman\u201c sich nicht erkl\u00e4ren kann: Die Tat \u201epasst\u201c nicht zum T\u00e4ter, der T\u00e4ter kann selbst nicht erkl\u00e4ren, was mit ihm geschah oder was &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2103\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Hauffe: Die Leere im Zentrum der Tat. Eine Soziologie unvermittelter Gewalt. 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